Adventgeschichten
 

Alle Jahre wieder kommt sie. Die stille Zeit. Die Zeit, die sich dadurch auszeichnet uns Menschen auf wundersame Weise zu verändern. Aber nicht still. Zugegeben - es wird da auch kräftig nachgeholfen: Im Postkasten liegt die dreifache Menge an Werbung, Zeitungen überhäufen uns mit hunderten Angeboten, im Fernsehen zeigt man uns minutenlang X-Mas Shopping, im ganzen Land werden Adventmärkte aufgesperrt (allein im Land Salzburg sind es im Dezember 267!), wo wir uns dann in aller Stille mit Punsch und Glühwein vollschütten können. Nicht zu vergessen die abertausenden Lichterketten und Girlanden, welche nun Straßen, Geschäfte, ganze Einkaufszentren und auch Einfamilienhäuser oder Balkone erleuchten. Still natürlich.

Da fallen vielen Freunden wieder die Geschichten ein, die wir schon vor vielen Jahren veröffentlicht haben und die natürlich die "Stille Zeit" zum Inhalt haben. Und so wie jedes Jahr möchten wir diese Zeilen niemandem vorenthalten und sie hier wieder aufleben lassen. In aller Stille.

 

Hier nun die wahre Geschichte aus der Siedlung Sonnenweg

Sonntag, 1. Advent 10:00 Uhr

In der Reihenhaussiedlung Sonnenweg lässt sich die Rentnerin Erna B. durch ihren Enkel Norbert drei Elektrokerzen auf der Fensterbank ihres Wohnzimmers installieren. Vorweihnachtliche Stimmung breitet sich aus, die Freude ist groß.

10:14 Uhr

Beim Entleeren des Mülleimers beobachtet Nachbar Ottfried P. die provokante Weihnachtsoffensive im Nebenhaus und kontert umgehend mit der Aufstellung des 10-armigen dänischen Kerzensets zu je 25 Watt im Küchenfenster. Stunden später erstrahlt die gesamte Siedlung Sonnenweg im besinnlichen Glanz von 134 Fensterdekorationen.

19:03 Uhr

Im vier Kilometer entfernten Umspannwerk Hagenau registriert der wachhabende Ingenieur einen eventuellen Defekt der Strommessgeräte für den Bereich Flachgau-Nord, ist aber zunächst arglos.

20:17 Uhr

Den Eheleuten Horst und Heidi E. gelingt der Anschluss einer Kettenschaltung von 96 Halogen-Filmleuchten, verteilt durch sämtliche Bäume ihres Obstgartens ans Drehstromnetz. Teile der heimischen Vogelwelt beginnen verwirrt mit dem Nestbau.

20:56 Uhr

Der Discothekenbesitzer Alfons K. sieht sich genötigt, seinerseits einen Teil zur vorweihnachtlichen Stimmung beizutragen und montiert auf dem Flachdach seines Bungalows das Laserensemble Metropolis, das zu den leistungsstärksten in Europa zählt. Die 12 Meter hohe Fassade eines angrenzenden Getreidesilos hält dem Dauerfeuer der Nikolausprojektion mehrere Minuten stand, bevor mit einem hässlichen Geräusch der Verputz zerbröselt.

21:30 Uhr

Im Trubel einer vorweihnachtlichen Feier im Kraftwerk Kaprun verhallt das Alarmsignal aus Generatorhalle 5.

21:50 Uhr

Der 85 jährige Kriegsveteran August R. zaubert mit 19 Flakscheinwerfern des Typs Varta Volkssturm den Stern von Bethlehem an die tief hängende Wolkendecke.

22:12 Uhr

Eine Gruppe asiatischer Geschäftsleute mit leichtem Gepäck und sommerlicher Bekleidung irrt verängstigt über die Landstraße. Zuvor war eine Fokker 330 der Bavaria Airlines mit dem Ziel München versehentlich in der mit 300 bunten Neonröhren gepflasterten Parkplatzzufahrt des Supermarktes gelandet.

22:37 Uhr

Die NASA Raumsonde Voyager 7 funkt vom Rande der Milchstraße Bilder einer angeblichen Supernova auf der nördlichen Erdhalbkugel - die Experten in Houston sind ratlos.

22:50 Uhr

Ein leichtes Beben erschüttert die Umgebung des Kraftwerkes Kaprun, der gesamte Komplex mit seinen 30 Turbinen läuft mit 350 Megawatt brüllend jenseits der Belastungsgrenze.

23:06 Uhr

In der taghell erleuchteten Siedlung Sonnenweg erwacht Studentin Bettina U. und freut sich irrtümlich über den sonnigen Dezembermorgen. Um genau 23:12 Uhr betätigt sie den Schalter ihrer Kaffeemaschine.

23:12 Uhr und 14 Sekunden

In die plötzliche Dunkelheit des gesamten nördlichen Flachgaus bricht die Explosion des Umspannwerkes Hagenau wie Donnerhall. Durch die stockfinsteren Ortschaften irren verwirrte Menschen, Menschen wie du und ich, denen eine Kerze auf dem Adventkranz nicht genug war.

In diesem Sinne: Frohe ADVENTSZEIT !

- XXX -

Ebenfalls in diese Stille Zeit fällt der Kauf eines nadeligen Baumes, der gemeinhin als Christ- oder Weihnachtsbaum bezeichnet wird. Dazu gibt es natürlich auch eine - beinahe wahre - Geschichte im Anschluss an den Experten-Tipp.

Eine namhafte Salzburger Gratis-Zeitung druckte im Dezember 2004(!) einen Artikel unter dem Titel: „Tipps für Kraftfahrer‟. Wer nun glaubt, dass sich diese Tipps mit der kalten Jahreszeit beschäftigen und dem Autolenker hilfreich verraten, wie er ein Starterkabel richtig anschließt – ja, der hat sich getäuscht. Der Artikel richtet sich an jene Menschen, die in den Tagen vor dem Weihnachtsfest einen sperrigen, stacheligen Nadelbaum erstehen und diesen mit allen Mitteln nach Hause zu bringen versuchen. Geschrieben wurde der Beitrag von einem Experten (im Impressum als „Epxerten‟ angeführt) eines ebenso namhaften Automobilclubs. Namen nenne ich aus Diskretionsgründen nicht.

Christbäume sicher transportieren

Grundsätzlich ist der optimale Transport von Christbäumen mit dem Auto von der Größe des Baumes abhängig. Wichtig ist, dass die Ratschläge auch beherzigt werden, wenn der Weg vom Christbaumhändler nach Hause nur kurz ist.

Ein besonders großer Baum muss auf dem Autodach mit Gewebebändern mit Metallverschluss fest verzurrt werden. Die Spitze schaut nach hinten, der Baum bleibt in seinem Netz. Ein nachlässig auf das Autodach gebundener Baum gefährdet die Verkehrssicherheit. Bei einem Unfall kann das rechtliche Konsequenzen nach sich ziehen.

Ein mittelgroßer Baum findet in Fahrzeugen mit umlegbaren Rücksitzen, Kombis und Vans meist im Fahrzeuginneren Platz. Auch innen sollte der Baum jedenfalls mit Spannbändern gesichert werden. Der Baum darf den Lenker in Sicht und Bewegungsfreiheit nicht einschränken.

Ein kleiner Baum kann im Kofferraum transportiert werden. Damit das Harz nicht die Kofferraumauskleidung verpickt, legt man am besten eine Plane oder eine alte Decke unter.

Ragt der Christbaum – egal ob auf dem Autodach oder aus der offenen Heckklappe – um mehr als einen Meter über das Fahrzeug hinaus, so muss die Fuhre gekennzeichnet werden. Die dafür notwendige weiße Tafel ist 25 x 40 cm groß und hat einen fünf Zentimeter breiten roten, rückstrahlenden Rand.

Zur Langgutfuhre wird das Auto dann, wenn der Baum um mehr als ein Viertel der Fahrzeuglänge hinausragt. In diesem Fall gilt ein Tempolimit von 50 km/h auf Freilandstraßen und 65 km/H auf Autobahnen und Autostraßen. Bei Dunkelheit und Dämmerung ist für die überlange Christbaumfuhre nach vorne in Fahrtrichtung weiße, nach hinten rote Beleuchtung vorgeschrieben.

Soweit der Originaltext des Automobilclub Experten.

 

„Und es begab sich...‟,- so fängt die Christbaumgeschichte an, welche in einem Ort vor den Toren der Festspielstadt Salzburg beginnt.

Und es begab sich, dass sich die Angestellte Herta B. bereits am 10. Dezember entschließt einen Christbaum zu kaufen. Mit ihrem schicken Stadtauto der Marke CLEVER fährt sie am frühen Nachmittag die wenigen Kilometer zum Baumarkt in der Nachbargemeinde, weil dort heimische Nordmanntannen bereits um 9,99 Euro angeboten werden. Nachdem Herta B. alle 42 in Holzständern ausgestellte Tannen genau inspiziert hat und der Verkäufer sieben weitere vom Lastwagen geholt hat, entschließt sie sich für ein wunderschönes Exemplar, das ihr schon gleich am Anfang ihrer Suche besonders gut gefallen hat. Etwa drei Meter hoch, formschön und gerade gewachsen, gleichmäßige und weit ausladende Äste, der Stammdurchmesser auf acht Zentimeter zurechtgefräst und im Ständer „Superfrisch‟ mit der patentierten Seilklemme aufgestellt. Leider gehört dieser Baum zur Dekoration des Baumarktes, was der Verkäufer unmissverständlich Herta B. zu erklären versucht. Doch Herta B. ist hartnäckig, besonders wenn es um einen Christbaum geht. Der mittlerweile etwas genervte Verkäufer klettert erneut auf den Lastwagen und hat nach 15 Minuten ein vergleichbares Prachtexemplar ausgegraben. Freudig erregt bezahlt Herta B. 38,00 Euro (9,99 Euro Bäume waren bereits am ersten Tag ausverkauft, leider...!) Der Edelbaum wird in ein Kunststoffnetz gepfercht und sichtlich erleichtert trägt der Verkäufer das Stück zum Fahrzeug der Herta B.

Dort alleine gelassen öffnet Herta B. selbstsicher die Heckklappe ihres CLEVER und stellt erstaunt fest, dass neben Warndreieck und Verbandskasten absolut kein Raum für das Prachtstück von Christbaum ist. Auch der Versuch, den Beifahrersitz in eine horizontale Lage zu bringen scheitert kläglich. Und zwischen Kopfstütze und Stoffhimmel passt auch kein noch so eingepferchter Nadelbaum. Bleibt also nur das Autodach.

Herta B. ist stolz auf ihren Entschluss, den Christbaum hier beim Baumarkt gekauft zu haben, denn da drinnen bekommt sie alle notwendigen Utensilien zum Befestigen desjenigen. Nachdem sie sämtliche Abteilungen des Marktes durchwandert hat, entdeckt sie durch puren Zufall einen Verkäufer, der sie umgehend an die Information beim Eingang verweist. Die freundliche Dame dort nimmt ein Mikrofon zur Hand und durch die Lautsprecher des Hauses ertönt der Ruf nach Herrn K. Der hilfreiche Verkäufer von vorhin entpuppt sich als Herr K. und geleitet Herta B. zielstrebig zur Autozubehör-Abteilung. Dort nimmt er zwei Spanngurte Marke „Extrastark‟ und zwei weitere die sich als „Extrabreit‟ bezeichnen aus dem Regal. Als Unterlage und gleichzeitig Schutz des edlen Daches empfiehlt er eine Kofferraummatte 100x80 cm in Anthrazit und mit rutschfestem Kautschuk ausgestattet.

Glücklich eilt Herta B. zur Kasse, bezahlt 31,80 Euro und kehrt zu ihrem CLEVER zurück. Die Matte erweist sich als guter Kauf, wenngleich diese die Windschutzscheibe zur Hälfte verdeckt. Ein junger Mann, der sein Fahrzeug neben dem CLEVER einparkt, hilft Herta B. den mächtigen Christbaum auf das Dach zu heben. Nun geht es darum mittels der Gurte das gute Stück zu befestigen. Ein weiterer Autofahrer rät, die Seitenscheiben zu öffnen und die Gurten gut verteilt durch das Wageninnere zu führen. Gesagt, getan und nach einer Viertelstunde ist die Edeltanne gut gezurrt am Dach befestigt.

Dummerweise hat Herta B. nicht bedacht, dass sie bei geöffneten Seitenscheiben auch die beiden Türen sozusagen mitangegurtet hat. Also nochmals von Anfang an, nur diesmal bei geöffneter Fahrertür.

Sichtlich stolz betrachtet Herta B. nun ihr Werk und wird nur etwas nachdenklich, als sie bemerkt, dass die gesamte Rückseite des CLEVER vom herabhängenden Großteil des Baumes verdeckt wird. Weder Beleuchtung noch Nummernschild sind erkennbar, das Auto als solches eigentlich nicht sichtbar. Ein Landwirt, der mit seinem Traktor soeben vor ihrem Auto einparkt, rät Herta B. zumindest eine Warntafel am Ende des Baumes – der eigentlichen Spitze – zu befestigen. Ja, diese Tafel bekommt sie im Baumarkt...

Die Dämmerung hat bereits eingesetzt, als Herta B. die 25 x 40 cm große Tafel mit fünf Zentimeter breiten, roten rückstrahlendem Rand am Ende der herrlichen Nordmanntanne befestigt (Preis der Tafel 22,50 Euro). Doch irgendwie beschleicht Herta B. ein ungutes Gefühl, wenn sie daran denkt, dass von rückwärts ihr Fahrzeug nicht als solches erkennbar ist und ein unaufmerksamer LKW-Lenker diesen wandelnden Christbaum eventuell übersieht. Nein, nicht auszudenken...

Erneut betritt Herta B. den Baumarkt und sucht Rat beim mittlerweile gut bekannten Herrn K. Dieser erweist sich nun als wahrer Fachmann und kombiniert den auswechselbaren Akku einer Fahrradbeleuchtung mit dem Trafo einer Klingelanlage. Dies ermöglicht nun mittels Zigarettenanzünder eine 12 Volt Spannung zu erzeugen, welche ausreicht ein vierzehnteiliges Christbaumkerzenset zu erhellen. Kurz vor Kassenschluss bezahlt Herta B. – nun mit Bankomatkarte – weitere 67,60 Euro und beginnt sofort mit der Montage der Lichterkette. Es gelingt ihr auch den Zigarettenanzünder im Inneren des Wagens zu finden, denn als gewissenhafte Autofahrerin hat sie ja die 280-seitige Gebrauchsanleitung immer dabei.

Der berufsbedingte Abendverkehr hat bereits merklich nachgelassen, als Herta B. ihren CLEVER umsichtig über die Bundesstraße 156 Richtung Norden lenkt. Majestätisch wippt der prächtige Christbaum hintendran und die leuchtenden elektrischen Kerzen erzeugen bei den überholenden Autolenkern ein weihnachtliches Gefühl. Wenige Minuten vor den Abendnachrichten parkt Herta B. ihr Fahrzeug vor dem Haus ein und ist sehr stolz auf sich, diese logistische Herausforderung gemeistert zu haben.

Und wenig später, als Herta B. bei der heutigen Post ein Flugblatt des örtlichen Lagerhauses findet, wo einheimische Tannen um 9,90 Euro angeboten werden, ist sie noch immer rundum zufrieden mit sich. Auch der Zusatz: „... Gratiszustellung innerhalb des Dorfes‟ entlockt ihr nur ein müdes Lächeln. Denn ihr Baum – und das muss in aller Deutlichkeit gesagt werden – ist allemal die 159,90 ausgegebenen Euro wert!

Gleich am nächsten Morgen begibt sich Herta B. wieder auf den Weg zum Baumarkt. Der Christbaumständer Marke „Superfrisch‟ mit der patentierten Seilklemme steht heute auf der Einkaufsliste...

 

Anmerkung des Autors Harald Fuchs:
Alle Namen und Automarken sind geändert, Ähnlichkeiten mit tatsächlichen Handlungen sind rein zufällig. Es gilt wie immer die Unschuldsvermutung. Das war im Jahr 2004 auch so und hat bis heute Gültigkeit.

Jetzt sollte ich aber schnell aufhören – ich muss einen Christbaum besorgen!


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