Reisen in fremden Ländern ist immer mit Suchen verbunden. In den meisten Fällen helfen Einheimische mit gutgemeinten Tipps. Im Fall von „Alice" war dies aber nicht möglich.

„Alice‟ in Idaho

Sawtooth Mountains National Recreation Area

In dieser Überschrift verbergen sich ein Geheimnis und eine angenehme Tatsache. Letztere wird uns anhand der NRA – eben der „National Recreation Area“ – präsentiert. Ein riesiges Wald- und Berggebiet in der Größe von mehr als 750 km² wurde im Jahr 1972 vom Congress in Washington zu einem Schutzgebiet erklärt. Vier mächtige Bergketten bieten unberührte Natur mit
40 Berggipfel, welche allesamt über 3000 Meter hoch sind. Auch die Hauptflüsse des Staates Idaho entspringen hier oben: der Salmon, Payette, Boise und schließlich der Big Wood River.

Dieses Naturschutzgebiet ist im Sommer das Ziel von vielen Wanderern, Kletterspezialisten und Mountain Bikern. Im Winter bieten sich lediglich Langlaufen, Schneeschuhwandern oder Hundeschlittenfahrten an, denn der einzige Schiberg befindet sich außerhalb der Schutzzone im Sun Valley.

Nun bleibt noch das Geheimnis in der Überschrift zu erklären und das heißt „Alice‟. Zuerst erinnert man sich eventuell an den Text eines Liedes aus den 80er Jahren: „who the heck is Alice?“, was so ungefähr heißt: „wer zum Teufel ist Alice?‟ In unserem Fall ändern wir diesen leicht ab und fragen: „where the heck is Alice? – wo zum Teufel ist Alice?‟

Um diese Frage zu beantworten, schlagen wir unser Camp am Pettit Lake auf. Nein, kein Schreibfehler – Pettit mit zweimal T. Diesen kleinen See erreicht man vom Highway 75 aus, der sich entlang der White Cloud Mountains nach Norden schlängelt. Zwei Meilen führt die Schotterstraße durch den Wald und endet am Campplatz, der vom Forest Service betreut wird. Es gibt hier Toiletten, kleine Stellplätze unter den Bäumen und Trinkwasser momentan aus einem Tank, denn die Wasserpumpe ist defekt und wartet auf Reparatur.
Wir planen nun die Suche nach „Alice‟.

Gegen sieben Uhr am nächsten Morgen schultern wir die Rucksäcke. Die Temperatur ist angenehm warm, die Sonne schickt ihre Strahlen bereits auf den See und am Himmel schöne, weiße Wolken – ein perfekter Tagesbeginn für die Suche nach „Alice‟. Ein schmaler Pfad führt oberhalb des Seeufers durch lichten Wald, da und dort noch kräftige Blütenstände mit Lupinen und Blut Weiderich, ein sanfter Wind kräuselt die Wasseroberfläche. Nach etwa 30 Minuten sind wir am Ende des Sees angelangt und folgen dem Bach, welcher hier mündet, auf der rechten Seite bergauf. Grünes, dichtes Buschwerk wechselt ab mit Douglasfichten, die in dieser Höhe nicht so kräftigen Umfang erreichen als in den tiefer gelegenen Regionen und auch nicht diese weiten ausladenden Äste haben. Der enge Pfad, welchem wir anfangs folgen verliert sich immer öfter im Unterholz, wir halten uns einfach entlang des Baches. Umgestürzte Bäume zwingen zu kleinen Umwegen und aufwändigen Klettereien, wenn der Platz zum durchkriechen nicht ausreicht.

Es wird zusehends steiler und von einem Weg oder Pfad ist einfach nichts mehr zu sehen. Unvermittelt stoßen wir auf eine gewaltige Geröllhalde mit mannshohen Felsblöcken und mitgerissenen Baumstämmen, die nun kreuz und quer vor uns liegen. Kaum haben wir eine gangbare Route durch diesen Irrgarten gefunden, verhindert nach wenigen Metern wieder ein riesiger Steinbrocken ein Weiterkommen. Das Geräusch des herabstürzenden Wassers im Bach entfernt sich immer weiter, dennoch behalten wir die eingeschlagene Richtung bei. Der Schweiß tropft bereits von der Stirne, die Sonne heizt die Felsblöcke nun recht schnell auf. Nach etwa einer halben Stunde haben wir diese Geröllhalde hinter uns und im Schatten der ersten Bäume machen wir Rast. Der Höhenmesser zeigt 1900 Meter und der Kompass sagt uns, dass die eingeschlagene Richtung stimmt.
Werden wir „Alice‟ finden?

Wenig später müssen wir den Bach überqueren. Auf unserer Seite ist absolut kein Weiterkommen mehr möglich, zu steil ragt eine Felswand empor. Wir suchen eine geeignete Stelle zum Queren des Baches, wo wir halbwegs trocken das andere Ufer erreichen können. Felsbrocken und große Steine im Wasser sind aber allesamt vom Wasser überspült und somit ziemlich rutschig. Ebenso ist es mit Ästen oder Baumstämmen. Es gibt nur noch eines – nämlich Schuhe ausziehen und rüber. Etwa vier Meter ist der Bach hier breit, eisklar und genauso kalt das Wasser und es reicht bei mir bis über die Knie, bei Ursula noch etwas höher. Aber es hilft nichts, da müssen wir drüber. Unsere Wanderstöcke sind eine sehr gute Hilfe und Stütze beim Balancieren über die Steine am Grund des schnell fließenden Baches, der in einer Tiefe von einem halben Meter sich schon empfindlich kalt anfühlt. Andererseits steigert das die Durchblutung und Erfrischung ist es auch zugleich.

Am anderen Bachufer entdecken wir Hufspuren. Nicht die von Reh oder Hirsch, sondern von Pferden, deren Hufe mit Eisen beschlagen sind. Also handelt es sich dabei um Reitpferde oder auch um Lasttiere, die in diese Wildnis heraufgeführt worden sind. Die Vermutung, dass Mann und Tier auch nach „Alice“ suchen liegt nahe und so beschließen wir solange wie möglich diesen Spuren zu folgen. Ein schwieriges Unterfangen wenn man in Spurensuche nicht ausgebildet ist – das müssen wir bald feststellen. Denn von einem Weg oder Pfad ist nach wie vor nicht viel zu entdecken, vielmehr wird das Gelände immer unwegsamer und vor allem sehr steil. So wenden wir uns wieder in die Richtung des Baches, der nun schon einige Male über größere Felsbarrieren herunterstürzt. Der Höhenmesser zeigt mittlerweile 2200 Meter, hinter uns geht der Blick bereits weit über das Sawtooth Valley. Linkerhand ist etwa 100 Meter über uns ein bewaldeter Sattel zu erkennen – eigentlich die einzige Möglichkeit auf den felsigen Höhenrücken zu gelangen. Wenn man nun davon ausgeht, dass Pferde auch hier nach oben steigen, dann muss dort ein Weg zu finden sein. Tatsächlich – keine zehn Minuten später stoßen wir auf einen relativ ausgetretenen Pfad, welcher aus entgegengesetzter Richtung aus dem Tal hoch führt. Betrachtet man unseren Aufstieg, so haben wir mehr oder minder die direkte Linie gewählt und damit sicherlich eine Stunde Wegzeit abgekürzt.
Das sollte bei der Suche nach „Alice‟ von Vorteil sein.

Den Höhenrücken erreichen wir etwa um zehn Uhr. Niedrige Krüppelfichten und einige Stände von Mountain Hemlocks umrahmen eine almartige Fläche. Die Granitfelsen des Payette Peaks ragen schroff im Norden vor uns auf. Er gehört zu einer Gipfelgruppe im Sawtooth Gebirge, die in dieser „Wilderness Area‟ zu den höchsten zählen, allen voran Mount Decker mit 3425 Meter Höhe. Auch auf den Bach treffen wir wieder, und zwar schneller als uns lieb ist. Denn abermals müssen wir ans andere Ufer, denn auf unserer Seite endet der Pfad. Ein umgestürzter Baum dient als Brücke beim Überqueren und wieder mit Balancehilfe unserer Stöcke schaffen wir diesmal einen trockenen Überstieg. Auf der anderen Seite ist der Weg gut zu erkennen. Er führt nun in westliche Richtung zu einer breiten Geröllhalde, wo er sich in langen Serpentinen hinaufschlängelt. Damit ist die Sonne einmal direkt vor uns, um bei der nächsten Kehre dann prall unsere Rucksäcke zu erhitzen. Die Wärme steigt in den Kopf, erzeugt leichtes Schwindelgefühl.
Doch der Gedanke an „Alice‟ treibt uns voran.

Ein Blick auf den Höhenmesser sagt uns, dass wir bereits die 2500 Meter-Marke überschritten haben. Ab und zu sehen wir kleine Schneefelder in abgeschatteten Lagen. An den Flanken vom Snowyside Peak erkennt man ganz deutlich mächtige Lawinenstriche, die an der Westseite fast im direkten Fall den Boden erreichen. Im Winter muss es hier Schneehöhen weit über zwei Meter geben, denn die abgebogenen Wipfel der jungen Englemann Spruce mit ihrer charakteristischen grauen Rinde auf sehr dünnem Stamm lassen erahnen, welche Schneelast sie hier Richtung Erde drückt. Große Blütenteppiche mit Dwarf Dogwood, einer vierblättrigen Pflanze mit einer sternförmigen schneeweißen Blüte in der Mitte erstrecken sich über die in der Sonne liegenden Grasmatten. Die vereinzelten Schneefelder rücken nun immer näher und an den Rändern entdecken wir die prächtigen gelbfarbenen Avalanche Lily’s. Sie klettern mit der Schneegrenze immer höher herauf und blühen bis in den Sommer hinein.
Kann „Alice‟ auch noch diese wunderbaren Blüten sehen?

Zwei Berggipfel rücken nun immer näher, vielmehr wir nähern uns diesen beständig. Einer davon heißt El Capitan und ragt mit zwei Säulen im oberen Drittel senkrecht aus einem weiten Gletscherfeld empor. Wie der Kapitän auf der Kommandobrücke eines schnittigen Schiffes – so hat dieser steile Fels wohl auch seinen Namen erhalten. Die Sonne steht sehr hoch am Himmel, es ist kurz nach elf Uhr. Etwas Ungeduld und Sorge tauchen auf, immer wieder fragen wir uns, ob wir „Alice‟ auch wirklich finden und ob es dann auch wirklich „Sie‟ ist? Sollte die Suche nach „Alice‟ umsonst gewesen sein? War die ganze Mühe umsonst? Diese Zweifel verlangsamen ein wenig den Schritt, doch schließlich siegt doch wieder die Zuversicht und der Ehrgeiz kehrt zurück. Ehrgeiz, den wir vor allem in den Beinen brauchen, denn mittlerweile haben wir eine Höhe von 2700 Metern erreicht und unser Atem geht schneller, die Schrittlänge wird kürzer.
Reicht es noch für „Alice?‟

Unvermittelt öffnen sich die Bergflanken an den Seiten, treten in einen großen Halbkreis zurück und geben den Blick frei auf den schönsten Bergsee, den wir jemals vor unseren Augen hatten. Die Farbe des Wassers wechselt von lichtem Eisblau zu strahlendem Grün, wechselt von Türkisen zu Smaragden um wenig später wieder den Strahlenkranz eines Opals an die Oberfläche zu schicken. Mit ein wenig Übertreibung sehen wir auch noch tausende Diamanten, die von den Sonnenstrahlen auf die Wasseroberfläche gezaubert werden. Auf die Oberfläche dieses wunderbaren Sees mit dem schönen Namen „Alice.‟


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