Das andere Alaska

Es wird wenig erzeugt in Alaska, die meisten Waren werden aus den Lower 48 bezogen. Auch die meisten Menschen stammen von unten,- so werden die restlichen Bundesstaaten hier oben bezeichnet. Das gibt dann so ein Gefühl von Erhabenheit, zumindest liegt sehr viel Distanz bereits in den Worten. Viele Menschen hier werden nie zu Alaskanern, sie verleugnen ihre Herkunft nicht, sind vielmehr stolz auf ihren Geburtsstaat. Jedoch das Land bleibt immer das gleiche: Amerika.

Doch lebt man in Alaska, - dann ist alles anders.

Am Taylor Highway

O'Brien Creek liegt an der Straße nach Eagle. Das Dorf Eagle ist am Yukon River, nicht weit von der Grenze zu Kanada entfernt. Und O'Brien liegt am Creek, wie der Name bereits sagt und man fährt zweimal daran vorbei, denn die Straße endet in Eagle. Da bleibt dann nur noch der Yukon oder wieder der Weg zurück, vorbei an O'Brien Creek. Wir bleiben stehen, fahren nicht vorbei - das haben wir bereits beim Runterfahren beschlossen und parken nun vor Jeff's Saloon. Eigentlich besteht die Ansiedlung nur aus dem Saloon, einer kleinen Werkstätte nebenan und zwei oder drei Blockhütten im Wald dahinter. Bei der Werkstätte erhält man auch Benzin, eine umgebaute Handpumpe dient als Blickfang, einige alte Schilder vermitteln ebenfalls Nostalgie.

Wir betreten den Saloon, die Augen gewöhnen sich rasch ans Halbdunkel. Eine raue Stimme begrüßt uns:

"High", dabei nimmt Jeff die Zigarette nicht aus dem Mund.

Er hat uns bereits gestern beim Vorbeifahren gesehen und war sicher, dass wir stehenbleiben. Das tun die meisten, sagt er und fragt nach unseren Wünschen. Es ist früher Nachmittag, daher nur light beer und Kaffee.

Es ist ein lustig anmutendes Lokal mit vielen alten Reklameschildern, kitschigen Bildern und in der Mitte ein Billardtisch. Es gibt nur zwei kleine Tische, die meisten Plätze sind an der Bar. Nur etwas abseits steht noch ein größerer Tisch, einige Leute sitzen dort und unterhalten sich lautstark. Auch sie haben uns bereits gestern gesehen, wird uns mitgeteilt. Auch sie wussten mit Sicherheit, dass wir Halt machen und jetzt interessiert sie, woher unsere license plate, das Nummernschild am Auto stammt.

Jeff serviert die Getränke und setzt sich uns gegenüber an den Tresen. Als Wirt hat er von hier den besten Überblick, er sieht auf die Straße und die anderen Gäste am großen Tisch. Einer von den Männern betreibt eine Goldmine, 30 Meilen entfernt in einem Seitental. Er ist gestern gekommen, um Benzinvorräte zu ergänzen, doch diese Woche war der Tankwagen noch nicht bei O'Brien und der Tank ist leer. Der Miner wartet und nützt die Zeit zum Reden, Neuigkeiten erfahren und auch wegen der Abwechslung in seinem einsamen Leben in den Bergen.

Ein anderer Mann ist der Bruder von Jeff, er ist mit seiner Frau zu Besuch aus Kalifornien gekommen und seit zwei Wochen hier. Ihm gefällt es gut, das "Nichtstun" wie er sagt, doch seine Frau langweilt sich sehr. Sie möchte mehr vom Land, von Alaska sehen und nicht ihrem Mann beim Biertrinken zuschauen. Eine zweite Frau betritt das Lokal durch die rückwärtige Türe, Jeff stellt sie mit Honey vor, seine Frau. Sie ist gerne hier, auch wenn es nicht viel Abwechslung gibt ist sie zufrieden. Ich denke, dass sie mit allem zufrieden ist was Jeff macht, das ist sie schon ein Leben lang.

Die Beiden sind retired, wir sagen dazu "in der Pension". Retired klingt da viel besser, es passt auch besser zu den Menschen, welche sich nun ausruhen wollen von einem Leben voller Arbeit. Jeff erzählt, dass viele Leute nicht verstehen, warum er sich nicht wirklich ausruht, nichts tut oder einfach im Land herumreist, wie es Millionen andere Retired machen. Er ist sein Leben lang gereist, von einer Ecke der Vereinigten Staaten in die andere, mit seinem truck hat er sämtliche Highways in Amerika befahren. Auch als er später ein eigenes Unternehmen in Salinas/Kalifornien gegründet hat, mit 24 eigenen Lastwagen, auch da ist er noch viel gefahren - ein richtiger trucker lebt nun mal auf der Straße und nicht im Büro!

Auf einige der Fahrten hat er seine Frau mitgenommen, Honey saß im großen Kenworth neben ihm und war sicher stolz auf ihren Highway Captain. Während Jeff ausführlich von einer ganz besonderen Fahrt spricht, steht sie mit leuchtenden Augen neben ihm, diese eine spezielle Reise läuft vor ihren Augen jetzt nochmals ab. Eigentlich waren es mehrere Fahrten, aneinandergereiht quer über den Kontinent und zurück - und mit verschmitztem Lächeln erzählt Jeff, dass er frozen rabbits, und zwar stets dieselben, zuerst von Reno/Nevada nach Boston/Massachusetts, dann von Boston nach Flagstaff/Arizona, von Flagstaff nach San Diego/Kalifornien und von dort wieder nach Portland in Oregon transportiert hat. Wahr oder nicht wahr - Honey bestätigt mit eifrigem Nicken jedes seiner Worte und ihr Lächeln verbreitet den schweren Mantel von Seriosität über dem Bartresen.

Mit dem Saloon hier verbindet Jeff seine Lebenseinstellung: alles zurück verfolgen bis zum Ursprung. Hier ist er wieder bei den Menschen gelandet, zum einen bei jenen, die ihn heimlich beneiden und dann doch die Einsamkeit nicht ertragen können und dann bei denjenigen, die offen bekunden, dass es ganz toll sein muss hier zu leben. Ein Widerspruch? Vielleicht, doch Jeff sieht sich nun als trader, ein Händler der den Leuten hier das bietet, wonach sie entbehren und von ihnen das bekommt, wonach er begehrt: Begegnung und Gespräch.

Auch unser Gespräch beinhaltet beides, wobei Jeff auf unserer Seite zwei aufmerksame und neugierige Gesprächspartner vorfindet - etwas, was er schon einige Zeit vermisst hat. Und dann erzählt er noch vom Winter, wenn die Straße nach Eagle gesperrt ist, manchmal sechs, manchmal sieben Monate lang. Da hat er Zeit über viele Dinge nachzudenken und Honey sitzt an seiner Seite, so wie damals im Kenworth als sie kreuz und quer durch die Staaten mit frozen rabbits unterwegs waren.

 

 

Im Denali National Park

"And do not forget the seatbelts!" Paul sagt diese Worte immer, bevor er mit dem Bus losfährt. Es ist ein großer Bus und er bringt Besucher in den Denali National Park, dem bekanntesten und beliebtesten Park in Alaska. Paul fährt die Tour bis zum Wonder Lake dreimal die Woche, das sind jedes Mal 272 km hin und zurück und im Sommer ist der Bus immer voll besetzt mit 36 Leuten.

Wir steigen am Savage River Camp zu und werden auch an die Sicherheitsgurte erinnert. Paul hat das Mikrofon an einem Bügel vor dem Mund, die Hände braucht er nicht vom Lenkrad zu nehmen. Die Geschichte über den Park hat er bereits erzählt, vom Visitor Center - wo der Bus startet - bis hierher sind es knapp 20 km, genug Zeit um die Mitreisenden zu informieren. Wir sind dennoch nicht unwissend zugestiegen, wir haben viel Lesestoff durchgearbeitet und eine genaue Landkarte mitgebracht. Mittlerweile erklärt Paul die Berge rechts der Straße, es ist die Primrose Ridge, welche sich hier nach Querung des Savage Rivers erhebt, schmale Schneefelder sind an den Flanken weit oben sichtbar. Hier im Tal herrscht Permafrost im Boden, nur die oberste Schicht Erde taut im kurzen Sommer auf und gibt Leben für hunderte Pflanzen, allem voran fireweed, welches mit kräftiger rosa Farbe einen schönen Kontrast in der hier vorherrschenden Taiga bildet.

Paul ist ein sogenannter Volunteer, er arbeitet nur vorübergehend für den National Park Service, und zwar von Juni bis August. Dann fährt er wieder den Schulbus in Wassilla in der Nähe von Anchorage und erinnert die Schüler an das Anlegen des Sicherheitsgurtes. Hier im Denali Park dürfen keine Privatautos herumfahren, das heißt nur bis zum Savage River und mit einem Special Permit zu den Campgrounds am Sanctuary und Teklanika River. Es wird erzählt, dass sich daran auch der Präsident der Vereinigten Staaten hält und den Bus benützt - allerdings nicht mit Touristen gemischt. Bill Clinton war übrigens schon hier, seine Unterschrift wird im Visitor Center gerne hergezeigt. Ja und so einen schönen alten, grünen Bus fährt nun Paul in den Park und erzählt den Passagieren seine Geschichten.

So zum Beispiel über den Teklanika Fluss und den Toklat, die sich mit vielerlei kleinen Bächen von den Gletschern der Alaska Range füllen und im Tal unterhalb der Straße ein mächtiges, breites Bett geschaffen haben. Braided River - geflochtener Fluss wird er da genannt, denn es ist nicht ein einziger, breiter Strom, sondern viele schmale Bäche, welche wie ein riesiger geflochtener Zopf zwischen den Schotterbänken kreuz und quer fließen. Eine Frage stellt Paul nun den Besuchern, und zwar wann die Flüsse wohl Hochwasser führen? Nein, es ist nicht nach heftigen Regenfällen, sondern bei lang anhaltendem Schönwetter! Denn die Sonne setzt den Gletschern arg zu und Schmelzwasser lässt die Flüsse zu eisiggrauen Fluten anschwellen.

Die Aussicht über das Polychrome Basin ist nebelverhangen, leichter Regen bringt noch mehr Feuchtigkeit aus den dunkelgrauen Wolken herunter. Paul zeigt nach Süden, dort befindet sich Mt. Pendleton und an seiner Flanke windet sich der Polychrome Gletscher ins Tal. Die vielfältigen, bunten Farben in der Tundralandschaft sind nur zu erahnen und Paul schildert weiter, dass hier ein Wolfsrudel lebt. Die scheuen Tiere sind aber kaum zu beobachten, - doch die arktischen Erdhörnchen sind immer misstrauisch, der Wolf gehört zu ihren Feinden und so beobachten sie ununterbrochen die Umgebung und bei Gefahr verschwinden sie blitzartig in ihren Höhlen. Vorher aber warnen sie noch mit einem schrillen Pfiff ihre Gefährten, die man rundum aufrecht vor den Erdlöchern stehen sieht.

Über den Toklat River führt eine Steinbrücke, das Flussbett ist hier etwa 300m breit. Vor zwei Wochen, nach vielen Tagen Sonnenschein und ungewöhnlich hohen Temperaturen ist der Fluss mächtig angeschwollen und die Wellen sind zeitweise über die Strasse geschwappt. Noch dazu hat sich die ganze Aktivität des Wassers an die Ostseite verlagert, was nach Paul's Erklärung noch nie der Fall war. Er zeigt uns die Spuren, welche das Wasser an der Böschung und weiter vorne bei den dunklen Felsen hinterlassen hat und dass sie besorgt wegen einer Beschädigung der Brücke waren. Man soll sich vorstellen - jetzt am Höhepunkt der Saison, die Straße in den Park unterbrochen...!

Vorbei am Stony Hill und Stony Dome erreicht der Bus das Eielson Visitor Center. Das heißt, Paul tastet sich im dicken Nebel auf den Parkplatz, wo alle Passagiere aussteigen und schnell im Gebäude verschwinden. Eine riesige Panorama Glaswand befindet sich an der Westseite des Hauses, von hier kann(!) man bei schönem Wetter, an wenigen Tagen, am besten sehr zeitig, - und überhaupt: man muss sehr viel Glück haben! Ja, dann sieht der staunende Besucher in nur 60 km Entfernung einen der gewaltigsten Berge dieser Erde: The Mountain - Mt. McKinley oder Mount Denali, wie er von den Urbewohnern genannt wird!

Und er ist da, auch wenn wir ihn nicht sehen können, nicht den geringsten Schimmer des mächtigen Berges - wir spüren, er ist da! An der Glasscheibe sind mit weißer Farbe die Konturen aufgemalt, die Südspitze als höchster Punkt in 6194 Metern Höhe, alle anderen Gipfel der Alaska Range überragend. Bedeckt mit ewigem Eis, welches bis auf etwa 3000 m herunter fließt, erhebt sich dieses gewaltige Massiv zu zwei Dritteln aus der Ebene - mächtiger als jedes andere Gebirge auf dieser Erde. Im Besucherzentrum sind viele Bilder zu bestaunen, es wird von Bergsteigern berichtet, welche den Gipfel bezwungen haben und auch von jenen, die gescheitert sind. In den 50er Jahren gab es regelrechte Expeditionen auf den Berg, eine davon bestand aus indischen und nepalesischen Teilnehmern. Sie wollten bestätigt wissen, dass es außerhalb des Himalajas auch noch hohe Gebirge gibt!

Die Fahrt führt weiter zum Wonder Lake, doch dieser zeigt sich unter dem grauen Himmel heute ohne seine schönen Farben und kein Berg spiegelt sich auf der dunklen Oberfläche. In der Ferne erblicken wir eine Elchkuh, die langsam im seichten Wasser das Seegras abfrisst, immer wieder die Umgebung beobachtend. Hier am Wonder Lake ist der Umkehrpunkt unserer Fahrt und Paul macht sich nach einer Pause und einer kurzen Kontrolle seines Busses bereit für die Rückfahrt.

 

 

Und es gibt gleich Aufregendes zu sehen: im Tal des McKinley Rivers streift ein gewaltiger Grizzly durchs Erlengebüsch und verweilt auf einer gut einsichtbaren Stelle. Dort wachsen Blaubeeren und soap berries, welche der Bär mit seinen riesigen Pranken aberntet. Die Klauen dienen dabei als eine Art Rechen, um die köstlichen Beeren von den kurzen Zweigen abzustreifen. Paul erklärt, dass die Braunbären hier im Denali Park alle ein helles Fell haben, die Farbe ist zwischen creme und caramel. Bei dieser Bezeichnung denken die meisten Passagiere gleich an Schokolade und bezeichnen auch den Grizzly als süß! Nun, auf diese Entfernung sieht er ja wirklich manierlich aus, doch nach einem Blick durchs Fernglas schätzt Paul ihn auf etwa 400 kg und aufgerichtet gut 12 feet groß - das sind dann doch drei und ein halber Meter!

Wenig später und diesmal nur 30 Meter entfernt ein weiterer Grizzly. Auch er ist ununterbrochen beschäftigt, möglichst viele süße Blaubeeren zu futtern. Dabei stören ihn immer wieder lästige Insekten und kurzerhand setzt er sich aufs Hinterteil und beginnt den Bauch zu kratzen. Nicht genug damit, liegt er plötzlich auf dem Rücken und wälzt sich durch die Büsche. Dabei strampelt er mit allen Vieren in der Luft herum - es sieht ungemein komisch aus, die Leute im Bus lachen.

Beim Eielson Visitor Center herrscht inzwischen klare Sicht - doch nicht bis zum Mt. Denali. Eine kleine Karibuherde steht unterhalb des Gebäudes, zwei Bullen mit stattlichem Geweih stapfen langsam zur Anhöhe. Der Ranger erklärt dieses vertrauliche Verhalten damit, dass hier oben ständig der Wind weht und damit die äußerst aggressiven Insekten ein wenig von den Tieren abhält. Somit verdanke ich den black flies großartige Bilder dieser majestätischen Tiere.

Einen letzten Halt gibt es am Ufer des Toklat Rivers und hier zeigt uns Paul, was der Fluss bei seinem Hochwasser noch alles mitgebracht hat: enorme Mengen von Schwemmholz, das nun bei den seichten Schotterbänken abgelagert ist. Und wenn der Fluss erneut seine Richtung ändert, so bleibt dieses Holz liegen und jenes von der anderen Seite wird in den schmalen Durchlass bei den Wyoming Hills mitgerissen, um dann nach etwa sieben Tagen im Nenana River außerhalb des Parks zu landen.

Wir erreichen das Camp am Savage River und der Bus hält an der Einfahrt. Paul öffnet die Türe mittels einer Stange, an deren Ende eine abgegriffene Kurbel händisch bewegt werden muss - alles liegt in der Hand des Fahrers! Wir bedanken uns für die sichere und vor allem erlebnisreiche Fahrt, für die vielen Informationen und interessanten Berichte - und er antwortet wie alle höflichen Amerikaner: "You are most welcome!"

Ein Oakie in Alaska

Roger Pryor bezeichnet sich als country boy, er stammt aus Oklahoma - aus dem Herzen der Vereinigten Staaten. Er ist stolz auf seine Heimat, seine Eltern und das Farmland, wo er aufgewachsen ist. Die Erde, die Wurzel seiner Herkunft wird er immer betonen und niemals verleugnen, erst recht nicht, wenn hier in Alaska einiges schief läuft und er nicht glücklich ist.

 

 

Taylor's Transmission Service in Anchorage ist sein Arbeitsplatz, wir stehen mit unserem Bus Hieronymus seit zwei Tagen vor der Werkstätte - das Getriebe ausgebaut und zerlegt. Roger arbeitet an anderen Autos, verfolgt vorerst nur am Rande die Probleme, welche uns nun beschäftigen. Und eben, am dritten Tag kommt er zur geöffneten Tür an unserem Bus und lädt uns für den Abend zu seinem Haus ein. So sitzen wir nach Arbeitsschluss neben ihm in seinem 6.0 liter Dodge Pickup und fahren Richtung Westen, an den Stadtrand von Anchorage hinaus. Ein Dutzend Sprünge laufen kreuz und quer über die Windschutzscheibe, die Sonnenstrahlen brechen sich in eigenartigen Bündeln darin. Ein Straßenschild taucht auf: Serenity Circle - serenity - die Sehnsucht nach Vollkommenheit, der Wunsch am Ziel zu sein. Roger parkt das Auto beim vorletzten Haus und wir gehen hinein. Jody, seine Frau, Vanessa und Chris, die Kinder, begrüßen uns.

"Ketchikan must be the rain capitol of the entire world", so oder ähnlich lauten viel später meine Worte, als wir nach einem ausgiebigem Abendessen die Geschichte einer ungewissen Reise nach Alaska erfahren. Begonnen hat sie am Computer - im Zeitalter von Internet werden die Geschichten des wahren Lebens auch mittels Elektronik geschrieben.

Jody und Roger haben beide ihre erste Ehe hinter sich, sie schreiben in einem writers club Geschichten und diese werden über Internet verbreitet. So ist es möglich, dass sie in Reno/Nevada und er in Geary/Oklahoma einander kennenlernen. Roger möchte sich verändern, braucht eine neue Umgebung, vielleicht ist es auch die Flucht aus der Vergangenheit. Er verkauft seine Werkstätte und sein Haus, packt den Pickup und ist unterwegs nach Reno. Wiederum ist Route 66 die Straße der Hoffnung, so wie sie in den späten 40er Jahren Hoffnung für viele Tausende bedeutete, die aus der Trostlosigkeit und der Armut in der Dust Bowl Oklahomas aufbrachen, um in den goldenen Westen zu gelangen. Den Plan, in Alaska einen Neubeginn zu finden, den arbeiten sie gemeinsam aus. Das Ziel liegt ganz im Süden des Staates, im panhandle und es ist die Insel Revillagigedo mit dem Städtchen Ketchikan. Jody arbeitet im Krankenhaus, Roger findet einen guten Job in einer Autowerkstätte, die beiden Kinder von Jody, Vanessa und Chris, sind bald in der Schule integriert.

Die Insel, welche der Einfachheit halber kurz Revilla genannt wird, liegt im Tongass National Forest, ein bestimmter Teil dieses Waldes ist für das Einkommen von zwei Drittel der Bewohner sehr wichtig. Die Holzindustrie sorgt für gutes Geld, die größte paper mill im Süden Alaskas beschäftigt rund ums Jahr an die 1200 Leute. Und gerade diese Papierfabrik wird durch politisches "Nichteinschreiten" zum Zusperren verurteilt. Ich kann hier nur wiedergeben, was die unmittelbar Betroffenen dazu äußern - es wäre nicht angemessen, danach zu urteilen oder Schuld zuzuweisen. Doch ist das Ende der Fabrik auch das Ende eines glücklichen, intensiv gelebten Traumes von Jody und Roger Pryor.

Teil dieses Traumes ist die Leidenschaft zu fischen. Chris entwickelt eine schier unbändige Energie und erfindet stets neue Techniken beim Fang von Lachsen. Er hat Anschluss an Gleichaltrige, welche diesem Wettbewerb ebenfalls folgen und ihn als Freund anerkennen. Vanessa's Interessen sind anfangs eher gleichgültig, doch auf einer Insel gibt es keinen Ausschluss und so hat auch sie bald ihre Freundinnen ausgesucht. Für Jody und Roger gibt es keine Schwierigkeiten, alle Neuankömmlinge sind herzlich willkommen und bereits nach kurzer Zeit kennt man einander mit Vornamen. Die Arbeit im Krankenhaus vermittelt Zutraulichkeit, die Hilfe am Menschen und seinen Gebrechen überbrückt alle Voreingenommenheit. Roger hat als perfekter Mechaniker bald Stammkundschaft, sein Wissen ist für die anderen Mitarbeiter Ansporn, es ihm gleichzutun.

Sie haben ein Haus gemietet, ein schönes altes Holzhaus etwas zurückgesetzt am Hang, nicht weit vom Zentrum der Stadt entfernt oberhalb des Hafens. Alle Häuser sind hier auf Stelzen gebaut, die Ufer sind sehr steil und die Gezeitenunterschiede groß. Die berühmte Inside Passage nach Skagway führt an Ketchikan vorbei, die stattlichen Luxusdampfer ankern in Sichtweite am Pier. Die oberen Kabinenfenster und die Kommandobrücke sind dann auf Höhe des Wohnzimmers, das Leben an Bord kehrt für eine Weile ins Haus der Pryor's ein - eine willkommene Abwechslung.

Gegen Ende der Reisesaison, im September, wird es ruhig in Ketchikan. Das Wetter bestimmt nun den Alltag, die Menschen sind vorbereitet auf die vielen dunklen Tage, welche nun auf sie zukommen. Regen den ganzen Tag, auch den nächsten, vielleicht die ganze Woche - es ist normal hier an der Küste mit dem dichten Regenwald. Gummistiefel gehören zur Ausgehausrüstung, sie werden Ketchikan tennis boots genannt. Die Sonne zeigt sich nur selten und die Menschen fragen dann spöttisch: "Hey, what's that yellow thing in the sky?" Und genau in diese Zeit fällt die Nachricht vom Zusperren der Papierfabrik.

Und das trifft nicht nur die Arbeiter in der paper mill, auch den Lebensmittelhändler, das Kleidergeschäft, die Restaurants - und alles was mit Autos zu tun hat. Damit ist auch Roger's Job in Gefahr, denn wenn das monatliche Einkommen sinkt und später dann vollkommen ausbleibt, wird kein Mensch in Ketchikan auch nur einen Dollar in sein Auto investieren. Viele Familien rüsten zum Aufbruch, siedeln weg. In der zweiten Oktoberwoche sind es sieben an der Zahl, welche mit ihrer ganzen transportablen Habe die Insel verlassen. Für Jody und Roger wird es immer mehr zur Gewissheit, dass auch sie bald aufbrechen müssen. Die Arbeit in der Werkstätte reicht nicht aus, um vier Mechaniker zu beschäftigen, der wöchentliche paycheck fällt niedrig aus. Nachbarn verlassen ihre Häuser, Freunde verabschieden sich täglich, Geschäfte sperren zu, in der Stadt wird es ruhig. Auch in der Schule bleiben immer mehr Bänke leer, die Freunde von Vanessa und Chris sind mit ihren Eltern fort von hier.

Vor fünf Monaten sind die Pryor's nach Ketchikan gekommen, auf ihrer Suche nach einem friedlichen, ruhigen Leben weit weg von der Hektik und der Unruhe einer Grosstadt. Sie lebten das Leben einer Familie, von der sie zeitlebens geträumt - aber nicht den richtigen Partner gefunden hatten. Nun verlassen sie die Insel, aber Ketchikan wird für immer ein Teil ihres Lebens bleiben:

"Life had truly been good here on our island paradise."

Diese Worte liegen nun vor uns am Tisch, geschrieben am Schluss einer Serie von Briefen, welche Jody und Roger über Internet an ihre Freunde wöchentlich senden. Mittlerweile sind neun Monate vergangen, seit sie aus Ketchikan fortgezogen sind und hier in Anchorage ein neues Zuhause gefunden haben. Vanessa und Chris haben bereits wieder Freunde in der Schule, Jody arbeitet in einem Labor des neuen Krankenhauses und Roger verdient seinen paycheck bei Taylor's Transmission. Das hektische Leben der Großstadt und die Unruhe haben sie hier noch nicht eingeholt, der Serenity Circle liegt in einer ruhigen Gegend mit viel Wald rundum. Und wäre nicht ab und zu der Lärm eines drüberfliegenden Flugzeuges zu hören - die Erzählungen von Jody und Roger versetzen uns für diesen Abend ganz in ihr aufgegebenes Inselparadies.

Nun wissen wir, warum "alles anders ist", wenn man in Alaska lebt. Die Menschen sind viel mehr auf sich selbst angewiesen, als jene in den Lower 48. Der Wille, ein selbständiges Leben zu gestalten ist groß, weit mehr ausgeprägt, als bei den restlichen Bewohnern der Vereinigten Staaten. Das Abenteuer, der Ruf der Wildnis ist für viele Ansporn, in die Fußstapfen eines Jack London zu treten und die Herausforderung anzunehmen, hier oben einen Neubeginn zu versuchen. Noch immer spüren die Menschen einen Hauch von Pioniergeist und Unabhängigkeit in sich, wenn sie's dann geschafft haben. Wenn sie erzählen, wie sie es geschafft haben und was sie alles versäumt haben, bevor sie nach Alaska gekommen sind. Die Vergangenheit ist stets abgeschlossen, das neue Leben beginnt mit dem Überschreiten der Grenze. Vielleicht ist es ganz gut, dass Kanada dazwischen liegt ...

Dazu hat sich ein anderer Oakie bereits im Jahr 1935 geäußert. Es war dies Will Rogers, geboren in Claremore im Osten Oklahomas und als Künstler, Artist, Humorist, Radiosprecher und schließlich Filmschauspieler berühmt geworden:

"This Alaska is a great country. If they can just keep from being taken over by the U.S., they got a great future."

So hat Will Rogers schon damals ausgesprochen, was wir heute hier im nördlichsten Bundesstaat empfinden: "...lebst du in Alaska, ist alles anders!"

 

 


zur Geschichten-Übersicht

Startseite