Fortsetzung unserer Reise auf dem Dempster Highway nach 11 Jahren - diesmal allerdings mit unserem Truckcamper Rosinante im Jahr 2008. Denn im Juli 1997 war für uns am Arctic Circle die Fahrt zu Ende, weil Hieronymus, unser treuer Mercedes-Camper, dort fast eingeschneit wurde . Eine Weiterfahrt war unmöglich, denn Schneepflüge fahren nur im Winter...

 

 

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Dempster Highway - eine außergewöhnliche Straße in die Arktis

Entlang des Klondike River führt das letzte Stück des gleichnamigen Highways nach Dawson City. Dort wo der Fluss dann in den Yukon mündet, wurden vor 115 Jahren die ersten Holzhütten von den zahllos eintreffenden Goldsuchern errichtet. Eigentlich erst weiter oben, beim Bonanza Creek, doch erwies sich das flache Ufer am Yukon als besserer Platz. Nun steht hier ein heiteres Städtchen, welches für zwei, drei Monate aus dem langen Winterschlaf erwacht. Die Bezeichnung El Dorado des Yukon ist nicht von ungefähr, denn der Touristenstrom im Sommer nimmt alljährlich zu. Heute, am Samstag, ist allerdings kaum was los auf den sonst staubigen Straßen. Die Straßen sind nass vom tagelangen Regen, aufgeweicht, matschig. Auf den hölzernen Boardwalks gelangt man halbwegs sauber ins Visitor-Center, eine Wettervorschau ist für uns erstes Ziel. Fünf Tage werden vorausgesagt und wer solche Prognosen aus Europa kennt, weiß diese auch entsprechend zu deuten. Doch hier ist alles anders: „...have a look out of the window!“ Das ist die beste Vorschau für Dawson City, denn im Süden kann die Sonne scheinen, im Norden stürmt es, im Westen ist es leicht wolkig und den Osten siehst du nicht! Also richte dich darauf ein, dass alles möglich ist und das sogar gleichzeitig. Auch gut.

Für Dawson City und vor allem für den weiteren Weg in den Norden haben wir dieses Mal genügend Zeit eingeplant. Der Weg in den Norden, sprich Dempster Highway ist ja so eine Art Höhepunkt unserer Reise im Sommer 2008. Nein, eigentlich nicht so eine Art - er ist der Höhepunkt und braucht ein wenig Vorbereitung. Man muss sich jetzt vorstellen (um das Vorhaben auf europäische Gegebenheiten umzulegen), dass wir mit Rosinante von Salzburg nach Palermo fahren - das kommt in etwa auf die 1.500 Kilometer hin, die man von Dawson City bis Inuvik und retour unterwegs ist. Auf Schotter-, Schlamm-, Stein- und Sandpiste, zum Teil einspurig, nur drei Orte liegen dazwischen und insgesamt gibt es nur vier Mal die Gelegenheit zum Tanken. Gedanken an Pannen technischer Natur am Motor, Getriebe etc. oder Reifenplatzer, Steine auf die Windschutzscheibe, verlorenen Auspuff, kaputte Stoßdämpfer, gebrochene Halbachsen, gerissene Keilriemen und so weiter, soll man aber tunlichst gar nicht aufkommen lassen. Deshalb lesen wir im Besucherzentrum auch nicht den Road-Report derjenigen Reisenden, die den Dempster befahren haben. Wir vertrauen ganz einfach auf unsere Rosinante, die wir jetzt kurz vorstellen. Bereits im Jahr 2002 hatten wir dieses Gespann in Vancouver gekauft: Ein nostalgisches Modell 250 XLT Lariat der Marke Ford aus dem Jahr 1990, gänzlich ohne Plastikaufputz und mit 4x4 Antrieb. Auf einer beige/blauen Metallic Lackierung blitzen verchromte Zierleisten und in den bulligen Stoßstangen spiegelt sich die Umgebung. Eine doppelte Fahrerkabine bietet wichtigen Stauraum, der lange Radstand unter der Ladefläche ist Voraussetzung zum Laden des Campers. Diese transportable Camper-Kabine ist ein Produkt  der Marke Lance und mit allem ausgestattet, was das Camperherz begehrt. Den Namen Rosinante erhielt das Gespann in Anlehnung an ein ähnliches Gefährt aus dem Roman Travels with Charley von John Steinbeck. Also beste Voraussetzungen für ein Abenteuer der besonderen Art im hohen Norden.

Ein erneuter Besuch am Sonntag im Visitor-Center von Dawson City und der Blick auf die Wettervorschau bringt kein konkretes Ergebnis. Von heiter bis wolkig, von Sonne bis Regen und so weiter. Wir entschließen uns, dennoch zu starten und hinter den Bergen am Beginn des Dempster Highways endgültig zu entscheiden, entweder weiter zu fahren oder noch zuzuwarten. Einkäufe sind alle unter Dach und Fach, Frischwasser- und Treibstofftanks bis zum Rand gefüllt. Es ist mittlerweile 14.00 Uhr, das obligate Foto am Dempster-Kilometer-0-Marker wird schnell erledigt, der Regen hält an. Wir entscheiden uns, die ersten 50 bis 60 Kilometer nordwärts zu fahren und die Nacht abzuwarten. Genau bei Kilometer 50 ist ein kleines Trapper-Camp am Wolf Creek und gegenüber führt ein Weg zum Bachufer hinunter. Ein idealer Campplatz und vor allem ist genug Wasser in Greifweite, um die Hecktüre der Kabine abzuwaschen - die Schlammpiste hat volle Arbeit geleistet! Der Himmel wird immer heller, die Wolken lichten sich, unsere Gesichter ebenfalls. Etwa um 22.00 Uhr ist Schluss mit dem Regen und die Sonne strahlt über die Berggipfel herüber. Ja, ja, es geht weiter mit „lange Tage, kurze Nächte!“

Unser Wetter-Pokerspiel geht auf. Zwar ist es empfindlich kühl geworden, doch blauer Himmel mit strahlend weißen Wolken lassen alles gleich anders erscheinen - was für ein Auftakt! Bei Kilometer 71 liegt der Tombstone Territorial Park Campground mit einem kleinen Interpretive Centre. Diese Einrichtungen sind meistens unglaublich liebevoll eingerichtet und viele Sammelstücke, Bilder und Schautafeln erklären Fauna und Flora der Region. Ein so genannter Interpreter - meist ein Ferienjob für Studenten - gibt Antwort auf Fragen der Besucher und er weiß gute Wandertipps in der näheren Umgebung. In unserem Fall fällt die Wahl auf den Weg zum Goldensides Mountain an der Ostseite gegenüber der Tombstone Range. Im Jahr 1997, als wir das erste Mal mit unserem Mercedes-Camper Hieronymus hier waren, haben wir ganz in der Nähe übernachtet und im Reisetagebuch von damals lesen wir von atemberaubenden und schier unbeschreiblichen Ausblicken ins Tal des North Klondike River, der in der Tombstone Range entspringt. Jetzt sind wir 300 Meter höher rauf geklettert, der Fluss unter uns ist ein silbernes Band mit einzelnen Eis- und Schneeresten in der Mitte, frisches Grün an den Ufern zieht sich sanft an den Bergflanken nach oben und endet an den dunkelgrauen Felsmassiven, die noch feucht vom Regen in der Sonne glänzen. Im Hintergrund wie eine Theaterkulisse die Spitzen der Tombstones, deren höchster Gipfel 2.200 Meter aus der Ebene emporragt. Der Blick in Richtung Norden verfolgt eine Weile die Straße, bevor diese hinter vielen Hügeln am Horizont abtaucht, vorbeikommende Trucks sehen wie Spielzeug aus dieser Höhe aus. Vielleicht sind es 80 Kilometer Entfernung, vielleicht auch mehr, wo am Ende einer sattgrünen Tundra die nächste Bergkette erkennbar ist. Diese Eindrücke sind es, die uns nochmals diese Reise auf dem Dempster Highway machen lassen.

Anfang 1900 war diese Straße nicht viel mehr als ein Pfad für Hundeschlitten. Die Bulldozer und die Baukolonnen trafen erst im Jahr 1959 ein, als der kanadische Premier-Minister John Diefenbaker mit seinem Roads to Resource Programm versprach, den großen Reichtum der nördlichen Regionen zu erschließen. Durch Diefenbakers ehrgeizigen Plan wurden damals zwar nur knapp 120 Kilometer des Highways fertig gestellt, jedoch erlosch nie die Vision einer Allwetterstraße bis zur Arktis. Der Ölboom im Beaufort-Meer in den 1970er Jahren trieb die kanadische Regierung dazu an, das Projekt zu vollenden. Im Jahr 1979 erreichte die Straße ihren Endpunkt in der Stadt Inuvik am Mackenzie Delta in den Northwest Territories. Benannt wurde der Highway nach Korporal William John Duncan Dempster von der Northwest Mounted Police, der im Zusammenhang mit der legendären Lost Patrol über die Grenzen hinaus bekannt wurde. Von dieser Geschichte berichten wir später. Der Ölboom ist lange vorbei, die Straße ist geblieben. Und mit ihr unser Wunsch, die nördlichste Straße Kanadas zu bereisen.

North-Fork Pass und das Tal des Klondike River liegen hinter uns, in der oben beschriebenen Ebene folgen wir dem Blackstone River über das weitläufige Plateau. An der Westseite passieren wir Two Moose Lake, das heißt wir sind gerade am Vorbeifahren, als ein scheinbarer Stein im Wasser plötzlich den Kopf hebt: ein Moose! Eine mächtige Elchkuh taucht immer wieder mit dem Kopf unter Wasser, um das im wahrsten Sinne des Wortes saftige Seegras abzuernten. Das ist die beste Gelegenheit um sich näher anzupirschen, denn da hört und sieht sie nichts. Es gelingen tolle Bilder und zu guter Letzt spaziert die Dame noch vor uns aus dem Wasser, um seelenruhig in den Büschen weiter zu fressen - großartig!

Ab dem Lake Chapman fällt die Straße leicht ab, durchquert das Taiga Valley und folgt dann wieder dem Blackstone River durch die Taiga Ranges. Diese meist aus grobem Schotter bestehenden Berge sind ein Überbleibsel der großen Eiszeit und nur spärlich bewachsen, Bäume sind kaum zu sehen, dafür eine dichte, grüne Moosdecke welche nun im flachen Sonnenlicht den Bergen eine eigenartige Struktur verleiht. An den erodierten Flanken nisten Bald- und Golden Eagle, wobei letztere an den flachen Ausläufern der Range zu beobachten sind, wo sie nach Murmeltieren und Prairie-Dogs jagen. Mit dem Fernglas sind sie allerdings nur hoch oben in der Luft zu beobachten. Der Windy Pass mit immerhin 1.100 Metern Seehöhe ist im späten Herbst Übergang für Tausende von Caribous, die aus dem Norden in die eisfreieren Zonen herab wandern. In dieser alpinen Region ist der Einfluss des Permafrosts entlang der Wasserläufe besonders gut zu sehen, wo über einem gefrorenen Schotterband eine dünne Schicht dunkler Erde nur wenig Halt für die vereinzelten Schwarzfichten bieten. Drunken forest wird das hier genannt, wenn die dünnen Stämme der Bäume kreuz und quer in die Luft ragen.

Ein anderer mächtiger Fluss löst den Blackstone ab: Ogilvie River, den wir später vom Eagle Plain Plateau aus etwa 300 Meter Höhe sehen können. Hier windet sich der Highway auf und ab über zahllose Hügel, bietet links und rechts grandiose Ausblicke - immer wieder Anlass für einen Halt und Fotoaktivitäten. Diese Stopps sind auch aus einem anderen Grund recht willkommen, denn zeitweise ist die Straße eine Rumpelpiste der ganz groben Art und wir werden trotz langsamer Fahrt kräftig durchgebeutelt. Und erst Rosinante! Die ächzt und knirscht an den Blattfedern, der vordere linke Stoßdämpfer schlägt bereits auf Metall, Öl rinnt aus. Nun, da bleibt nichts anderes übrig, als noch langsamer zu fahren. Ursulas Kommentar dazu: „...wie ein Leiterwagerl mit Eisenradeln“. Dem füge ich nichts mehr hinzu.

Bei Eagle Plains hat sich nichts geändert. Rund um die Tankstelle ist alles dreckig, der Benzinpreis ist astronomisch - wir haben ein neues „Hoch“ erreicht: Der Liter kostet 1,79 kanadische Dollar, das sind etwa 125 Eurocent (Anm.: Im Jahr 1997 kostete ein Liter Diesel 0,79 Cent!) Das Hotel nach wie vor aber sehenswert, denn weiße Tischtücher und Gläser auf den Tischen im Restaurant sind in dieser Gegend als Rarität einzuordnen. Wir entleeren Abwasser und füllen Benzin- und Wassertank, bevor wir in die zweite Hälfte des Dempster Highways starten. Leichter Regen macht das Fahren bergab auf der Sandpiste zur Rutschpartie, erst bei der Querung des Eagle River wechselt der Straßenbelag wieder zu Schotter - und diesmal ohne Schlaglöcher! An der rechten Seite begleiten uns seit längerem die Richardson Mountains, auf Schautafeln erfahren wir, dass diese Bergkette zu den nördlichsten Ausläufern der Rocky Mountains gehören. Hier oben sind sie immerhin noch 800 bis 1.200 Meter hoch.

Wir nähern uns dem Punkt, an dem wir im August 1997 umdrehen mussten. Damals verwandelte ein Schneesturm binnen einer Stunde die Landschaft in eine bizarre Eislandschaft, ein Weiterkommen mit herkömmlichen Fahrzeugen war nicht mehr möglich. Schweren Herzens brachen wir die Weiterfahrt mit Hieronymus ab, wohl aber mit dem festen Vorsatz auch den weiteren Dempster-Highway irgendwann zu vollenden. Nun ist es soweit: Arctic Circle 66° 33ʹ 44ʺ north - der Polarkreis ist wieder erreicht! Hier bleibt die Sonne am 21. Juni für 24 Stunden sichtbar, weiter nördlich werden die Sonnentage immer mehr. Heute allerdings ist es nur hell, von Sonne momentan keine Spur, nur dunkle Wolken sehen wir am Himmel. Entgegenkommende Autos, die auch auf den Parkplatz fahren, sind ziemlich frisch angespritzt, die Farbe der Dreckschicht ist dunkelgrau. Ein Fahrer berichtet, dass die nächsten 30 bis 35 Kilometer eine durchgehende Schlammpiste sind, man fährt wie in tiefem Schneematsch. Das ist ja für Alpeneuropäer kein Problem denke ich, doch mit einem heavy truck wie unsere Rosinante, die mitsamt der Kabine vollbeladen etwa 4.800 Kilogramm auf die Waage bringt, wird es doch ein wenig kritisch und der Allradantrieb bleibt ständig eingeschaltet. Jedoch die Landschaft rundum entschädigt für alle Anstrengungen. Eine Art Hochmoor zwischen sanften Hügeln, endlos weit nach allen Richtungen, spärlicher Bewuchs mit niederen Büschen, dazwischen Tundragewächs und tiefes Moos. Im April und Mai verlässt die riesige Porcupine-Caribou-Herde dieses Gebiet, bis zu 150.000 Tiere ziehen dann 300 Kilometer nordwärts zur Beaufort Sea. Für die Gwich'in People (ein Stamm der Urbewohner die noch heute hier leben) war das die wichtigste Zeit für die Jagd auf Karibus. Im Juli allerdings gibt es hier keine Tiere mehr zu sehen, doch in Gedanken stellen wir uns vor, wie tausende Karibus an uns vorbeiziehen - ja genau an uns, denn auf einem kleinen Plateau haben wir einen perfekten Nachtplatz entdeckt, wo wir vielleicht 20 oder gar 25 Kilometer weit in die Ebene runterblicken.


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Bei Kilometer 465 befindet sich die Grenze vom Yukon zu den Northwest Territories. Hier verlässt die Straße die Richardson Mountains und führt auf das Peel Plateau, das vom riesigen Laurentide Ice Sheet geformt wurde - die gewaltigen Eismassen wurden hier von den Bergen gestoppt. Auch die kontinentale Wasserscheide überqueren wir an dieser Stelle, wo sich entscheidet ob ein Bach oder Fluss zur Bering Sea oder zur Beaufort Sea fließt - erstere wird vom Yukon im Westen erreicht, der Mackenzie nimmt alle Wasser in den Norden mit. Apropos Wasser: Es hat noch am Vorabend aufgehört zu regnen und der Himmel wechselt langsam seine Farbe von grau zu zartem blau. Nachdem wir durch das Vittrekwa Tal auf einer Höhe von 850 Metern angekommen sind, erleben wir von einem Aussichtspunkt eine exzellente 360° Rundumsicht. Hinter uns die Richardson Berge, links von uns ganz in der Ferne zu erahnen das Mackenzie Delta, unter uns das Tal des Peel River und 15 Kilometer vor uns liegt Fort McPherson. Der Peel River wird mit einer Kabelfähre überquert und gleich danach gibt es ein interessantes Besucher Zentrum, wo wir erste Eindrücke vom Leben der Gwich'in Dene erhalten. Auch den Hinweis, dass es in Fort McPherson heute Abend etwas zu feiern gibt. Na, da wollen wir doch auch dabei sein!

Nix genaues weiß man nicht - so oder ähnlich lauten die Auskünfte dann vor Ort. Bei einer großen Bühne unter freiem Himmel scheint etwas zu starten. Im Veranstaltungszentrum, welches auch als Eishalle und Turnsaal fungiert, stehen Stühle reihum, vorne sind Musikinstrumente und Lautsprecher zu sehen. Draußen wird unter anderem Fisch gegrillt und wir erfahren endlich einen ungefähren Ablauf der Abendaktivitäten. Hauptteil ist ein Musikwettbewerb oder auch Contest genannt, vorher gibt es allgemeines Abendessen für alle Dorfbewohner. Später erklärt man uns, dass dieses gemeinsame Essen einmal im Jahr stattfindet - es hat etwas mit Ende der Winterzeit/Anfang Sommerzeit zu tun, auch die traditionelle Fischsaison beginnt nun, denn die laichenden Lachse beginnen die Flüsse hoch zu schwimmen. Doch zurück zum Beginn des Essens. Kaum hat sich eine lange Schlange am Buffet gebildet, verkündet ein Mann über Lautsprecher, dass die Leute doch vorher noch rausgehen sollen, um an der Feuerzeremonie teilzunehmen. Das nun Folgende zu schildern ist schwierig, denn es bedarf einiges an Hintergrundwissen, um so eine Zeremonie zu verstehen. Es beginnt mit Gebeten, diverse Ansprachen auf gutes Handeln und Denken folgen, eine Gruppe Drum Dancer nimmt Aufstellung und beginnt einen monotonen Gesang, begleitet vom Klang der mit Holzstöcken geschlagenen Trommeln. Nun beginnen die Leute etwas ins Feuer zu werfen - es ist Tabak und der Rauch soll zum Himmel steigen. Zwei ältere Menschen halten Schüsseln in den Händen, in einer ist ebenfalls Tabak und in der anderen Fleischspeisen und Fett. Nachdem das Feuer einige Male umrundet wurde, wird der Inhalt der Schüsseln hinein gekippt und von lautem Rufen oder Beten begleitet. Hoch lodern nun die Flammen auf, die Trommler steigern die Lautstärke und mit lautem Geschrei und Gesang aller Anwesenden endet die Zeremonie.

Das allgemeine Essen findet regen Zuspruch - auch wir werden aufgefordert als Gäste daran teilzunehmen. Doch ein Blick auf die Teller rundum und dann in die Töpfe am Buffet lässt uns mit allerhand Ausreden hungrig bleiben. Zuviel unbekanntes Fleisch wird da angeboten, vor allem hat es noch einen Schwanz dran…
Es ist mittlerweile 22.00 Uhr, als endlich der Musikbewerb beginnt. Sänger und Musikanten aller Altersgruppen geben ihr Bestes, eine Jury kürt gegen Mitternacht die Sieger. Wir streben eigentlich recht müde dem Ausgang zu, doch im Nebengebäude ist lautes Trommeln zu hören. Es finden dort so genannte Hen Games statt, wo zwei Parteien aus je 15 - 20 Männern eine Art Versteckspiel mit Steinen und Knochen praktizieren. Es wird um Geld gespielt, es geht ziemlich laut her und die Teilnehmer geraten zusehends in Hitze. Wir verlassen das turbulente Treiben, es ist 1.00 Uhr früh, der Himmel draußen hellgelb, die Sonne hinter der Kirche noch sichtbar. Und neben der Kirche steht unsere Rosinante, Einheimische haben uns diesen Gästeparkplatz empfohlen - mit Ausblick auf den Friedhof daneben. Wir sind jetzt froh über die Ruhe in der Umgebung.

Friedhöfe sind frei, ohne Zaun herum, ohne Wege dazwischen. Die Gräber sind ausgerichtet, der Kopf des Verstorbenen liegt näher am Fluss. So auch die Gräber jener vier Männer der unglückseligen Lost Patrol, die sich im Winter 1910-11 auf einer Patrouille zwischen Fort McPherson und Dawson City verirrt haben. Sergeant Fitzgerald verfehlte den Weg an einem zugefrorenen Fluss und beim Versuch nach Fort McPherson zurückzukehren starben seine Kameraden und er. Und eben jener Korporal William John Duncan Dempster, nach dem nun der Highway benannt ist, fand die sterblichen Überreste der Männer einige Monate später.

Unsere Weiterreise ist schneefrei - der mächtige Mackenzie River liegt vor uns und wieder müssen wir auf eine Fähre. Mit einem kleinen Umweg, denn auch der Ort Tsiigehtchic (als Eselsbrücke habe ich mir immer „sie geht chic“ vorgesagt) am Ufer des Arctiv Red River wird angesteuert. Ab hier beginnt das labyrinthartige Delta des Mackenzie, welches eigentlich nur aus der Luft so richtig zu sehen ist. Entlang der Straße passieren wir dann unzählige Seen und wir fragen uns, wie hat man hier festen Boden für den Untergrund des Weges gefunden? Entlang des Territorial Parks am Campbell Lake sind dann noch letzte Felsen und Kliffs zu sehen, bevor der Highway nach 740 Kilometern seinen Endpunkt erreicht: Inuvik - am Tor zur Arktis!

Die Stadt ist zugegeben eine große Überraschung. Moderne, sehr gefällige Häuser meist mit bunten Farben gestrichen, kleine grüne Vorgärten, Blumenkisterl (!) an den Fenstern und sehr reinlich rundherum. Hotels, Einkaufsmärkte, Geschäfte, Parks mit Rasenanlagen und Veranstaltungs-Zentren, Hallenbad mit Wellness-Abteilung, die einzigartige Iglo-Kirche und so weiter. Ich habe dazu nur einen Ausspruch eines Truckers in Dawson City in Erinnerung, der gemeint hat, dass uns am Ende der Straße lediglich „…a dirty, unattractive town“ erwartet. Ich glaube, der war am falschen Ort.

Happy Valley Campground fast im Stadtzentrum gelegen, ist unsere Bleibe für die nächsten vier Tage. Und auch in Inuvik wird gefeiert: 50 Jahre Bestehen sind ein guter Grund und dafür gibt es eine Woche lang Programm. Heute, am Freitag beginnt das Great Northern Arts Festival, das am Samstag mit vielen Darbietungen im Park weiter fortgesetzt wird - eine der ganz wenigen Gelegenheiten im Jahr, wo Besucher an nordischer Kultur teilhaben können. Und die ist zugegebenermaßen teilweise sehr amüsant. Meist sind es Wettbewerbe oder einfach Spiele, wo man untereinander die Geschicklichkeit beweist. Beginnen wir mit Fire making, tea boiling and bannock cooking - klingt recht verwirrend, ist es aber nicht. Teams mit drei Personen treten an, einer macht Feuer, der andere kocht darauf Tee, der oder die Dritte macht eine Art Schmarrn aus Mehl, Wasser, Fett und Zucker in der großen Eisenpfanne. Sieger ist, wer mit allem am ersten fertig ist, ganz einfach! Siegerzeit war in etwa 14 Minuten - der bannock schmeckt übrigens hervorragend!

Weiter geht's mit muskrat skinning. Also, wenn da jemand nicht zuschauen möchte (wie Ursula), so ist das verständlich. Andererseits war, oder ist noch immer, das Abziehen von Fell bei Tieren etwas ganz Wichtiges. Nun, das muskrat gehört zur Familie der Biber, schaut aber aus wie eine überdimensionale Ratte und wird im Delta des Mackenzie zahlreich mit Fallen gefangen. Aus den Fellen werden Bekleidung und Decken gemacht, im 18. Jahrhundert war so eine Pelzkappe der letzte Schrei in Europa (!) und in Paris galten Handwärmer als besonders elegant. Ok, muskrat skinning als Wettbewerb, wo eine 83-jährige Frau als Siegerin nur 90 Sekunden für ein Tier benötigt! Sie erzählt, dass in der Saison bis zu 100 muskrats an manchen Tagen von ihr aufgearbeitet werden. Ich glaube, beim Essen in Fort McPherson waren dann die nackerten im Topf.

Weiter geht es im Programm mit Fisch filetieren und Gans rupfen. Alles Tätigkeiten, welche von den Frauen hier je nach Saison dann täglich gemacht werden. Einfach bewundernswert ist die Geschicklichkeit, mit der hier gearbeitet wird. Müßig zu erwähnen, dass auch beim Fisch und bei der Gans die Älteren am schnellsten waren.

Zwischendurch, so als Auflockerung fürs Publikum, zeigen junge Burschen akrobatische Einlagen auf der Bühne. Einbeinsprung - in etwa 1,80 Meter Höhe mit einem Fuß ein Fellknäuel berühren, dann das Ganze mit zwei Beinen gleichzeitig, allerdings etwas tiefer. Standspringen, Armringen und Fußdrücken - alles Spiele, die an den langen, finsteren Winterabenden praktiziert werden. Und dann der Höhepunkt blanket tossing. Eine runde Felldecke wird von etwa 30 Frauen und Männern rundum gehalten, ein Springer steigt in die Mitte und los geht's! Vier bis fünf Mal wird nach unten geschwungen und dann auf Kommando hochgeschnellt. Der Springer wird nach oben katapultiert und dreht sich in etwa 5 Metern Höhe rundherum. Der Platzsprecher erklärt den Zuschauern (wahr oder nicht), dass auf diese Art ein Bursch des Dorfes über die Wipfel der Büsche schauen konnte, ob es vorbeiziehende Karibus in der Ferne gibt, denn Leitern gab es aus Mangel an Holz früher nicht. Als Gaudi erzählt er noch, dass bei der Schule die Burschen blanket tossing praktizieren, um zu schauen, wo die hübschesten Mädel anzutreffen sind.

Nun wollen wir aber wieder ein paar Worte zum Wetter schreiben, weil es ja auch wichtig ist - überhaupt so hoch im Norden. Also, Polarbären (oder auch Eisbären genannt) hätten zurzeit Hitzeprobleme. Nicht nur, dass in Inuvik an 56 Tagen die Sonne für 24 Stunden sichtbar ist, der Juli hat auch die wärmsten Temperaturen: Heute lesen wir 21° in Celsius am Thermometer. Und es ist 20.00 Uhr abends! Doch im Mad Trapper Pub ist es noch heißer, denn eine örtliche Band gibt alte Lieder (wir würden es Hadern nennen) zum Besten. Daneben wird noch Billard gespielt, TV geschaut (es hängen insgesamt neun Stück an den Wänden!) und der Wochentratsch übermittelt. Wir sitzen bei zwei Elders, die bereits am Nachmittag im Park dabei waren und jetzt natürlich neugierig sind, wo wir herkommen. Elders werden hier die Senioren genannt und in diesem Fall handelt es sich um Seniorinnen. Ja richtig, zwei Damen mit Budweiser Bier in der Hand und lustigen Sprüchen auf den Lippen. Der/die restliche Abend/Nacht oder wie auch immer, ist noch recht amüsant. In jedem Fall sind wir nicht im Dunkeln heimgegangen.

Die Rückfahrt nach Dawson City beginnen wir am Dienstag. Wieder sind es drei fantastische Tage, die wir entlang des Dempster Highways erleben dürfen. Es ist einfach schön, wenn der Kopf langsam unterwegs ist, es gibt so viel aufzunehmen, aufzusaugen und Nahrung für nicht so schöne Zeiten zu sammeln. Dafür ist eine Landschaft wie diese rund um uns geradezu geschaffen.

Zurück in Dawson City steuern wir auf den Midnight-Dome, einem Aussichtspunkt oberhalb der Stadt mit Blick auf Zusammenfluss von Klondike- und Yukon River, sowie weit nach Westen hinaus ins Yukon Valley. Dort wandert auch die Sonne hin und geht fast nicht unter, jedenfalls praktiziere ich ein klassisches „Mitternachtssonnenbild“. Jetzt stellt sich nur noch die Frage, in welcher Zeitzone? Denn wir sind ja nun wieder im Yukon, aber nicht in Alaska, und auch nicht in den NWT. Fragen nach der Zeit stellt man hier nicht - man hat sie.


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