Klimakonferenz hin oder her – solange der Mensch mit Hilfe von Maschinen im Stande ist sein Wohlbefinden zu steigern, denkt er nicht an die Umwelt. Eine gewagte These? Dann besuchen Sie mal Nevada!

 

 

Las Vegas Downtown - Golden Nuggets im Kühlschrank

Die größte Errungenschaft der Amerikaner ist außer dem Kühlschrank die Klimaanlage. Nur die Landung auf dem Mond übertrifft diese Erfindung und natürlich aus unserer Sicht gesehen der Computer. Oder besser Mister Microsoft, den sie alle hier Bill nennen, oder The Gates. Doch von weit aus größerem Nutzen für den geplagten Menschen ist die Klimaanlage. Auch wenn gerade keine Hitze herrscht, braucht man eine Klimaanlage.

Wie das Wort ja schon sagt, macht man damit Klima, man verbessert die Luft. Das funktioniert aber nur in geschlossenem Raum, im Haus zum Beispiel oder im Auto. Da wird gefiltert, gereinigt, befeuchtet, gekühlt, geblasen, ventiliert – kurz, alles was sich drinnen befindet wird klimatisiert.

In Las Vegas ist die Hochburg des künstlichen Klimas. Kommt man per Flugzeug hierher, steigt man aus dem gekühlten Jet in die – jawohl – gekühlte Gangway! Vor dem Flughafengebäude, besser in einer Art Tunnel – natürlich mit Klima – wartet ein Klimataxi. Und so weiter. Man kommt bis ins Hotel mit der wirklichen Las Vegas Luft nicht in Berührung.

Anders ist es, wenn man wie wir mit einem Pickup-Truckcamper aus den Bergen kommt und dann die Fenster am Auto offen hat! Eigentlich beginnt das Ganze ja schon zwei bis drei Stunden vorher. Die Temperatur steigt pro 50 Kilometer Annäherung an die Stadt um drei Grad. Einfach gesagt, wir haben uns an sommerliche 30 Grad gewöhnt und zwei Stunden später quälen uns satte 43 Grad. Bei den Seitenfenstern scheint es, als ob da nun ein Haarfön montiert ist und aus den Lüftungsschlitzen strömt heiße Luft auf die Beine. Das ist der Zeitpunkt, wo auch wir die größte aller Errungenschaften in Betrieb nehmen und am Armaturenbrett zwei Schalter betätigen: AIRCON und HIGH. Wohl oder übel muss man ab nun auch die Fenster schließen, doch dieses Mal mehr zum Wohl als zum Übel.

Downtown Las Vegas ist nun auch klimatisiert. Dort, wo einst Dean Martin und auch Frank Sinatra über die Straße – über den Boulevard gegangen sind – dort ist nun eine riesige, überdachte Mall. So wird sie genannt – Mall – und sie ist klimatisiert. Das heißt, die Häuser, Hotels und Casinos links und rechts sind oben mit einer Art Kuppel verbunden. Und darunter bläst aus tausenden Öffnungen gekühlte Luft und sinkt langsam auf die Besucher herab. Diese genießen es sichtlich nun bei etwa 30 Grad ihren Drink zu schlürfen oder ein Eis zu schlecken.

Ein Sprühdosen-Lackmaler (es fällt mir keine andere Bezeichnung ein) zeigt seine Künste, indem er sogenannte Spray Paintings produziert und auch verkauft. Er sprüht aus Dutzenden Farbdosen verschiedene Muster und Motive auf eine Holzplatte, es entstehen daraus ganz ansprechende Bilder. Der Künstler profitiert nicht von der Klimaluft – er trägt eine Atemmaske. Doch eventuell schwitzt er weniger unter dem Licht von fünf Halogenscheinwerfern, welche ihn und seine Kunstwerke ins rechte Licht setzen.

Weiter vorne auf einer Bühne müht sich eine Band mit viel elektrischer Verstärkung ein wenig Stimmung unter die Leute zu bringen. Es gelingt nur teilweise, denn diese Art von Musik ist für jüngere Generationen bestimmt. Hier aber, in Downtown Las Vegas, sind überwiegend die älteren Semester unterwegs und genießen die gekühlte Luft am Boulevard und in den Casinos, wo die Atmosphäre nochmals um sechs bis sieben Grad kälter gemacht wird.

Im Golden Nugget, zum Beispiel, ist über jedem Eingang eine Art Luftvorhang, wo aus feinsten Düsen zusätzlich Wasser verdampft wird. Zusammen mit der Klimaluft wird es da ganz schön kühl. Kühl sind auch die Angestellten an den Spieltischen. Ob männlich oder weiblich, sie alle tragen rote Jacken und darunter weiße Hemden mit einem Mascherl am Kragen. Sie schwitzen auch nicht in der Kühlschrankumgebung, höchstens wenn ein Spieler zu viel gewinnt. Da eilt dann sofort ein schwitzender Manager herbei und beobachtet die Szene – solange bis wieder alles normal läuft und niemand mehr zu schwitzen braucht.

Uns beiden ist auch nicht mehr heiß. Erstens ist unser Spieltrieb nicht sonderlich schweißtreibend und zweitens halten wir uns nun schon eine ganze Weile in diesem Klimakasten auf. Das Eiswasser, welches zum Essen serviert wird, bleibt fast unberührt. Das bestellte Porterhouse Steak ist nach wenigen Minuten lauwarm, das beigelegte Gemüse war es schon. Lediglich die Folienkartoffel konserviert etwas Wärme in sich und ihrer Hülle – ich bin fast versucht sie in die Hände zu nehmen. Bei der Frage des Kellners: "Would you like some coffee?" hätte ich fast ja gesagt – etwas Warmes zu trinken wäre nun was Feines! Sekunden später wird am Nebentisch Eistee serviert. Das ist der Moment wo wir die Rechnung verlangen und dem Ausgang zustreben. Dort wird mit frostiger Mine noch gefragt: "credit or cash?" Und dann mit kühler Stimme noch gesäuselt: "... hope, you did enjoy your meal". Alle Spielautomaten ignorierend suchen wir die große Glastüre mit dem leuchtenden Schild exit darüber und drücken diese nach draußen.

Es ist wie eine Wand, nicht sehr viel Widerstand, aber dennoch gibt es da was zu überwinden. Nämlich den Unterschied von 20 heißen Graden, die in der Seitenstraße dem Kühlgebläse am Boulevard entwischt sind. Ja, wir haben das Golden Nugget bei der Hintertür verlassen und die wirkliche Las Vegas Luft hat uns nun in ihrem Bann. Ohne eine winzige Bewegung, nicht die Spur eines leichten Windhauches, völlig ruhig verharrt sie zwischen den Betongebäuden. Nur weit oben bei einem Bürogebäude, so etwa im vierten Stock, schnurrt es bei einem viereckigen Kasten der in der Wand steckt. Es ist ein Klimagerät, welches die heiße, stickige Luft von da heraußen in eine angenehme, frisch duftende und auch noch sauerstoffreiche Atemluft umwandeln soll. So denken zumindest wir beide hier unten, die bei 43 Grad Celsius ganz allmählich zu schwitzen beginnen.


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