Der aufregende Beginn der Reise

 

Am 12. September 1989 verlassen wir Österreich, der Kilometerzähler unseres Campingbusses Hieronymus zeigt annähernd 280.000 Kilometer, als wir die Grenze nach Italien passieren. Hieronymus ist ein von uns ausgebauter Kastenwagen Marke Mercedes 206D, Baujahr 1976. Er hat unser Vertrauen bei vielen Reisen durch Europa gewonnen, wenngleich diese nie länger als vier Wochen gedauert haben. Jetzt überkommt uns ein eigenartiges Gefühl bei dem Gedanken, erst nach mehr als zwei Jahren in die Heimat zurückkehren zu wollen.

Zügig geht die Fahrt durch Italien bis Brindisi, von dort bringt uns eine Autofähre nach Griechenland. Über Ioannina, Kalambaka und Thessaloniki erreichen wir die Küste vor der Insel Thassos, wo wir uns einige Badetage gönnen und Erinnerungen an frühere Griechenlandurlaube auffrischen.

Der Landweg in die Türkei ist der erste unbekannte Reiseabschnitt und am 21. September reisen wir in dieses Land ein. Drei Tage verbringen wir in Istanbul und diese erste Begegnung mit Asien fesselt uns ungemein. Wir lassen uns mitreißen vom bunten, lärmigen Treiben und verweilen immer wieder staunend vor prachtvollen Bauwerken. Eine Augenweide sind die überfüllten Bazars – speziell der ägyptische mit den unzähligen Gewürzen, getrockneten Früchten und mit all seinen betörenden Düften fasziniert seine Besucher.

Die Weiterreise führt über Bursa und das anatolische Hochplateau nach Ankara, weiter zur Küste des Schwarzen Meeres in die Stadt Samsun. Die Landschaft ist eher trist und langweilig, erst ab Ordu beginnt wieder üppige Vegetation, in der Hauptsache ausgedehnte Haselnusswälder. Schöne Häuser drängen sich entlang des Meeres, doch diese Küste scheint vorerst noch vom Massentourismus verschont zu bleiben.

Bei Trabzon biegt die Reiseroute ins Landesinnere ab, geradeaus weiter führt die Straße nach Georgien und zum Kaukasus in Russland. Hieronymus bewältigt nun einige Pässe auf eine über 2000 Meter gelegene wunderschöne Hochebene und entlang der legendären Seidenstraße, an Erzurum vorbei, erreichen wir Dogubayazit am Fuß des Berges Ararat und zugleich der östlichste Ort in der Türkei.

IRAN

Die türkisch - iranische Grenze erwartet uns mit vielen Formularen und strengen Beamten. Ein eigens abgestellter Dolmetscher und „Helfer“ kassiert deftiges Bakschisch und die Bank freut sich über den vorgeschriebenen Zwangsumtausch von insgesamt USD 300,00 zu einem Kurs, der siebzehn Mal niedriger ist als am sogenannten Schwarzmarkt. Die Zollabfertigung besteht dann hauptsächlich aus peniblen Kontrollen und der Suche nach Waffen, Drogen, Alkohol und verbotenen westlichen "Kulturgütern" und dauert insgesamt beinahe sieben Stunden.

Vor Verlassen der Grenzstation hat unser Camper die erste Panne: der Kupplungszylinder bleibt stecken! In Gesellschaft einiger LKW Fahrer verbringen wir eine unruhige Nacht, doch am nächsten Morgen sind wir sehr erleichtert, als sich bei der Reparatur herausstellt, dass lediglich eine Dichtung defekt war. So beginnt gutgelaunt unsere Fahrt ins Neuland, die Straße ist in passablem Zustand und bereits am Nachmittag ist Täbris erreicht. Hier ist der erste Tankstopp fällig und wir glauben uns ins Schlaraffenland versetzt: Ein Liter Diesel kostet umgerechnet neun Groschen, ein voller Tank somit öS 4.50!

Der nächste Tag bringt eine überraschende Bekanntschaft: ein österreichisch / persisches Ehepaar aus Graz, unterwegs mit einem Wohnmobil in die Heimatstadt des Mannes - nach Shiraz. Wir fahren ein Stück Weges gemeinsam und verabreden uns für den 5. Oktober in Shiraz. Unser Weg führt nun Richtung der Stadt Takestan, kurz davor zweigt die Strasse ab nach Saveh und damit vermeiden wir den angekündigten Verkehrswahnsinn rund um Teheran.

Erstmals begleitet uns nun wüstenähnliche Landschaft, weite Hügel aus braunem Sandgestein, immer wieder durchsät mit grünen, fruchtbaren Flecken. Vielerorts sind noch die Spuren des Krieges gegen den Irak zu sehen, der erst im Frühjahr mit einem vorläufigen Waffenstillstand beendet wurde. Mittlerweile halten sich beide Seiten an die Vereinbarung, wenngleich Militär und Polizei allerorts noch präsent sind und an den Straßen schwerstens bewaffnete Kontrollpunkte eingerichtet haben. Es ist jedes Mal ein ungutes Gefühl, wenn Soldaten mit Maschinenpistolen ins Wageninnere steigen und die Kästen durchwühlen.

Die Stadt Esfahan entschädigt dann ein wenig für die Aufregungen und wir besichtigen die ältesten Moscheen Persiens mit ihren einzigartigen blauen Kachelmalereien und Goldverzierungen. Ein zusätzlicher „Schmuck“ sind leider noch viele aufgeklebte Plakate mit Khomeinis Konterfei, die eigentlich ein krasser Widerspruch zu den Lehren des Islam sind. Denn da werden Abbildungen von Menschen eigentlich untersagt. Über Abadeh erreichen wir dann die erstaunlich gut erhaltene Tempelanlage von Persepolis, welche um 500 v.Chr. erbaut wurde. Zwischen diesen gewaltigen Steinbauten spüren wir besonders die zunehmende Hitze - um die Mittagszeit erreicht sie bereits die 40 Grad Marke.

Noch 60 Kilometer sind es bis Shiraz, wo uns die neuen Freunde bereits erwarten. Die folgenden drei Tage verbringen wir bei ihrer Familie und bereits der erste Abend beginnt mit einem Fest, zu dem sich fast alle Familienmitglieder einfinden. Nicht weniger als 54 Personen nehmen am Abendessen teil, das wie in diesen Ländern üblich, auf Teppichen am Boden sitzend eingenommen wird. Die Herzlichkeit, mit der uns diese Menschen begegnen, ist zum Teil unbeschreiblich, der Gesprächsstoff unerschöpflich - denn das Interesse am Westen ist natürlich sehr groß.

Die persönlichen Erlebnisse im Iran zeigen uns nach außen hin ein strenges Gesicht, der Druck und die Macht von oben sind allerorts spürbar, die Folgen des schrecklichen Krieges gegen den Irak in keiner Weise verkraftet. In den eigenen vier Wänden aber gibt man sich voll Hoffnung und Zuversicht, die Menschen sind fröhlich und gutherzig. Alle sprechen von einer guten Zukunft - und beten, dass diese schon morgen beginnt!

Nach diesen schönen Tagen, die uns ein bisschen "1001 Nacht" zeigten, heißt es Abschied nehmen von unseren neuen Freunden. An riesigen, ausgetrockneten Salzseen vorbei fahren wir nach Estahban, ab hier durch kahles Gebirge nach Sirjan, Bardsir und Bam. Es folgt ein 180 km langer Abschnitt durch heiße Wüste bei fast gleichbleibend 45 Grad Hitze und unser Hieronymus wird deshalb sehr schonend durch diese bezaubernde Landschaft kutschiert.

So erreichen wir Zahedan, die letzte Stadt vor der Grenze zu Pakistan. Im Grenzposten Mirjaveh übernachten wir - nach 3200 im Iran gefahrenen Kilometern, nach 32 Polizei-, Militär- und sonstigen Kontrollen, nach Fahrten durch irren Stadtverkehr und auf einsamen Wüstenstraßen und nach vielen Begegnungen mit außerordentlich herzlichen Menschen. Erwähnt sei trotzdem die zeitweilig unbändige und hemmungslose Neugierde die uns überall, wo wir auftauchten empfing und manchmal derart nervte, sodass richtige Aggressionen bei uns aufkamen.

PAKISTAN

Die Einreise nach Pakistan in den Grenzort Taftan beginnt sehr wohltuend mit freundlichen und höflichen Beamten. Dazu ein Spruch aus dem Zollgebäude:

"This is my Pakistan. Love it or leave it - but don't destroy it"

Nicht zu zerstören war dann Hieronymus samt Besatzung, denn es folgt so ziemlich die schlechteste Straße, die man gerade noch als "Piste" bezeichnen kann! Etwa 140 Kilometer mit Tempo 20 durch steinige, endlose Sandwüste - mit Schaudern denken wir an eine eventuelle Panne... ! Anschließend über weitere 500 Kilometer ein löcheriges, welliges Asphaltband mit mächtigen Sanddünen beiderseits und mittendrin: Radfahrer! Wie aus einem Märchen entstiegene Figuren, mit flatternden Gewändern und bunten Turbanen radeln sie durch die Gegend - ein Anblick, der uns trotz der Strapazen herzlich lachen lässt!

Doch bald vergeht uns das Lachen, denn wir nähern uns der Stadt Quetta und der Verkehr auf den Straßen nimmt zu: bunte Lastautos, geschmückte Autobusse, Eselkarren, Kamelgespanne, Rad- und Mopedfahrer, Rikschas, Taxis, Personenautos und wo noch Platz dazwischen ist, jede Menge Menschen und Tiere! In diesem heillosen Durcheinander mit ungewohntem Linksverkehr wird pausenlos gehupt, überholt, geparkt, Pannen behoben, kreuz und quer gefahren – wie es eben gerade noch möglich ist.

Wir verlassen Quetta in südlicher Richtung und fahren vorbei an Sibi nach Sukkur. Hier überquert die Strasse den Indus und wir sollten uns ab nun auf dem "National Highway Nr.1" befinden. Dazu ein Auszug aus dem Reisetagebuch:

"Der sogenannte Highway ist ein Wahnsinnspfad, der LKW Verkehr hat fünffach zugenommen, bei sämtlichen Orten wird mittendurch gefahren und die halsbrecherischen Autobuslenker sind einfach Vollidioten, welche pausenlos Menschenleben riskieren, denn anscheinend ist es ihr Privileg mit dem vollbesetzten Bus durch die Gegend zu rasen. Dass dies manchmal danebengeht, sehen wir an den umgekippten und total beschädigten Fahrzeugen neben der Straße."

In Lahore beziehen wir für drei Tage Quartier im Hof der Salvation Army, - der Heilsarmee, wo uns der englische Leiter sehr willkommen heißt und sämtliche Neuigkeiten aus Europa erfahren will. Ausgedehnte Erkundungen durch die Stadt führen uns zu den größten und mächtigsten Moscheen auf unserer bisherigen Reise. Es ist schon ein beeindruckendes Bild, wenn tausende Gläubige vor der Wazir Khan Moschee ihre vorgeschriebenen Gebete verrichten und zwei westliche Touristen still in einer Ecke verharrend daran teilhaben dürfen.

 

Es sind annähernd 10.000 Kilometer die nun zwischen Österreich und uns liegen - das erste große Ziel ist erreicht:

INDIEN - Reise in eine Märchenwelt

Bereits in der ersten Stadt Amritsar, Hauptstadt des Bundesstaates Punjab, mit dem Allerheiligsten der Sikhs - dem Goldenen Tempel – erwartet uns ein besonders tiefgehendes Erlebnis. Über fünf Stunden verbringen wir bei den Priestern und Gläubigen im Tempel, wenn das allerheiligste aller Bücher, Granth genannt, hereingetragen und aus den Lehren vorgetragen wird. Die Ereignisse halten uns so gefangen, dass wir die vom Militär verhängte Ausgangssperre ab 22.00 Uhr abends im Tempelbezirk übersehen und nur durch einen geschickten Rikschafahrer über diverse Schleichwege zum Hotel zurückgebracht werden. Dort steht unser Hieronymus sicher auf dem eingezäunten Parkplatz - eine Vorsichtsmaßnahme die uns wegen der anhaltenden Unruhen im Punjab angeraten wurde.

Aufregung macht sich breit, als wir uns der Stadt Jalandhar nähern. Hier folgen wir einer Einladung der indischen Geschäftspartner von Ursulas letztem Arbeitgeber und alle Vorstellungen über Land und Leute werden von jetzt an gründlich geändert! Die indische Gastfreundschaft ist mit "Verwöhnen" gleichzusetzen, von früh bis spät ist man um uns bemüht und versucht ständig jeden Wunsch, ja jeden Gedanken von unseren Augen abzulesen. Das Interesse an unserer Reise ist groß, noch viel mehr aber die Sorge und Anteilnahme an eventuellen Schwierigkeiten. Besondere Erwähnung verdient die Küche - allein die Gewürze sind so vielfältig und variantenreich in der Anwendung, vor allem bei den ungezählten Gemüsegerichten. Nicht zu vergessen, dass wir nach gut 4 Wochen wieder ein Bier (oder mehrere?) mit dem fantasievollen Namen Rosy Pelican genossen haben!

Ein gesellschaftliches Spektakel erleben wir Ende Oktober beim Diwali Fest, einem Lichterfest, welches am ganzen Kontinent mit besonderer Hingabe gefeiert wird: Gilt es doch möglichst viele und vor allem laute Raketen und Böller in die Luft zu jagen! Angesichts der Kosten derartiger Vergnügungen stellen wir uns die gleiche Frage nach der Sinnhaftigkeit wie beim Silvestergeknalle in unserer Heimat.

Jalandhar ist eine gute Ausgangsbasis für eine Reise in den Norden des Subkontinents - ins indische Himalaja Gebirge. Im Bundesstaat Kashmir müssen wir uns leider auf den östlichen Teil beschränken. Unruhen, Streiks und Ausnahmezustand sperren uns von Srinagar aus, somit lenken wir unseren Hieronymus in die Gegend von Daksum, wo wir eine erste Bergwanderung bis auf 2700 Meter Höhe absolvieren. Dabei überraschen uns erste Schneegewitter und die Nachttemperaturen bewegen sich um die null Grad - die Heizung im Campingbus wird erstmals aktiviert!

In diesem Vorgebirge des eigentlichen Himalaja bereisen wir noch einige ganz reizende Orte. Im Sommer sind diese allesamt von reichen, hitzegeplagten Indern überlaufen, jetzt aber befinden sie sich in einem erholsamen Dornröschenschlaf. Für uns ist dies sehr angenehm, suchen wir doch auch ein wenig Ruhe und Entspannung nach den vielen gefahrenen Kilometern.

Oberhalb Dharamsala, in McLeod Ganj, befindet sich "Klein Tibet". Vor 30 Jahren haben sich hier tibetische Flüchtlinge nach ihrer Vertreibung durch die Chinesen angesiedelt, auch der Dalai Lama lebt nun hier. Die Verleihung des Friedensnobelpreises in diesem Jahr ist noch gegenwärtig - allerorts hängen Plakate und Transparente und erinnern an dieses wichtige Ereignis. Der Ort ist auch Ausgangspunkt für eine zweitägige Bergwanderung auf den Triund im sogenannten Vorhimalaya in knapp 3200 Metern Höhe - eine überwältigende Bergwelt vor Augen ist ein schöner Lohn und ein Vorgeschmack für weitere Bergabenteuer!

Nach einer traumhaft schönen Fahrt entlang eines über 4000 Meter hohen Gebirgszuges erreichen wir das Kulu Valley - ein sogenanntes Muss-Ziel hier oben im Norden. Der Hauptort Manali erschreckt uns allerdings mit Lärm und vielen Menschen, welche zum Teil als Pilger zu einem heiligen Hinduschrein herkommen. Dieses Heiligtum gleicht einem überdimensionierten Jagdhaus, welches komplett aus Holz erbaut wurde und in einem Fichtenhochwald zu finden ist.

Das Talende im Kulu Valley bildet der Rothang Pass mit fast 4000 Meter Höhe und faszinierendem Rundblick auf einige Sechstausender. Von hier führt eine Straße weiter nach Tibet, doch wäre dies ein eigener Reiseabschnitt für einen jahreszeitlich besser gewählten Zeitpunkt. Denn nun, Mitte November, toben hier oben bereits heftige Schneestürme und nur einem enormen Wetterglück haben wir es zu verdanken, dass wir diesen Pass erreichen konnten - es ist der höchste Punkt für uns und Hieronymus auf der gesamten Reise!

 


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