Während unser Hieronymus nach Australien schaukelt, kommen wir auch noch in den Genuss einer indischen Bahnfahrt von Bombay nach Delhi. Zu unserer Überraschung funktioniert hinsichtlich Platzreservierung und Pünktlichkeit alles hervorragend. Und am 2. April ist es dann soweit - unsere Aeroflotmaschine hebt von Delhi ab und mit etwas Wehmut sehen wir den indischen Subkontinent, der für fünf Monate unsere Heimat war, langsam im Dunst entschwinden.

SINGAPORE – MALAYSIA

Singapore empfängt uns mit feucht-heißem Tropenklima und entsprechend üppiger, herrlich bunter Vegetation. Voll Erwartungen erkunden wir die nächsten Tage dieses soviel gepriesene Einkaufsmekka. Tatsächlich scheint es, dass diese Stadt ausschließlich für einkaufswütige Touristen konzipiert ist, der Rummel in den gigantischen Einkaufszentren ist gewaltig. Wer allerdings glaubt, billig einkaufen zu können, irrt. Ein Preisvergleich auf dem Film- und Kamerasektor zeigt, dass in Österreich diese Waren fast ebenso günstig angeboten werden. Die Auswahl hier ist allerdings unschlagbar.

Leider droht die Hochkonjunktur auch die letzten traditionsreichen Oasen zu überrollen. Weder vom Hausbootleben auf dem Singapore-River, noch vom Chinesenviertel ist viel übrig geblieben. Und selbst das legendäre Raffles-Hotel ist unter die Räder der Renovierungsmaschine geraten. Die originellen Ess-Stände an der Straße sucht man vergebens - sie sind allesamt aus Hygienegründen in riesige Fresspaläste einquartiert worden.

So aufregend diese hochtechnisierte und perfekt organisierte Metropole anfangs erscheint, schon nach wenigen Tagen sehnen wir uns nach Ruhe und Ländlichkeit. So packen wir unsere Rucksäcke und brechen auf an die malaysische Ostküste. Unser Ziel liegt etwa 60 Kilometer vor der Küste: die Tropeninsel Tioman. Zwar werden für die Überfahrt bereits Seetaxis angeboten, doch bevorzugen wir das örtliche Fischerboot, welches auch Frischwasser zur Insel transportiert. Die See ist heute ziemlich rau und nach 5½ Stunden sind wir mehr als froh, wieder festen Boden unter den Füßen zu haben.

In den kleinen Kampongs, was in der Malaiensprache Dorf bedeutet, entlang der Inselküste werden originelle Unterkünfte im traditionellen Pfahlbaustil angeboten. Die nächsten Tage genießen wir das glasklare, herrlich warme Südchinesische Meer und die unberührten weißen Strände. Unmittelbar dahinter beginnt dichtester Dschungel. Mit etwas Spürsinn kann man immer wieder verschlungene Pfade finden, die zu weiteren idyllischen Buchten führen. Eine Herausforderung stellt die Querung der Insel von der West- zur Ostküste dar. Ein schmaler Pfad, oft mehr zu erahnen denn zu sehen, steigt durch ein Wirrnis von Busch- und Dschungelvegetation steil an, nur selten findet ein Sonnenstrahl den Weg bis zum vermoosten Boden. Immer wieder blockieren riesige, umgestürzte Baumstämme den Pfad und Kletterpartien über glitschige Wurzelstränge und schmale Felsdurchlässe lassen uns wegen der sperrigen Rucksäcke sehr oft an diesem Vorhaben zweifeln. Doch nach drei Stunden lichtet sich das geheimnisvoll düstere Grün und vor uns glitzert der türkisfarbene Ozean, davor schier endlose weiße Sandstrände. Im Gegensatz zur Westküste gibt es hier verbreitet auch Korallenriffe, die sich hervorragend zum Schnorcheln eignen. Stundenlang erforschen wir die fantastische Unterwasserwelt mit ihren bizarren Blumengärten und bunt schillernden Fischen - ein einmaliges, großartiges Erlebnis.

Nach zwei Wochen Paradies fahren wir nach Singapore zurück und am 28. April hebt unsere Maschine der Malaysian Airline Richtung Sydney ab, unser zweites großes Ziel - Australien - liegt nur mehr acht Flugstunden entfernt.

AUSTRALIEN

Sydney empfängt uns mit herrlichem Herbstwetter und hohen Preisen, beides bedarf erst einer Gewöhnung! Die Ankunft des Schiffes mit unserem Bus verzögert sich um eine Woche, so haben wir ausreichend Zeit, die Stadt zu erkunden. Es ist eine sympathische Stadt, moderne Ästhetik gemischt mit kolonialistischem Flair, sagenhaft schön gelegen an einem der größten Naturhafen der Erde. Über diesen spannt sich der stählerne Koloss der Hafenbrücke mit acht Fahr- und zwei Eisenbahnen, gleich daneben, vor dem Royal Botanic Garden, die Nummer eins der Sehenswürdigkeiten: Das Opera House, eine kühne Konstruktion mit ihren großen weißen Segeln, oder - eine andere Version - Muschelschalen.

Völlig fasziniert sind wir vom klaren Sonnenlicht und den wahren Farborgien der Abendröte, hier ist Luftverschmutzung noch kein Thema. Ein eigenes Thema ist dafür die Ankunft und Auslösung unseres Busses, wobei sich Bürokratismus so richtig austoben darf und wir dafür eine Menge Geld hinlegen müssen. Höhepunkt ist eine Radkastenwäsche gegen unerwünschtes Ungeziefer, das nach fünf Wochen im desinfizierten Container ohnehin nicht mehr lebt! Dieser Job dauert ganze 20 Minuten und kostet 110.00 australische Dollar - umgerechnet etwa öS 990.00 !!! Trotz allem sind wir glücklich vom Hotel in unseren Bus umzuziehen, wir sind wieder zu Hause, wenn auch nur für wenige Tage. Unser Reiseplan sieht als nächstes Ziel Neuseeland vor. Aus wetterbedingten Gründen legen wir den Abflug auf den 17. Mai fest und stellen den treuen Hieronymus bei Freunden unter.

NEUSEELAND

Ein 2½ Std. Flug mit Continental Airline bringt uns nach Auckland und wir sind heilfroh, wärmere Kleidung in unsere Rucksäcke gepackt zu haben. Für die Stadt nehmen wir uns zwei Tage Zeit, hier entdecken wir noch mehr britische Spuren als in Sydney. Wir mieten einen Toyota Campervan (unser Hieronymus möge uns die Untreue verzeihen) und peilen als erstes Ziel die Weingegenden südlich von Auckland an. Aber leider läuft hier der Weinkonsum nach staatlichen Richtlinien ab, die insgeheim erhofften Weinkeller gibt es nicht. Sozusagen als Ersatz besichtigen wir nahe Hamilton ein mächtiges Höhlenlabyrinth, dessen Besonderheit Millionen von Glühwürmchen sind. Tatsächlich - es war kein Wein im Spiel!

Dauerregen und der ebenso feuchte Wetterbericht treiben uns an die Ostküste der Nordinsel. Hier begegnen wir erstmals dem berühmten "Neuseeland-Grün" auf den riesigen Schafweiden und weiter oben im Hügelland dichtem, undurchdringlichem Farnwald. Wo das Land zur Küste hin wieder flach wird, erstrecken sich gepflegte Kiwi- und Avocadoplantagen, der Verkauf findet gleich an der Straße statt. Solcherart versorgt dringen wir ins Zentrum des Geysirlandes, nach Rotorua, vor. Hier werden wir mit einer mystischen und sagenumwobenen Welt konfrontiert. Vulkane, versiegte und noch tätige Geysire, dampfende Schwefelquellen, heiße perlende Seen, von denen ebenso heiße Bäche wegfließen, sprudelnde Schlammteiche, Sinterterrassen in azurblau und türkis mit schwefelgelben Wasserfällen - und auf Schritt und Tritt brodelt und kocht es unter den Schuhen.

Abends im Caravan Park genießen wir den Pool mit warmem Thermalwasser; auch die Waschmaschine und die Küche beziehen naturwarmes Wasser - kostenlose Energie aus den Tiefen der Erde!

Der Regen bleibt uns treu bis Wellington, die Überfahrt mit der Fähre zur Südinsel bringt vorerst keine Besserung. Die alte Küstenstraße bis Nelson vermittelt erste Eindrücke der vielgerühmten Sounds - weit ins Land reichende Meeresbuchten, eingerahmt von einer überaus üppigen Vegetation, die sich fast im Wasser noch fortsetzt. Für Segler ein wahres Paradies, wie wir an den zahlreichen Jachten sehen können.

Doch für uns Wohnmobilfahrer hat Neuseeland auch paradiesische Zustände: Sehr wenig Verkehr, ausgezeichnete, bestens beschilderte Straßen und fantastisch gelegene Rest Areas, die meist unentgeltlich auch zum Übernachten benützt werden dürfen. Dies hilft ein wenig über das miese Wetter drüber, denn kaum führt die Route landeinwärts, treibt es wieder dichte Regenwolken von den Bergen herunter. Bei Westport erreicht die Straße die Küste. Hier sorgt das Sauwetter für ein Pazifik-Spektakel ohnegleichen. Haushohe Wellen rollen pausenlos heran und zerschellen in Riesengischtkaskaden an den Felsen, die mancherorts richtig durchlöchert sind. Bei Punakaiki führt ein schmaler Pfad zu den Pancake Rocks, wo dieses Schauspiel am besten zu beobachten ist.

Wir nähern uns mehr und mehr dem Westland National Park und damit zwei besonderen Sehenswürdigkeiten: Dem höchsten Berg Neuseelands, Mount Cook, und den beiden Gletschern Franz Josef und Fox. Man könnte meinen, dass wir in Europa genug Gletscher zu besichtigen hätten, doch diese beiden sind einzigartig. Der Gletschermund, also das Ende des Eisfeldes, liegt in nur 300 Meter Seehöhe und dichteste Buschvegetation bis knapp davor lässt niemals ewiges Eis dahinter vermuten. Und wir haben Glück! Eine rasche Wetterbesserung über Nacht, strahlender, sonnenklarer Himmel am Morgen. Wir besteigen den Cone Rock, von dem wir Fox in seiner ganzen Pracht sehen können. Am Nachmittag fahren wir zum Gillespie Point am Pazifik. Von hier können wir die gesamte Bergkette mit Mount Cook in der Mitte im Abendlicht betrachten. Nie zuvor haben wir Extreme der Natur so eng beieinander erlebt - Meer, Sanddünen, Dschungel, Gletscher und schneebedeckte Berge.

Eine sehr schöne Dünenwanderung führt uns am nächsten Tag zu einem besonderen Erlebnis - einer Seehundekolonie, die sich hier bei den Einmündungen der Gletscherflüsse niedergelassen hat. Vorsichtig, hinter Felsen versteckt, beobachten wir lange diese drolligen Gesellen und es gelingt aus nächster Nähe sie zu fotografieren.

Nach dem Entdecker des Franz Josef Gletschers, Julius Haast, ist auch ein Fluss und der entlang führende Highway benannt. Der Haast Pass mit 550 Höhenmetern trennt den Regenwald der Westküste vom sanften, mit weiten Tälern durchzogenen Binnenland, wo wieder Nadelbäume und tiefgrünes Weideland das Landschaftsbild prägen. Wir nähern uns nun Mount Cook von der Rückseite, wo er sich in Gesellschaft des Mount Tasman und des gleichnamigen, ehemals 60 Kilometer langen Gletschers befindet. Doch das Wetterpech bleibt uns treu, nur für kurze Augenblicke geben die dichten Wolken einen Blick frei.

Durch den Canterbury District, der Schafzüchterhochburg Neuseelands, fahren wir Richtung Christchurch. Dort geben wir das Mietauto zurück und steigen auf öffentliche Busse um. Mit diesen geht es quer über die Südinsel retour bis Nelson und weiter nach Collingwood, wo wir bei Freunden eine Woche verbringen. Er Schweizer, sie Neuseeländerin - wir haben die Beiden vor acht Monaten in Pakistan kennen gelernt. Hier bewegen wir uns abseits der Touristenrouten, wir entdecken unberührtes, völlig urtümliches Land, hier führen Pfade vier und fünf Tage lang quer über die Berge, hier sind die Meeresküsten noch keine Badeplätze und hier leben die  Menschen sehr miteinander. Wir treffen Goldsucher, Jäger und Holzfäller, deren nicht alltägliche Arbeit tatsächlich auch der einzige Broterwerb ist.

Aus dieser idyllischen, noch intakten Welt heraus fällt der Abschied besonders schwer, ein Nachtbus bringt uns von Wellington zurück nach Auckland. Viel zu kurz war die Zeit, die wir nun Revue passieren lassen. Trotz des anfänglichen Schlechtwetters sind die Eindrücke von diesem Land durchaus positiv, sieht man von den Preisen und einem Horuck und Überall-Tourismus ab. Für sozialgeschädigte Europäer aber ein Beispiel, wie mit einfacher Lebenshaltung auch vieles möglich ist.

Darüber hinaus erwartet Neuseeland seinen Besucher mit Eigenheiten, mit denen man sich einfach abfinden muss: Land, Klima, Wetter und auch Politik - Kompromisse sind schwer möglich, Vergleiche mit Nachbarländern sogar unmöglich. Es ist und bleibt eine Inselwelt an einem einsamen Platz dieser Erde. Für uns einer der schönsten!

AUSTRALIEN Fortsetzung

Am 15. Juni landen wir wieder in Sydney und beginnen mit Vorbereitungen für die Weiterreise mit unserem Bus. Wir besorgen ein neues Solarpaneel, reparieren zum x-ten Mal den Wassertank und basteln ein neues Füllsystem für unsere Gasflaschen. Am 20. Juni, einem strahlenden Wintertag, verlassen wir Sydney in Richtung Norden - der Pacific Highway ist nun für tausende Kilometer unsere Straße.

Selbstverständlich gibt es entlang der Küste viel zu erkunden, ein erster Abstecher führt uns ins Landesinnere. Hier liegt zwischen den Blue Mountains das Hunter Valley, eines der größten Weinanbaugebiete Australiens. Meist von Deutschen oder Italienern angebaut hat der Rebensaft auch seinen Preis - augenscheinlich aber nur für Touristen, denn die Einheimischen trinken Bier!

Es folgen nun etliche Nationalparks, die der Küste entlang angelegt sind. Diese Einrichtungen stehen unter absolutem Naturschutz und dienen so der sicheren Erhaltung von Flora und Fauna. Mit dem Auto darf man hineinfahren und an bestens ausgestatteten Camp-Areas bleiben. Von da weg führen viele Wanderwege durch die nähere Umgebung und es gelingt uns öfters, Tiere aus nächster Nähe zu beobachten. So stehen wir in den Dünen plötzlich einer Emu-Familie gegenüber, die erst durch das Klicken der Kamera aufgeschreckt wird.

Je mehr wir uns den Tropen nähern, umso wärmer und sonniger wird es. Immer öfter beobachten wir Surfer, die sich in den Wellen des Pazifiks tummeln. Bei Byron Bay, dem östlichsten Punkt von Australien, ziehen um diese Zeit Wale nordwärts vorbei in wärmere Gewässer - auch wir testen die Temperatur (brrrrr...)

Wir verlassen nun New South Wales und erreichen den nächsten Bundesstaat, Queensland, etwa zehnmal so groß wie Österreich. Als Auftakt für weiter Touristenhochburgen beginnt hier die Gold Coast, wo sich auf einer Länge von 30 Kilometern ein Hotelturm neben den anderen reiht. Ein wenig im Hinterland besuchen wir einen Österreicher, der hier mit einer Australierin verheiratet ist und bereits vor 17 Jahren Österreich verlassen hat. In der Woche unseres Aufenthaltes erfahren wir viel über das Land, vor allem über seine Probleme. So gibt es bei 17 Millionen Einwohnern mehr als zwei Millionen Arbeitslose, die bestens vom Staat erhalten werden. So hat Australien fast keine Industrie für Produkte des Eigenbedarfes, das meiste wird importiert. Derzeit herrscht eine Inflationsrate von über 9%, die Zinsen für Kredite liegen bei 23%. Als Folge davon steht alle paar hundert Meter ein Haus oder Grundstück zum Verkauf ausgeschrieben. Denn 70% (!) der Häuselbauer und Unternehmer finanzieren mit Fremdkapital!

Wir setzen unsere Reise fort und weichen allzu touristischen Ansiedlungen aus. Bei Rockhampton machen wir einen Schwenk westwärts auf den Capricorn Highway. Dieser führt ins Outback von Queensland und wir bewegen uns schon kurze Zeit später durch heiße, trockene Landstriche. Bei Emerald besuchen wir ein Gebiet, wo noch Hunderte private Glücksritter nach Edelsteinen graben. Eine äußerst mühselige und gefährliche Arbeit, wie wir bei der Besichtigung einer Mine feststellen können.

Unser nächstes Ziel heißt Longreach. Hierher hat es eine österreichische Freundin verschlagen, die wir eigentlich in Sydney treffen wollten. Fast 800 Kilometer von der Küste entfernt sind die Menschen hier sehr auf sich angewiesen, Rinder- und Schaffarmen weit über das Land verteilt. 60 Kilometer von der Stadt entfernt, im einsamsten Never-Never und nur über abenteuerliche Pisten zu erreichen, liegt der Starlight Lookout – ein 80 Meter hoher Hügel mit einer legendären Vergangenheit. In Zeiten der großen Viehdiebstähle trieb hier der besonders aktive Dieb Harry Redford "seine" oft mehr als 1000-köpfige Herde vorbei, vom Lookout konnte er eventuelle Verfolger schon von weitem erkennen und dadurch immer wieder entwischen.

Von diesem Hügel genießen wir einen der schönsten Sonnenuntergänge und erleben eine sternenklare Nacht, die uns noch lange in Erinnerung bleiben wird. Und das alles in Gesellschaft von Kängurus, Wallabies, Leguanen und unzähligen Papageien, die sich beim Eindunkeln an der Wasserstelle am Fuß des Hügels eingefunden haben.

Am 20. Juli findet in Longreach das Diamond Shearing, der größte Schafscherwettbewerb in Australien, statt. Ein Spektakel bildet schon das Anliefern der Tiere durch einen sogenannten Road Train. Ein Monster von einem Truck mit 650 PS zieht drei Anhänger zu den Showgrounds, pro Anhänger vier Etagen mit je 80 Merinoschafen - zusammen 960 Schafe, die hier unter die Schere kommen sollen.

Für die teilnehmenden Scherer geht es um viel Preisgeld und - fast noch wichtiger - um Ruhm und Ehre. Dementsprechend spannend verlaufen die Ausscheidungen bis zum großen Finale der letzten Acht. Die Kandidaten kommen auf die Bühne, jeder hat hinter sich in einem Verschlag acht Schafe, die er im Zeitlimit von 21 Minuten scheren muss. Dabei zählt nicht nur die Geschwindigkeit, auch sauberer Schnitt und Nichtverletzen des Tieres werden von strengen Juroren bewertet. Eine sehr große körperliche und nervliche Anstrengung, die jedem einzelnen abverlangt wird.

In Erinnerung und zum Ruhm der legendären Scherer, Cowboys und Pioniere von Queensland wurde in Longreach vor drei Jahren im Beisein der Königin von England die Stockmen's Hall of Fame eröffnet. In Form von Fotografien, Zeitungsausschnitten und Familiengeschichten, sowie vielen Schaustücken, werden hier die ersten Gehversuche der Farmer und Siedler in dieser Region dokumentiert.

Wir verlassen dieses sympathische Städtchen am Tropic of Capricorn, dem Wendekreis des Steinbocks, und kehren zur Küste zurück. Weiter nordwärts wird es immer tropischer und grüner, nicht zuletzt wegen der riesigen Zuckerrohrfelder, die jetzt unseren Weg säumen. Mit Cairns erreichen wir so eine Art Etappenziel in Australien, zugleich die Hochburg des internationalen Tourismus' mit all seinen Begleiterscheinungen.

Hier wird jeder See, Wasserfall, Bahnhof und Nationalpark vermarktet und verkauft - leider auch das Great Barrier Reef, das mit 2000 Kilometern Länge größte Korallenriff der Welt. Doch wir haben vor, dieses unbedingt zu besuchen und landen einen Glückstreffer. Wir fahren mit der Fähre zur Green Island, nur 20 Kilometer vor der Küste gelegen. Die einsetzende, extrem niedere Ebbe gibt vor unseren Augen weite Teile des Riffs frei. Und während ein Großteil der Besucher für teures Geld im Glasbodenboot oder gar im Tauchboot herumkurvt, spazieren wir über das Riff und finden im knietiefen Wasser bizarre Korallengebilde, Anemonen, Seesterne, Muscheln, Rochen, Baby-Haie, Oktopusse und Unmengen bunt schillernder Fische!

Am 6. August bekommt unser Bus vier neue Reifen, nachdem die alten fast 60.000 Kilometer abgefahren hatten und solcherart ausgerüstet gehen wir unser nächstes Abseits-Ziel an: Chillagoe. Einsam, heiß, trocken und staubig liegt dieser Ort mitten in der Steinwüste - noch immer Zentrum großer Goldvorkommen. Aus dieser geologischen Beschaffenheit resultieren unzählige Höhlen, ausgegraben über Hunderte von Jahren und auch heute noch viele Schätze bewahrend: Kupfer, Quarz, Saphire, Smaragde. Wer keine Ambitionen zum Bergbau zeigt, lässt sich einfach von den fantastischen Farben und bizarren Steinformationen in dieser Unterwelt faszinieren.

Der Weg zurück zum asphaltierten Highway führt über 120 Kilometer rote Sand- und Schotterpiste, der feine Staub kriecht durch jede Ritze und am Abend herrscht zur Abwechslung einmal schönstes Abendrot im Inneren unseres Busses! Ein Abstecher von Normanton nach Karumba am Golf of Carpentaria soll uns endlich die angeblich hier überall lebenden Krokodile zeigen. Wir mieten ein Boot, erkunden Alligator Point und tuckern flussaufwärts in den Norman River. Doch außer Pelikanen und Reihern tummeln sich zur Zeit keine Tiere im brackigen Wasser.

Dass wir uns auf Nebenrouten bewegen, schlägt sich merklich auf den Dieselpreis nieder und auch das Bier bewegt sich an der 25-Dollar Schmerzgrenze für einen Karton. Das sind lediglich 24 Flaschen mit je 275 ml Inhalt – wir haben noch nie Bier aus so kleinen Behältnissen getrunken.

Mount Isa mit dem größten Erzabbau Australiens (Zink, Blei, Kupfer und auch Uran) lädt uns für den Besuch zweier einmaliger Institutionen ein: School of the Air und die Basis der Royal Flying Doctors. In ersterer werden zur Zeit rund 220 Kinder auf weit entlegenen Farmen per Radiofunk täglich zwei Stunden unterrichtet. Die schriftlichen Hausaufgaben senden sie mit dem Postflugzeug alle zwei bis drei Wochen ein. Ebenso für die entlegendsten Gebiete sind die fliegenden Ärzte zuständig, die turnusmäßig, sowie bei dringenden Notfällen, ihre Patienten besuchen.

Die Tagestemperaturen erreichen nun schon 40°, doch in der Nacht kühlt es extrem auf 9° ab. Wir überqueren eine weitere Bundesstaatengrenze und befinden uns im Northern Territory. Hier stoßen wir auf den Stuart Highway, der geradewegs nach Norden führt. Gesäumt mit allen nur erdenklichen Sehenswürdigkeiten für die unzähligen Autobusse voller Touristen, die in einer Abhaketour in 14 Tagen von Sydney über Alice Springs nach Darwin brausen.

Ja, und auch wir besuchen eine der so gepriesenen Würdigkeiten: Kakadu National Park, laut Eigenprospekt zu den wichtigsten und schönsten der Welt zählend. Zugegeben, die letzten zwei Regenperioden waren nicht sehr ergiebig und das Land ist allgemein trockener als in Normaljahren. Doch auch dieser Umstand kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass hier etwas verkauft wird, was schon längst tot ist. Verzweifelt wird versucht, jede sich nur bietende Chance einer neuen Attraktion zu vermarkten und die Bagger und Baumaschinen haben volle Arbeit geleistet! Hotel reiht sich an Hotel, Holiday Resorts mit Golf- und Tennisplätzen und natürlich Swimmingpools, daneben ein Flughafen - nichts fehlt in diesem Wohlstandsgarten.

Die Natur aber leidet an jeder Ecke, weite Waldflächen sind verdorrt, laublos und abgestorben. Kaum Wasser in den kleineren Flüssen, die Creeks fast durchwegs ausgetrocknet, staubig und versandet, ebenso die sogenannten Wetlands, was soviel wie Sumpf bedeutet. Und an den wenigen Wasserstellen drängen sich nur noch Vögel, die restliche Tierwelt hat anscheinend die Flucht ergriffen. Wohlgemerkt, das sind unsere Eindrücke - doch sind wir über 400 Kilometer durch diesen Park gefahren, stets hoffend, doch noch intakte Natur zu finden.

Am 22. August erreichen wir Darwin, die Hauptstadt des Northern Territory, welche 1974 vom Wirbelsturm Tracy fast völlig zerstört wurde und sich heute in einem modernen, aber gefälligen Bild präsentiert. Hier stellen wir unseren Hieronymus erneut bei Bekannten unter und bereiten unseren nächsten Reiseabschnitt vor.

 


zur Reiseübersicht

Startseite