Reisen in der Karibik ist wunderschön, hat aber einen entscheidenden Nachteil: es ist sauteuer! So besorgen wir uns einen speziellen Reiseführer mit dem Titel »Affordable Caribbean«. Dieses Büchlein hat jede Menge Money-Saving-Tips auf Lager. Ein ganz spezieller sei hier erwähnt: "Organisiere deine eigene Bootstour...," was wir dann brav befolgt haben!

 

Muskelkater im Kopf
Reise nach Puerto Rico - eine Insel in der Karibik

Am Beginn einer Reise, besser schon bei der Planung der Reise, kauft man sich einen Reiseführer. Weil man glaubt denen, die ja schon dort waren. Ich meine damit diejenigen, welche dann diese Reisefibeln schreiben und damit Geld verdienen. Also kaufen auch wir einen Reiseführer mit dem vielversprechenden Titel Affordable Caribbean - frei übersetzt: "Die Karibik, die sich jeder leisten kann". Rückwärts am Umschlag steht dann noch: "For travelers with champagne tastes and beer budgets..." Dieser Vergleich hinkt ein wenig, denn amerikanischer Schaumwein kostet nur wenig mehr als Bier, doch der Reiseführer ist ja auch für Europäer geschrieben.

Nun bildet dieses Buch und sein umfangreicher Inhalt die Grundlage für unsere Recherchen und Planungen, wobei zugegebenermaßen doch das beer budget im Vordergrund steht. Die Wahl fällt auf Puerto Rico, einerseits ein Territorium der Vereinigten Staaten und andererseits das Sprungbrett zu den kleineren und geheimnisvollen Antilleninseln. Vielversprechende Hinweise auf Geschichte und Leute des Landes, über Christoph Columbus bis hin zu Bob Marley festigen den Entschluss: "You fly to Puerto Rico“, das sind auch die Worte von Diana, der rührigen und geduldvollen Angestellten im Reisebüro im Glendale Viertel in Phoenix/Arizona.

Der letzte Tag im Jahr

Sky Harbor Airport in Phoenix - unser Abflug ist 20 Minuten nach Mitternacht in dieser Silvesternacht, welche in Amerika ganz unterschiedlich gefeiert wird. Überraschend ruhig ist die Stadt, keine lauten Böller und Kracher stören die Nachtruhe, auch Raketen steigen nicht in den ohnehin von Millionen Watt beleuchteten Himmel.

Am Flughafen herrscht reger Betrieb, aber nicht mehr als an all den anderen Tagen und Nächten. Keine Pappnasen, keine Papierhüte und sonstiger Trallala, keine Sektkorken knallen und kein Diner for One am Fernsehschirm. Die Beer-Lounge serviert Bier, der Hotdog Stand faltet Hotdogs, das Popcorn wirbelt im Glaskasten herum, der Kaffee wird aus dem Pappbecher geschlürft. Alles ist genauso wie auch sonst immer. Wir wissen das, denn wir sind oft auf Flughäfen, wir sind viel unterwegs! Doch das ist heute eine Premiere und wir blicken ständig auf die Uhr, lauschen der Stimme im Lautsprecher, um nur ja nicht den wichtigen Augenblick zu verpassen. Wir wollen doch irgendwie das Neue Jahr willkommen heißen, man ist ja nicht immer zu Silvester unterwegs nach Puerto Rico. Ursula ist mehr aufgeregt als ich, sie muss öfters zur Toilette. So auch in den letzten Minuten von 1996 - und da bleibt sie bis 1997!

Ich warte vor der Türe, Leute drängen vorbei, aus den Lautsprechern die üblichen Ansagen, Hinweise, Personenrufe. Das alte Jahr ist stillschweigend durch den Flughafen gerauscht, abgeflogen und auf Nimmerwiedersehen verschwunden. Ich stehe allein da, mit dem Neuen Jahr und erst als Ursula aus der Toilette kommt, ist es unser Neues Jahr! Happy New Year - mit zwei Minuten Verspätung.

Ankunft in San Juan, Hauptstadt von Puerto Rico

Es gibt zwar keinen Champagner im Flugzeug, trotzdem klettern wir fast erfroren aus dem Jumbo und haben zumindest das Gefühl eines eingekühlten Sektglases in uns. Und ein Flughafengebäude in der Karibik steht da natürlich auch nicht zurück und bläst mit unerbittlicher Strenge seinen Besuchern die eisgekühlte Luft entgegen. Mit Sehnsucht schielen wir zum Ausgang, doch dieser ist blockiert mit wartenden Taxifahrern, welche mit ihren tiefgekühlten Limousinen auf Kundschaft warten. Jetzt ist der Augenblick gekommen, wo sich der Kauf des Reiseführers zum ersten Mal bezahlt machen muss!

Denn der Fahrpreis in die Stadt mit einem Taxi ist mit 16 Dollar angeschrieben, doch unsere Budgetfibel verspricht öffentliche Transportmittel! Und so einen Savvy Money Saving Tip lassen wir uns nicht so ohne weiteres durch die Finger rutschen!

Allerdings kann uns erst die Dame in der Tourist-Information den genauen Standort der Bushaltestelle beschreiben, für alle anderen Flughafenbediensteten ist das Wort 'Bus' ein Tabu - heutzutage fährt man mit dem Taxi, und überhaupt...! Doch neben dem Bushaltestellentipp erhalten wir auch die Adresse eines Guesthouse, welches für leistbare 110 Dollar einen Sieben-Tage-Aufenthalt in der Altstadt von San Juan ermöglicht. Mit Stolz und Zuversicht besetzen wir den Busstop, die parada, und tatsächlich erscheint ein A7 Fahrzeug! Mit der Routine eines Einheimischen werfe ich zwei quarters in die Kasse neben dem Fahrer - klingeling, 15 und einen halben Dollar gespart!

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Der 1. Januar 1997 ist ein Mittwoch, der Neujahrstag gilt auch in Puerto Rico als Feiertag. So gesehen beziehen wir unser Quartier im zweiten Stock des Hauses von Sr. Vicente Castro an einem ruhigen Nachmittag, ein Balkon gewährt Ausblick bis zum Hafen und natürlich hinunter auf die Calle Tanca, die Straße unter uns.

Am zweiten Tag des Jahres ist ein ganz besonderes Ereignis angesagt. Der Governor wurde für eine neue Amtsperiode wiedergewählt und gibt aus diesem Anlass ein Monsterfest auf dem Gelände vor der Festung El Morro. Dass sich dieses Fest nicht nur aufs Festungsgelände beschränkt, merken wir spätestens bei unserer Heimkehr von eben diesem Fest. Nicht weniger als drei Kneipen befinden sich unmittelbar unter unserem Balkon - am Tag durch geschlossene Holzläden bestens getarnt und nun voll in Action. Diese Action drückt sich hauptsächlich in hämmernder, bassbetonter Musik aus - genau das Richtige für Leute mit Schlafbedürfnis. Dieses Bedürfnis kann erst ab zwei Uhr morgens einigermaßen gestillt werden und wird bereits um sechs Uhr früh durch die eifrige Müllabfuhr unterbrochen. Denn Feste hinterlassen Spuren und diese gehören zumindest in der Hauptstadt, der Residenz des Governors rasch beseitigt. Dies soll nicht als Kritik gelten, es ist nur das, was ich beobachtet habe und doch ist es ein Vorausgriff auf künftige Ereignisse.

Der morgendliche Kaffee kommt von Burger King, stilgerecht im Styroporbecher mit Plastikdeckel obenauf. Orangenjuice gibt es bereits aus dem zimmereigenen Kühlschrank. So gesehen eigentlich ein komfortables Frühstück! Wir genießen die vormittägliche Ruhe, der Ventilator an der Decke verteilt beruhigend die noch kühle Luft, wir beginnen den Tag zu planen.

Als erstes steht ein Gang zu Walgreens am Programm. Die "Erste Hilfe" Abteilung dort verkauft Ohrstöpseln oder sonstige Lärmdämpfer. Ausverkauft - wir werden in den gegenüberliegenden Drugstore geschickt, dort gibt es noch ein Restpaar! Bereits beim Verlassen des Ladens bin ich versucht, dieses auszupacken. Auf der Plaza de Armas hat eine 10.000-Watt-Disco Station bezogen und probiert gerade alle tiefen Töne auf einmal aus. Es ist Freitag, da hat doch im Zentrum etwas los zu sein!!! Wir flüchten in Richtung Hafen, dort wo die Luxuskreuzschiffe anlegen, um ihre verwöhnten Passagiere an Land zu lassen. Und da ist bereits einiges vor Anker, breitbeinig staksen unzählige Menschen am Kai herum und versuchen sich irgendwie nicht gegenseitig in die Quere zu kommen. Mich erinnert die Gangart an jene eines Schaffners, wenn er im schwankenden Waggon auf und ab geht und die Fahrscheine kontrolliert. Ich stelle mir vor, dass einige Tage auf See diesen Gang einfach notwendig machen, die Wellen in der Karibik sind da nicht zu unterschätzen und die Pina Coladas erst recht nicht!

Damit kehre ich wieder zurück auf die Plaza, dort sind mittlerweile verschiedene Stände aufgebaut worden, welche allesamt für die leiblichen Genüsse der Besucher verantwortlich zeichnen. Essen und Trinken halten sich in etwa die Waage, ganz spezielle Anbieter servieren die raffiniertesten Cocktails - in Plastikkelchen natürlich. Diese Behältnisse sind anschließend zum Wegwerfen bestimmt oder zur weiteren Verwendung im Guesthouse. Im Supermarkt Pueblo ist dunkler Bacardi Rum im Angebot, dazu noch Ananassaft und Kokosnussmilch - Zimmer sieben ist zur Cocktailbar geworden und ab jetzt wird der Lärm in Pina Coladas ertränkt. Was dann noch an Geräuschen übrigbleibt, wird mit den Wachspfropfen ausgesperrt. Aus, Ende!

"Kannst du jetzt schlafen?", frage ich Ursula.
"----------", antwortet sie.
"Ich verstehe kein Wort".
"----------".
"Gute Nacht", - die Ohrenstöpsel sind einfach herrlich!

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Spanische Seefahrer waren nachweislich die ersten Europäer, welche mit Christoph Columbus im Jahr 1493 den Boden von Puerto Rico betraten. Wenige Jahre später folgte Juan Ponce de León, der eine kleine Siedlung errichten ließ und sich zum Governor ernannte. Diese Siedlung wurde 1521 zu Old San Juan und erstreckt sich seither bis zur Spitze der Halbinsel, die einen hervorragend geschützten Hafen zum Atlantik hin abschirmt. An der Einfahrt zu diesem Naturhafen thront hoch auf den Felsen Fuerte San Felipe del Morro, von allen kurz El Morro genannt. Eine wuchtige Bastion, welche aus der Luft betrachtet wie ein monströser Stierkopf - hornwork - aussieht. Das Gelände vor der Festung zeigt noch deutliche Spuren vom großen Fest des Governors, die Aufräumungsarbeiten dauern noch an. Von den Mauern und Türmen genießen wir eine prächtige Rundumsicht, die Hafeneinfahrt kann hier tatsächlich niemand ungesehen passieren.

Eine Besonderheit sind die garitas, jene kleinen Wachtürmchen an den Ecken der Festung und entlang der Stadtmauer. Ein einzelner Wachposten kann nicht nur das Meer und das Land hinter ihm beobachten, sondern auch die Basis unter ihm. Heute sind garitas ein beliebtes Fotomotiv und schmunzelnd beobachte ich immer wieder Pärchen, die versuchen sich nebeneinander in den schmalen Zugang zu quetschen, um damit für ein Foto zu posieren. Mit dem linken Teil des sogenannten hornwork ist übrigens Österreich geschichtlich verbunden: Es wird The Austria Bastion genannt - named in Honor of Charles I, King of Spain and Austrian Emperor of Germany. So steht es auf einer Tafel geschrieben und wir wissen jetzt, dass es einen österreichischen Kaiser von Deutschland gegeben hat - natürlich nur bei der sehr wörtlichen Übersetzung!

Ein Spaziergang durch die schmalen Gassen erfordert viel Aufmerksamkeit. Zum einen muss man ständig nach oben schauen. Viele eiserne, zum Teil auch noch hölzerne Balkone hängen wie Nester an den Häusern. Oft mit überquellenden Blumen und Farnen geschmückt, scheint gar kein Platz für den Bewohner zu sein. Zum anderen ist es das blau-graue Kobbelpflaster am Boden der genau Nord-Süd und Ost-West ausgerichteten Straßen und Gassen, das es zu betrachten gilt. Ursprünglich sind diese rechteckigen Steine als Ballast in den spanischen Schiffen verwendet worden. Diese sind ja meist ohne Fracht aus Europa herübergesegelt, um dann reich beladen mit Gold aus Mexiko und Peru wieder heimzukehren. Aber das ist eine andere Geschichte. Heute jedenfalls schlendern wir über die blanken Steine und erreichen die plazas und plazuelas, jene Plätze die unvergleichbar mit Spanien verbunden sind. Plaza de Armas - hier finden wir reihum wichtige und vor allem schöne Gebäude, wie etwa Alcaldía, eine Nachbildung des Rathauses von Madrid. Wir folgen der Calle Fortaleza nach Westen und erreichen La Fortaleza. Es ist eines der ältesten Gebäude in der westlichen Hemisphäre und war für 170 Governors Residenz, so auch für den jetzigen, wiedergewählten Pedro Roselló. Ursprünglich war dieses Gebäude als Festung errichtet worden, doch war die Lage strategisch derart ungünstig, dass man bald darauf mit der Errichtung von El Morro begann. Der spanische Historiker Fernández de Oviedo sagte dazu: "Nur blinde Männer konnten so einen Platz für eine Festung auswählen."

Unweit von hier steht ein auffallend weißes Gebäude hoch auf den Felsen den Hafen überblickend: Casa Blanca. Diese Villa wurde im Jahr 1521 für Ponce de León errichtet, doch dieser starb währenddessen in Kuba - er hat dieses Haus nie gesehen. Ein Hurrikan richtete zwei Jahre später großen Schaden an, der Schwiegersohn Leóns ließ es reparieren und bis heute wurden nur kleine Änderungen durchgeführt. Ein prachtvoller, urwüchsiger Garten umgibt das Gebäude, er ist ebenso zugänglich wie das Haus, worin nun ein Museum eingerichtet ist.

Selbstverständlich hat man auch Christoph Columbus einen Platz gewidmet, aber erst anlässlich der 400-Jahr-Feier der Entdeckung Puerto Ricos. Seine Statue überragt seither diesen lebhaften Platz mit vielen Cafes und Restaurants in den Häusern ringsum. Abschließend führt unser Spaziergang noch zum Capitol, dem Sitz der Regierung, welches etwas außerhalb des alten Stadtkerns liegt. Das mächtige Gebäude aus weißem Marmor hat, wie fast alle Capitole der Vereinigten Staaten, eine große Kuppel obenauf, die allerdings erst vor einigen Jahren darauf gebaut wurde.

San Juan liegt an der Nordseite von Puerto Rico, dort wo der Atlantik seine Wellen an die Küste wirft. Natürlich nützen diese Lage viele Hotelketten und errichten ihre Betontürme entlang der Buchten und Strände, wie man auf den hübschen Bildern in all den noch hübscheren Prospekten sehen kann. Ein Blick in unseren Reiseführer verrät mit verführerischen Worten etliche Strände bei San Juan und in der näheren Umgebung. Selbstverständlich hat nun jeder Reiseführerleser ein Auto zur Verfügung, davon geht man aus. Ja das setzt man voraus, bei der Beschreibung der balnearios. Und bei einem beer budget sind doch leicht die 30 Dollar Tagesmiete für eben solch ein Auto drinnen! Aber wozu gibt es denn eine Tourist Information? Dort hat man sicher etliche Tipps auf Lager, wie wir kostengünstig ans begehrte Nass kommen!

 "Gibt es in der Nähe öffentliche Strände und wie kann man diese erreichen?", fragt Ursula, natürlich auf Spanisch.
"In Puerto Rico sind alle Strände öffentlich, außer ganz wenigen bei den Luxushotels, dort ist dann ohnehin alles eingezäunt", erklärt die freundliche Dame hinter dem Schreibtisch. "Hier sind die schönsten Badestrände", spricht sie weiter und malt einige Kringel auf unsere Landkarte. "Mit dem Auto sind diese leicht zu erreichen, es gibt dort immer einen bewachten Parkplatz".

"Wir haben aber kein Auto".

Die Augenbrauen der freundlichen Dame schnellen in die Höhe, aber nur kurz. Dann spricht sie weiter: "Sie können auch mit einem Taxi dorthin fahren, zum Beispiel hier nach Condado Beach kostet es nur etwa zehn Dollar!"
"In unserem Reiseführer gibt es den Hinweis, dass sogenannte publicos und auch Busse verkehren, fährt vielleicht so was zu einem der Strände?"
Die Augenbrauen hüpfen erneut, diesmal länger. "Hier ist der Busterminal in Old San Juan, von dort fahren viele Busse weg", und zeichnet ein Kreuz auf unsere Karte. "Dort bekommen sie auch Auskunft, welche Linie wohin fährt", spricht die freundliche Dame nun schon etwas schneller. Ich verkneife mir die Frage, ob man dorthin auch zu Fuß gehen kann!

Die tolle Busfahrt vom Flughafen in die Stadt noch in triumphaler Erinnerung, eilen wir zum Busterminal. Ursula taucht für einige Minuten in irgendwelchen Büros unter und kehrt freudestrahlend zurück. In der Hand schwenkt sie ein buntes Heftchen, darin sind alle Linien, Routenkarten und Abfahrtszeiten abgedruckt - Jubel! Von diesem Schatz wissen die Leute unseres Reiseführers bis heute nichts, - oder war damit "The hidden treasures of the Caribbean" gemeint???

Ich fasse unsere beiden Strandausflüge zusammen. Einmal bringt uns Bus M1 nach Condado, wo wir einen Zugang zur sandigen "Hotelstrandliegewiese" finden. Entlang dieser eingezäunten Ressorts, Clubs und Hotelcasinos stapfen wir bis zum Balneario Carolina, wo wir dann erstmals, das für mich erstaunlich warme Wasser des Atlantiks schwimmenderweise ausprobieren. Abwechselnd versteht sich, denn einer von uns passt immer auf unsere Sachen auf. Ein zweiter Ausflug lässt uns erneut Bus A7 besteigen, welcher in einer großen Schleife zuerst den Flughafen ansteuert. Das Endziel der Linie ist dann ein kleines Straßendorf hinter Carolina und eine andere Welt zeigt sich uns! Nicht nur, dass hier endlich hohe Palmen im Sand stehen, die sich mit fächelnden Blättern im Wind wiegen und sich steil bis zu den schneeweißen Wolken am Himmel strecken - nein, hier finden wir Idylle, die in keinem Prospekt stehen und ja gerade deshalb unsere sofortige Zuneigung finden. Bunte Holzhütten als Restaurants und Bars hergerichtet, Rauch steigt aus vielen Feuerstellen auf, lustige Menschen stehen, sitzen, lehnen herum und überall freundliche, lachende Gesichter. Männer hocken am Strand oder werfen ihre Fischleinen aus, Frauen sitzen im Schatten der Palmen und tratschen, Kinder tollen im Wasser herum, suchen nach Muscheln und bunten Steinen. Wir richten uns am Ende einer Bucht ein kleines Schattenplätzchen aus abgeworfenen Palmwedeln und für diesen Tag ist die Welt wieder in Ordnung!

Für die Rückfahrt haben wir eine besondere Taktik entwickelt. Der Bus A7 dreht am Ende des Ortes um und fährt dieselbe Straße, welche er gekommen ist, wieder retour. So gehen wir ihm ein gutes Stück entgegen bis zu einer parada, setzen uns bei einer Bar vor die Türe und warten. Von dem Moment an, wo der Bus an uns vorbeifährt, bleiben etwa drei Minuten bis zu seiner Rückkunft - genug Zeit um sein Cerveza Medalla auszutrinken und zur Haltestelle zu gehen. Und der Tag meint es weiter gut mit uns. Die Bar ist auch Annahmestelle für Pferdewetten und heute, am Sonntag, laufen so drei Dutzend Rennen. Live natürlich auch über den Fernsehschirm, und dementsprechend hitzige Debatten unter den wettenden Zuschauern, worüber wir uns sehr amüsieren. Dass wir außerdem jeder zwei Bierdosen leeren liegt auch am Sonntag: Der Bus fährt nur jede Stunde!  Der Tag meint es wirklich gut mit uns.

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Der 6. Januar ist Dreikönigstag, tres reyes auch in Puerto Rico. Es wird mir immer ein Rätsel bleiben, warum ausgerechnet der 6. Januar dafür herhalten muss. Ich denke, es war die Tourismusindustrie der frühen Jahre, welche zusammen mit den Schulen die sogenannten "Weihnachtsferien" geschaffen hat! Wie auch immer, hier in San Juan ist das Ganze wiederum anders als anderswo. Hier gibt es nur einen König, dafür aber mit Königin - nämlich den Governor und seine liebe Frau! Und die beiden verteilen den ebenso lieben Tag lang Geschenke, an Kinder. An große und ganz kleine, an helle und dunkle. Einfach an alle Kinder, die sich dafür stundenlang anstellen.

Und das läuft dann so ab:

Bereits am späten Abend des 5. Januar erscheinen die ersten Familien vor den Toren von La Fortaleza, der Residenz des Governors. Ausgerüstet mit Liegematten, Hockern, Wasserflaschen, Kartoffelchips, Pepsi Cola und sonstigem Überlebenswichtigem, harren sie nun hier aus. Entlang der linken Seite der Calle Fortaleza hat man weiße Holzplanken aufgestellt, eine Art Gatter, das die sich Anstellenden von den normalen Fußgängern trennt. Und viele, eigens mit Plastikausweisen und wichtiger Miene ausgestattete Helfer achten peinlichst und streng darauf, dass sich ja niemand vorschwindelt! In den Morgenstunden reicht die Schlange der Wartenden bereits bis zur Calle Tanca zurück, das ist die Straße wo wir wohnen. Um die Mittagszeit gibt es bereits eine Warteschleife um die Plaza Colón runter in die Recinto Sur, welche ihrerseits wieder die Calle San José kreuzt, über die man in zwei Minuten zur Calle Fortaleza kommt. Kommen könnte! Denn wie gesagt: Überall achten strenge Gesichter, dass da ja niemand eine Abkürzung nimmt! Etwa vier Kilometer ist die beschriebene Schleife lang, zwischen vier und fünf Stunden schieben sich die Menschen vorwärts, essen, trinken, hocken, sitzen, gehen aufs Klo, die Väter lesen Zeitung, die Mütter betrachten die Auslagen, an denen sie sich nun ja wirklich sehr langsam entlang bewegen.

Plötzlich ein Rumoren, Stimmen werden laut, schreien, kreischen - die Menge gerät in Bewegung. Aber nur gerade so viel, dass jeder sieht was los ist und dennoch nicht seinen Warteplatz verliert. Die Menge kreischt mit, johlt, scheint anzufeuern. Drei Polizisten eilen im Laufschritt herbei, drängen durch die Menge und verschaffen sich Autorität. Nun sind auch die strengen Helfer wieder streng, ordnen die Menschenschlange und dirigieren die Autos über die Kreuzung. Das Schreien verstummt, die Menschen blicken wieder geduldig in Richtung Palast des Governors. Was war los? Ich weiß es nicht, viele wissen es nicht, aber es war Abwechslung in der eintönigen Warterei und das war es wert, man war dabei!

Durch La Fortaleza hat man ein Einbahnsystem errichtet und rückwärts, direkt oberhalb der Stadtmauer erscheinen dann all die glücklichen Menschen und werden von den strengen Gesichtern beim Tor hinausgelotst. Und da stehen sie nun. Mütter, Väter, sonstige Verwandte und strahlen um die Wette mit den Kleinen, die da nun alle ein Geschenk in Händen halten: Plastikpuppe, Plastikball, Plastikfeuerwehrauto, Plastikbagger, Plastikflieger, Plastikroboter, Plastikschaufel plus Rechen, Plastikkapperl, Plastiksaurier, Plastikdrache, Plastikvogel. Alles schöne, saubere, sterile Spielsachen. Und die Kinder werden lange ihre Freude daran haben, denn Plastik wird nicht kaputt. Nein, auch nicht auf den Müllhalden! Dorthin werden morgen viele Müllautos fahren - dann, wenn sie die Stadt des Governors wieder sauber gemacht haben und all die Plastikbecher, Plastikflaschen, Plastikhalme, Plastiksackerl, Plastikteller, Plastikbestecke und das eine oder andere bereits zerbrochene Plastikspielzeug in großen, schwarzen Plastikmüllsäcken, mit orange Plastikbändern zugebunden - wenn sie all dies auf die große, weit weg außerhalb gelegene Müllhalde bringen. Und viele Menschen in San Juan werden ihren Governor preisen, seine Frau loben und sich vornehmen, im nächsten Jahr mindestens zwei Stunden früher hinzugehen!

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Warum ich so viel über Müll schreibe? Ich erinnere an das Fest anlässlich der Wiederwahl des Governors. Da hat er lange gesprochen, sehr lange sogar, fast so lange wie ein europäischer Politiker vor seiner Wahl. Ursula hat übersetzt, so gut halt die Sprache eines Politikers zu übersetzen ist. Mir kam alles "spanisch" vor (es war auch spanisch!). Und sie hat gesagt, dass er viel verspricht. Gutes natürlich, dass er sparen wird mit dem Geld des Volkes, und dass er viele, viele Ideen hat. Auch mit dem Geld des Volkes. Vom Energiesparen war die Rede, von besserer Ausbildung, von neuen Arbeitsplätzen. Auch vom technischen Fortschritt konnte sich jedermann überzeugen: "Jedem Puerto Ricaner sein Handy" stand groß auf einigen Transparenten zu lesen und die Menschen haben geklatscht und gejubelt und waren alle voller Freude. Und dann war auch vom Recycling, vom Wiederverwerten die Rede, vom Mülltrennen, vom Sammeln. Überall waren Behältnisse aufgestellt, für Aluminiumdosen, Papier, Plastik, Glas und Restliches. Freundliche Jugendliche haben die Menschen ermuntert diese vielen Behältnisse auch zu nutzen, haben Broschüren verteilt und T-Shirts mit freundlichem Gesicht verschenkt. Es waren wirklich viele Behältnisse aufgestellt, man ist fast darüber gestolpert, so viele waren es. Jetzt frage ich mich, was ist mit den vielen Behältnissen passiert? Sie werden ausgeleert, und dann? Wieder aufgestellt, natürlich! Irrtum - denn am 6. Januar, am Tag der Drei Könige, am Tag des großen Beschenkt-Werdens sehe ich nicht eine(!) dieser praktischen Boxen. Nicht eine einzige winzig kleine Schachtel ist aufgestellt, nicht vor der Residenz, nicht hinter der Residenz, nicht in den Straßen zur Residenz, nirgends in ganz Old San Juan! Erst vier Tage sind seit der langen Rede vergangen und niemand denkt mehr ans Mülltrennen. Und viele Arbeiter mit orange Plastikjacken, an der Brust einen Plastikausweis, schaufeln Aludosen, Glasflaschen, Plastikbecher und Papier in große, schwarze Plastiksäcke, binden diese mit orange Plastikbändern...

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Abenteuer "publico"

Ein publico ist ein Fahrzeug, welches Personen transportiert. Es rangiert in der Klasse zwischen öffentlichem, sprich staatlichem Bus und einem Taxi. Es wird meist vom Eigentümer selbst chauffiert, hat absolut keinen Fahrplan und auch keine fixierten Haltestellen. Einzig Abfahrts- und Ankunftsort sind sicher. Diese stehen vorne oben an der Windschutzscheibe. Zwischen diesen Orten kann jedermann an jeder beliebigen Stelle winken. Das publico bremst, bleibt stehen und man steigt ein. Im Normalfall sitzen vierzehn Passagiere und der Fahrer drin. Das ist wie gesagt der Normalfall und steht auch so in der offiziellen Touristenbroschüre Que Pasa  beschrieben - nicht im Reiseführer, oh nein!

Und wir beide stellen uns nun folgende Aufgabe:

Wir wollen von San Juan nach Fajardo, simple 55 Kilometer an die Ostseite der Insel. Also, in der direkten Linie ist es schwierig, eigentlich unmöglich. Wir sind erneut bei der freundlichen Dame in der Tourist-Information, diesmal zucken die Augenbrauen nicht mehr, sie kennt uns schon. Wir müssen zuerst nach Rio Piedras, das ist sozusagen die Drehscheibe für alle Richtungen und dorthin fährt ein Bus, ein großer, so wie der zum Flughafen. Er fährt sogar "Express" - bei diesem Wort leuchten die Augen der freundlichen Dame und ist richtig stolz über diese Auskunft. Und tatsächlich: Ein Express-Bus mit ebensolcher Express-Klimaanlage rauscht direkt nach Rio Piedras. Dort sollen wir nach dem Terminal Este fragen, es ist dies der Abfahrtsort der publico. "Die Hauptstraße zwei Blocks hinauf und dann rechts, man sieht von dort bereits ein zweistöckiges, grünes Gebäude - so grün wie dieses Auto etwa". Besagtes Auto ist grau. Wir schultern unsere Rucksäcke und gehen die Hauptstraße hinauf, zwei Blocks so wie uns geheißen und dann rechts. Weit und breit kein zweistöckiges Gebäude und auch kein grüngraues. Erst nach dem vierten Block entdecken wir ein tatsächlich grünes Gebäude mit den Lettern Terminal Este drauf. Das Erdgeschoss ist wie eine Parkgarage ausgerichtet und in jeder Ecke prangt ein Schild mit dem Endziel des darunter stehenden publico. Bei Fajardo steht eines, eine elegante Dame sitzt bereits wartend drin.

Und jetzt weiß ich, was ich bei der Beschreibung des publico vergessen habe. Es fährt erst los, wenn genügend Passagiere an Bord sind! Die Zahl "genügend" bestimmt der Fahrer, in unserem Fall ein unverschämt gieriger, der sie auf "acht" festsetzt! Der Fahrpreis ist drei Dollar pro Person, macht bei uns also gesamt neun?! Der gierige Fahrer rechnet für die Rucksäcke auch eine Person und erst nach einigem Feilschen einigen wir uns auf acht Dollar. Als Nächste steigen zwei Männer zu, etliche Taschen und Säcke mit dabei. Wieder ein Palaver wegen des Preises, doch die Beiden kennen die Gebräuche und bleiben stur – sechs Dollar, basta! Nun kommen zwei Frauen, gemeinsam tragen sie sorgfältig eine Schachtel. Wieder gerät der Gierige in helle Aufregung, doch die Frauen bezahlen die geforderten drei Dollar. In der Schachtel ist nämlich ein Hundebaby, ein Welpe der Rasse "Deutscher Schäferhund", wie stolz sogleich berichtet wird. Auch der Preis wird genannt: 220 Dollar und da gebührt dem Kleinen schon ein ganzer Sitzplatz, aber ja doch! Nun fehlt noch ein Fahrgast auf die Zahl "acht", da biegt schon einer um die Ecke, öffnet die Beifahrertür und bugsiert sein Gepäck auf den Boden, bevor der Fahrer es gesehen hat. Auch einer, der sich auskennt! Nun wäre eigentlich alles erfüllt, was die Abfahrt eines publico erforderlich macht, doch unser Fahrer geht nach rückwärts, öffnet die Hecktüren und schlichtet die Hundebabyschachtel längsseits(!) auf die Sitzbank. Fast unglaubliche, etwa vierzehn Zentimeter Raumgewinn, doch die gierigen Augen sehen rechts neben den Frauen noch freien Raum und das ergibt zusammen einen dreiviertel Sitzplatz!

Das Führen eines publico lernt man in keiner Fahrschule. Das kann man sich nur durch jahrelange, nervenaufreibende Praxis erarbeiten. Der innere Rückspiegel unseres publico ist genau in meinem Blickfeld, die gierigen Augen unseres Fahrers in der Mitte. Das heißt, nur die Augen - nicht sein Blick! Dieser ist ständig irgendwo am Horizont des rechten Straßenrandes, um nur ja kein Zeichen eines künftigen Fahrgastes zu übersehen. Der linke Unterarm hängt zur Gänze außerhalb des Fahrzeuges, damit dirigiert er alles was neben, hinter oder vor uns fährt, deutet energisch seine Bremsmanöver an und fuchtelt nach oben und unten wenn es rechts ran geht oder aber wieder links weg. Warum auch publicos mit Brems- und Blinkleuchten ausgestattet sind, konnte ich niemals eruieren. Ein Automatikgetriebe unterstützt wesentlich so eine Fahrweise, denn wenn die linke Hand gestikuliert, die rechte Hand lenkt und gleichzeitig schon das Gaspedal gedrückt wird - wie bitte soll dann auch noch geschaltet werden?

Kreuzungen, vor allem solche mit Ampeln, sind etwas ganz Spezielles. Jene auf den Überlandstraßen fungieren als eine Art Haltestelle, das scheint so das Einzige zu sein, das einer gewissen Ordnung unterliegt. Prinzipiell wartet der Fahrgast - will er einer werden - immer nach der Kreuzung, den Bremsweg des publico stets mit eingerechnet und in gebührendem Abstand von der Fahrbahn. Denn hat der aufmerksame Fahrer, und unserer ist so einer, den Wartenden erspäht, befindet sich seinerseits aber in der dritten Fahrspur - ja dann zeigt sich nun die jahrelange Routine eines echten, des wahren publico Fahrers:

Der linke Unterarm saust Richtung Wagendach, der abgespreizte Zeigefinger deutet für Sekundenbruchteile nach rechts, dann beginnt die ganze linke Hand wild nach unten zu deuten, während die rechte Hand bereits das Lenkrad in Richtung Straßenrand dreht. Irgendwo unten - es entzieht sich meiner Sicht - tritt ein Fuß mächtig auf die Bremse und in zentimetergenauer Arbeit schert das publico an der mittleren und rechten Kolonne vorbei zum Bankett und stoppt haarscharf vor dem Fahrgast. Eine Erleichterung gibt es, wenn mittlerweile die Ampel rückwärts auf Rot geschaltet hat. Das Einordnen kann ohne heftige Unterarmbewegungen stattfinden, vorausgesetzt natürlich, der neue Fahrgast steigt schnell ein und hat möglichst kein Gepäck dabei!

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Culebra - fun and funky

Wie anfangs erwähnt, war einer der Gründe, warum wir Puerto Rico gewählt haben der, dass wir die Insel so quasi als Sprungbrett für weitere Inselabenteuer benützen wollen. Nun besitzen wir ja einen gescheiten Reiseführer, welcher bis zum i-Punkt genau beschreibt, wo es die billigsten Badeschlapfen und den fettesten Hamburger gibt, fürs beer budget natürlich! Auf der nächsten Seite finde ich dann Preise für Unterkünfte. Und traue meinen Augen nicht, blättere vor und zurück - stimmt schon, ich bin bei der Insel St. John, die zusammen mit St. Croix und St. Thomas zu den U.S. Virgin Islands gehört. Unter der Auflistung campgrounds ist da nun zu lesen Maho Bay Camp. Es ist dies nicht Camping im herkömmlichen Sinn, nein! Denn wer schleppt denn ein Zelt mit auf die Insel, inklusive Hocker, Töpfe, Teller und was weiß ich sonst noch alles? Nein - dies ist natürlich schon da. Aufgebaut, hergerichtet, elektrisch angeschlossen, fertig zum Beziehen, aber vorher zu Bezahlen. Und jetzt kommt’s: pro Nacht und Nase kostet es lächerliche 80 Dollar! Achtzig Dollar - um es auszuschreiben, sonst glaubst du's nicht, also achtzig Dollar nehmen die für eine Nacht im Zelt!

Ich will es kurz machen. Alles Blättern in der Reisefibel nützt nichts, ob Antigua oder Aruba, ob St. Lucia, St. Martin oder gar St. Barthélemy, alle haben sie eines gemeinsam: ungeheuer hohe Preise, die sich nur eine gewisse Jet-Set-Schicht leisten kann und schlussendlich dies auch tut. Nicht aber zwei Österreicher mit Rucksäcken am Buckel und beer budget vor Augen. So entschließen wir uns für Naheliegendes und mit einer Fähre Erreichbares: die Insel Culebra vor der Ostküste von Puerto Rico. Sie gehört ebenso wie das benachbarte Vieques zum Territorium von Puerto Rico und damit zu den Vereinigten Staaten. Unser Reisebuch meint dazu folgendes: "Liebliche, weiße Sandbuchten, Korallenriffe, verschlafene Städtchen, farbenprächtiges Hinterland". Und dann noch wörtlich: "This is pure old-time Caribbean, fun and funky!" Vor unseren Augen entstehen bereits leuchtende Bilder, Reggae-Musik klingt in den Ohren, die Palmen am Strand rauschen im Wind, in der glasklaren karibischen See tauchen wir zwischen bunt schillernden Fischen zu den wundervollsten Korallen. An den lauen Abenden sitzen wir mit einem kühlen Drink auf der Terrasse des Guesthouses und lauschen den kreischenden Papageien ringsum in den blühenden Hibiskus Sträuchern, während am Horizont die Sonne in einer orange-goldenen Farborgie ins Meer eintaucht!?

Habe ich jetzt zu viel vorausgedacht? Nun, dann will ich jetzt über unser Inselabenteuer der Reihe nach berichten und es beginnt in der Stadt Fajardo. Wieder der gierige, unterarmschwingende Fahrer des publico bringt uns ohne Schaden dorthin. Endstation ist der Hauptplatz, welcher sich zurzeit als Riesenbaustelle präsentiert. Also hält uns da nichts weiter, wir müssen zum Hafen, wo die Fährboote ablegen. Bei einem kleinen Reisebüro erkundigt sich Ursula nach dem Weg und da erklären meist länger als handeln dauert, bietet uns kurz entschlossen der Angestellte eine Fahrt mit seinem Privatauto zum Hafen an. Das nenne ich Freundlichkeit, der Stadt gehört für immer unsere ganze Sympathie!

Wir haben noch viel Zeit bis zur Abfahrt des Schiffes und vorausdenkend an unsere Rückkehr von der Insel, erkunden wir die Guesthouses der Umgebung. Auch ein nettes Beisel liegt da am Weg und wir stimmen uns bei local music immer mehr auf Karibik ein. Als Unterstützung serviert eine nette Wirtin Bier, und weil sie so nett ist, gleich darauf noch eins. Die vielen Plakate mit Bierreklame drauf sind ja wirklich animierend. Prallbusige und rundhüftige schokoladenfarbige Bikinimädchen bieten mit aufforderndem Blick alles an, was sie herzugeben bereit sind. Nämlich die Bierdosen oder Flaschen in ihren Händen und dem Biertrinker das Gefühl, dass Pina Colada und Tequila Sunrise für ewig nun out sind. Budweiser ist in - es lebe das Bud!

Der Himmel dräut, eine wilde Wolkenstimmung über dem Wasser, als das Fährschiff ablegt. Übrigens für 2,25 Dollar pro Person - wir sind wieder beim beer budget, das Bier ist in uns! Am offenen Deck beobachte ich nun Leute. Sind da schon fun and funky people dabei? Die einzigen, welche auffallen sind solche von der schlechteren Sorte. Baseballmütze verkehrt am Kopf, Glitzerneonsonnenbrille auf der Nase und Corona beer in der Hand. Ja, und dass ich es nicht vergesse: Ein Kassettenrecorder Marke soundmachine steht am Boden und dröhnt elendiglich sein wumm-wumm-wumm gegen den Fahrtwind. Ich bin versucht, mit einem gezielten Kick diese Lärmorgel in die karibische See zu befördern, doch was können all die lieben Fische dafür? So schnappe ich meine Kamera und bin auf der Suche nach lohnenden Motiven. Ein palmenbestücktes "Inselchen" taucht auf! Wunderschöner weißer Sand, die Palmen wie ein Blumenstrauß in der Mitte angeordnet, wuchtige Wolken am graublauen Himmel und im Vordergrund mit unbeschreiblichen Farben das Meer - das ist nur der Vorgeschmack dessen, was uns jetzt erwartet! Da bin ich ganz sicher und Ursula auch. Sie hat mittlerweile mit den neben ihr sitzenden Passagieren Kontakt gefunden, plaudert angeregt und holt Informationen ein, über Unterkünfte und so weiter. Plötzlich sitzt sie kerzengerade auf der Bank, ich habe sie schon einige Zeit beobachtet und deshalb fällt mir so was auf. Steif und gerade, so sitzt sie da. Ich kehre zu ihr zurück, setze mich neben sie.

"Ist etwas nicht in Ordnung?" frage ich.
"Nein, nein, alles bestens - nur die spinnen!"
"Wer?" frage ich erneut.
"Die auf der Insel. Sagt mir doch glatt da die Frau neben uns, (ihre Stimme wird leiser) dass es nicht einfach sein wird, Quartier für eine Woche zu finden." Unser Plan ist nämlich, eine Woche auf der Insel zu verbringen.

Und Ursula spricht weiter:
"Sie und ihr Mann (sitzt neben ihr) haben ein Haus und vermieten so eine Art Apartment wochenweise."
"Und was kostet so was?" ich bin wieder am Fragen.
"Das ist es, warum ich sage die spinnen: 675 Dollar will sie für eine Woche. Aber sie würde uns einen Sonderpreis von nur 600 Dollar geben!"
"Du hast recht - die spinnen."

Soweit unsere ganz frisch eingeholten Informationen auf einem 2,25 Dollar Fährschiff, welches uns nach Culebra bringt. Noch immer fun and funky? Aber ja, wir sind da sehr zuversichtlich, es muss doch dort noch andere Unterkünfte geben. Welche, das verschweigt unsere Reisefibel - sie befasst sich nur mit größeren Inseln, solche die man anfliegen muss und nicht für 2,25 Dollar auf einer Fähre erreicht!

Das Erste, was wir beide auf Culebra nicht sehen, sind Palmen! Kein noch so kleiner, verführerischer Palmwedel winkt uns ein Willkommen! Dann legt das Schiff an der Mole an, mehr ist dort nicht - eine Mole ohne alles. Die Häuser an Land sind durch die untergehende Sonne in goldgelbes, schönes Licht getaucht. Damit haben sie für wenige Minuten Charakter erhalten, welcher mit der gleichen Geschwindigkeit, mit der die Sonne im Meer versinkt, wieder abhandenkommt. Wir beobachten andere Reisende, wohin sie gehen. Eigentlich sind es gar nicht so viele, die meisten Menschen wohnen hier, leben hier. Ursula fragt einen, dann den nächsten, ich probiere es beim Café. Ja, es sind noch Zimmer frei: für 65 Dollar hier, nebenan für 48 Dollar die Nacht. Ein dunkelhäutiger Mann, übrigens einer der ganz seltenen Menschen mit dunkler Haut, gibt weiter Auskunft über ein Hotel in der Nähe. "Puerto Rico" ist der Name und wieder ein dunkler Mann sitzt dort beim Eingang. Er wirkt sehr sympathisch, bei unserem Näherkommen grinst er, zeigt seine weißen Zähne und lacht auch mit den Augen! Er bietet ein luftiges Eckzimmer oben im zweiten Stock für 30 Dollar und bei drei Nächtigungen ist die vierte gratis! Puhhh..., die Erleichterung sieht man uns an, die Mundwinkel von Ursula zeigen wieder nach oben, mein Stimmungsbarometer ebenfalls.

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Die Küche, das heißt, was aus dieser kommt, gilt in Puerto Rico als "würzig, authentisch (was immer das bedeutet), köstlich, raffiniert und ursprünglich". Woher all diese verführerischen Worte stammen? Erraten! Ich habe sie frei aus unserer Reisefibel übersetzt! Nun möchte man glauben, dass gerade auf einer Insel dies besonders zutrifft. Hier haben Pizza Hut und McDonalds nur via Fernsehschirm bislang Zutritt erhalten und keine Drive Ins und Drive Thrus säumen die wenigen Straßen. Und diese Überlegungen geistern auch in unseren Köpfen herum, deshalb sind wir ja auch da. Um diese "authentische" Küche über unsere Gaumen gleiten zu lassen, die Würze der Speisen mit der Nase aufzunehmen, um diese schlussendlich mit karibischem Genuss uns einzuverleiben! Ich fasse wieder einmal zusammen. Drei Abende waren wir beim "Chinesen", an einem Abend haben wir beim "Italiener" eine Pizza abgeholt. Übrigens sind dies die einzigen Lokale, welche von Einheimischen betrieben werden, alles andere läuft fest durch amerikanische und sogar britische Hände, mit den üblichen und "schonreingarnichts" aufgemascherlten Speisekarten. Soviel zur authentischen Küche.

Aus welchem Grund besucht man sonst noch eine Insel in der Karibik? Richtig - man möchte schwimmen, am Strand liegen, die Sonne genießen. Also führt uns auch in Culebra der Weg zu einer kleinen Tourist-Information im Rathaus und wieder ist eine freundliche Dame am Werk und händigt uns etliche kopierte Blätter aus. Auf einem Zettel ist eine Art Landkarte gezeichnet, die wenigen Straßen in normal und Jeep eingeteilt. Ja, auch hier, auf dieser Winziginsel, welche etwa 16 km lang und
10 km breit ist, fährt man mit dem Auto zum Strand! Die Augenbrauen der freundlichen Dame betonen dies sehr bestimmt und überzeugend. Und es gibt vier (!) Autoverleiher vor Ort! Uns überzeugt sie damit aber ganz und gar nicht, zumal so ein Jeep satte 45 Dollar pro Tag kostet und dann nur herumsteht, während wir am Strand liegen. Richtig amüsant deshalb die Ankündigung der Autoverleiher: free mileage, das heißt, man darf so viele Meilen herunterspulen, wie man will, alles inkludiert! Ich rechne kurz im Kopf durch, dass wir etwa siebzehn Mal pro Tag die Insel umrunden könnten...!

Die Bucht der tamarindas ist in westlicher Richtung gelegen und wir erreichen sie nach etwa vierzig Minuten Fußweg. Zuerst ein Stück an der Normalstraße - weil Asphalt - und dann bereits am Wasser entlang. Der Strand ist felsig und mit Steinen bedeckt, ab und zu überklettern wir eine Klippe, immer erwartend, dahinter den allerschönsten Platz zu entdecken. Tamarindenbäume mit glänzend rotem Stamm säumen die manchmal steile Küste und dazwischen sind immer wieder kleine sandige Flächen. Und da zwei Menschen, noch dazu schmale wie wir, ja gar nicht mehr brauchen als so ein Fleckchen Sandstrand, richten wir uns bei einem schattenspendenden Baum ein. Nur teilweise im Schatten natürlich, denn so ein klein wenig Sonnenbräune tut uns schon gut! Die Farbe des Wassers wechselt ständig mit dem Sonnenlicht, es ist glasklar und hat eine angenehm warme Temperatur. Schon mit bloßen Augen erkennt man beim Schwimmen die vielfältige Farbenpracht der Korallen, manchmal erspähen wir Fische, welche neugierig nahe an uns heranschwimmen. Es ist einfach herrlich hier und ein wohliges Gefühl breitet sich im Körper aus.

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Warum reist man immer mit fixen Vorstellungen und noch mehr fixierten Erwartungen in ein fremdes Land? Warum genießen wir nicht so, wie wir empfinden? Warum stellen wir stets Vergleiche an? Mir fällt zurzeit nur eine Antwort ein: Wir haben es verlernt, mit unseren Sinnen zu leben! Die Konsumwelt rund um uns zerstört diese Sinne, macht blind und taub und lässt uns alle die gleiche Sprache sprechen. Unsere Wünsche und Begierden werden in die gleiche Richtung gepolt und haben ein gemeinsames Ziel: mehr, und immer noch mehr!

An Orten wie diesem, einem kleinen Sandfleckchen auf einer kleinen Insel in der karibischen See, bleibt mir Zeit, um darüber nachzudenken. Es bleibt Zeit, um verschüttete Gedanken auszugraben, ans Licht zu holen. Es bleibt Zeit für gute Vorsätze. Und es bleibt auch Zeit für Erinnerungen. Denn bereits während unserer "Großen Reise" in den Jahren 1989 bis 1991 waren es die genau gleichen Gedanken, dieselben Überlegungen, vielleicht auch Unzufriedenheit, welche mich nun wieder beschäftigen. Und damals, nach unserer Rückkehr, waren alle Sinne positiv ausgerichtet, das Selbstbewusstsein wieder sehr stark, der Glaube an alles Gute immer vorhanden. Schlechte Einflüsse von außen sind abgeprallt, schon beim Versuch abgewiesen worden, ich habe unbefriedigende Gespräche abgebrochen und habe Leuten wieder "meine" Meinung gesagt - nicht aufgedrängt, nein gesagt! Ich wollte und will auch kein Weltverbesserer sein, ich will nur mein Leben selbst gestalten, selbst in die Hand nehmen, auch wenn ich dabei kräftig zupacken muss und es vielleicht weh tut. Oft und oft ist mir Unverständnis entgegengebracht worden, vielleicht habe ich doch da und dort etwas wachgerüttelt, etwas aufgebracht, was tief drinnen geschlummert hat. Aber auch solche Begebenheiten hielten mich nicht ab, von meinen Vorsätzen und Vorstellungen abzuweichen. Wirklich nicht...?

Erschrocken sitze ich an diesem Strand und denke nach. Fünf Jahre sind vergangen, fünf Jahre wieder in "dieser" Welt, nachdem wir fast drei Jahre lang eine "andere" gesehen haben. Und ich gestehe mir ein, dass viele gute Vorsätze unerledigt geblieben sind, dass meine Sinne zum Teil wieder stumpf, taub geworden sind und ich manchmal nicht wachsam genug bin, um schlechten Einflüssen zu entgehen. Nur fünf Jahre sind vergangen..., dieser Gedanke verbreitet Muskelkater im Kopf!

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Wir kaufen eine Schnorchel-Maske und wandern an die Südseite der Insel. Hügelig ist sie und es ist heiß, unter uns taucht die erste Bucht auf - mit türkisfarbenem Wasser, in dem man genau die Kante des Riffs erkennen kann. Etliche desolate Hütten und Palmen, ja tatsächlich sogar Palmen am Strand, jedoch keine Menschenseele weit und breit. Wir klettern noch ein Stück am Ufer entlang und bei einer verlassenen Behausung richten wir uns ein. Ich erkunde noch das Ende der Landzunge und finde im Ufergestrüpp ein kleines Boot! Es sieht zwar nicht gerade hochseetauglich aus, doch trotz zweier Riesenlöcher im Boden, schippere ich zu Ursula zurück. "Oooh sole mio", mehr laut als richtig brülle ich ihr entgegen und lade sie zu einer Bootstour über die Wellen der Karibik ein! Vor lauter Lachen und Herumwackeln säuft das Schifflein beinahe ab, doch bei geschickter Gewichtsverteilung gelingt eine einigermaßen trockene Fortbewegung. Bei der Kante des Riffs gehen wir vor Anker, das heißt ein Ziegelstein an der Schnur sinkt zu Boden und unser "Schnorchelunterwasserabenteuer" kann beginnen! Jetzt sind wir Aug' in Aug' mit den buntschillernden Fischen, welche oft in Schwärmen ganz nahe kommen. Korallen und Anemonen wiegen sich in der Strömung, wechseln mit dem einfallenden Licht ihre Farben. Muscheln, Seeigel und auch ein Seestern sind am Boden zu sehen - wir werden nicht satt, diese faszinierende Unterwasserwelt zu betrachten.

Gelegentlich muss unser Boot mit einem wohlweislich mitgebrachten Kübel ausgeschöpft werden, doch dies ist fixer Programmpunkt einer beer budget Kreuzfahrt! Von einer nahe ankernden Motorjacht sieht man hin und wieder Köpfe, die sich in unsere Richtung drehen, einmal mit Fernglas vor den Augen. Doch bei unserem Lachen sieht die Lage nicht gerade sehr ernst aus und man überlässt uns weiter dem "Schöpferschicksal". Mit viel Sorgfalt und Dankbarkeit bringen wir das Wrack wieder ans Ufer, der Bootstörn über die Wellen der Karibik ist damit beendet. Ahoi!

Ein Ruderboot in der Karibik
hält nicht immer ganz beliebig.
Das Loch im Boden ist sehr groß,
wir saufen ab, was mach ich bloß?
Wir schöpfen schneller und ergiebig.

Unserem Badeplatz in der Bucht der tamarindas habe ich einen Mythos verschafft. Ein tief ragender Ast unseres Schattenspenders ist zur Hälfte dürr und regt damit meine Fantasie an. Ich behänge ihn mit Gegenständen. Insgesamt sind es 48 Dinge, die ich mit dünnen Fäden befestige. 48 ist die Hälfte von 96 - eine magische Zahl in den Mandala der Inder, eine Zahl, welche auch im Buddhismus eine wichtige Rolle einnimmt. Und ich vertiefe den Mythos nochmals: drei Gegenstände sind nicht natürlichen Ursprungs! Eine Bierflasche, eine Plastikdose und eine große Eisenschraube mische ich unter Muscheln, Korallen, Steine und getrocknete Blätter. Mit diesen drei Dingen will ich die schlechten Einflüsse der Vergangenheit kennzeichnen, demgegenüber befinden sich 45 natürliche Gegenstände für die Zukunft...

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Die Mittagsfähre bringt uns zurück ans Festland und wir beziehen unser Zimmer im Guesthouse unweit des Hafens in Fajardo. Der erste Eindruck dieser Stadt war so positiv, wir wollen ihr noch mehr Zeit widmen. Ruhig und leer ist es in der Hauptstraße, nur ganz wenige Geschäfte sind geöffnet, ab und zu fährt ein Auto durch. Was für ein Unterschied, als uns vor wenigen Tagen der Taxi Fahrer hierher brachte! Da ruckten die Autos Stoßstange an Stoßstange vorwärts, es wurde ungeduldig gehupt, Menschen strömten aus und in die Geschäfte, schleppten Eingekauftes mit sich. Heute ist es ganz ruhig, fast zu ruhig für eine Stadt. Was machen die Menschen an einem Sonntag?

Aus einer Seitengasse hören wir Lärm, eigentlich nicht richtigen Lärm - es klingt nur laut. Bei der allgemeinen Stille ringsum klingt sogar die Stimme aus dem Fernseher laut. Wir sind neugierig und schauen nach. Agencia hippica steht auf einem Schild und richtig - heute ist doch Sonntag, der Tag der Pferderennen am El Comandante Racetrack. Nun, nichts wie hinein ins Mekka der wettbegeisterten Puerto Ricaner! Und das Lokal ist nicht nur Wettbüro, sondern auch Bar und Spielsalon. In der Mitte steht ein Billardtisch, dahinter eine Art Theke mit dem Ausschank. Links ist das Wettabteil, wo sich bei zwei vergitterten Fenstern, eigentlich sind es nur Durchreichen, die Leute anstellen. In einer Hand den Zettel mit all den Renninformationen und bekritzelt mit Tipps und Resultaten, in der anderen Hand etliche Dollarscheine - so stehen die Leute vor dem Schalter und diskutieren bis zuletzt, versucht jeder "seinen" Tipp als den goldrichtigen herauszustreichen. An der rechten Seite, dort wo sich die Türen des Ecklokals nach zwei Straßen hin öffnen, stehen drei Tische. Auf den Tischen liegen große Dominobretter mit den schrägen Ablagen und den Steinen in der Mitte. Das ist die zweite große Leidenschaft der Männer: Domino spielen, und zwar um Geld natürlich. Und davon liegt einiges vor jedem Spieler. Der allerwichtigste Gegenstand im Raum ist jedoch der Fernseher. Insgesamt drei Stück hängen hoch oben an den Wänden, schön ringsum verteilt und für jedermann sichtbar. Nein, nicht nur jeder "Mann" - es sind auch zwei Frauen im Lokal! Wir setzen uns zu den Dominospielern, jedes mit einem Budweiser Bier in der Hand und betrachten genüsslich die Szene.

Am Billardtisch wird Pool Billard gespielt, einer weißen Spielkugel liegen 15 bunte Nummernkugeln gegenüber, exakt im Dreieck angeordnet. Die beiden Spieler einigen sich zuerst, wer die geraden und wer die ungeraden Nummern spielt und dann gibt es mit der Spielkugel den Anstoß. Die bunten Kugeln schwirren auseinander, je nachdem wie fest dieser erste Stoß war. Nun muss jeder Spieler versuchen, seine Nummernkugeln nacheinander in eines der sechs Löcher zu befördern - indirekt natürlich, denn stoßen darf er nur die weiße Spielkugel. Verfehlt einer seine Kugel, kommt der andere dran und so weiter, bis er alle seine Kugeln sozusagen versenkt hat. Es gibt da noch Erschwernisse bei den Regeln, so spielen manche die Kugeln in der Reihenfolge der Nummern, oder die schwarze "acht" immer als letzte. Nun scheint der Lokalmatador an der Reihe zu sein. Sein Aussehen ist zwar nicht gerade das eines Einheimischen, eigentlich ist es seine Ausstattung, die nicht ganz hierher passt. Buntes Honolulu Hemd und weiße Bermudashorts, an den Füssen nagelneue Reeboks. In den Haaren steckt eine Sonnenbrille Marke "Neonglitzer" und am Hals glitzert es ebenfalls. Acht oder neun, vielleicht auch zehn Goldketten prahlen bis zur Brust herunter. An den Handgelenken ebenfalls nur Goldiges samt einer Oyster Rolex und weiter vorne an den dicken Fingern noch etliche ebenso dicke Ringe. Also, wie gesagt, es ist die Ausstattung welche hier aus dem Rahmen fällt, doch scheint er der Meister am Billardtisch zu sein. Und er spielt wirklich meisterhaft. Er umrundet den Spieltisch in lauernder Haltung, gebückt, fast in Augenhöhe mit den Kugeln. Am Hosenbund baumelt eine Minibillardkugel, darin ist die blaue Kreide befestigt, mit der er unablässig die Spitze des Queues einreibt. "Zssipp" macht es, und wieder "zssipp" - die Kreide hängt an einer Schnur, wie die Tageskarte des Schilifts und wird gleich aufgespult, sobald man sie loslässt. Er ist Rechtshänder, die linke Hand stützt wie eine Gabel auf dem grünen Tuch - ein scharfes "peng", der Stoß trifft ganz exakt! Manchmal ist aber auch nur ein leises "tak" zu hören, dann nämlich, wenn es nur einer sanften Berührung bedarf, um die Kugel ins Loch zu stupsen. Und er spielt sehr rasch. Seine Augen erspähen sofort jede Möglichkeit, "zssipp", und vielleicht nochmals "zssipp", kurz anvisiert und "peng" oder "tak" und die Kugel verschwindet im Loch. An diesem Sonntag besiegt er sie alle, manche sogar straight, das heißt er spielt alle seine Kugeln in einem Zug heim und der Gegner hat nicht einmal, nicht ein einziges Mal die eigenen Kugeln berührt! So spielt nur ein wahrer Champion.

Eine laute Stimme beim Wettschalter verkündet etwas. Die Billardspieler legen ihre Queues zur Seite, die Dominospieler drehen die Steine um, Sessel werden gerückt und diejenigen, welche keinen Sessel haben, versammeln sich unter den Fernsehschirmen. Alle blicken gespannt nach oben, der Ton wird mit den Fernbedienungen lauter gestellt, denn ein neues Pferderennen wird gestartet! Der Fernsehkommentator verkündet die Aufstellung, nennt die Nummern und Namen von Pferden und Jockeys. Bei der einen oder anderen genannten Nummer ertönen laute, anerkennende Stimmen im Lokal - die Favoriten sind bekannt. Es wird nun ruhig, die letzten Diskussionen verstummen, der Start steht unmittelbar bevor. Die Mienen der Zuseher sind angespannt, nicht bei allen, aber bei vielen. Manche Hand greift zum Halskettchen, dort hängt ein Glücksbringer, welcher nun fest umklammert wird. Andere Hände ergreifen die Bierdose oder den Wettschein.

Es geht los. Mit schriller Stimme kommentiert der Sprecher, noch sind alle Pferde gleichauf, kurz vor der ersten Kurve ziehen die äußeren nach innen, es wird eng. Zwei Reiter sind nun im Großbild zu sehen, nebeneinander, ganz dicht, Steigbügel an Steigbügel galoppieren sie daher. Es gerät Bewegung unter die Menschen im Lokal, einige rücken ganz nahe zum Fernseher, sind jetzt direkt unter ihm. Ein Mann hüpft richtig im Takt des galoppierenden Pferdes, seine Hand mit dem Wettschein berührt fast den Bildschirm! Nach der zweiten Kurve sind drei Pferde bereits deutlich vorne, der Kommentator wird noch schriller, seine Stimme galoppiert nun auch. Der hüpfende Mann beginnt den Fernseher anzufeuern, natürlich meint er die Pferde, oder das Pferd, aber hier im Lokal steht nur der Fernseher. Und da schnalzt er mit der Zunge, reißt die Zügel nach vorne, steht schon ganz oben in den Steigbügeln, ja richtig - unser Mann im Lokal reitet mit! Er feuert sein Pferd an, nun kreisen seine Arme bereits, so als ob das Pferd nun fliegen soll, er schnalzt lauter und bekommt jetzt Unterstützung von anderen Zusehern. Nach der dritten Kurve liegt ein schwarzes Pferd in Führung, Platz zwei und drei etwa gleichauf eine Länge zurück. Im Lokal tobt es nun, Anfeuerungsrufe aus jeder Ecke, sogar Kinder schnalzen mit der Zunge. Ich schaue zu Ursula, hat sie vielleicht etwa auch geschnalzt? Der Mann unter dem Fernseher reitet nicht mehr, er tanzt bereits, er steht im Sattel und treibt seinen Favoriten in die vierte und letzte Kurve vor dem Ziel. Auf der dritten Bahn taucht ein hellbraunes Pferd auf, kommt rasch näher, holt auf, wird immer schneller. Unser Lokalreiter versucht es aufzuhalten, "schhhh" macht er und nochmals ganz laut "schhhh". Nun ist dieses Pferd der Favorit eines anderen Wetters und der feuert nun seinerseits den Hellbraunen an. "Hopp" oder so ähnlich klingt es auch in Spanisch, "hopp" schreit er unter dem anderen Bildschirm. Die Entscheidung fällt in wenigen Sekunden, Platz eins ist sicher, doch der Hellbraune ist bereits auf Platz zwei, der reitende Mann ist verzweifelt. Alle Kraft legt er in die letzten anfeuernden Schnalzer, doch vergeblich. Beim Zieleinlauf ist sein Favorit nicht vorne dabei, ein zerknüllter Wettschein landet am Boden.

Am Tisch neben uns werden die umgedrehten Dominosteine gemischt. Vier Spieler sitzen beim Tisch und jeder nimmt sich fünf Steine und legt sie vor sich auf die schräge Ablage, mit den Augen zu sich. Dies ist der Moment, wo die zusehenden Männer hinter den Spielern nun zuerst beim linken und dann beim rechten Spieler hineinschauen. Der höchste Doppelstein beginnt und reihum im Uhrzeigersinn legt jeder nun seine Steine an. Das heißt, wenn die Augenzahl zum vorher angelegten Stein passt. Nun gibt es unzählige Taktiken, irgendwie hat glaube ich jeder Dominospieler seine eigene. Das Ziel bleibt stets das gleiche - als Erster alle Steine angelegt zu haben! Und dann geht’s ans kassieren. Die bei den unterlegenen Spielern verbliebenen Steine werden umgedreht und die Augen gezählt, dann mit einem vorher fixierten Betrag multipliziert und der Sieger darf sich freuen.

In der Pause zwischen zwei Spielen kommt ein junger Mann zu uns, stellt zwei Budweiser auf den Tisch, salud! Er nennt den Spender. Es ist der ältere Dominospieler uns gegenüber, wir haben uns bereits öfters mit den Augen getroffen. Ursula bedankt sich auf Spanisch und erfährt den Grund dieser Einladung - weil wir einfach nette Leute sind! Nun ist dies einerseits ein Kompliment, mit etwas Einbildung könnten wir uns auch geschmeichelt fühlen. Andererseits gibt es mir etwas zum Nachdenken. Wie läuft das doch bei uns, damit meine ich den Kulturkreis Europa, wie läuft so was hier ab? Ich lade dich ein, du lädst mich ein, ich gebe dir, du gibst mir und so weiter. Erwarten wir nicht andauernd eine Gegenleistung für alles was wir geben? Geben wir nicht oft nur mit der Absicht etwas zurückzuerhalten? Man mag jetzt entgegnen, dass dies im Berufsleben, im geschäftlichen Bereich üblich ist. Doch unbewusst, vielleicht schon automatisiert handeln wir bei vielen privaten Begebenheiten bereits nach diesem Austauschprinzip. Es sind ja nicht nur materielle Dinge davon betroffen, es sind oft nur Gesten oder Worte. Kann ich jemand nur streicheln, wenn auch ich gestreichelt werde? Kann ich jemand nur lieben, wenn auch ich geliebt werde? Kann ich jemandem einen schönen Tag wünschen, ohne dass ich dasselbe zurück erwarte? Wir werden diesen älteren Mann, den Dominospieler, mit höchster Wahrscheinlichkeit nie wieder sehen, möglicherweise passiert in einem anderen Land, in einer anderen Stadt etwas Ähnliches. Doch es war dieser Mann mit den freundlichen Augen und einem Strohhut am Kopf, der mich zum Nachdenken brachte.

Ich spreche auch mit Ursula über diese Gedanken und über Geben und Nehmen. Und sie versichert mir lächelnd, dass der ältere Mann auch in seinem Beruf viel gibt. Er ist der Leichenbestatter von Fajardo und gibt vielen Menschen das letzte Zuhause. Das hat ihr der junge Mann erzählt, welcher uns das Bier an den Tisch brachte, am Sonntag in Fajardo.

Jetzt gehört die Insel uns

Nun, als versierte publico Fahrgäste, ist es gar kein Problem mehr nach San Juan zurückzukommen. Wir nehmen sogar das Umsteigen in Rio Grande in Kauf und in Rio Piedras erklimmen wir Bus 32, der uns schnurstracks nach Condado bringt. In diesem Vorort von San Juan befindet sich Charlie Car Rental. Nach dem üblichen Papiere ausfüllen, einer Unterschrift dort und da, und hier auch noch eine, überreicht uns ein fescher Mann die Autoschlüssel. Ein karibikgrüner Toyota soll uns die kommende Zeit durch Puerto Rico kutschieren.

"Jetzt gehört die Insel uns", ruft Ursula aus und ein glücklicher Unterton ist dabei zu hören. Rasch sind einige Einkäufe gemacht. So steht nun auf dem Rücksitz eine Styroporkühlbox und darin liegen Bierdosen mit Eiswürfel bedeckt. Natürlich haben wir auch Orangensaft dabei, denn zum Frühstück schmeckt dieser einfach besser! Eine ungefähre Route haben wir bereits in den vergangenen Tagen festgelegt. Die Entfernungen sind nicht groß, die Sehenswürdigkeiten auf einer Art Rundfahrt zu erreichen. Die neueste Broschüre Que Pasa halten wir bereits in Händen und so können wir endlich all die schönen abgebildeten Orte und Strände in natura aufsuchen. Zum Beispiel die vielgepriesene und oft fotografierte Luquillo Beach, die Nummer 1 in den Reisebeschreibungen. Sogar in unserer Budgetfibel wird sie lobend erwähnt und dass der Parkplatz nur einen Dollar Gebühr kostet! Leider, hinterher muss ich sagen Gott sei Dank, haben all diese Schreiberlinge und Bilderknipser nie die Küstenstraße dorthin befahren, sondern sind bequem über den Highway 3 dort eingefallen. Fährt man nämlich an der Nordküste entlang aus San Juan hinaus, durchquert man Carolina, welches wir beide noch in sehr guter Erinnerung von unserem Busausflug haben.

Und dann gelangt man in den bosque estatal de pinones, was man frei mit "staatlichem Pinienwald" übersetzen kann. Diese Pinien bilden einen breiten Gürtel zum dahinter liegenden Schwemmland, sind herrlich grün und verbreiten einen angenehmen Duft. Die Straße schlängelt sich ein wenig durch, hinter einer Kurve taucht ein Sandhügel auf, es werden derer immer mehr und plötzlich erreichen wir die Bucht! Zwischen Straße und Meer - hier ist es der Atlantik - erstreckt sich ein etwa hundert Meter breiter Dünengürtel, dicht bewachsen mit den höchsten, schönsten und ebenmäßigsten Kokospalmen. Diejenigen knapp beim Wasser räkeln sich fast waagrecht aus dem Strand, der wiederum mit zartrosa, von Korallen gefärbtem Sand bedeckt ist. Einige schmale Wege ermöglichen die Zufahrt zu dieser überwältigenden Bilderbuchidylle und wir genießen lange den Ausblick, mit schneeweißen Wolkentürmen über dem Atlantischen Ozean, hier in der Bucht der Pinien, der punta pinones.

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Warum war es gestern die Karibische See und heute ist es der Atlantische Ozean? Ich will versuchen, dies zu erklären. Breitet man eine Landkarte vor sich aus, dann ist oben immer Norden, unten ist Süden, links ist Westen und rechts ist Osten. Wie beim Globus: den kann man drehen wie man will, der Nordpol ist immer oben. Deshalb sagen wir ja auch in Salzburg, dort wo ich herkomme: "Wir fahren nach Norwegen hinauf und nach Griechenland hinunter". Nein, eigentlich sagen wir auffi und obe. Nach Deutschland fahren wir hinüber (ummi), weil da ist eine Grenze dazwischen, in den Lungau fahren wir hinein (eini), denn dieser ist von Gebirgen umgeben. Eine Besonderheit ist die Schweiz, Ursula kommt aus der Schweiz und wenn wir ihren Bruder besuchen, fahren wir in die Schweiz, nicht nach Schweiz, nein in die Schweiz.

Und jetzt betrachten wir die Landkarte mit Puerto Rico darauf. Die Insel hat ein fast ebenmäßiges, rechteckiges Aussehen. Die Längsseiten oben und unten, die schmalen Seiten links und rechts. Und wiederum haben wir oben den Norden, unten den Süden und so weiter. Der Atlantische Ozean kommt aus dem Norden, deshalb umtosen seine Wellen die Nordküste. Im warmen Süden plätschert die Karibische See an den Strand. Will nun ein Bewohner von Caguas, das liegt etwa in der Mitte von Puerto Rico, schwimmen gehen, so fährt er hinauf zum Atlantik oder hinunter zur Karibik. An den Schmalseiten der Insel treffen sich die beiden Meere. Da ist es theoretisch möglich, mit einem Bein im Atlantik und mit dem anderen Bein in der Karibik zu stehen - reine Theorie natürlich!

Bei der kleinen Insel Culebra ist es etwas komplizierter. Sie hat nämlich die Form einer Schildkröte. Doch vereinfacht ausgedrückt ist wiederum oben, am Rücken der Atlantik, unten am Bauch die Karibik und Kopf sowie Schwanz der Schildkröte sind im gemischten Wasser. Der Kopf befindet sich übrigens ganz genau im Westen und schaut zur Ostseite von Puerto Rico. Auf dem Weg dorthin liegen noch viele, kleine und winzige Inseln. Da ist es ganz einfach. Wenn ich mit Ursula dort schwimmen gehe, schwimmt sie zuerst im Atlantik und ich in der Karibik. Dann wechseln wir oder bleiben im gemischten Meer. Auf Culebra mussten wir allerdings eine zehn Kilometer breite Querung absolvieren, wollten wir am Vormittag im Atlantischen Ozean tauchen und dann am Nachmittag eine Bootstour in der Karibik unternehmen!

Nun sitzen wir am rosafarbenen Strand unter Kokospalmen, hinter uns der duftende Pinienwald und vor uns rollen die langen Wellen des Atlantischen Ozeans heran. Und jedermann weiß nun, warum es nicht die Karibik ist!

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Am Nachmittag besuchen wir Luquillo Beach. Es ist ein kurzer Besuch, mehr so ein Vorbeifahren. Die Palmen stehen schön aufgefädelt da, wie in der Baumschule - exakt gepflanzt von Menschenhand. Dazwischen zahlreiche Betonhäuschen zum Umziehen und Klo gehen und vorne am Strand buntbemalte Betontürme. Da sitzt ein Live Guard oben, wir kennen diese schicken Burschen und Mädchen ja alle aus der TV-Serie Bay Watch. Dort hat man allerdings noch adrette Holzgerüste zum Oben sitzen und man ist immerhin in Los Angeles! Hier ist es Beton, buntbemalter Beton. Der Ein Dollar Parkplatz ist auf einer weiten Asphaltfläche, einen ähnlich großen Asphaltplatz habe ich bislang nur beim Wiener Prater-Stadion gesehen. Jetzt kann man sich auch ausdenken, wie groß Luquillo Beach ist und ich stelle mir nun auch vor, wie es hier so an einem heißen Sonntag im Juli, in der Ferienzeit aussieht...

Wir haben für diese Nacht noch kein Quartier, doch mit der Mobilität unseres schicken Toyotas soll das kein allzu großes Problem sein. Motel El Rio, beim Vorbeifahren erspähe ich die Reklametafel. Es ist zwar erst vier Uhr nachmittags, doch anschauen können wir es auf alle Fälle. Eine breite Zufahrt führt in einen Hof und beim Office bleibe ich stehen, Ursula steigt aus. Ein dicklicher Mann eilt geschäftig herbei, ich höre die beiden sprechen. Mir ist mittlerweile eine große Tafel aufgefallen, wo die Übernachtung mit 20 Dollar angeschrieben steht. Das ist doch sensationell günstig, da bleiben wir doch gleich hier! Mittlerweile steigt Ursula wieder ein.

"Ich verstehe nicht ganz was der Mann sagt, aber die 20 Dollar sind richtig".
"Na dann richten wir uns doch gleich ein" entgegne ich.
"Er hat irgendwas von zwölf Stunden gesagt, oder so ähnlich. Ich gehe ihn nochmals fragen" sagt Ursula und steigt erneut aus.
"Ja, er schwafelt immer was von zwölf Stunden, und wir sollen halt noch in die Stadt fahren, essen gehen und dann wiederkommen".
"Merkwürdig, ein Checkout nach zwölf Stunden, wo gibt’s denn so was?" murmle ich und wir schauen uns fragend an.

Nun gut, die Stadt Fajardo sieht uns erneut und es gibt da noch genügend zu entdecken. Unter anderem Seven Sea Beach und Las Croabas Beach, wo allabendlich die Städter hinausfahren und die unzähligen Restaurants überschwemmen. Vielleicht finden wir hier die authentische Küche Puerto Ricos? Auf großen, schwarzen Holzkohlengrills brutzeln Fleischspieße, einmal vom Schwein, daneben vom Huhn. Authentisch? Nicht unbedingt, aber es riecht gut. Ein anderer Koch bietet verschiedene gefüllte Teigtaschen an. Empanadas mit Schweinefleisch, Huhn, Fisch oder Käse gefüllt - schon mehr ansprechend. Aber das war's auch schon, denn die anderen Küchen bieten die gleiche Auswahl und es fällt leicht, uns für die fischgefüllten empanadas zu entscheiden. Das Bier dazu kommt aus der Kühlbox im Auto. Beer budget, nicht vergessen!

Es wird rasch dunkel in der Karibik, mittlerweile ist es bereits acht Uhr abends. Somit könnten wir nun doch zum Motel zurückfahren und dieses Zeitlimit von zwölf Stunden ohne Hektik am Morgen ausnützen? Ich finde ohne Mühe die Zufahrtsstraße mit der Reklametafel, jetzt ist sie ja beleuchtet. Grelles Neonlicht, gelb und rot und rundum, am Rand entlang blinken lauter rote Herzen. Das wird doch nicht...? Nein, das gibt’s doch nicht...! Und langsam dämmert es bei uns! Deshalb diese zwölf Stunden, wir sind bei einem "Stunden Motel" gelandet! Wir sitzen im Auto und prusten los vor Lachen und Ursula erzählt noch, dass sie den Mann gefragt hat, ob wir eventuell fünfzehn Stunden...? Uns kommen fast die Tränen, unser Gelächter nimmt kein Ende. Doch es ist schon spät und jetzt im Dunkeln ein anderes Hotel zu suchen ist unsinnig. Wir blicken uns grinsend an und kurven auch schon die Einfahrt hinauf. Der dickliche Mann eilt herbei und deutet nach vorne, Nummer 14 weist er uns zu. Nun erkläre ich mir auch, warum jede Einheit eine Garage mit Türe hat - damit ist man gänzlich inkognito im sündigen Motel El Rio!

Der Mann dreht das Licht an und wir parken ein. Linker Hand in der Garage ist eine Türe offen, das muss der Zugang zum Zimmer sein, kalter Zigarettenrauch kommt mir entgegen. Der schwitzende Mann geht voraus, dreht wieder einen Lichtschalter, geht weiter zum Bad, zeigt hinein..., ich stehe noch immer beim Eingang und registriere gar nicht, was der Mann da alles daherredet - außerdem verstehe ich sowieso fast nichts. Ich drehe mich um zu Ursula, die mittlerweile den Kofferraum geöffnet hat, aber bevor ich noch was sagen kann, ist der dicke Mann neben mir und hält seine schwitzende Hand auf. Aber ja doch, er bekommt zwanzig Dollar und damit dreht er sich um und ist draußen, mit lautem Scheppern rollt er noch das Garagentor herunter und wir sind allein.

"Bitte Ursula, lach nicht gleich wieder los, wenn du da rein gehst!"
"Weshalb, was ist los da drin?" ist ihre Frage.
"Schau selber, ich sag nichts mehr" und kann mein Lachen kaum mehr halten.

Ich bin dicht hinter ihr als wir hineingehen und uns plötzlich in -zigfacher Ausführung rundherum und oben sehen! Das komplette Zimmer ist ein einziges Spiegelkabinett mit dem Bett in der Mitte! Am Kopfende befinden sich links und rechts eine Lampe, mit Dimmer Schalter natürlich. Ein Kassettenradio ergänzt die spärliche Einrichtung, da kann jeder seine eigene Liebesmusik mitbringen. Einen Kasten oder Kleiderablage braucht man hier nicht, wofür auch? Dafür gibt es hinter einer Wand noch zwei mit Plastik bezogene Sofas und einen Tisch. In der Außenwand steckt ein Klimagerät, daneben ist eine Öffnung. Ein Telefon hängt dort und eine Preisliste. Aha, Zimmerservice und bei dieser Öffnung wird das Bestellte hereingeschoben - absolut inkognito! Wir lehnen unsere Rucksäcke an eine Spiegelwand und inspizieren das Bad, da ist zumindest nur ein Spiegel. Darin betrachten wir uns jetzt und stellen fest, dass wir schon lange nicht so viel Spaß hatten. Wir haben auch weiterhin viel Spaß, in dieser Nacht im Spiegelzimmer.

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Que Pasa und Bacardi

Wenn wir der Broschüre Que Pasa Glauben schenken, dann nur deshalb, weil da meist das Gegenteil von dem drin steht, was wir aus unserem Reiseführer herauslesen. So berichtet das "Offizielle Organ der Tourismusabteilung..." und so weiter, also Que Pasa berichtet von staatlichen Einrichtungen in National Parks an der Küste und im Landesinneren. Diese staatlichen Einrichtungen dienen zur Beherbergung ihrer Besucher und sind auch für Touristen zugänglich. Und nun kommt's: Der Preis für eine Übernachtung in einfachen Holzhütten, cabanas genannt, wird mit 20 Dollar angegeben! Weitere Informationen erteilt..., und am Ende eine Telefonnummer. Also ran ans nächste Telefon und angerufen, das heißt beim ersten Mal lassen wir anrufen. Ein brauchbares Ergebnis halten wir kurz darauf in Händen - eine Adresse! Zusätzlich eine mündliche, sehr detaillierte Anweisung, wie wir besagte Adresse erreichen.

Wir sind wieder in San Juan, genauer gesagt am HWY 26 und kurven stur nach Anweisung zur Adresse: "Kreisverkehr links, unten durch, dann Abzweigung über eine Brücke, Jachthafen - Club Nautico!" Problemlos gefunden und eingeparkt. Erste Befürchtungen beim Betreten des noblen Gebäudes - was hat ein Jachtclub mit Waldcamping zu tun? Unsere Befürchtung wird bestätigt: nämlich nichts! Doch wir bleiben beharrlich und tatsächlich finden wir am Nachbargelände besagtes Departement. Und eine freundliche Dame (schon wieder!) schickt uns mit erhobenen Augenbrauen auf die andere Seite der Brücke, dort sollen wir dann...!

Ich kürze diese insgesamt 1½ Stunden Suche ab. Wir landen wieder bei der freundlichen Dame, das heißt, jetzt ist es ein freundlicher junger Mann und dem halte ich nun Que Pasa unter die Nase und frage mit beherrschter Stimme (er spricht Englisch):

"Wenn ich diese Telefonnummer anrufe" ich poche fest hin, "also wenn ich diese Nummer wähle, wer ist dann am Apparat?" Er sieht mich etwas entgeistert an, blickt ins Que Pasa und sagt:
"Das ist unsere Nummer, aber die wurde geändert" und will sogleich mit seinem Kugelschreiber dran.
"Nein, nein, nein“, - ich hole tief Luft, "heute am Morgen und nochmals vor 30 Minuten habe ich diese Nummer gewählt und eine weibliche Stimme hat mir genau erklärt, wie ich hierher komme!?"
"Ja, das war (er nennt einen Namen), sie ist jetzt auf Mittag."

Erraten - es ist die Dame mit den erhobenen Augenbrauen! Und der junge, freundliche Mann stattet uns mit Plänen, Preislisten und Informationen aus, gibt noch einige persönliche Tipps und Ratschläge, erklärt das System der Reservierung in den einzelnen National Parks und vieles mehr. Er ist auch der Meinung, dass die Westküste am meisten bietet und hat auch dazu etliche Anregungen. All dies hätte uns bereits vor 1½ Stunden jene Dame sagen können, welche nun mit erhobenen Augenbrauen beim Mittagessen sitzt!

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Verlässt man San Juan in westlicher Richtung, muss jeder Reisende bei der Bacardi Rum Plant – der Bacardi Rum Fabrik - einkehren. Ich sage nicht könnte, nein muss! In unserem Fall sowieso ein Muss, denn der Konsum von zwei Dutzend Pina Coladas in den vergangenen Tagen ist ja geradezu eine Verpflichtung!

Es beginnt zu regnen, dann zu schütten und ich habe das Gefühl, hier ist irgendwo ein Staudamm geborsten. Die Scheibenwischer schaffen diese Wassermassen nicht, ganz langsam tasten wir uns vorwärts, die Ampel an der Kreuzung sehe ich erst im letzten Moment. Was ich nicht mehr sehe und auch Ursula vergeblich sucht, sind Hinweisschilder. Wir irren eine Weile herum, probieren alle möglichen Abzweigungen aus und stellen dann doch fest, dass wir auf der falschen Straße sind. Jedoch tropische Gewitter enden genauso schnell wie sie hereinbrechen und die Hinweistafeln sind auch wieder vorhanden. Nun aber rasch zu Bacardi, wo bei unserem Eintreffen gerade eine Tour beginnt. Hat man uns erwartet?

Bacardi ist der größte Rumproduzent der Welt, liefert in alle Welt und alle Welt trinkt ihn, seit kurzem sogar die Russen. Einhunderttausend(!) Gallonen Alkohol werden täglich produziert, dafür wird ausschließlich Zuckerrohr verwendet. Ein geringer Teil des gewonnenen Alkohols wird zur Rumerzeugung hergenommen, der Großteil wird an andere Schnapserzeuger und die Arzneimittelindustrie verkauft. Bei der Destillation entsteht Methangas, das im eigenen Betrieb als Energiespender verwendet und auch zu Trockeneis verarbeitet wird. In Flugzeugen zum Beispiel, verwendet man Trockeneis zur Kühlung der Lebensmittel an Bord. Schließlich wird noch Zuckerextrakt produziert, welches als Süßmittel in alkoholfreien Getränken gebraucht wird. Betrachtet man das Etikett einer Bacardi Flasche, entdeckt man eine schwarz-rote Fledermaus darauf. Sie ist ein Glückssymbol und stammt aus der Zeit, als Señor Francisco Bacardi noch in Spanien lebte. Dort gab es in der Nähe seines Dorfes eine Höhle, welche ihm als kühler Lagerraum für seine Produkte diente. Die vielen Fledermäuse in der Höhle waren zugleich Abschreckung für Diebe - so erzählt es jedenfalls die Legende und heute unser Führer bei der Tour. Bei der abschließenden Verkostung des neuen Produktes Bacardi Lime fassen wir dann so richtig Mut, nun abseits der Touristenzentren auf Entdeckungsreise zu gehen. Mit Ursulas Spanischkenntnissen und meiner Sturheit werden wir den letzten Geheimnissen dieser Insel auf die Spur kommen - que pasa?

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Verlockende Westküste

Ein Hinweisschild leitet zur autopista, eine mautpflichtige Autobahn, auf der wir bald den Großraum von San Juan hinter uns lassen. Die kleinen Dörfer und Städte versucht man zu umfahren, jedoch ist das bei einer derart dichten Besiedlung nicht immer möglich. Und so mancher Bauer, dessen Land durch den Asphalt geteilt wurde, treibt sein Vieh von einer Seite zur anderen - mit einer kurzen Rast am Mittelstreifen natürlich. Ziegen weiden an der Böschung, Hühner schrecken hoch und rennen gackernd und flügelschlagend im Zickzack über die Fahrbahn. Und wenig später entdecken wir einen Burschen, der mit zwei Schweinen unter einer Brücke rastet, der Strick bei einem Tier ist so lang, dass es in der rechten Fahrbahn steht. Solche Hindernisse verleiten die an sich schon ungemein sportlichen Autofahrer zu waghalsigen Manövern und einem noch gewagteren Fahrstil, welcher sich weniger in der Geschwindigkeit, sondern in zentimetergenauem, oft nicht angekündigtem Fahrbahnwechsel mit anschließendem Vollgasspurt präsentiert.

Nach zwei aufregenden Fahrstunden ist bei der Provinzstadt Arecibo diese Autobahn zu Ende und geht über in die Küstenstraße Nummer 2. Sie empfängt uns in einfacher, ländlicher Umgebung, jedoch mit doppelt starkem Verkehr! Wir konzentrieren uns nur auf die Ortsnamen und Nummern der abzweigenden Straßen, denn der junge Mann aus dem Department Forestal in San Juan hat uns ja einige heiße Tipps gegeben. Einer lautet so: "Quebradillas, Abzweigung 113 nach Isabela, Guest House Miraflorés". Wir erreichen Quebradillas, finden Straße 113, gelangen nach Isabela und landen bei der Polizei! Und das kommt so. In Isabela fragt Ursula einen Mann nach dem Guest House, der schickt sie in ein Geschäft. Der Verkäufer da drin hat einen Bruder, der auch Zimmer vermietet! Nein, wir wollen zum Miraflorés, das liegt am Strand. Ein Kunde mischt sich ein. Es gibt am Strand einige Häuser die Zimmer vermieten, er selbst kennt aber kein Miraflorés, jedoch eines mit Namen Las Flores und das sei eine Diskothek. Bravo! Genau so was suchen wir. Dem Kunden fällt noch was ein. Er läutet beim Nebenhaus, ein älterer Mann mit Brille öffnet die Tür. Er hat irgendeinen Posten bei der Gemeinde, er weiß alles in der Gegend. Nur - Miraflorés kennt er keines, dafür aber ein ganz feines, nicht weit weg und seine Schwester arbeitet dort...! Wir bleiben hartnäckig. Es muss doch jemand wissen, wo dieses Blumengästehaus liegt? Ein Leuchten kommt ins Gesicht des Mannes. Er hat hinter uns bei der Kreuzung einen Polizisten entdeckt, ein Freund von ihm, wie er sogleich versichert. Der wisse nun sicher Bescheid! Und wir erfahren, dass es am Strand von Isabela kein Haus dieses Namens gibt, dafür aber im nächsten Ort an der Küste, in Playa Jobos.

Zwanzig Kilometer weiter, am Strand von Jobos. Nach einer Stunde und weiteren dreimaligen Vermittlungsversuchen doch bei einer Schwester oder beim Freund unterzukommen, geben wir auf. Cabana Gonzales heißt unsere Bleibe, eine kleine Wohnung mit Küche, zwar nicht direkt am Strand, aber ruhig gelegen etwas entfernt von der Straße. Señor Gonzales beschafft Kleiderbügel, Geschirr, Seife und Klopapier, treibt Handtücher und frische Bettwäsche auf und repariert noch den Brausekopf in der Dusche. Auch eine defekte Glühbirne wird ersetzt. Wir stellen das Bett um, montieren einen Vorhang im Schlafzimmer und probieren etliche Sessel auf der Terrasse, bis wir zwei finden, welche nicht zusammenbrechen. Ursula beginnt nun mit dem Kochen, das heißt sie versucht es, doch aus dem Gasherd strömt nichts Brennbares. Natürlich, das Ventil der Propangas Flasche ist zugedreht - doch es lässt sich gar nicht drehen, weder auf noch zu. Eine herbeigeschaffte Zange löst das Problem, der fehlende Druckregler wird vom Hausherrn mit den Worten no problem quittiert. Nun gut, die 50 Kilogramm Gasflasche steht im Freien und weit entfernt vom Fenster...! Jetzt fehlt nur mehr unsere unentbehrliche und weitgereiste Wäscheleine. Einen Nagel gibt es in der Wand, er hält einer Probe nicht stand. So schlage ich ihn am Fensterkreuz ins Holz und die Leine hat einen Befestigungspunkt. Das andere Ende wird kurzerhand an der Türangel gegenüber eingeklemmt, fertig! Später, unter den aufgehängten Badetüchern essen wir. Zufrieden, (aber nicht authentisch) lassen wir uns mexikanische tamales aus der Dose um mittlerweile elf Uhr nachts schmecken!

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Es ist ein Freitagmorgen. Das Rauschen der nahen Atlantikwellen flüchtet sanft durch den Raum. Im Wald hinter dem Haus flötet ein Vogel, zwei Kakadus beschimpfen sich in einer Tamarindenkrone. Ein Hund bellt in der Ferne, ab und zu fährt ein Auto gemächlich durchs Dorf, jemand beginnt zu hämmern. Die Sonne steht schon hoch, der Tau von den grünen Bananenstauden ist bereits abgetrocknet, verdunstet. Geruhsam grasen zwei Rinder auf der angrenzenden Wiese, etliche Kuhreiher picken immer wieder dazwischen in die aufgerissene Erde, ein Samenkorn oder ein Wurm findet sich hier und da.

Das Hämmern wird lauter, ein zweiter Hammer kommt dazu und es klingt nun schneller, heftiger. Beim Restaurant über der Straße kreischen einige Möwen neben der Seitentüre. Jemand hat dort Abfälle hinaus geworfen und die gierigen Vögel streiten um die besten Happen. Eine Katze fährt dazwischen, schnappt den Rest eines Fisches und verschwindet zwischen herumliegenden Holzkisten. Zum Hämmern kommen nun laute Stimmen dazu, ein Auto bleibt stehen, der Motor läuft unruhig weiter, Türen werden zugeschlagen. Eine Motorsäge wird gestartet. Erst beim fünften Versuch heult sie schrill und ungeölt auf und wird gleich ans Holz gesetzt. Stotternd frisst sich die Kette hindurch, gleich noch ein zweites Mal und in einer blauen Abgaswolke erstirbt das Geknatter. Zwei etwa fünf Meter hohe Stangen liegen nun am Straßenrand, ein breites Transparent wird ausgerollt. Wieder ertönen die Hämmer und das Band wird an die Holzstangen genagelt. Mittlerweile sind vier Männer an der Arbeit und quer über die Straße liegt nun die zu verkündende Botschaft. Langsam, gewissermaßen im Gleichtakt richten sie nun die Stangen auf, in zwei vorbereitete Löcher links und rechts der Straße werden die unteren Enden fest hineingerammt und mit Keilen fixiert.

14. Internationale SURFMEISTERSCHAFT in Playa Jobos vom 15. bis 17. Januar
Herzlich willkommen!

So übersetzt Ursula die Aufschrift, welche wir bequem von unserer Cabana aus lesen können. Es ist nun acht Uhr morgens am 15. Januar, das heiße Wasser löst den Pulverkaffee in den Tassen auf, das Milchpulver braucht dazu länger und macht Klumpen.
"Lo Mío Es Mío - eeeh Macarena, eeeh Macarena, bummbumm". Mittlerweile ist es neun Uhr und das bummbumm brüllt seit drei Minuten aus übergroßen Lautsprecherboxen über die Strasse. Im Restaurant und auch auf der Terrasse sitzt niemand, kein Gast, der in der Morgensonne Kaffee trinken möchte. Bummbumm, der Kaffee in meinem Magen schwappt hoch, das wäre ein Grund, doch ein Brot zu essen, bummbumm! Senor Gonzales ist nicht zu erreichen, wir hinterlassen eine Tagesmiete bei seiner Frau, sie bedauert unsere Abreise. Beim Hinausgehen sehe ich, dass sie ein Hörgerät trägt. Dafür wird sie dieses Wochenende keine neuen Batterien brauchen, unsere Unterkunft dagegen ist nun bestens für die zu erwartenden Surfer gerichtet. Nur die Wäscheleine - die haben wir abmontiert!

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Wir verlassen das Dorf in entgegengesetzter Richtung, vorbei an Fischerhütten und der bahia, wo bereits erste Surfer ihre Ausrüstung vom Autodach abladen. Die einsetzende Flut treibt lange, rollende Wellen vor sich her, einige tollkühne freaks üben beängstigend nahe der Felsklippen. Hinter einer solchen Klippe erstreckt sich eine sanfte Bucht zu einem Palmenhain, ein Schild verkündet allerdings privado und eine Zeile darunter Casa Miraflorés! Hatte ich nicht irgendwann von einer gewissen Beharrlichkeit, oder war es Sturheit, geschrieben? Nun, diesmal war es Zufall und doch auch wieder nicht, der uns hierher geführt hat. Neugierig nähern wir uns, Ursula geht ins Haus. Nach zwei Minuten ist sie zurück, in der Hand ein Prospekt.

"Es ist niemand da, doch lies mal hier", und zeigt in die Broschüre.
"Was meinen die mit 560 Dollar, ist das die Monatsmiete?"
"Nein, für eine Woche! Denn tageweise gibt’s hier gar nichts."

Wir danken dem Zufall und all den Leuten von gestern, welche nichts von diesem feudalen Haus gewusst haben!

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Keine Fledermäuse im Auto

Ramey ist ein Straßendorf auf dem Weg nach Aguadilla, keine 30 Minuten von Isabela entfernt. Ein Restaurant verkündet auf seinem Reklameschild, dass auch Zimmer vermietet werden. Der Patron, ein liebenswerter, freundlicher Mann, geht mit Ursula auf die andere Straßenseite. Jetzt sehe ich das Schild, das halb von einem blühenden Hibiskusstrauch verdeckt wird. Darios Guesthouse ist angeschrieben, etwas zurückgesetzt ein einstöckiges Gebäude in zartem Rosa bemalt. Ursula winkt vom Balkon, ich gehe ebenfalls über die Straße und in den ersten Stock. Wohnküche mit Kühlschrank, Elektrokocher, warmes Wasser, ein Fernseher in der Ecke. Ein Badezimmer mit Dusche und WC, ein Schlafzimmer mit Kingsizebed, Schreibtisch und zwei Stühlen. Ein Klimagerät steckt bei einem Fenster, ein Ventilator befindet sich an der Decke. Und dies alles um 200 Dollar die Woche! Stellt man sich am Balkon auf die Zehenspitzen - tatsächlich, der Ozean ist zu sehen. Der Fußweg dorthin nimmt allerdings zwanzig Minuten in Anspruch, doch das spielt jetzt überhaupt keine Rolle, hier wird unser Stützpunkt sein, von hier aus werden wir den Westteil Puerto Ricos erkunden! Schnell sind wir eingerichtet (mit Wäscheleine von Vorhangstange zur Kastentüre!) und auf dem Weg nach Aguadilla.

Diese nette Stadt an der Nordwestküste schmiegt sich an die Felsen und Kliffs von Punta Borinquen, eine weite Bucht schützt die Hafenanlagen gegen die mächtigen Wellen des Atlantiks. Hier, am oberen Eck von Puerto Rico, wo sich das Land im rechten Winkel nach Süden wendet, gibt es starke Strömungen im Ozean. Das ist gut für die Fischer, denn sie nützen diesen Umstand geschickt aus, wenn sie mit den sogenannten crash-bum-boats gegen die rollende Brandung ankämpfen und weite Netze mit Senkgewichten unter die Wellen werfen. Einige dieser Boote sind an Land gezogen und der steil aufgerichtete Bug ragt zum Himmel. Sie sind in kräftigen Farben bunt bemalt und jedes trägt einen Namen. Manche haben ein Santa davorstehen - ein Zeichen dafür, dass den Fischern sehr viel am Segen Gottes gelegen ist. Jetzt sitzen sie im Halbschatten, bessern die Netze aus und ein fröhlicher Schwatz begleitet die Arbeit, das Bier aus der Dose hebt die Stimmung.

Ein berühmter Mann hat hier im Jahr 1493 den Anker seines Schiffes ins Meer geworfe. Christoph Columbus, bei seiner zweiten Reise zum amerikanischen Kontinent, immer noch im festen Glauben, den kürzeren Weg nach Indien gefunden zu haben. Irgendwo zwischen Aguadilla und Aguada ist er an Land gegangen - heute haben beide Orte eine Erinnerungstafel und eine Statue des Seefahrers errichtet! Und gilt es ein Fest zu feiern wie im Jahr 1993 zum 500-Jahr-Jubiläum, ja dann wird in beiden Orten gefeiert und man versucht sich gegenseitig dabei zu übertreffen.

An einem normalen Wochenende tummeln sich hier und etwas weiter südlich bei Rincón Hunderte Surfer in der Brandung. Im Jahr 1968 wurde hier die Weltmeisterschaft ausgetragen, seither ist rundum ein kleines Mekka für diese Sportler entstanden. An diesem Wochenende sind die meisten an die Nordküste gefahren, eben nach Isabela und runter an den Strand Playa Jobos. Ganz in der Nähe unserer Bleibe führt ein schmales Sträßchen zur Küste hinunter und stößt bei Senor Gonzales auf die Hauptstrasse. Die Lautsprecher brüllen nun mit dem Ozean um die Wette, diesmal sitzen zwei Gäste auf der Veranda. Sie haben sich nicht viel zu sagen, vielleicht sind sie auch schon taub. Jedenfalls starren beide auf die Wellen hinaus und fast im Rhythmus der Brandung leeren sie die Bierdosen. Am Surfpoint ist noch nicht viel Bewegung, einige Burschen polieren eifrig ihr board, andere liegen faul im Sand. Die Flut ist noch im Anrollen, die mächtigen Wellen kommen erst später. Wir nützen diese Wettkampfpause und fahren etwa zwei Kilometer weiter zur Badebucht. Vor dem Strandcafe parken einige Autos, wir stellen unseres dazu - so, dass wir vom Strand immer hinschauen können. Ein vorgelagerter Felsen sorgt für ein besonderes Schauspiel. Kommt ein mächtiger Brecher herein, zerschellt dieser in meterhohen Kaskaden an der Barriere. Durch mehrere Spalten drückt das Wasser durch und wirbelt vorne in ein Becken. Einige Zeit fotografiere ich dieses Spektakel und die Menschen, welche im Wasser herumgespült werden. Den Kindern gefällt es besonders, sie kreischen und quietschen jedes Mal, wenn der Wasserschwall kommt und ihnen die Füße wegzieht. Ich kann einfach nicht widerstehen, außerdem ist Ursula schon längst im Wasser.

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Pol. Luis A.Arce Tirado - Núm. Placa 17643, so steht es auf der Visitenkarte, darunter noch Cuartel Policía Isabela.

"Mein Führerschein war auch drin, dann noch Schlüssel, eine Armbanduhr..." Ich bin wahnsinnig aufgeregt, Ursula kommt mit dem Übersetzen nicht nach, weil ich alles durcheinander bringe.
"Ja, die ganze Fototasche! Eine Minolta Kamera, eine XD 7, dann zwei Objektive, nein drei, und ein Konverter, das Blitzgerät, etliche Filtervorsätze", ich rede mit Händen und Füssen.

"Verdammte Sch..., der Pass war auch drin. In einem schwarzen Ledertäschchen, so eines um den Bauch! Geld? Ja, etwa 60 Dollar, nein - keine Reiseschecks. Um Gottes Willen - die Kreditkarte! American Express, die Nummer habe ich, auch die vom Pass". Ich schwitze, mir ist ganz übel. Ursula versucht zu beruhigen, redet mit mir und dann wieder mit dem Polizisten.
"Nein, gesehen haben wir niemanden, nur ein goldfarbenes Auto hat kurz hinter unserem Toyota geparkt. Aber die Leute vom Restaurant, die müssen doch was gesehen haben!? Moment mal, ein Bursch hat mich beim Fotografieren angeredet, hat sich für die Kamera interessiert. Der hat auch gesehen, dass ich die Tasche ins Auto gesperrt habe."

Doch was nützt das alles, es waren Profis. Haben genau die Situation beobachtet und als ich im Wasser war - krach..., die Seitenscheibe eingeschlagen. Lärm? Bei dieser starken Brandung hört man gar nichts. Und der Kofferraum? Ein Kinderspiel mit einem Schraubenzieher, einmal rumdrehen und das Schloss fällt fast heraus. Nein, alles meine Schuld, so blöd darf man einfach nicht sein, ich - der "Weltreisende" - und stell' meine Fototasche ins Auto. Und ausgerechnet heute war der Reisepass dabei, weil ich am Morgen in Aguadilla einen Reisescheck eingelöst habe. Wir fahren ins Guesthouse zurück, es zieht kühle Luft durchs Auto. Die Reste der Seitenscheibe habe ich vorsichtig herausgebrochen, morgen müssen wir das Auto tauschen. Im Restaurant kann ich telefonieren, der Patron ist sehr bestürzt, tröstet uns. Die Kreditkarte ist nun gesperrt, der Autoverleiher weiß Bescheid.

Aus dem nahen Supermarkt holen wir noch Bier. Auch eine Flasche dunklen Bacardi, Ananassaft und Kokosmilch. Im Kühlschrank unserer Küche steht Lasagne (heute pfeife ich auf authentisch), im Fernsehen läuft eine Karibik-Show. Ursula ist schweigsam, beim zweiten Pina Colada beginnt sie die Schuld auf sich zu nehmen. Beim dritten sind wir beide schuld, nach dem vierten das Auto und schließlich und überhaupt nützt das Jammern jetzt gar nichts mehr! Ein fünfter Drink geht sich nicht mehr aus, die Rumflasche ist leer - irgendwie habe ich das Mischungsverhältnis durcheinander gebracht?

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Sonntagmorgen, schon etwas später als gewöhnlich. Wir machen uns auf den Weg zurück in die Hauptstadt, nach San Juan. Der Autoverleiher weigert sich, hierher einen Wagen zu bringen, so müssen wir wohl oder übel zu ihm fahren. Und wie sollte es anders sein, die Versicherung übernimmt den Schaden nicht! Warum? Die Abmachung, dass ein mit American Express Kreditkarte bezahltes Auto kompletten Schutz genießt, gilt nur für Karten, die in den USA ausgestellt wurden! Punktum, da nützt kein Reklamieren und auch nicht viermaliges Telefonieren mit Atlanta (dort ist die Amex - Schadensabteilung), wir müssen die Scheibe selbst bezahlen. Und auch das Schloss!

Warum hatten wir keine Fledermäuse im Auto? So wie Senor Bacardi seinerzeit in der Höhle, wo sein kostbarer Rum gelagert war - warum hatten wir keine Fledermäuse?


Anmerkung:
Nach drei weiteren Tagen Aufenthalt, die mit allerlei Behördenkram ausgefüllt waren, konnten wir die Insel verlassen. Einen Ersatzpass bekomme ich allerdings erst in den USA bei einer österreichischen Vertretung. Zum Glück hat das Sperren der Kreditkarte sofort geklappt, somit hält sich der materielle Schaden in Grenzen, wenngleich meine Minolta-Kamera XD7 wahrscheinlich nicht mehr aufzutreiben sein wird...

 


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