NEPAL

Die Reiseroute führt nun südwärts in die Hauptstadt des indischen Subkontinents Delhi, wo wir uns diesmal nur kurz aufhalten um unsere Visa für Nepal zu besorgen. In der letzten Novemberwoche überqueren wir dann die nepalesische Grenze und genießen eine traumhaft schöne Fahrt nach Kathmandu. Üppige, fast dschungelartige Vegetation, die Baumgrenze bei 4000 Meter und immer wieder zeigen sich schneebedeckte Gipfel in der strahlenden Sonne.

Kathmandu ist bei Reisenden offensichtlich sehr gefragt und wir fühlen uns zeitweise Europa näher als dem asiatischen Kontinent. Eigentlich nicht unbedingt das, was wir uns erwartet haben. Doch der Reiz dieser Stadt macht vieles wieder gut - sie ist ein einziges Museum mit unzähligen Sehenswürdigkeiten. Vor allem hinduistische und buddhistische Tempel finden wir hier, zum Teil mit überaus kunstvollen Holzfassaden ausgestattet. Und wie es sich für ein Königreich gehört, gibt es die entsprechenden Paläste ebenfalls zu besichtigen. Noch mehr Charme und Atmosphäre, bei weit weniger Touristen, strahlt allerdings Patan, die "Stadt der Schönheit" aus.

Die 200-Kilometer-Fahrt von Kathmandu nach Pokhara beansprucht, bedingt durch eine 40 Kilometer lange Mammutbaustelle, einen ganzen Tag und einiges fahrtechnisches Können - oft gibt es nur schmale Asphaltbrücken zwischen riesigen Schlaglöchern. Kurz vor Pokhara ragen dann, ganz unvermutet nach einer Kurve, die schneebedeckten Bergriesen vor uns auf, postkartenreif im letzten Sonnenlicht.

Pokhara bezaubert uns durch seine idyllische Lage am Pewasee, seine gemütlichen Lokale und bunten Geschäfte. Der Campingplatz, direkt am See gelegen, ladet so richtig zum Entspannen ein. Doch uns hat nun das Trekkingfieber gepackt. Den Bus können wir unbesorgt am Campingplatz stehen lassen und so marschieren wir am 3. Dezember mit unseren sicherlich je 15 kg Rucksäcken los. Der von uns gewählte Treck führt die ersten vier Tage entlang der Jomosom Route und schwenkt dann ostwärts, wieder Richtung Pokhara ab - alles in allem rechnen wir mit sieben Tagen und etwa 90 Fußkilometern.

Bereits am ersten Abend, nach einem letzten Gewaltanstieg über 700 Höhenmeter endlose Stufen, werden unsere Mühen belohnt. Vor uns, im goldenen Abendlicht, präsentieren sich Annapurna Süd und Macchupucchre, wohl die zwei markantesten Siebentausender dieser Gegend. Der folgende Tag beginnt etwas ernüchternd - nicht nur der schmerzenden Schultern wegen. Ganz Eilige können die erste Tagesetappe per Jeep auf einer zum Teil brutal herausgesprengten Trasse zurücklegen und leider bleibt auch uns ein Stück entlang dieser Staubpiste nicht erspart. Endlich, gegen Mittag, zweigt ein schmaler Pfad ab. Kleine Siedlungen, in den typisch nepalesischen orange-braunen Farben, fast versteckt unter riesigen Bananenstauden, säumen nun unseren Weg. Die Berghänge sind fast durchwegs bis auf große Höhen hinauf terrassiert und dienen hauptsächlich dem Reis- und Rapsanbau.

Die Trecks in der Annapurna-Region sind geprägt durch endlose Auf- und Abstiege, meist über schmale, treppenähnliche Pfade. 1200 - 1500 Höhenmeter pro Tag sind dabei absolut keine Seltenheit. Am vierten Tag erreichen wir Gorepani auf 2800 Meter und Ausgangspunkt zum Aufstieg auf den Poonhill, dem wohl spektakulärsten "Sunset Point" in diesem Gebiet. In einem vollendeten Halbkreis ragen sie vor uns auf: der Dhaulagiri, 8167 Meter hoch, Annapurna I mit knapp über 8000 Meter, das gesamte Annapurna Südmassiv und der Macchupucchre, dazwischen ungezählte weitere Gipfel. Die gewaltigen Eis- und Schneefelder und Gletscherabbrüche, rücken durch unser Fernglas zum Greifen nahe. Ein überwältigender und unvergesslicher Anblick.

Hier oben fallen die Temperaturen schon empfindlich unter null Grad und wir sind glücklich über den urigen, bereits eingeheizten, Ofen in unserer Lodge. Vor dem ersten Tageslicht, im Schein der Taschenlampe, steigen wir nochmals auf. Gestochen scharf hebt sich das "Dach der Welt" gegen den wolkenlos dämmernden Morgenhimmel ab, um dann nach und nach intensiv rosa zu erglühen. Mit den ersten wärmenden Sonnenstrahlen heißt es für uns Abschied nehmen. Der Abstieg führt durch eine vereiste Märchenschlucht. Je tiefer wir  kommen, desto frühlingshafter wird es, Schnee und Eis weichen üppigster Dschungelvegetation. Diese Querung zum Modi Kola lässt keinen Höhenzug und kein noch so tiefes Tal aus. Unser Höhenmesser rutscht auf 1100 Meter ab, um in den nächsten Stunden wieder über die 2000 Meter-Marke zu klettern. Die wildromantische Gegend lässt allerdings die Strapazen vergessen. Die heutigen 7½ Stunden zählen zu den aufregendsten und schönsten der ganzen Wanderung. Vom letzten Pass erhaschen wir nochmals einen Blick auf den Dhaulagiri, dann geht's unwiderruflich talwärts, entlang dem stetig höher in den Himmel wachsenden Annapurna Südmassiv.

Zurück in Pokhara kommen wir gerade rechtzeitig zu einem großen Fest im tibetischen Flüchtlingslager, anlässlich der Verleihung des Friedensnobelpreises an den Dalai Lama. Wir sind fasziniert von diesen Menschen, deren Bräuche und Lebenseinstellung so komplett verschieden zu denen der Einheimischen sind. Die winzige Heimat, die ihnen hier in Nepal zugesprochen wurde, pflegen sie mit einer Liebe und Sorgfalt, die ihresgleichen sucht. Die Dorfstruktur berücksichtigt alles, was Leben lebenswert macht, unter anderem ist ein Altenheim mit entsprechenden Beschäftigungs- und Therapieeinrichtungen kurz vor der Fertigstellung.
Den Höhepunkt des Festes bildet die Schmückung und Errichtung reichbeflaggter Fahnenmasten bei den Tempeln. Es folgen folkloristische Tänze und ein gemeinsames Mittagessen unter freiem Himmel. Die Herzlichkeit und Gastfreundschaft dieser Menschen beeindrucken uns tief.

INDIEN Fortsetzung

Ziemlich wehmütig verlassen wir nach drei Wochen Nepal, so richtig kann uns der Gedanke an das lärmige, chaotische Indien noch nicht begeistern. Die drei Tage Fahrt von der nepalesisch-indischen Grenze bis Varanasi (Benares) durch die bevölkerungsreichsten und ärmsten Unionsstaaten Indiens, Bihar und Uttar Pradesh, gleicht einem Alptraum. Überall Menschenmassen mit kaum dem Lebensnotwendigsten, apathische Gesichter, Kranke und Bettler. Wo immer wir notgedrungen stehen bleiben müssen, hängen Trauben von Menschen am und um den Bus. Dazu mieseste Straßenverhältnisse und immer wieder unfallbedingte Sperren oder Demonstrationen, die zu stundenlangen Umwegen über gerade noch befahrbare Pisten führen. Keine Hinweisschilder, Verständigung gleich Null - unsere Stimmung ist auf einem absoluten Tiefpunkt angelangt und wir träumen jedem über uns dahin ziehenden Flugzeug nach...

Varanasi enttäuscht uns. Es spielt sich zwar alles wie in Reiseführern beschrieben ab - rituelle Waschungen zum Sonnenaufgang am Ganges, Leichenverbrennungen entlang der Ghats - doch wirkt es auf uns allzu verkommerzialisiert und vor allem sehr, sehr lieblos. Die allgegenwärtigen, alles fotografierenden Touristen tragen auch nicht unbedingt zum Charme der Stadt bei.

Noch einmal führt unsere Route über Delhi nordwärts nach Jalandhar. Ab dem 19. Dezember beginnen bei unserer Sikh-Familie die Festlichkeiten anlässlich der Hochzeit des ältesten Sohnes Gumit. Nach den noch unverdauten Eindrücken unserer deprimierenden Fahrt durch Nordindien brauchen wir einige Zeit, um uns in dieser ungezwungenen, fröhlichen Gesellschaft wieder wohl zu fühlen.

Ein genauer Zeitplan teilt die folgenden Tage ein. Zuerst findet ein Polterabend für den männlichen Freundeskreis des Bräutigams statt, wo ungefähr 300 Personen dem Alkohol frönen. Dann ein Abend für alle weiblichen Gäste. In raffinierten Sarees und bunten Kleidern, mit den traditionellen Handmalereien, die nur zu Hochzeiten aufgetragen werden, tragen die Frauen der engeren Familie alte Volkslieder vor und musizieren dazu. Den Abschluss bildet eine pompöse Cocktailparty im Garten der Rhanas, der Gastgeberfamilie, welcher mit einem riesigen Zelt wetterfest gemacht wurde, denn momentan gibt es kaum einen Tag ohne Wolkenbruch. Darunter reiht sich ein Büffet ans andere, Unmengen von Köstlichkeiten laden die 500 Gäste zum Zugreifen ein. Wir denken einige Male an die Menschen außerhalb des Zaunes...

Am 24. Dezember sind wir wieder in Delhi, hier findet am nächsten Tag die eigentliche Hochzeit statt. Jetzt sind wir so richtig froh über unsere eigenen vier Wände. Wir schmücken ein wenig "Heilig-Abend" Stimmung in unseren Bus und genießen einige besinnliche Stunden, fernab vom großen Trubel. Im luxuriösen Ashok Hotel ist die Convention Hall für die Hochzeit reserviert. Hier treffen nun die Familien zusammen und der Bräutigam Gumit nimmt seine prächtig gekleidete Braut Tara in Empfang. Ein Sikh-Priester zelebriert nach einem genauen Ritual die Trauung, doch scheint es uns, dass sich die Mehrheit der 1000 Geladenen eher nur auf das Büffet konzentrieren - überall ein irres Gedränge und für uns Anlass, an heimatliche Hochzeiten zu denken, wo das Persönliche, Familiäre doch noch mehr vorherrschen.

Erneut steuern wir am 27. Dezember unseren Bus nordwärts ins Himalaja-Vorgebirge. Unser Ziel ist der Corbett National Park, der älteste und größte seiner Art in Indien und bekannt für seine zahlreichen, frei lebenden Tiere wie Tiger, Antilopen und riesige Elefantenherden. Die gutmütigen Dickhäuter, die uns dann Ritte durch gänzlich unberührte Wildnis und Dschungel ermöglichen, dürften jedoch die freie Wildbahn kaum mehr gekannt haben. Silvester feiern wir gleich zweimal - einmal Ortszeit und 4½ Stunden später zur "Österreichzeit". Über Kurzwelle begleiten uns Walzermusik, Raketengeknalle und Glockengeläute ins neue Jahr. Mit unserem letzten, sorgsam aufbewahrten Dosenbier aus Österreich stoßen wir auf 1990 an!

Zurück in Delhi wird ein Werkstättenbesuch fällig. Links vorne ist ein Federstab gebrochen - ein Tribut an die schlechten Straßen. Diesmal bleibt auch Zeit, Delhi touristisch zu entdecken. Die gebuchte Sightseeingtour entpuppt sich allerdings eher als "Tour de Force", in wenigen Stunden werden wir kreuz und quer durch Neu- und Alt-Delhi getrieben!

Am 10. Januar, zum Vollmond, erreichen wir Agra. Hier steht das berühmteste Meisterwerk der Mogulbaukunst: das Taj Mahal - ein Traum aus weißem Marmor, ein Grabmal der Liebe für Mumtaz Mahal, der Lieblingsfrau von Shah Jahan. Auszug aus dem Reisetagebuch:

Langsam versinkt die Sonne, taucht das Monument in ein Lichterbad aus warmen Gold, dann mehr und mehr in ein hauchzartes Rosa und schließlich in ein kühles, beruhigendes Abendblau - der weiße Marmor umhüllt sich für die Nacht. Groß und rund taucht der Mond über den Bäumen auf, konkurriert mit den letzten Sonnenstrahlen auf der Kuppel des Tempels, gewinnt immer mehr an Höhe und färbt den weißen Marmor milchig-silbern.

Zwei Tage später reisen wir in den für uns interessantesten und faszinierendsten Teil Indiens

Rajasthan - der Wüstenstaat

Vier Monate sind wir nun unterwegs, über 18.000 Kilometer und 120 Nächte in unserem Bus - und jetzt werden unsere Vorstellungen von Indien erfüllt. Stundenlange Fahrt durch Wüste, die weitgehend bewirtschaftet wird; riesige Trockenreisfelder, gelb blühender Raps und schier endlose Bananenplantagen. Dann schemenhaft am Horizont ein Berg, darauf eine Festung, rundum die Stadt Jaipur - The Pink City. Diesen Beinamen erhält die Stadt durch ihre vielen, aus rotem Sandstein erbauten Häuser, die in der Sonne rosafarben leuchten. Prächtige Paläste zeugen von Prunk und Glanz, mit dem sich der Maharadscha von Jaipur auch heute noch umgibt - hier scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Nicht weit entfernt, in Amber, steht sein Sommerpalast, ein wahres Schmuckstück aus weißem Marmor, reich verziert mit feinsten Steinschnitzereien und Spiegeleinlegearbeiten.

Die Fahrt geht weiter durch die Wüste. Unser nächstes Ziel ist Pushkar, einer der heiligen Pilgerorte für Hindis. Ein bezauberndes Städtchen, rund um einen See gelegen und hinter den letzten Häusern türmen sich bereits mächtige Sanddünen. Hier hält es uns eine Woche und endlich können wir die Hektik der vergangenen Tage abbauen. Wir genießen das Indien, nach dem wir so lange gesucht haben. Das trockene Klima ist angenehm mit Temperaturen tagsüber an die 30°. Die lauen Abende verleiten zum gemütlichen Sitzen in Gartenrestaurants bei Kerzenlicht - und wir finden dies für den 20. Januar ganz normal!

Unsere nächste Station ist Jodhpur, das auch Gate to the Desert genannt wird. Hier beginnt die Wüste Thar, die sich bis zur pakistanischen Grenze ausdehnt und deren Ausmaße etwa 250 x 600 Kilometer betragen. 80 Kilometer vor der Grenze liegt Jaisalmer - eine Stadt wie ein Traum, eine Fata Morgana inmitten der Wüste. Hier fühlen wir uns in der Zeit zurückversetzt. Das Leben spielt sich nach jahrhundertealten Traditionen ab - jede Gasse ein Bazar, in jedem Haus ein Geschäft oder eine Werkstätte, dazwischen reich verzierte Havelis - einst Wohnhäuser der wohlhabenden Kaufleute. Über der Stadt thront ein mächtiges Fort aus braungelbem Sandstein. Ein Spaziergang innerhalb der Mauern spiegelt eindrucksvoll vergangene Zeiten wider.

Eine dreitägige "Kamel-Safari" und ein Ausflug zu kilometerlangen Sanddünen zählen zu den schönsten Erlebnissen rund um diese Oase. Beeindruckend auch die Menschen hier: Stolz und aufrecht, die Frauen mit schwerem Schmuck behängt, die Männer in bunte Tücher und Turbane gewickelt.

Einem Hinweis folgend fahren wir über einsame Straßen nach Nagaur - Schauplatz eines riesigen Viehmarktes mit über 30.000 Tieren! Vor den Toren der Stadt, in den sanften rotbraunen Hügeln, Kamele soweit das Auge reicht! Stundenlang durchstreifen wir das Gelände, das "Fotoauge" wird nicht müde, immer wieder neue Motive zu entdecken.

Am 6. Februar erreichen wir Mount Abu, 1200 Meter hoch gelegen und ein wichtiger Pilgerort der Jains. Hier stehen die mit Abstand schönsten Tempel, was deren Ausstattung betrifft. Eine wahre Orgie aus weißem Marmor, bis ins winzigste Detail bearbeitet, geschnitzt und verziert - eine fast unglaubliche Meisterleistung der Steinmetze vor rund 900 Jahren!
Ein Priester erzählt uns von einem Riesenfest mit starkem religiösen Hintergrund und wir unternehmen einen abenteuerlichen Abstecher weit abseits jeglichen Tourismus', nach
Baneshwar, wo sich alljährlich der Volksstamm der Bhils trifft. Mehr als 100.000 Menschen sammeln sich zu diesem Monsterspektakel und ergehen sich in einer fünftägigen Feier - der Höhepunkt ist zum Fest des Vollmondes. Doch bereits am zweiten Tag reisen wir weiter, die Menschenmassen sind einfach erdrückend, zumal unser Bus und wir sofort als Außenseiter erkannt werden.

Die Fahrt nach Bombay erweist sich als "Hindernis Rallye". Noch tief im Landesinnern stehen wir zweimal vor Flussdurchquerungen - die zweite ist zu tief für uns! Dann versäumen wir bei Ahmedabad die Umfahrungsstraße - bei über 40° Hitze quälen wir uns an die zwei Stunden durch die Zweimillionenstadt. Und am Sonntag stecken wir im dichtesten, längsten und schrecklichsten Stau, seit wir in Indien unterwegs sind - Bombay erreichen wir erst mit einem Tag Verspätung.

Hier steht unser Bus an der Juhu-Beach, unter Palmen im Garten eines kleinen Hotels mit angrenzender Bierbar! Die 20 Kilometer ins Stadtzentrum legen wir mit öffentlichem Stockbus zurück - ein ideales Mittel, ohne Stress an Bombays quirligem Straßenleben teilzunehmen. Wir erledigen viel Büroarbeit, vor allem buchen wir für Hieronymus das Schiff nach Australien Ende März.

Bombay fasziniert durch seine vielen Zeugen britischer Kolonialzeit. So etwa dem Gateway of India, dem Victoria Bahnhof im italienisch-gotischem Stil und den großzügig angelegten Einkaufsstraßen. Sie ist die wichtigste Hafenstadt des Subkontinents und mit derzeit 11,5 Millionen Einwohnern die zweitgrößte und gleichzeitig auch die europäischste. Mitte Februar brechen wir zu unserem letzten großen Ziel in Indien auf:

Goa

Diese ehemals portugiesische Kolonie erreichen wir nach drei Tagen und sie begeistert uns vom ersten Augenblick an. Einzige Ausnahme: die Einreise über die Unionsstaatsgrenze! Korrupte Polizisten drohen mit penibler Buskontrolle, außer wir zahlen bakshish. Wir parken das Auto mitten auf der Straße in der prallen Mittagssonne und lassen uns nicht einschüchtern. Die Hitze im Bus steigt, wird endlich auch den Beamten zuviel - und sie ziehen resignierend ab!

Bei Colva finden wir einen Stellplatz wie im Bilderbuch: Grüne Wiese, rundum Palmenhaine, vor uns eine leichte Sanddüne, breiter weißer Strand und eine 27° warme Arabische See! In unmittelbarer Nähe ein Frischwasserbrunnen und keine 200 Meter entfernt ein Strandrestaurant, liebevoll aus Palmenzweigen und Bambusrohren zusammengebastelt - hier lässt es sich aushalten. Und das tun wir auch die kommenden drei Wochen!

Die nähere Umgebung und die Südküste erkunden wir mit einem geliehenen Motorrad und finden malerische Fischerorte und verschwiegene Badebuchten. In Goa wird der Karneval sehr ausgelassen gefeiert und auch wir lassen uns mitreißen. Wir besuchen eine lustige und vor allem laute Party, wo wir bis frühmorgens das Tanzbein schwingen.

In der nahen Stadt Margao versorgen wir uns am Fischmarkt mit prawns (Riesengarnelen), eine tolle Ergänzung unseres meist vegetarischen Speisezettels. Und wie es sich für Portugiesen gehört, gibt es hier auch ausgezeichneten Wein dazu.

Leider wird unsere Hochstimmung während der letzten Tage etwas getrübt: Zuerst verschwinden zwei Badetücher von der Leine und dann unser Sonnenpaneel vom Dach des Busses. Unser Abschied von hier ist deshalb aus zweierlei Gründen etwas traurig.

Fast 1000 Kilometer Autofahrt, durchwegs auf Nebenstraßen, bringen wir hinter uns, um zwei der größten Wunderwerke Indiens zu besichtigen: Ajanta und Ellora. Hier haben ab dem 2. Jahrhundert v.Chr. zuerst Buddhisten, später Hindi und Jain Mönche in irrwitziger Arbeit riesige Höhlen in den Felsen geschlagen und als Tempel und Klöster ausgestattet. Dessen nicht genug haben ganz eifrige Steinmetze in Ellora den größten Höhlentempel auch von außen (!) abgeklopft. So entstand das größte, aus einem Stück Fels erbaute Gebäude der Welt: 90 Meter lang, 50 Meter breit und 35 Meter hoch sind die Ausmaße des bearbeiteten Felsens! Man muss dies mit eigenen Augen sehen, so unglaublich und gigantisch mutet es an, eine faszinierende Leistung an Statik und Berechnung!

Unwiderruflich rückt das Ende unserer Reise in Indien näher. Über Poona erreichen wir Mitte März erneut Bombay und stellen uns wieder an die Juhu Beach. Wir sind froh über jede Seebrise, denn die Temperaturen erreichen mittlerweile 40° und die Luftfeuchtigkeit ist enorm. Nun wird es Zeit fürs Verschiffen unseres Busses - wir selbst fahren mit dem Zug nach Delhi und am 2. April fliegen wir nach Singapur und später weiter nach Sydney.

Über fünf Monate waren wir Gast in diesem Land, mehr als 13.000 Autokilometer liegen hinter uns. Wir erinnern uns an Tage, wo wir enttäuscht und deprimiert waren - noch lieber an Tage mit schönen und interessanten Erlebnissen. Wir sahen das Land von allen Seiten. Die schönen, prunkvollen und geschichtsträchtigen, aber auch die gegenwärtigen, hoffnungs- und aussichtslosen.

Wir trafen Menschen, die dieses Land auf ihre Art bezwingen: fleißig, intelligent und klug. Doch auch das Gegenteil erlebten wir - apathisch, dem Schicksal ergeben, integriert in eine gesichtslose Masse, welche den Problemen gleichgültig gegenüberstehen.

So gestaltet sich unser Abschied auch sehr nachdenklich, das Bild unseres Indien passt nicht in den westlichen Rahmen, dieser Subkontinent ist eine unvergleichliche, eigene Welt und zur Zeit 900 Millionen Menschen sind Gewähr dafür, dass sich dies auch nicht so schnell ändert.

 


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