Nordamerika - wo Camping geboren wurde

So steht es zumindest auf der Broschüre und ein verheißungsvoller Text preist alle Vorzüge des Outdoor-Lebens an, natürlich verbunden mit entsprechendem Outfit. Im Klartext bedeutet es, dass man fürs Leben draußen über eine geeignete Ausrüstung verfügen sollte. Im Prospekt, der vor uns auf dem Tisch liegt, ist damit ein sogenannter Truck Camper gemeint – eine Wohnkabine ohne Räder, die auf einem Leicht LKW draufsitzt oder besser draufliegt und jederzeit abgestellt werden kann. Und so eine Kabine samt einem passenden fahrbaren Untersatz soll für unseren sechsmonatigen Aufenthalt in Nordamerika angeschafft werden.

Wohl wissend, dass derartige Aufsätze in Europa nicht als Standard zu bekommen sind - folglich auch wenig Informationen dazu erhältlich sind - haben wir uns bereits mittels Internet schlau gemacht. Ein Vermieter von Wohnmobilen in Vancouver/Kanada fungiert auch als Händler und erste konkrete Infos landen bereits per E-Mail auf unserem Schreibtisch. Es handelt sich um einen Camper der Marke LANCE LITE, dessen Hersteller sich als der „Beste auf der Welt“ bezeichnet. An dieser Stelle ist anzumerken, dass es in den USA und Kanada mehr als ein Dutzend Hersteller dieser Art Truck Camper gibt und somit hier bereits zum Standard gehören.

 

 

Es ist Ende Mai und vor fünf Tagen sind wir in Vancouver angekommen. Nun steht er vor uns – der LANCE LITE FAVORITE TRUCK CAMPER 815 mit der Seriennummer 146624 und soll auf den Truck montiert werden. Diesen haben wir vor zwei Tagen bei einem Händler in Surrey, einem Vorort von Vancouver, erstanden. Es war Liebe auf den ersten Blick – so hat es Ursula bezeichnet. Ein nostalgisches Modell 250 XLT Lariat der Marke Ford aus dem Jahr 1990, gänzlich ohne Plastikaufputz und mit 4x4 Antrieb. Auf einer beige/blauen Metallic Lackierung blitzen verchromte Zierleisten und in den bulligen Stoßstangen spiegelt sich die Umgebung. Eine Doppelkabine bietet wichtigen Stauraum, der lange Radstand unter der Ladefläche ist Voraussetzung zum Laden des Campers. Ein Blick unter die Motorhaube lässt europäische Benzin-Normalverbraucher sofort erschrecken. Denn acht Zylinder in einer 5.4 Liter Maschine deuten auf exorbitant hohen Treibstoffverbrauch hin. Da nützt auch das Argument wenig, dass ein gewaltiger Doppeltank mit 130 Litern Fassungsvermögen für mindestens 330 Meilen Fahrstrecke reichen. Sie lesen richtig - Meilen - denn auch nach vielen Jahren seit Einführung des metrischen Systems in Kanada bedienen sich die Menschen hier immer noch der miles, der yards und der inches. Der Kaufpreis aber bleibt unverändert in kanadischen Dollar, die Formalitäten bestehen nur aus dem Kaufvertrag und einer Erklärung, dass das Fahrzeug den Abgasvorschriften entspricht und sind überraschend schnell erledigt. Mit einem sogenannten Demo-Nummernschild ausgestattet schickt man uns zum Versicherungsmakler. Der will wissen, wo wir wohnen (es genügt die Adresse eines Bekannten oder wie in unserem Fall jene des Wohnmobil Händlers), wie lange wir bleiben, wohin wir fahren und warum ausgerechnet auch in den einsamen Norden?

Kurz und gut: Der einsame Norden bedeutet einen erfreulichen Preisnachlass auf die Prämie. Denn wo wenig Verkehr, da auch weniger Risiko! Wir erklären, dass wir ja fast nur und ausschließlich im Norden...!

Mit hübschen British Columbia licence plates an den Stoßstangen befestigt kehren wir zum Platz des Wohnmobil Händlers zurück, wo nun die Kabine montiert werden soll. Es ist Freitag Nachmittag, was ja in Kanada an und für sich kein Problem darstellt. Nicht aber, wenn der darauffolgende Montag ein Feiertag ist, denn dann gibt es Long Weekend. Somit wird die heutige Montage eine Schnellarbeit, denn der Mechaniker holt um vier Uhr seine Familie ab – sein Truck ist bereits mit allen Weekend Utensilien beladen! Mit einigen Provisorien versehen werden wir ebenfalls ins lange Wochenende geschickt, welches nun hauptsächlich mit nicht enden wollenden Einkäufen ausgefüllt ist.

Besonders spannend verläuft das erste Abstellen der Kabine. Das heißt, das Abstellen ist der einfachere Teil, jedoch das Aufladen – ja, das kann ganz schöne Wortgefechte hervorrufen! Ideal für solche Versuche ist natürlich ein Campingplatz, denn im Handumdrehen hat man sämtliche Nachbarn mit allen erdenklichen Tipps an der Seite. Nachteilig wirkt sich aus, dass diese Tipps nicht einheitlich sind. Das führt wiederum dazu, dass ich nach 20 Minuten vergeblichen Reversierens den Motor abstelle und mit hochrotem Kopf in der Kabine verschwinde – Kaffeepause! Nach einer Viertelstunde neuer Versuch, den Unterteil der Kabine zentimetergenau zwischen den Radkästen zu platzieren. Zwei Klebestreifen an der Oberkante dienen nun als Messpunkte und siehe da – es klappt, bevor wiederum hilfreiche Nachbarn einschreiten können.

Ein einwöchiger Ausflug nach Vancouver Island gibt uns Gelegenheit, das Gespann (im wahrsten Sinne des Wortes) zu testen und vor allem nach unseren Bedürfnissen einzurichten. Apropos Bedürfnis – dafür verfügt der Camper über ein eigenes Abteil. Eingerichtet mit einer Thetford Toilette samt elektrisch betriebener Wasserspülung, kleinem Waschbecken und Dusche – beides mit Warm- und Kaltwasserversorgung – sowie einem Spiegelschrank mit zwei Innenfächern. Die Stehhöhe von 170 cm ist gerade noch zulässig, umdrehen in der Kabine nur für eine schlanke Person bei geschlossener Türe möglich. Die Empfehlung: „Save water, take a shower with a friend“ ist nicht angebracht. Falls man dennoch gemeinsam duschen möchte: Eine Außendusche mit ebenfalls Warm- und Kaltwasser ermöglicht ungehindertes Duschvergnügen.

Die Inneneinrichtung ist eigentlich normal europäisch, abgesehen vom fast überdimensionierten Kühlschrank mit Tiefkühlabteil und einer hässlich zum Anschauen und sehr geräuschintensiven Heizung. Wahren Luxus bietet das Cab Over, das ist jener Teil der Kabine, der sich über dem Führerhaus des Trucks befindet und hier das Schlafzimmer mit Queen Size Mattress (220 x 220cm) bildet. Eine Sitzhöhe von 70 cm oberhalb der Matratze wird als sehr angenehm empfunden, die Längsschlafrichtung erspart das Klettern über den Partner.

Die Sicherheit in der Kabine ist dem Hersteller eine wahre Orgie von Aufklebern wert. Nicht weniger als 68 Stück zählen wir im, am, auf und innerhalb – also fast überall – mit allen erdenklichen Hinweisen, was man nicht und auf gar keinen Fall machen darf! Bitter ernst gemeint, aber sehr zum Schmunzeln jener Hinweis, der den Eigner auffordert, bei Gasgeruch sämtliche Fenster zu öffnen und umgehend den Notruf 1-800-ZERO zu wählen! Na ja, eine Feuerwehr gibt's auch am einsamsten Flecken...

Nun wird auch die längst fällige Namensgebung nachgeholt. Eine Taufe mit Champagner wird es nicht, dafür vergeben wir aber gleich zwei Namen. Der Truck wird von Ursula Beauty genannt, mein Einwand ob ich jetzt "Sie" sagen muss wird abgetan. Auch gut, ein 3.5 Tonnen Truck ist jetzt weiblich, so wie der Name der Kabine Rosinante - in Erinnerung an John Steinbeck und seinen berühmten Roman Travels with Charley.

Bilder sind hier >>> zu finden

Aufbruch in die Northwest Territories

Wir sind wieder zurück in Vancouver und lassen letzte Mängel an Beauty und Rosinante beheben, bevor wir in Richtung Norden aufbrechen. Knapp eine Woche später nähern wir uns den Rocky Mountains und den touristisch perfekt erschlossenen National Parks von Banff und Jasper. Dabei erleben wir die verrücktesten Wetterkapriolen, die man sich nur vorstellen kann. Innerhalb von zwei Tagen wechseln wir von sommerlichen 27° im Städtchen Golden zu Eisregen und Schneeschauern in den Bergen rund um Lake Louise. Bei strömendem Regen flüchten wir ins Visitor Center und wollen uns über die Wetterentwicklung erkundigen. Ein völlig durchnässtes Pärchen aus Deutschland steht fassungslos vor der Wochenvorschau: Regen, Schnee, Regen, Temperaturen um den Gefrierpunkt! Völlig verzweifelt sagt das Mädchen zu ihrem Partner:
"Lass uns ins Auto sitzen und einfach so weit fahren, bis es trocken und warm ist“ – ja, wenn das so einfach ginge bei den Distanzen.

Wir können dem folgenden Schneeblizzard am Icefields Parkway im Juli etwas gelassener gegenübertreten, rufen uns halt unsere Erinnerungen von früheren Reisen durch diese grandiose Bergwelt ins Gedächtnis und bereiten etwas schneller als geplant die nächsten Etappen Richtung Northwest Territories vor. Dem Icefields Parkway und der herrlichen Umgebung von Jasper werden wir dann eben Ende September eine zweite Chance geben, wenn wir wieder südwärts unterwegs sind.

Es gibt einen Punkt in British Columbia, wo wir bei vorangegangenen Reisen immer sagten: „...einmal biegen wir hier nach rechts ab." Heuer, am 15. Juli ist es soweit. Wo der Highway 16 aus Jasper kommend auf den Highway 97 stößt, reihen wir uns auf die Abbiegespur Richtung Norden ein. Schlagartig hört das Hetzen, Blinken und Hintendrauffahren auf – im Rückspiegel kein einziges Auto, endlich Zeit zum Schauen. Und gleich auf den ersten gemütlichen Kilometern entdecken wir eine Elchkuh, die direkt entlang der Strasse die Büsche rupft und erst in den Wald verschwindet, als wir neben ihr stehen bleiben. Über weite Täler und immer niedrigere Pässe erreichen wir den Fraser River und folgen ihm bis Prince George. Die Stadt kennen wir von unserer Alaska Reise im Jahr 1997, sie ist ein riesiges Zentrum der Holzindustrie und ein bestens ausgestatteter Ausgangspunkt für nördlich gelegene Unternehmungen.

Der Highway 97 oder auch John Hart Highway quert nun die Arctic Divide mit dem Summit Lake – die Gewässer, welche hier nordwärts fließen, haben nur mehr ein geringes Gefälle bis zum arktischen Meer zu überwinden. Vor dem Ort Fort St. John erreichen wir den Alaska Highway, folgen ihm bis Fort Nelson und 30 Kilometer weiter zweigt der Liard Trail nordwärts ab. Es ist uns bekannt, dass die 140 Kilometer bis zur Grenze zu den Northwest Territories derzeit eine fast durchgehende Baustelle sind und tatsächlich steht nach einigen einsamen Kilometern ein Bursche mit einem Stoppschild am Straßenrand. „The pilot car has left about five minutes ago – will be back in another ten minutes“, begrüßt er uns. Ein Teil der Baustelle wird anscheinend im Einbahnverkehr geregelt und das sogenannte pilot car, welches uns durch den gefährlichen – weil mit Baumaschinen bestückten – Abschnitt lotsen soll ist gerade unterwegs. Wir warten gerne und der Bursche ist überglücklich endlich wieder Ansprache zu haben. Drei bis vier Autos pro Stunde, erzählt er, ergeben kein ausfüllendes Arbeiten. Und dann jagt ein Auto heran – das pilot car, gesteuert von einem Mädchen – „she is quick, isn’t she?“. Na ja, hoffentlich müssen wir dieses Tempo nicht mithalten, wenn wir an den riesigen Baumaschinen vorbeidirigiert werden!

Ist die Schotterpiste in British Columbia noch passabel, so ändert sich das
schlag(loch)artig in den Northwest Territories. Und was man sich am wenigsten wünscht bei Erdstraßen, nämlich Regen, begleitet uns nun die folgenden Tage. So eine Schlammschlacht zehrt und ist nicht unbedingt ein Garant für gute Laune. Bei einer Pause eine Tasse Kaffee hinten in der Kabine zu trinken, bedeutet zuerst Dreck abkratzen, damit wir überhaupt das Schloss in der Türe finden. Das absolut langweiligste aber ist, das der gesamte Liard Trail mit über 300 Kilometer Länge durch sogenannten boreal forest verläuft (wir kennen das als Tundra). Links und rechts der Fahrbahn ist ein Streifen abgeholzt damit Tiere nicht unmittelbar auf die Piste laufen. Dahinter stehen Krüppelbäume dicht an dicht, welche nicht den geringsten Durch- geschweige denn Ausblick zulassen. Nachdem der Trail fast ausschließlich Tälern folgt, fährt man so über Hunderte von Kilometern wie mit Scheuklappen: Wir übersetzen boreal mit boring was in der neudeutschen Sprache als urfad oder öd gilt.

Die Northwest Territories sind nur sehr dünn besiedelt. Zum einen kleine Siedlungen, wo noch Ureinwohner ansässig sind und zum anderen Trading Posts der weißen (Pelz-) Jäger. Und wo es Bodenschätze gibt entstehen größere Orte wie Fort Liard oder Fort Simpson. Wir besuchen das Dorf Jean Marie River am mächtigen Mackenzie Fluss, eine Ansiedlung der Deh Cho Region, und hoffen irgend etwas Authentisches zu finden, etwas das mit den Northwest Territories assoziiert werden kann. Aber außer sehr schön aufbereiteten Schautafeln über das einstige Leben, über die Werte und Traditionen der Ureinwohner vom Stamm der Dene, finden wir nicht viel. Es überwiegen die Containerhäuser, Kinder und Jugendliche folgen sämtlichen Modetrends bei der Kleidung und es stellt sich die Frage, wieso wissen die hier so genau Bescheid und vor allem wo kann man diese trendigen Stücke erwerben? In Fort Providence finden wir die Lösung. Bei der Kasse in einem Geschäft der Handelskooperation liegen Versandkataloge, über die man alles Erstrebenswerte am Postweg beziehen kann!

Yellowknife, die Hauptstadt der Territories, ist unser nördlichster Punkt. Am Landweg geht es nicht mehr sehr viel weiter, gängige Transportmittel ab hier sind Wasserflugzeuge. Die Stadt muss so ziemlich alles aus dem Süden importieren und seit die meisten Erzminen rundum stillgelegt sind, ist sie eine reine Verwaltungsstadt. Sehr reizvoll an den verzweigten Armen des Great Slave Lake gelegen, mit vielen Geschichten rund um Trapper, Buschpiloten und sonstigen Abenteurern, die speziell im Stadtteil The Rocks, dem alten Stadtkern, noch sehr gegenwärtig sind. Leider dominieren auch hier negative klimatische Jahrhundertwerte – bei eisigem Wind und Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt fehlt ein bisschen die Begeisterung. Auch unsere geplante Kanutour über die Seen entlang des Ingraham Trails müssen wir aufgeben, denn die arktischen Verhältnisse würden eine andere Ausrüstung erfordern. Doch wer bringt im August schon Daunenjacken mit?

Wieder retour am Highway 3 hoffen wir den Eisstürmen zu entkommen. An der westlichen Seite des Great Slave Lakes verläuft die Straße durch eine Bison Sanctuary und sehr zu unserer Freude ist der Grünstreifen neben der Fahrbahn ein beliebter Aufenthaltsort dieser mächtigen Tiere. Am Ufer eines seichten Teiches gelingt es uns sich ganz nahe an diese bulligen Geschöpfe heranzupirschen und einige wunderbare Portraitaufnahmen zu machen. Dass uns dabei Millionen von lästigen kleinen Mücken Gesellschaft leisten erhöht nur noch die Spannung (und später den Juckreiz).

Am südlichen Ufer des Great Slave Lake liegt die Stadt Hay River. Hier werden die Waren die nach Yellowknife geliefert werden von der Bahn aufs Schiff verlegt, was den relativ geringen LKW Verkehr auf den Routen nordwärts erklärt. Eine Besonderheit der Siedlung ist die absolut modernste Schule, die wir je gesehen haben. Allein die Färbelung in einem knalligen Lila macht sie zu etwas Besonderem. Total außergewöhnlich ist, dass das gesamte Gebäude aus Rundungen besteht und das Ganze einem Wunsch der Schüler und Lehrer entsprang. Der Rest der Gemeinde hat sich in der Zwischenzeit von seinem Schock erholt und betrachtet das Gebäude als eine Art Markenzeichen von Hay River.

Seit Tagen begleitet unsere Fahrt ein beunruhigendes Geräusch an der Unterseite des Trucks, irgendwo hinter dem Getriebe. Da unser nächstes Ziel im Herzen des Wood Buffalo National Parks liegt, weit weg von jeder Werkstätte, suchen wir die Ford Vertretung im Ort auf. Nach einer Viertelstunde die Diagnose: Kein Getriebeschaden, kein Differential kaputt – es ist der Katalysator! Dieses Ungetüm ist unmittelbar hinter dem Getriebe platziert und ist der Verursacher der grauslichen Geräusche. Sein Innenleben hat sich aufgelöst, im Klartext sagt der Mechaniker „abgebrannt“.
Wie das bei den arktischen Temperaturen wohl funktioniert hat...?

Kurz und gut, er muss erneuert werden. Das gute Stück ist aber nicht auf Lager, es wird in Edmonton/Alberta bestellt – das liegt gerade mal 1100 Kilometer entfernt im Süden, Lieferzeit drei Tage. Mit der Beruhigung, dass kein weiterer Schaden entstehen kann, röhren wir mit dem defekten Konverter – wie er hier bezeichnet wird – in Richtung Fort Smith, wo sich das Hauptquartier des Wood Buffalo National Parks befindet. Mit annähernd 45.000 qkm ist er der größte Park Kanadas und Heimat der einzigen freilebenden und komplett sich selbst überlassenen Bisonherden dieser Erde. So erklärt es stolz der Park Ranger und gibt auch Zahlen preis: Die größte Herde zählt etwa 800 Tiere und hält sich zur Zeit in der Gegend des Peace Point auf. Nein, absolut keine Chance am Landweg dorthin zu kommen, nur mit dem Buschflieger. Ein Studium der Landkarte bestätigt das. Unseren Einwand, dass buffalo eigentlich alles andere als ein Bison ist, entkräftet er mit einem breiten Lachen. Es ist schon richtig, dass diese Tiere keine Büffel sind, doch hat man den Namen aus der Überlieferung der Urbewohner - den Indianern -  übernommen und die hätten buffalo gesagt. Ok, auch Buffalo Bill war somit eine Erfindung der Indianer...?

Doch die Umgebung von Fort Smith verspricht auch andere interessante Unternehmungen. So nisten an den Ufern und auf vielen Inseln im Slave River zur Zeit die schon rar gewordenen weißen Pelikane. Im lichten Wald, der ebenfalls boreal wie alles hier oben ist, entdecken wir Elche und Schwarzbären. Letztere sind emsig damit beschäftigt die süßen soap berries von den Büschen zu futtern. Und auf einem unserer Streifzüge begegnet uns ein gar seltsames Tier – ein porcupine. Das ist ein übergewichtiges Baum-Stachelschwein, welches die Erde nach Fressbarem durchwühlt und dabei ununterbrochen grantelt und grunzt.

Wieder zurück in Hay River wird die Reparatur erledigt und dann wartet ein besonderer Abschnitt an unserer Reiseroute: Der sogenannte waterfall trail entlang des Mackenzie Highways in Richtung Süden. Zwei besonders schöne Wasserfälle des Hay Rivers sind mit einem verzweigten Wegenetz verbunden – eine Gelegenheit die endlich wieder zum Wandern ermuntert. Luise und weiter stromaufwärts dann Alexandra heißen die Fälle, welche den Canyon mit Donnerrauschen erfüllen.

Ende August erreichen wir den 60. Parallelgrad, der die Grenze zwischen den Northwest Territories und Alberta markiert. Im Besucherzentrum erhalten wir ein Diplom, welches uns nun als Abenteurer ausweist, die das Gebiet nördlich dieses Breitengrades bereist haben. Ich erkläre der freundlichen Dame das Wortspiel zwischen boreal und boring, aber sie fügt es nicht in die Urkunde ein.

Langsam ändert sich das Landschaftsbild, es überwiegen Kornfelder die sich bis zum Horizont ausdehnen, gewaltige Getreidesilos prägen die Silhouetten. In Fort Assiniboine kommen wir gerade richtig zum überregionalen soft pitch tournament. Was auf den ersten Blick wie Baseball ausschaut, folgt nur in den Grundzügen diesem Ballspiel – so erklärt man uns – und der nette Herr deutet dahin und dorthin, erläutert warum jetzt dieser Spieler läuft, jener zu seiner base zurückkehrt und dass die ältere Dame als erste die home base erreicht hat. Auch wenn wir mit den Regeln nicht ganz zurechtkommen amüsieren wir uns prächtig, denn die Kommentare der sogenannten Trainer und Anfeuerer sind einfach herrlich. In Österreich sagen wir dazu: „...es rennt der Schmäh!“

Die weitere Fahrtroute führt bereits durch stark besiedelte Gebiete, die Hauptstadt Edmonton kündigt sich an. Nebst Erkunden der Down Town mit ihren zwei Ebenen - oberirdisch im Sommer, unterirdisch im Winter - darf natürlich ein Besuch des Westend Mall and Amusement Park - dem zur Zeit weltweit größten Einkaufszentrum mit 800 Geschäften nicht fehlen. Zugegebenermaßen ein MUSS, denn was sich da alles unter einem Dach abspielt ist einmalig. Was Geschäfte und Restaurants betrifft ist die Vielzahl erwähnenswert, vollkommen verrückt dann, was sich an Vergnügungen anbietet. Da wetteifert ein Wasserpark mit Wellenbad neben einem Eislaufplatz um die Gunst der Besucher, man spielt Minigolf, vergnügt sich im Galaxiepark, stürmt das IMAX Kino, fährt mit einem Mini U-Boot durch eine künstliche Wasserwelt oder besucht nebenan eine Delphin Schau. Kaffee und Kuchen gibt es dann am Europaplatz, wo sich die Vielfalt der Europäischen Union (ja tatsächlich!) im Miniformat widerspiegelt. Nur frische Luft und Sonnenschein fehlen in diesem überdachten Paradies, so kämpfen wir schon nach kurzer Zeit mit einem Brummschädel und tränenden Augen und finden das ganze nur noch halb so attraktiv.

Der Yellowhead Highway 16 führt schnurstracks nach Westen aus der Hauptstadt hinaus und lockt beim Städtchen Hinton mit einer vielversprechenden Abzweigung: Die Forestry Trunk Road. Laut Reiseberichten ist sie eines der letzen Fahrabenteuer durch eine unbeschreiblich schöne Landschaft. Wir schreiben jetzt Mitte September und die ersten herbstlichen Farben sind in den Laubwäldern zu erkennen. Doch das war es dann auch schon. Eine mächtige Kaltfront schiebt sich entlang der Rockies nach Süden und beschert uns heftige Regenschauer, die dann in höheren Lagen zum Schneesturm werden. Die vielgepriesene Trunk Road ist eine Versorgungsstraße zu Dutzenden Erdgas- und Ölfeldern in der Region, dementsprechend auch der LKW Verkehr. Riesige Landstriche sind abgeholzt und Pipelines, Förderpumpen und Baucontainer stehen in der Landschaft. Die Provinz Alberta wird ihrem Spitznamen Oilberta hier voll gerecht. Der Dauerregen verwandelt die Straße in einen Schlammpfad, jede Steigung wird zum Rutschabenteuer, das nur dank des Vierradantriebes nicht im Graben endet. So ist nach drei Tagen unser Wiedersehen mit dem Jasper National Park ein Ebenbild dessen, was wir im Juli vorgefunden haben. Nämlich dichter Schneefall und frostige Temperaturen – der berühmte Icefields Parkway präsentiert sich seinem Namen entsprechend.

Unsere Reise in den Norden geht dem Ende zu. Zurück in Vancouver am 26. September, finden wir einen Stapel Post, darunter auch die Polizze der Fahrzeug- Versicherung. Darin ist genau zu lesen, warum wir in den Genuss einer günstigen Prämie gekommen sind und wie wir weiterhin zur Minimierung der Risken beitragen können um noch mehr zu sparen. Ich werde in den nächsten Tagen zum Makler gehen und ihm schildern, wie sehr uns der boreal forest gefallen hat und das wir auch weiterhin nur und ausschließlich im Norden unterwegs sein möchten...

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