Den Süden der Schweiz und das nördliche Italien trennen massive Bergstöcke. Der Mensch hat für Eisenbahn und Automobil Löcher durch den Berg geschaffen, die ein schnelles Reisen ermöglichen. Wer das nicht mag - und dazu zählen wir uns - fährt oben drüber. Und ist fast allein unterwegs mit der Gelassenheit der Genießer.

 

TRANSALPIN - abseits der Autostrada

Nicht ganz so schnell wie eine Fahrt mit dem legendären Fernzug soll unsere Reise sein, doch „alpenüberquerend“ ist sie ganz bestimmt. Und damit es auf gar keinen Fall schnell voran geht, fassen wir gleich am Beginn den Entschluss, nur Nebenstraßen unter die Räder unseres Wohnmobils Fridolin zu nehmen. Wir wählen nämlich den winzigen Grenzübergang Koblach - Montlingen in der Nähe von Götzis in Vorarlberg, um ins Appenzeller Land zu gelangen. Die obligatorische Vignette für die Autobahn in der Schweiz ist hier nicht erhältlich. Auch nicht bei der Tankstelle im Dorf und im nächsten Ort Altstätten. „Na dann halt nicht“, lautet eine typisch österreichische Entscheidung, welche auch von meiner in der Schweiz geborenen Frau Ursula unterstützt wird. Bei vielen, nicht bei allen, Entscheidungen handeln wir solidarisch, sozusagen Eidgenössisch! Das hat im jetzigen Fall zur Folge, dass wir auf der gesamten Reise keine Autobahnen benutzen werden, auch später in Italien nicht. In Appenzell gibt es einen soliden Stellplatz direkt beim Hallenbad, von wo das Zentrum bequem in fünf Minuten zu erreichen ist. Nach einem Rundgang besuchen wir eine gemütliche Beiz‘ und wie es sich gehört bestellen wir eine zünftige Mahlzeit: „Appenzeller Chäshappech“ mit einem rassig schmeckenden Käse als besondere Spezialität.

Nun planen wir eine neue Route, die uns über Wattwil nach Rapperswil an den Zürichsee bringt. Über den Damm erreichen wir das andere Ufer bereits im Kanton Schwyz und die bestens ausgebaute Straße Nr. 8 führt uns direkt an den Vierwaldstätter See, genauer gesagt an den Unteren See. Ein kurzer Halt in Altdorf mitten im Kanton Uri, wo laut Friedrich Schiller der Apfelschuss von Wilhelm Tell stattgefunden hat und schon sind wir im Tal des Flusses Reuss, dem wir nun gemächlich bis Göschenen folgen. Hier legen wir fest, dass ab jetzt der Reiseteil „Südschweiz“ beginnt. Geografisch liegen wir sicher richtig, denn wer in der Umgebung von Oberalppass, St. Gotthard Pass und Furkapass unterwegs ist, kann dahinter nur den Süden finden.

Über den schauderhaften Abgrund der Schöllenenschlucht bauten die Urner eine Brücke. Als Baumeister war der Teufel mit im Spiel und als Lohn verlangte er die erste Seele, die diese Brücke passieren würde. Die schlauen Urner trieben einen Ziegenbock drüber – der Name Teufelsbrücke war geboren. Vom Parkplatz an der heutigen Autostraße führen kleine Pfade zu Aussichtspunkten, wo man tief in die Schlucht hinunter schaut und den alten Wanderweg noch gut verfolgen kann. Auch die Eisenbahn kommt hier vorbei und im Tunnel oberhalb der Straße verschwindet gerade die „Matterhorn-Gotthard-Bahn“ mit den leuchtend roten Waggons. Übrigens, unsere verschmähte Autobahn verschwindet auch hier – nämlich in den 16km langen und finsteren St.-Gotthard-Tunnel. Unsere Fahrt hingegen findet bei strahlendem Sonnenschein statt. Kurz nach Andermatt schwenken wir Richtung Westen und durch das weite Urseren-Tal erreichen wir das Örtchen Realp. Im Winter ist hier Endstation für den Automobilisten, denn die Straße über den Furkapass bleibt unterm Schnee. Will man weiter in den Süden (jetzt stimmt es wirklich), bleibt nur die Verladung auf die Eisenbahn. Jetzt aber, Ende September, genießen wir so richtig die Fahrt über den 2431m hohen Pass, wo wir kurz dahinter ans graublaue Ende des Rhone-Gletschers hinunter steigen. Irgendwie beschleicht uns ein komisches Gefühl, wenn da eine künstliche Grotte ins Eis gebohrt und an der Oberfläche mit Stoffbahnen der Gletscher abgedeckt wird. Was zerstört mehr: Bohren oder Schmelzen? Diese Gedanken werden mit der grandiosen Aussicht etwas verdrängt, denn in direkter Luftlinie ist das Finsteraarhorn mit 4.274 Metern Höhe wunderbar zu sehen.

Vorbei an der Abzweigung zum Grimselpass erreicht die Straße in weiten Serpentinen das Rhône-Tal. Unser Abendziel wäre St. Léonard zwischen Sierre und Sion, doch in Leuk – genauer im Ortsteil Susten – lockt ein ausgeschilderter Stellplatz. Allerdings liegt dieser direkt an der Hauptstraße und das verspricht keine ruhige Nacht. Da kommt wie gerufen ein Hinweisschild zu einem Sportplatz und der befindet sich weiter oben am Hang. Wie man ja schon vermuten kann, hat jeder Sportplatz einen Parkplatz. Dieser hier ist purer Luxus: Eine herrliche Aussicht übers Rhône-Tal und sagenhaft ruhig!
Die nach Süden ausgerichteten Hänge des Rhône-Tales sind gut bestückt mit Weingärten. Schier unglaublich wie hier jedes noch so kleine Plateau mit Weinstöcken bepflanzt wird. In St. Léonard machen wir den kleinen Umweg zum Stellplatz. Der befindet sich recht zentral in der Nähe des Einganges zum größten unterirdischen See Europas – dem Lac Souterrain. Aber uns ist nicht nach einer Höhle zumute, noch dazu wo wir nun einen traumhaften Fahrabschnitt vor uns haben. Dort, wo die Rhône im rechten Winkel Richtung Genfer See abbiegt, liegt das Städtchen Martigny bereits im französischsprachigen Unterwallis. Es ist hier ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt. Zum einen ins französische Chamonix am Fuße des Mont Blanc und zum anderen durch das Val d‘ Entremont hinauf auf den Großen St. Bernhard – der ist unser Ziel. Die bestens ausgebaute Passstraße führt durch eine herrliche Berglandschaft immer wieder vorbei an kleinen Seen und Wasserfällen. Kurz vor der Passhöhe lädt ein Parkplatz für eine Rastpause ein und wir genießen die prächtige Aussicht bei einer Wanderung entlang eines alten Saumpfades. Auf Schautafeln erfahren wir später, dass dieser Alpenübergang bereits von den Galliern und Römern benutzt wurde. Auf einer Höhe von 2473 Metern liegt dann das von Bernhard von Menthon im 11. Jahrhundert gegründete Hospiz und auf einer Felskuppe, bereits auf der italienischen Seite, steht eine mächtige Steinsäule mit einer Statue des Heiligen obenauf. Die berühmten Bernhardiner Hunde sieht man allerdings hier oben recht selten, denn die Aufzuchtstation wurde vor einigen Jahren nach Martigny verlegt. Allgegenwärtig sind aber die Plüschhunde bei den vielen Ständen der Souvenirhändler!

 

Schöllenen Schlucht

Von einem Aussichtspunkt ist oben die Autostraße und unten der alte Wanderweg zu sehen

 

Anfahrt zum Furkapass

Ein Blick zurück ins Urseren-Tal mit dem Wintersportort Andermatt im Hintergrund

Furkapass

Von der Passhöhe haben wir einen tollen Ausblick auf das Finsteraarhorn

 

Furkapass

Die Grimsel-Straße windet sich hoch zum gleichnamigen Pass

Furkapass

Über gewagte Serpentinenbauten schlängelt sich die Straße hinunter ins Tal

 

Rhone - Gletscher

Zum Schutz vor der rasch fortschreitenden Schmelze werden Planen aufgebracht

Leuk - Susten

Über dem Tal finden wir diesen herrlichen Stellplatz am Waldrand

 

Der Große Sankt Bernhard

Nur wenige Fahrzeuge sind unterwegs über den Pass - durch den Tunnel geht es schneller

Der Große Sankt Bernhard

Eine Statue des Hl. Bernhard, dahinter die Spitze des Mont Fourchon - 2902 Meter hoch

 

Der Große Sankt Bernhard

Genau an der Grenze zu Italien liegt dieser kleine See - dahinter das Hospiz

Die zahlreichen Straßenkehren bei der Abfahrt erfordern eine langsame Fahrweise. Das kommt uns natürlich sehr gelegen, denn so kann man immer wieder eine Ausweiche ansteuern und einen Fotostopp einlegen. Der Autoverkehr ist minimal, denn wer’s eilig hat benützt den Tunnel. Bevor wir das Aosta-Tal erreichen, lockt noch ein vielversprechendes Seitental, das in unserem Reiseführer mit Camping und Stellplatz ausgewiesen ist. Doch vorerst meint es unser Navigationsgerät zu gut mit einer offensichtlichen Abkürzung. Es wird eine schweißtreibende Angelegenheit auf der immer schmäler werdenden Straße endlich einen halbwegs geeigneten Platz zum Umkehren zu finden. Schwierig wird die Situation dann noch durch ein nachkommendes Fahrzeug, dessen Fahrer just nicht die paar Minuten warten mag, bis wir reversiert haben. So zwängt er sich zwischen unserem WoMo und einer Stützmauer durch, wo dann prompt sein Außenspiegel zu Bruch geht. Fluchen auf Italienisch klingt fast sympathisch…

Valpelline heißt das angesteuerte Tal und bei Bionaz liegt der verträumte Lago di Lessert (oder auch Lexert). Laut Beschreibung soll es einen Stellplatz hier geben, doch dieser hat sich anscheinend zu einem Campingplatz gewandelt. Hinter dem Restaurant und Pizzeria Lac Lexert erstreckt sich eine leicht abfallende Wiese bis zum Seeufer, die rundum von Kieferwald gesäumt ist. Ein Rundgang um den See ist ein perfekter Ausklang dieses Tages und mit der Aussicht auf die bis zu 4000 Meter hohen Bergspitzen rundum, welche nun im Abendlicht erglühen, kehren wir an den Campplatz zurück. An der Rezeption erhalten wir noch ausführliche Broschüren mit viel Information über die Region und so sind wir am nächsten Morgen unterwegs zum Talschluss. Vorher lockt noch eine Wanderung in die Vergangenheit des Bergbaues hier im Tal und zu sehenswerten Steinhäusern, Kapellen und Kirchen. Alles in Allem ist dieses Gebiet ein riesiger Naturpark, wo scheint’s die Zeit etwas langsamer vergeht.

Bei der Abfahrt ins Aostatal holt uns der Verkehrsalltag wieder ein. Die Stadt Aosta ist ein wichtiger Ort an der Route nach Frankreich, dementsprechend herrscht hier rege Betriebsamkeit. Das merkt man natürlich auf den Straßen, wo es gute Nerven braucht sich als Ortsunkundiger an sein angestrebtes Ziel zu bewegen. Dieses heißt Camperpark und liegt in der Nähe des Bahnhofes – dazwischen liegt die halbe Stadt. Doch zusammen mit der netten Stimme aus dem Navi und ein klein wenig österreichischer Sturheit finden wir zumindest in die Nähe. Denn die Camper werden nun auf den aufgelassenen Marktplatz dirigiert, was in unseren Unterlagen noch nicht vermerkt ist. Dafür liegt der Platz sehr zentrumsnahe und in zehn Gehminuten finden wir uns auf der Piazza Chanoux inmitten der riesigen Fußgängerzone wieder. Die Stadt wird nicht umsonst „Rom der Alpen“ genannt, denn der Kulturliebhaber findet an vielen Ecken die Spuren einer einst mächtigen römischen Ansiedlung. Römische Brücke, Augustusbogen, Porta Prætoria, römisches Theater und das Forum Romanum – das ist ein Auszug all der Sehenswürdigkeiten, denen wir einen Besuch abstatten. Unbedingt soll man aber vorher die wirklich gut ausgestattete Touristeninformation an der Via Porta Prætoria aufsuchen, wo einem die freundlichen Mitarbeiter mit Plänen und Broschüren geradezu überhäufen. Zum Abschluss genießen wir noch bei einem Glas Wein das quirlige Treiben am Platz vor dem Rathaus und dem Hôtel des Etats, bevor wir an den Camperpark zurückkehren. Die Sanitäranlagen vor Ort sind eher als dürftig und unhygienisch zu bezeichnen, doch in unserem Fridolin sind wir ja unabhängig was Dusche und WC betrifft. Dafür wird Sicherheit während der Nacht bestens gewährleistet: Der Platz wird mittels Flutlicht wie auf einem Fußballplatz hell erleuchtet, alle Verdunkelungsrollos im WoMo werden aktiviert.

Nach einer erstaunlich ruhigen Nacht verlassen wir Aosta in westlicher Richtung. Das Ziel ist der Nationalpark Gran Paradiso, der mit dem Auto durch drei Täler erreichbar ist. Wir wählen die Abzweigung kurz vor Arvier ins Val Savarenche. Anfangs recht kurvig und steil windet sich die Straße hoch zum Dorf Degioz. Dort ist gleich am Ortsrand ein moderner Stellplatz mit Ver- und Entsorgung eingerichtet. Gut zu wissen für den Rückweg! Am Talende liegt der Weiler Pont und was sich nun unseren Augen bietet ist überwältigend. Das Tal wird weit, vor uns liegt eine große Bergalm mit einer grandiosen Bergkulisse dahinter und mittendrin auf weitläufigem Wiesengrund der Camp-Platz. Weiße Wolken am blitzblauen Himmel, viel Sonne und Licht - das ist wirklich ein Gran Paradiso wie aus dem Bilderbuch. Saisonbedingt hat der Campingplatz bereits am 22. September geschlossen, jedoch der riesige Naturparkplatz davor ist ein guter Ersatz. Unser WoMo Fridolin hat ja zwei Solar-Paneele am Dach, mit denen die Stromversorgung wunderbar klappt, der Kühlschrank wird hier oben sicher auch kein Problem mit Kühlen haben. Dachten wir. „Hier oben“ ist nämlich 1950 Meter hoch und die Zündung des Kühlschrankes will und will nicht das kleine Flämmchen erzeugen, welches er zum Betrieb braucht. Da fällt mir ein Tipp ein, der vor langer Zeit den Weg in unser Bordbuch gefunden hat: Wenn der Gasvorrat in der Flasche sich im unteren Drittel bewegt und man sich in großer Höhe befindet, kann das zu Problemen führen. So schließe ich kurzerhand die volle, zweite Flasche an und es funktioniert bestens! Nun steht einer Wanderung nichts mehr im Wege. Eine große Tafel beschreibt den Weg Nr.1 zum Refugio Vittorio Emanuele II und der hat es in sich. Bis auf 2730 Meter Höhe kraxeln wir hinauf, belohnt durch eine Rundumsicht auf mächtige Bergstöcke und Gletscher. Direkt vor uns der eisbedeckte 3540 Meter hohe Becca di Monciair, der in seiner Form irgendwie an das Matterhorn erinnert.

Nach unserer Rückkehr zum WoMo klopft es an der Türe. Ein uniformierter Park-Ranger erklärt Ursula (sie spricht ausgezeichnet Italienisch), dass der gelbe Unterlegskeil beim Vorderrad weg muss. Wie bitte? Ja, das schaut nämlich wie „Campieren“ aus und das ist im National-Park verboten. Ohne Keil ist es lediglich „Parken“ und daher kein Problem. Man lernt nie aus!

Ohne irgendein künstliches Licht rundum sind die Sterne am Himmel millionenfach zu sehen. Und diese klare Nacht wird auch ein bisschen frisch – das Thermometer zeigt morgens acht Grad im Wageninneren. Doch schnell sind wieder die Rucksäcke gepackt, denn wir wollen einem alten Wanderweg bis zum Talschluss folgen. Dort soll sich auch das Ende des Gletschers Grand Etrét befinden, der sich bis auf 2600 Meter herunter windet. Aber das war einmal. Auch hier hat die Erwärmung ganze Arbeit geleistet und der Gletscher hat sich in den letzten zehn Jahren um 200 Meter verkürzt. Eine wild durcheinander gewürfelte Geröllhalde bedeutet für uns das Ende der Wanderung, denn das Weiterkommen wäre nur noch eine mühselige Kraxelei. Zurück am Parkplatz genießen wir noch den restlichen Nachmittag in der Sonne, indem wir uns auf eine Decke in die Wiese legen (kein Camping!). Morgen werden wir ins übernächste Tal, das Val Grisenche weiterfahren. Zuerst führt die Straße wieder zurück ins Haupttal, wir erledigen einige Einkäufe in Arvier und halten dann beim winzigen Örtchen Rochefort. Dort thront hoch auf einem Fels eine kleine Kirche – Santuario di Rochefort. Sie ist zwar nicht von großer historischer Bedeutung, aber der Ausblick von dort oben ist ein ganz besonderer. Hat man den kurzen Kreuzweg mit kleinen Bildstöcken hinter sich, eröffnet sich einem ein traumhafter Blick auf das Massiv des Mont Blanc!

Nun nehmen wir die Auffahrt ins Val Grisenche in Angriff. Im gleichnamigen Ort gibt es einen Stellplatz der besonderen Art, nämlich direkt am Fuß der gigantischen Staumauer des Lago di Beauregard. So gar nicht nach unserem Geschmack (und Gefühl), außerdem möchten wir ja noch weiter zum Talschluss. Alle Angaben auf Landkarte und im Reiseführer stimmen nicht mehr so ganz, denn es gibt eine anscheinend neue Straße vom Dorf Bonne nach Uselêres/Surier. Dort angekommen stellen wir fest, dass der als Stellplatz ausgewiesene Parkplatz eine kräftige Schräglage hat, das beschriebene „Wander Gasthaus“ für immer geschlossen ist und ein umgebauter Container mit Pagodenzelt(!) als Ersatz dient. Nicht gerade romantisch. Aber Füchse geben nicht auf. Etwa 200 Meter weiter vorbei an den Häusern von Uselêres und einem Ziegenstall endet die offizielle Straße. Bei der dortigen Ausweiche gibt es einen wunderbaren Stellplatz und ist gleichzeitig idealer Ausgangspunkt für eine Wanderung runter zum Stausee. Später dann in der Dämmerung wird unser WoMo von den heimkommenden Ziegen regelrecht umringt und begutachtet. Es gilt ab nun recht aufmerksam beim Aussteigen zu sein, denn die Hinterlassenschaften der Tiere zieren flächendeckend das Umfeld. Die Ziegen sind auch ein recht brauchbarer Wecker, das Gebimmel der Halsglöckchen setzt bereits um sechs Uhr in der Früh ein. Für uns aber gut, denn eine etwas längere Fahretappe steht am Programm. Zuerst geht es retour zum Haupttal und nach Aosta. Der Reiseführer schildert nun viel Historisches über das ganze Tal und dass es ein heißumkämpfter Handelsweg war. Davon zeugen die vielen Burgen, Schlösser und sonstigen Wehranlagen links und rechts an den Hängen. Insgesamt zwölf zählen wir zwischen Arvier und Châtillon auf einer Streckenlänge von gerade mal 45 Kilometer. Hier, in Châtillon, zweigen wir ab in ein nördliches Seitental, welches zur Basis des Monte Cervinio führt - besser bekannt als Matterhorn. Dieses Val Tournenche leidet sehr unter dem massiven Durchfahrtsverkehr zu den Schigebieten am Ende des Hochtales. Dem wirkt man entgegen, dass Kommunalabgaben von den reichen (von Touristen überfluteten) Gemeinden an jene weiter im Tal auswärts gelegenen abgegeben werden müssen. Wir nähern uns also dem berüchtigten Wintersportort Breul-Cervinia und zitieren aus dem Bordbuch: „…wäre da nicht das Matterhorn und die umgebenden Bergriesen, dieser Ort ist den Besuch nicht wert.“ Hier regiert Beton in allen scheußlichen und klotzigen Varianten, gigantische asphaltierte Parkplätze prägen das Ortsbild an der Einfahrt und im Dorf nichts als Geschäfte, Kneipen, Hotels und Restaurants. Bei der Information eine Riesentafel mit einer Auflistung aller Seilbahnen und Lifte: 68 sind es, welche den Schifahrer bis nach Zermatt in die Schweiz bringen können. Grotesk ist, dass jetzt im Herbst keine einzige Bahn für den Wanderer geöffnet hat. Jedenfalls bei unserem Besuch Anfang Oktober ist es so. Eine weitere Besonderheit hält man für Wohnmobilfahrer bereit: auf allen Parkplätzen, sogar auf den Busparkplätzen darf man sein Fahrzeug nicht abstellen! Auch jetzt nicht, wenn fast alles leer ist. Man wird auf einen Stellplatz außerhalb des Ortes verwiesen, welcher aber an Grässlichkeit kaum zu überbieten ist. Wem das nichts ausmacht, berappt 10,00 Euro und darf sich rühmen am Fuß des Matterhorns genächtigt zu haben. Wir verlassen fluchtartig diesen ungastlichen Ort und fahren etwas ratlos hinab nach St. André/Filey. Dort erholen wir uns vom Schock an einem wunderbaren Stellplatz neben dem Bach und planen den heutigen Tag neu.

Laut unserem Stellplatzatlas wäre in Verrès ein netter Platz beschrieben. Auch gibt es dort eine gut erhaltene Wehrburg zu erklimmen und bei Gefallen auch zu besichtigen. So lenken wir unseren Fridolin südwärts und finden auf Anhieb den Platz in Verrès. Recht erstaunt sind wir, dass der Platz von einigen LKW-Zügen fast zugeparkt ist. Des Rätsels Lösung entdecken wir beim Durchfahren. Etliche einschlägige Mädels parken dazwischen mit ihren PKW’s und beglücken die Truckers mit ihren Diensten. Na, da wollen wir nicht länger stören. So erreichen wir wenig später die Stadt Bard die an einem Nadelöhr des Tales liegt. Die große strategische Bedeutung wird von einer mächtigen Festung oberhalb bestätigt. Am gegenüberliegenden Ufer des Flusses liegt die Ortschaft Hône recht malerisch am Eingang eines steilen Tales. Die Suche nach dem ausgewiesenen Stellplatz wird zur Rätselrallye, denn die Angaben stimmen überhaupt nicht. Erst ein Einheimischer weist uns den richtigen Weg Richtung den Bach aufwärts. Der Platz ist anscheinend neu gestaltet und recht ansprechend. Kurios ist das Procedere beim Bezahlen der Gebühr, denn man muss zurück ins Dorf und bei einer von den auf einer Tafel aufgelisteten Stellen bezahlen. Da stehen Apotheke, Gemeindeamt, Friseur, Bäcker usw. – doch was macht man an einem Sonntag? Zurück am Stellplatz haben wir bereits einen Mahnzettel unter dem Scheibenwischer! Erneutes Suchen und Nachfragen, schlussendlich nimmt man dann in einem Restaurant die Gebühr entgegen. Beim Ausgang liegen einige Prospekte mit Wandervorschlägen, die uns gleich gefallen. Das schmale Tal hinter uns führt in total ursprüngliches Bergland bis zum kleinen Dorf Chardonney, wo wir unser WoMo beim Gemeindeamt parken. Von dort gibt es einen Anstieg auf ein Almen Plateau, auf dem gerade die Rinder für den Abtrieb vorbereitet werden. Nun gehören die Wiesen den Wanderern alleine und es geht anfangs gemächlich einen Bergrücken hinauf zu einem Sattel. Laut Beschreibung soll dahinter der Lac de Vercocher liegen – ein kleiner smaragdfarbener Bergsee. Doch der letzte Teil des Anstieges hat es in sich, denn zwei Mal ist eine Geröllhalde zu queren und das Gelände wird zunehmend steiler. Etwas erschöpft erreichen wir den Übergang und werden mit einer grandiosen Aussicht in nördlicher Richtung belohnt: das gesamte Monte-Rosa-Bergmassiv mit Dufour-Spitze und Breithorn, sowie links davon das Matterhorn. Den Bergsee betrachten wir nur aus der Ferne, so gefangen hält uns dieser Ausblick. Ziemlich müde aber glücklich erreichen wir nach insgesamt sieben Stunden wieder das Tal – der Parkplatz wird zum Schlafplatz.

 

Lago Lexert

Ein romantischer Campingplatz direkt am See unter einer grandiosen Bergkulisse

 

Aosta

Im "Rom der Alpen" gibt es viel zu besichtigen - hier das Teatro Romano

Aosta

Die Fußgängerzone lockt mit vielen Cafes und teuren Restaurants

 

Val Savarenche

Anstieg zum Refugio Vittorio Emanuele auf 2730 Metern Höhe

Val Savarenche

Eine willkommene Rast am Plateau unter dem Gipfel des Pta. Tresenta, 3609m

 

Val Savarenche

Der Wanderparkplatz wird auch als Schlafplatz akzeptiert - ohne Keil unter dem Rad!

Val Savarenche

Der Gletscher Grand Etrét hat sich weit ins Tal zurück gezogen

 

Val Savarenche

Unter uns der eigentliche Campingplatz auf 1950m Höhe, im Hintergrund der Gletscher Grand Etrét

Val Grisenche

Ein weiteres Tal im National-Park Gran Paradiso mit dem verlassenen Dorf Surier

 

Val Grisenche

Auf dem Weg zum Talende passieren wir etliche Aussichtspunkte

Val Tournenche

Von St. André/Filey erblicken wir bereits Mte. Cervino - besser bekannt als Matterhorn

 

Val Tournenche

Ein gewaltiger Gebirgsstock türmt sich vor uns auf - die hässliche Ortschaft ist hinter den Bäumen

Val Tournenche - Breul/Cervinia

Aus der Ferne betrachtet ist der Anblick der Betonburgen noch zu ertragen

 

Hône - Wehrburg Bard

Eine wuchtige Festungsanlage bewacht diese Talenge am Übergang ins Piemont

Chardonney

Am Weg zum Lac Vercocher - im Hintergrund das Monte Rosa Massiv mit Breithorn und Dufourspitze

 

Wehrburg Bard

Aus der Sicht unseres Stellplatzes am Ortsende von Hône am Ufer des Flusses Dora

 

Nun verlassen wir die autonome Provinz Aosta und gelangen ins Piemont. Weiterhin bleiben wir den Landstraßen treu und die Nr. 26 bringt uns an Ivrea vorbei schnurstracks nach Chivasso. Wir befinden uns im Einzugsgebiet von Torino (Turin), das wir schleunigst hinter uns lassen. Auf dem Weg nach Asti liegt auf halber Strecke mitten im Hügelland das verträumte Dorf Montiglio Monferrato. Der beschriebene Stellplatz versteckt sich wieder einmal hinter ungenauen Angaben im Bordatlas, doch der Name „San Lorenzo“ liefert den entscheidenden Hinweis. So heißt die örtliche Kirche und der Parkplatz davor ist auch der Stellplatz. Vorne Weingärten, hinter uns Weingärten und daneben der Friedhof – das ist Garantie für Ruhe! Unser angestrebtes Ziel ist die Stadt Alba, welche im weiten Tal des Flusses Tanaro liegt. Alles was hier südlich dieses Flusses liegt hat mit Wein zu tun und natürlich mit Trüffel. Letztere werden in erstaunlich großer Zahl in Alba angeboten und auch verkauft. Bei uns bleibt es bei „Anbieten“, denn der Kaufpreis ist astronomisch hoch. Doch die Stadtbesichtigung ist auch ohne Trüffel interessant und dauert länger als vorgehabt. So nehmen wir die Bergstraße nach Barbaresco und Neive erst am späteren Nachmittag unter die Räder, was sich als überaus reizvoll erweist. Herbstliche Stimmungen, leichter Nebel und ein bereits sehr flaches Sonnenlicht geben immer wieder Grund zum Anhalten. Die Weinernte ist fast vorüber, in Barbaresco schwebt der Duft gekelterten Weines in allen Gassen. Zahlreiche Enotecas bieten ihre Ware zum Verkauf an – wer kann da schon widerstehen? Wir nicht. Einzig beim Restaurant Antinè, das im Michelin mit 3 Sternen geführt wird, bleiben wir standhaft: Primi Piatti beginnen in der Preisklasse 18,00 Euro…

Noch ein kurzer Abstecher nach Neive und dann ab nach Mango, wo wir für die Nacht einen besonders hübsch geschilderten Platz ansteuern wollen. Große Enttäuschung, denn es erwartet uns eine bessere „G’stättn“ mit haufenweise Mülltonnen. Schlecht recherchiert im Reiseführer? Zum Weiterfahren ist es zu spät, für eine Nacht wird’s schon passen.

Ein Stück folgen wir der „Strada Romantica delle Langhe“ bis Sinio. Dort sind wir nun mitten im Zentrum des Weinbaugebietes Langhe mit bekannten Namen wie Monforte d´Alba, Novello und natürlich Barolo. Das dortige Schloss ist zum Teil als Weinmuseum eingerichtet, wo man viel über Anbau und Verarbeitung erfahren kann. Uns interessieren mehr die schmalen Gässchen und da entdecken wir eine der exklusivsten Weinfirmen Europas: Borgogno. Natürlich betreten wir (ehrfurchtsvoll) auch den Verkaufsraum, damit man eigentlich mal eine Vorstellung bekommt, was Weinliebhaber für so einen edlen Tropfen ausgeben. Eine gebundene Weinkarte liegt auf und so blättere ich ein wenig darin. Barolo’s in allen Variationen und aus den verschiedensten Jahrgängen finden sich da. Ein Blick auf die Preise am Rand fällt erstaunt aus, denn die bewegen sich zwischen 5,00 Euro und 7,50 Euro. Nur ganz wenige sind im zweistelligen Bereich. Schon spekuliere ich mit der einen oder anderen Flasche, als mich Ursula aufmerksam macht, dass dies die Preise für EIN Glas sind. Und dieses Glas fasst lediglich 0,1l. Wie gut, dass sie Italienisch kann!

Die Straße schlängelt sich wieder auf einen Hügelzug hoch. Herrliche Aussichten begleiten uns auf dem Weg zur Stadt La Morra. Am höchsten Punkt gelegen, überragen eine Festung und zahlreiche Kirchen die umliegenden Häuser. Unterhalb der Markthalle ist ein Stellplatz ausgewiesen mit wunderbarem Blick auf die Weingärten an den Abhängen. Nach einem ausgiebigen Rundgang stärken wir uns in einer Bar und bekommen einen guten Tipp für ein relativ preiswertes Restaurant. Denn heute wollen wir Trüffelpasta probieren und das „More e Macine“ ist da genau richtig. Also: Riechen kann man die Trüffel kaum, auch nicht im rohen Zustand, bevor sie auf die Nudeln geschabt wird. Und über den nachfolgenden Geschmack lässt sich bekanntlich streiten. Aber den Versuch war es jedenfalls wert.

Bei Mombarcaro ist mit 896 Meter Höhe der höchste Punkt der Langhe erreicht. Ab hier schlängeln sich alle Straßen mehr oder weniger langsam nach unten in Richtung Ligurisches Meer. Unser Navi findet allerdings, dass es zu langsam geht und schickt uns wiederum in eine abenteuerliche Abfahrt. Vor jeder Kurve hoffen wir, dass ja niemand entgegenkommt und wenn, dann bitte ganz langsam! Nach etwa sechs Kilometern erreichen wir schweißgebadet die Provinzstraße, der wir sichtlich erleichtert bis Ceva folgen. Ein letzter Bergrücken ist zu überqueren, dann befinden wir uns in der Provinz Ligurien, wo wir bei Imperia schlussendlich das Meer erreichen. Damit ist dieser Reiseabschnitt durch das nördliche Italien eigentlich zu Ende und das wollen wir in Diano Marina mit drei Tagen „Urlaub“ abschließen. Doch dazu noch ein paar Zeilen. Bei unseren Reisen im Po-Delta steuern wir immer einen besonders schönen und ruhigen Stellplatz bei Bosco Mesola mit Namen Oasi-Park an. Dieser Platz hat einen Partner hier an der Küste. Ja, ja, - Oasi-Park Diano Marina. Und der ist ein Schock der besonderen Art. Etwa 500 Wohnmobile derzeit – im Sommer bis zu 800 – bevölkern das Gelände. Tür an Tür, Markise an Markise, Klappsessel neben Klappsessel. Dauercamper hauptsächlich und deshalb den ganzen Tag am Platz. Eigentlich der ideale Platz für einen, wie hab ich es genannt? Urlaub, glaube ich. Nun gut, wir bleiben trotzdem zwei Nächte da. Es gibt genügend anzuschauen zwischen San Remo und Alássio. Und zwar per Bus und Eisenbahn!

 

Montiglio Monferrato

Vom Stellplatz bei der Kirche San Lorenzo bietet sich dieser Ausblick auf das Dorf

 

Alba

Weiße und schwarze Trüffel in der Auslage - letztere hat einen Kilopreis von 3.800,-

Barbaresco

Die Kirche San Giovanni Battista, dahinter der Torre di Barbarescao

 

Mango

Inmitten von Weinbergen liegt das malerische Dorf Mango

Monforte d'Alba

Im Herzen des Weinanbau-Gebietes liegt dieses Städtchen mit steilen Aufstiegen

 

Monforte d'Alba

Hügelauf, hügelab schlängelt sich die Straße durch die Weinberge Richtung Barolo

Barolo

Durch schmale Gässchen, vorbei an einigen Vinotheken, spazieren wir zum Schloss

 

Barolo

Sehr beschaulich schmiegt sich dieser berühmte Ort zwischen die Weingärten

La Morra

Unser Favorit ist dieses Dorf hoch oben am Hügel mit einem wunderschönen Stellplatz

 

La Morra

Wenn wir aus dem Fenster von unserem WOMO Fridolin schauen: nichts wie Weingärten

Diano Marina Oasi Park

Im Sommer sehr zu empfehlen, falls man die Nachbarschaft von 800 WOMO's möchte!

 

Cervo

Traumhafte Lage und allemal eine Besichtigung wert - der Nachbarort Cervo

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