Reisetagebuch September 2008

01. bis 07. September - Querung von Northern Ontario

Nach der Besichtigung von Lake Winnipeg folgen wir dem gleichnamigen Fluss in den Whiteshell Provincial Park. Neben den National Parks sind solche Einrichtungen meist ein Garant dafür, dass Camping und Wandern in natürlicher Umgebung abläuft. Klingt jetzt etwas seltsam, ist aber so gemeint, denn wo das Land sich in privater Hand befindet gibt es nur Zäune und "Betreten verboten" Schilder. Und alles andere ist Wildnis und dem kundigen Abenteurer vorbehalten. Nun gut - der Feiertag beschert uns freien Eintritt in den Park (richtig gelesen, denn normalerweise wird Eintrittsgebühr verlangt!). So was hebt die Laune und erwartungsvoll kurven wir die ersten Kilometer hinein. Und was sieht das ebenso erwartungsfrohe Auge? Resort neben Resort, Wochenendhäuser ohne Ende entlang der Seeufer und viele Langzeitcamper an den Campingplätzen. Natürlich jede Menge Spaßvehikel am Wasser und zu Lande, bestens ausgeschilderte Quad-Trails (Quad sind diese allradgetriebenen Maschinen) und leere Parkplätze beim Beginn der Hikingtrails! Gut für uns und so sind wir unterwegs zu den Wasserfällen des Whiteshell Rivers und den Bannock Petroforms. Letztere sind von den First Nation People gestaltete Steingebilde, die in Form von Schildkröten und Schlangen auf weitflächigen Felsplateaus ausgelegt wurden. Das Alter dieser Figuren wird mit etwa 80 bis 130 Jahren angegeben - für die Experten ist das schon Aborigine-Zeitalter. So lesen wir das in der Broschüre!?
Nach einer unruhigen Nacht am Camp des Betula Lakes - Langzeitcamper haben kein Verständnis für Ruhe und quatschen bis nach Mitternacht - sind wir weiter unterwegs in den südlichen Teil des Parks. Heftiger Regen und böiger Wind vereiteln weitere Wanderversuche und wir finden uns schnell am Ende von Whiteshell und landen direkt am Transcanada Highway, der in Manitoba die Nummer 1 trägt. Jetzt heißt die Richtung Ost und in die Provinz Ontario.

Kurz nach der Provinzgrenze befindet sich ein Willkommen-Center. Es ist geschlossen wegen Saisonende. Wir versuchen es in der Stadt Kenora. Dort befinden sich zwei Infobüros - beide geschlossen. Und mit der ganzen Sucherei und wegen einer Monsterbaustelle im Zentrum der Stadt verfransen wir uns gewaltig und landen im Nirgendwo (weil wir auch kein NAVI haben...). Keine Bange, wir finden den Transcanada Highway, der hier merkwürdigerweise die Nummer 17 trägt, und sind mit Hilfe unserer AAA-Straßenkarte bestens unterwegs.

Der Ort Dryden liegt 130 Kilometer weiter am Highway - hier hat die Info-Stelle geöffnet und eine freundliche Dame überschüttet uns förmlich mit Informationen über das Gebiet. Sunset Country wird es genannt und ist beliebtes Ziel von Anglern und Jägern (schon wieder!). Der Prospekt dazu ist pompös und eine Ankündigung lässt aufhorchen: "...besuche unsere Website mit Verlinkung zu fast 500 Resorts, Lodges, Hotels und Outfitters". Weiter im Text: "...ein Land mit über 100.000 Seen und Flüssen, wovon 70.000 'fishable' sind". Der 90-seitige Hochglanzprospekt verrät weiters, dass heuer Fly-in-Fishing ganz aktuell und fine ist und dass verschiedene Unternehmungen dich an jeden Punkt deiner Wünsche fliegen. Ok, ich höre jetzt auf und verrate auch keine Kosten über derartige Vergnügungen. Wir stellen uns an den Wabigoon River und planen für die nächsten Tage, was es so an normalen Unternehmungen - sprich Camping und Wandern - in der Gegend gibt. Das Ergebnis fällt mager aus was unsere Route betrifft. Zwar gibt es 14 Provincial Parks im Sunset Country, davon haben acht bereits geschlossen (!) und die restlichen sechs liegen zwischen 40 und 90 Kilometer abseits unseres Weges. Nun gut - dann halt weiter ostwärts und hoffen auf das Unverhoffte. Das Unverhoffte trifft uns im Ort Ignace: Straßensperre! Der gesamte Transcanada Highway ist wegen eines Unfalls gesperrt und das für mindestens fünf Stunden! Der Ort liegt am Agamark Lake und am öffentlichen Strand richten wir uns ein Wartecamp ein. Es wird auch das Nachtcamp. Mit einer besonders schönen Überraschung: Wir sehen spektakuläre Nordlichter die über den dunklen Himmel tanzen. Eigentlich auf diesem Breitengrad recht selten, doch die kalte Strömung aus dem arktischen Teil Ontarios macht's möglich.

Weiterfahrt am Morgen in Richtung Thunder Bay. Etwa 80 Kilometer vor der Stadt passieren wir die Stelle des Unfalls. Zugegeben eine spektakuläre Situation mit einem Tanker-Truck im Graben, der anscheinend gebrannt hat. Aber: Umgelegt auf Österreich heißt das, dass die Westautobahn von Linz bis Wien total gesperrt wird, weil in Pressbaum ein LKW im Graben liegt. Genau 180 Kilometer der einzigen Verbindung im Northern Ontario werden komplett gesperrt, noch dazu war an der Unfallstelle die Straße mit 4 Fahrbahnen eigentlich ziemlich breit...

Thunder Bay ist eine wichtige Stadt für die Region und weiter auch für die gesamte Provinz. Sie liegt am Lake Superior und ist der wichtigste Hafen für die Getreideverladung aus den Zentren Kanadas. Riesige, ja überdimensionale Lagersilos prägen die Skyline im Hafen, wohin auf Schienen die goldene Fracht gebracht wird. Über den Great Lakes Seaway durch Lake Huron, Erie und Ontario, weiter über Kanäle und Schleusen bis zum mächtigen St. Lawrence River gelangen die Schiffe schließlich in den Atlantik - von Thunder Bay bis Montreal sind es etwa 2.000 Kilometer. Anfang 1900 war Thunder Bay der größte Getreide Verladungs-Hafen der gesamten Welt. Von einem Aussichtspunkt am McKay-Mountain überblicken wir die gesamte Bucht bis zur Halbinsel mit der Felsformation Sleeping Giant im Lake Superior.


Herrliche Ausblicke auf Lake Superior begleiten uns auf der Fahrt in Richtung Nipigon, wo sich Highway 17 in südlicher Richtung verabschiedet. Wir machen vorher noch einen Abstecher nach Red Rock an der Nipigon Bay, wo die Wohnhäuser der Arbeiter einer stillgelegten Papierfabrik im 2. Weltkrieg als Gefangenenlager umfunktioniert wurden. Wir lesen, dass 1.400 deutsche Soldaten hier über ein Jahr inhaftiert waren - merkwürdige Situation...

Zurück nach Nipigon. Highway 11 ist unsere Wahl, denn dieser führt weit nordwärts durch unberührtes Land nach Osten. So schaut es zumindest auf der Landkarte aus. Was wir aber gleich bemerken (und später auch bestätigt bekommen) ist der enorme LKW-Verkehr auf dieser Route. Denn Highway 11 ist kürzer und gerader - das ist für Truckies wichtig auf der Fahrt nach Toronto. Nach ein paar Abstechern zu verträumten Orten am Helen Lake und Nipigon Lake gestaltet sich die Weiterfahrt extrem mühsam. Denn Highway heißt nicht unbedingt auch Autobahn und Kanada ist ohnehin nicht gesegnet mit Strassen dieser Art. Damit meine ich, dass wir auf two lanes unterwegs sind, viel Gegenverkehr herrscht und hektische Trucker hinter uns sind - Treibjagd pur auf 650 Kilometern bis Cochraine und weiter zur Abzweigung nach Iroquois Falls. Hier kann ich nur schreiben: "A.E. Johann schau oba!", denn diesen Abschnitt haben wir aus einer seiner Reisebeschreibungen entnommen, die der Reisejournalist im Buch "Transcanada - von Ozean zu Ozean" als eine ruhige und naturnahe Route geschildert hat. Allerdings war das vor 25 Jahren...

Wir sind in Iroquois Falls und sind auf der Suche nach den, auch von A.E. Johann als reizvoll beschriebenen, Wasserfällen, die sich in den Abitibi See über zwei natürliche Felsstufen ergießen. Fehlanzeige: Ein Staudamm wurde gebaut und seit 9 Jahren gibt es keinen Wasserfall mehr. Dafür bekommt nun eine gigantische Papierfabrik genug Elektrizität. Ziemlich frustriert beschließen wir, gleich auf Road 101 in Richtung der Provinz Québec zu fahren. Das machen mit uns auch wieder viele LKWs - die Treibjagd geht weiter. So landen wir am Sonntag, 7. September, 30 Kilometer vor der Grenze zu Québec an einem Zufluss zum Lake Abitibi, wo wir ziemlich erschöpft und grantig den Abend und die Nacht verbringen. So haben wir uns den Norden Ontarios aber sicher nicht vorgestellt! Über 1.300 Kilometer unterwegs und nicht den Hauch von der Faszination Kanadas, die wir in den vorigen Provinzen und Territories erleben konnten. Schnell abhaken und weiterplanen - so lautet die Devise für die nächsten Tage in der Provinz Québec.


Nachtrag zur Größe von Lake Winnipeg:
Also: der See hat eine Fläche von 24.420 qkm, an der längsten Stelle misst er 428 Kilometer. Im Vergleich: der Bodensee mit 536 qkm ist ja ein Lackerl dagegen!
Danke Wikipedia!

Thunder Bay

Riesige Getreidesilos prägen das Stadtbild - einer der wichtigsten Umschlagplätze für den Weizen aus den mittleren Provinzen

 

Lake Helen

Herbstliche Stimmungen am Abend - auftanken für die nervige Weiterfahrt (was wir aber noch nicht wissen)

Lake Helen

Ein sympathischer und ruhiger Platz am See - für lange Zeit leider der letzte

 

Kanada Gänse

Der Herbst bringt auch kühlere Temperaturen - die Gänse rüsten für den Flug in den Süden

Ein etwas anderes Moose

Auch mit typischen Lockrufen konnten wir keinen Elch betören

 

Maximilian Moose

Den einzigen Elchbullen sehen wir bei einer Tourist-Information - und der ist aus Stein!

 

8. bis 17. September - Provinz Québec: "Je me souviens"

Diese drei Worte stehen auf den Kennzeichentafeln der Autos hinten drauf, es bedeutet großzügig übersetzt: "ich erinnere mich, wer ich bin...". Ich weiß nicht, ob sich die Québecer (Franzosen) erinnern, dass sie auch mal Gast in diesem Land waren, dass sie dann zu Eroberern wurden (als die Engländer zu keck wurden) und dass sie vor nicht allzu langer Zeit den unsinnigen Wunsch hatten, sich vom restlichen Kanada zu separieren. Letzteres ist ganz bestimmt noch in vielen Köpfen drinnen und das hat den Meisten nicht gut getan. Denn ich würde heute drei andere Worte wählen. Zwar nicht auf die Nummerntafeln schreiben, aber ganz dick hinten auf unsere Rosinante: "Eingebildet, überheblich, intolerant". "C'est comme ce que tu es aujourd'hui" - so bist du heute!

Wie es soweit kommen kann? Nun, der Reihe nach.
Strasse 101 ist wie erwähnt auch eine LKW-Route, der erste größere Ort - Rouyn-Noranda - eine Art Drehkreuz für alle Himmelsrichtungen. Wir wählen Nr. 117 Ost und das ist - wie soll es anders sein - auch gleichzeitig der Transcanada Highway. Aber nach dem Ort Val-d'Or, ja da richten wir unsere Route in den ruhigen, unberührten Norden, wo über ein riesiges Seenplateau verstreut zahlreiche Tierreservate und geschützte Landschaftszonen zu finden sind. So ist es zu lesen in diversen Broschüren und Landkarten und in den Info-Center's wird es überschwänglich bestätigt. Wie schon so oft bei vorhergegangenen Besuchen!  Was nicht in den Touristen-Broschüren steht, ist die Tatsache, dass die gesamte Region Baie-James unter der Regie von Hydro-Québec zu einem gigantischen Energielieferanten umgebaut wird. Ich weiß nicht genau wie viele, aber es müssen zwischen 120 und 140 Staudämme sein, die hier an den zahllosen Flüssen gebaut wurden (und noch werden!!!), um die nimmersatte Nachfrage nach elektrischer Energie in den Zentren Québec Stadt, Montreal und Ottawa zu befriedigen. So sehen wir ungeheure Schneisen in der Landschaft mit drei bis fünf Stromautobahnen in der Luft. Zahllose Zufahrtsstrassen zu irgendwelchen Umspannwerken oder Trafostationen etc. zerpflügen zusätzlich die Landschaft. Die spärlichen Ortschaften an der Strecke sind allesamt zu Versorgungsstationen degradiert worden. Und die werden versorgt!!! Über die Strasse, die aber nur zweispurig ist. Rund um die Uhr, LKW folgt auf LKW - und wir mittendrin, ohne Ausweg. Ja gut, wir hätten umdrehen können und die südliche Route wählen. Aber man hat ja doch immer ein wenig Hoffnung und vor allem: Alles was ich da jetzt über Hydro-Québec etc. schreibe, haben wir erst nachher erfahren, bzw. erfragt. So werden die 520 Kilometer auf der Strecke nach Chibougamau zum Albtraum. Gehetzt von Truck's, Baufahrzeugen, Serviceautos und natürlich auch privaten PKW's. Es wird gehupt, der Finger gezeigt, hintendrauf gefahren, wild überholt und, und, und..., und das alles, weil zwei Touristen sich erdreisten im nördlichen Québec unterwegs zu sein. Ok, wir haben ein amerikanisches Kennzeichen...

Chibougamau wird als Minen-Stadt beschrieben. Sogar in der brandneuen Broschüre aus dem Jahr 2008. Und es werden interessante Touren ins Bergwerk angeboten - Gold und Kupfer soll es in Hülle und Fülle geben. Ich kürze es ab: Mine seit acht Jahren geschlossen, Touren gibt es nur für Gruppen ab sieben Personen und überhaupt ist jetzt alles bereits zu! Soviel dazu. Ein unfreundlicher Typ in der Touristeninfo bestätigt das. Wir erkundigen uns über die weitere Route, die 145 Kilometer weit durch eine Réserve faunique Ashuapmushuan führt (ein besonderes Tierreservat). Wörtliche Auskunft:"...da gibt es nichts zu sehen, da fährt man durch auf dem Weg zum Lac Saint-Jean." Kleine Ergänzung dazu: Man fährt nicht einfach durch, nein, man wird getrieben. Fortsetzung wie gestern. Es ist einfach unglaublich, für uns absolut unverständlich. Erschwerend kommt hinzu, dass es an der gesamten Strecke keinen Parkplatz oder gar eine Rest Area mit WC gibt und dass sämtliche Sträßchen, die vom Highway abzweigen ohne Angabe von Entfernungen im Nirgendwo enden. Zwei Mal haben wir es versucht einen angekündigten See wenigstens zu sehen - ohne Erfolg. So hetzen wir auch am Lac Saint-Jean vorbei (den sehen wir aus den Augenwinkeln) und finden uns viel schneller als geplant auf Route 169 in Richtung Québec Stadt. Gerade noch vorm Eindunkeln finden wir eine Zufahrt zum Lac de la belle Rivière, wo auch Camping angeboten wird. Die Zufahrt ist vier Kilometer weit durch den Wald und dann stehen wir vor geschlossenem Schranken (Flüche werden an dieser Stelle nicht aufgeschrieben). So suchen wir eine Ausweiche an der Strasse und parken für die Nacht. Es ist kaum eine halbe Stunde vergangen, als zwei Fahrzeuge neben uns halten. Ein Beifahrer steigt aus, begutachtet unsere Nummerntafel (eh klar - ein Ami!) und bevor ich noch an der Tür bin, fahren sie wieder weiter. Aber diese kurze Zeit hat genügt, um etwas ganz Vergnügliches zu sehen! Nämlich die Kleidung der Leute. Erraten: Jäger! Im schönsten Camouflage von oben bis unten. Doch jetzt kommt's: Über dem Overall tragen alle eine orangefarbene Warnweste mit gelben, reflektierenden Streifen!!! Das macht doch Sinn - unten flambiert, oben knallorange plus gelb.
"...kann ich ihnen helfen? Haben sie eine Panne?" - "Nein danke, ich bin auf der Jagd!"

Am Morgen schmunzeln wir noch immer über den witzigen Anblick der Québecer Jäger und begeben uns wieder Richtung Hauptstrasse. Zu erwähnen ist, dass wir uns wiederum in einer Réserve faunique befinden und zwar in in den Laurentides. In diesem Gebiet ist auch der National Park Jacques Cartier eingefügt und in Broschüren (ach, sind die geduldig) wird die vielfältige Tierwelt und der Artenreichtum der Pflanzen angepriesen. Nicht zu vergessen die Farbenorgie im Herbst, wenn sich Ahorn und Espe täglich prächtiger verfärben! Und das vor der Haustüre der Metropole Québec! Kurz vor Erreichen des Highways sehen wir eine kleine gelbe Tafel an einem Baum. Darauf wird hingewiesen, dass alle Nebenstrassen vom 2. September bis 15. Oktober für jeglichen privaten (ja so steht es) Verkehr gesperrt sind. Es ist Jagdsaison!!!
Das muss man sich jetzt aber genau anschauen: Wir befinden uns in einem Schutzgebiet samt National Park, es ist Herbstbeginn und die Blätter beginnen sich langsam einzufärben, die schönste Wanderzeit des Jahres beginnt - und alle Wege links und rechts der Hauptstrasse sind gesperrt??? Diese gelbe Tafel sehen wir in der Folge an jeder nur möglichen Einfahrt. Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Leutchen hier ganz schön "plemplem" sind!

Bei einer Art Forststation (wo die Jäger rapportieren müssen), machen wir Halt. Die Stimmung ist am Tiefpunkt, der Kaffee schmeckt nicht so richtig. Da fahren wir durch die angeblich reizvollsten Landschaften (die der letzten Tage und Woche eingeschlossen) und sehen nicht ein einziges Tier! Hier wird gejagt, dort wird gebaut, da ist ein stark befahrener Highway - und so weiter. Tatsächlich: Durch Ontario und jetzt Québec immerhin über 2.500 Kilometer weit und nicht den Schimmer eines Viecherls.
Ein Pickup-Truck fährt gerade vorbei, vorne zwei mal Camouflage, auf der Ladefläche ein Elch...

Eigentlich muss es nicht extra erwähnt werden: Auch hier auf der gesamten Strecke von 120 Kilometern durch die Réserve Richtung Québec Stadt kein Parkplatz oder die Spur einer Toilette. Ausspruch dazu: "...die Québecer haben ja nicht mal Zeit zum Wischeln vor lauter Eile!" Ausspruch Ende.


Die Treibjagd endet in den Außenbezirken von Québec City. Dort beginnen die vierspurigen Ringautobahnen und die linke Spur gehört ab nun den besonders Gschwinden. Nur 10 Kilometer vom alten Zentrum der Stadt liegt der Campingplatz unserer Wahl für die nächsten zwei Tage. Die Kabine wird abgestellt und so sind wir mit dem Truck solo unterwegs. Der Samstag ist ein guter Tag für Stadtbesichtigungen, das Wetter hält sich bedeckt (gestern war Regen) und die Parkplätze in der Unterstadt haben Wochenend-Tarife. Überall sind noch die Ankündigungen der 400-Jahr Feiern zu sehen, die in den Monaten Juli und August ausgiebigst abgehalten wurden. Alles überragend über dem St. Lawrence River liegt Château Frontenac. Dieses feudale Hotel wurde 1893 gebaut und ist ein klassisches Beispiel der Canadian Railway Architecture des 19. Jahrhunderts. Entlang der Dufferin Terrace und den Mauern zur Citadelle umrunden wir das Cap Diamant und gelangen an der Rückseite in den alten Teil der Oberstadt. Viele schmale Gässchen und Plätze gilt es zu erkunden, alte Häuser und Geschäfte zu bewundern. Und auch Grünanlagen und Parks haben zwischen den Häusern noch Platz, alles ist irgendwie mit Treppen und Stiegen verbunden. Nicht mit einer Treppe sondern mit der Fähre verbunden ist der Stadtteil Levis am anderen Ufer des Saint Lawrence Flusses und bei so einer Überfahrt hat man besonders schöne Überblicke auf die Altstadt mit dem Château Frontenac als Krönung obenauf. Ganz speziell wird es, wenn die Retourfahrt bereits in der Abenddämmerung stattfindet und die Kulisse der Haute Ville mit schummrigen Scheinwerfern erleuchtet wird. Dank einiger Tricks an den Einstellungen der Kamera gibt es fast wackelfreie Bilder von dieser einmaligen Ansicht.

Wir hatten uns vorgenommen wieder mal ein Restaurant aufzusuchen - gekocht und serviert von Anderen ist im Camperleben doch eine schöne Abwechslung. Allerdings hat so ein Restaurantbesuch auch seinen Preis - besonders in der Oberstadt geht es ganz fein her (Da sind wir auch nicht richtig gekleidet...). So trappeln wir runter nach Basse Ville und landen im dritten Versuch in einem ganz passablen Etablissement. Auf Touristen ist man bestens vorbereitet, Speisekarten und Bedienung sind der englischen Sprache mächtig. Doch die Arroganz bleibt. Bestellt Ursula im besten Französisch dies und jenes, fragt der Kellner in lustigem Englisch bei mir nach, ob es eh so passt. Das Essen ist übrigens durchschnittlich und weder englisch noch französisch. Nun gut - wir genießen es trotzdem und spazieren anschließend durch das Quartier Petit Champlain retour zum Parkplatz und steuern recht vergnügt zurück zum Campingplatz.


Ein typischer Sonntagmorgen - für Nichtreisende und Arbeitende meine ich: Es regnet in Strömen! Für die Weiterfahrt haben wir uns Route 138 entlang des Saint-Laurent Stromes ausgesucht, mit einigen Abstechern in kleine, französische Siedlungen entlang des L'Ange Gardien - ein Hügelzug der vom Fluss geschaffen wurde. Der Regen hat aber kein Ende, wir bleiben noch eine Nacht in Québec am Parc Sillery, wo ein ausgedehnter Parkplatz einen idealen Nachtplatz hergibt.

Der Montag beginnt mit zaghaftem Sonnenschein und heftigem Berufsverkehr. Wir finden die Nordausfahrt aus der Stadt erst im zweiten Anlauf. Die kleinen Dörfer haben wirklich ihren besonderen Reiz, vor allem haben sie wenig Verkehr auf den schmalen Sträßchen. So landen wir erst am Nachmittag in Ste-Anne-de-Beaupré, wo die riesige Kathedrale zu einem längeren Besuch einlädt. Auch die Umgebung mit dem Kloster samt Garten ist sehenswert und kurzerhand beschließen wir, den "Kirchencampplatz" in Anspruch zu nehmen. Ja wirklich, das gibt es! Am Ufer des Saint-Laurent gelegen, bietet er auf grüner Wiese ausreichend Platz, der an besonderen Feiertagen von Pilgern genutzt wird - wir nehmen dankbar an. Und noch während des Abendessens taucht ein hellgelber Vollmond über dem Fluss auf...

Die Weiterfahrt überrascht: Hügel rauf und runter, viel Besiedelung und dadurch natürlich viel Verkehr - die Treibjagd geht weiter. Baie St-Paul bietet Platz zum Verschnaufen und etwas weiter die Überfahrt per Fähre zur Île-aux-Coudres. Wieder hat uns A.E. Johann zu diesem Abstecher verleitet, denn er beschreibt diese Insel als das urtümlichste Frankreich der Provinz. Und wir müssen erneut erkennen, dass zwei Jahrzehnte unglaublich viel verändern können - leider zum Negativen. Zurück am Festland steuern wir in La Malbaie auf den Camp bei den Wasserfällen und ändern gleich für morgen alle Pläne: Wir nehmen bereits in St-Siméon die Fähre über den Laurent nach Rivière-du-Loup und dann nichts wie raus aus der Provinz. Nun ist es nicht mal mehr Enttäuschung oder Ärger, nein nun ist es bereits Abneigung gegen diese vielerorts spürbare Ungastlichkeit.

Wir freuen uns auf die atlantischen Provinzen!

Quebec Stadt

Chateau Frontenac - hoch oben thront dieses feudale Hotel über dem Fleuve Saint-Laurent

 

Quebec Stadt

In der Oberstadt steht die Zeit still - Häuser aus dem 19. Jahrhundert säumen fast jede Gasse

Quebec Stadt

In den Straßen zur Unterstadt gibt es jede Menge Restaurants - aber nur für volle Brieftaschen

 

Quebec Stadt

Chateau Frontenac mit Festbeleuchtung
 

St. Anne de Beaupré

Eine der größten Kathedralen des Landes mit Platz für 1.900 Menschen

 

St. Anne de Beaupré

Die goldene Statue verkörpert Anna, die Großmutter von Jesus - das erfahren wir im Besucherzentrum

St. Lawrence River

Vollmond über dem Fluss - ein ruhiger Pol entgegen hektischer Menschen in Quebec

 

Auf der Fähre

Nur noch Rosinante blickt zurück auf Quebec - wir sind mit den Gedanken schon weiter

18. bis 30. September - New Brunswick und Prince Edward Island

Zwei Dinge müssen zum Kapitel Québec noch erwähnt werden, die den Übergang zu den atlantischen Provinzen noch angenehmer erscheinen lassen:
Erstens hat die Provinz Québec kaum Autobahnen außerhalb der Ballungszentren - das macht Touristen zwischen den unzähligen Lkws das Leben schwer (siehe oben).
Und zweitens sind die Treibstoffpreise in der vergangenen Woche am oberen Horizont angelangt - angeblich wegen Wirbelsturm Ike in den USA...

Nun - Brunswick empfängt uns mit vierspurigen Highways und der Preis für Regular-Benzin liegt 25 Cent unter der Franzosenmarke - pro Liter!!!

Im Welcome-Center gleich nach der Provinzgrenze gibt es beste Informationen und die Fahrt nach Fredericton, der Hauptstadt, gestaltet sich mehr als angenehm. Die Provinz wird auch Erdäpfelprovinz genannt, denn der Hauptanteil in der Landwirtschaft ist mit 64% tatsächlich der Potatoe. Das wird eindrucksvoll bestätigt, wenn man die riesige Fabrik McCain bei Grand Falls passiert. McCain ist der größte Pommes-Frittes Hersteller des Landes und kann die unfassbare Menge von 5 Tonnen pro Stunde(!) produzieren, tiefkühlen und lagern, bzw. ausliefern. Hauptabnehmer sind (wie sollte es anders sein) McDonald's und Burger-King.

Fredericton und die gesamte Provinz sind laut Verfassung auch zweisprachig - da waren sie die ersten in Kanada die das eingeführt haben. Deshalb liegt die Stadt auch am Fleuve Saint Jean -  zumindest mit dem historischen Teil und der moderne Stadtteil liegt am St. John River. Eine Besonderheit finden wir fast in Downtown, nämlich eine Pferderennbahn! Eingebettet zwischen alten Ziegelhäusern liegt diese riesige Grünoase mit Tribünen und Stallungen. Ich glaube, dass ich es noch nie erwähnt habe, aber solche Anlagen bieten immer auch Stellplätze für Camper an, genauso wie Rodeo-Grounds oder Ausstellungszentren. Denn Pferd, Reiter und Schausteller reisen nun mal im Camper oder Wohnmobil von Ort zu Ort. Nun gut, wir stehen nun auch zwischen Pferdeanhängern und Pick-ups und sind dann ausgiebig zu Fuß in der Stadt unterwegs.

Irgendwie gefällt auch unserer Rosinante dieser idyllische Platz bei den Pferdeställen - am nächsten Morgen bleiben alle Startversuche vergeblich. Das leidige Problem mit der Elektrik in den Treibstoffpumpen ist wieder akut, alle Tricks bleiben ohne Erfolg, der Motor springt nicht an. Über den CAA (Automobilclub) organisieren wir einen Abschleppwagen und stellen bis zu seinem Eintreffen die Kabine auf Grund. Jetzt zeigt sich, wie Gastfreundschaft (oder Hilfsbereitschaft) gegenüber Touristen auch ausgeübt werden kann: Ein freundlicher Bursch reversiert den Tow-Truck vor unseren Wagen und mit wenigen Handgriffen ist er auf der Ladefläche - die Kabine steht alleine da! Dann fährt der junge Mann mit mir zur ersten Werkstatt bei Canadian-Tire. Dort hat man einen freien Termin erst am Nachmittag. Ein Telefonat ans andere Ende der Stadt - dort können wir gleich auftauchen. Ohne zu Zögern und ohne Mehrkosten fahren wir zu Canadian-Tire Nummer 2. Dort teilt ein freundlicher Service-Adviser (die haben alle einen Titel auf dem Namensschild) gleich einen Mechaniker ein und 20 Minuten später steht unser Auto in der Halle. Erwähnenswert ist, dass der Motor angesprungen ist...

Da es sich um ein elektrisches Problem handelt, wird wenig später ein Spezialist zugezogen. Und der beginnt zu suchen. Und gibt nicht auf. Und findet einen Fehler. Dann noch einen. Es wird eine längere Geschichte. Nun habe aber ich ein Problem, denn Ursula weiß weder wo ich bin, noch wie lange ich weg bleiben werde. Anrufen geht nicht, das US-Handy funktioniert ja nicht in Kanada. Ich teile meine Sorgen dem Service Chef mit, der nimmt das Telefon und bestellt ein Taxi. Fünf Minuten später bin ich unterwegs, fahre zur Trabrennbahn, beruhige Ursula und es geht wieder retour zu Canadian-Tire. Kosten: Null, denn die übernimmt die Werkstatt! Mittlerweile hat der Mechaniker den wahren Grund gefunden: ein geschmolzenes Relais. Kurz und gut: Um fünf Uhr ist die Arbeit beendet, verrechnet werden aber nur drei Stunden plus Material - das Relais kostet gerade mal 11.00 Dollar! Ich denke mit Groll an die Ford-Werkstätte samt ihren Spezialisten in Whitehorse...

Ursula hat auch einen netten Tag. Denn kaum war der Abschleppwagen aus dem Gelände, haben sich freundliche ältere Herren erkundigt, was denn passiert ist. Das geschieht nun im Stundentakt und es wird auch Essen und Trinken angeboten - und überhaupt, wie ist das so in Europa und Austria? Man fühlt sich einfach wohler, wenn sich die Menschen wie Menschen benehmen!


Prince Edward Island - The Gentle Island

Transcanada Highway Nummer 2 führt uns aus Fredericton heraus und weiter nach Moncton, wo wir an die Küste der Provinz rausfahren: Der offene Atlantik ist nun endgültig erreicht, auch wenn uns gegenüber nun eine Insel liegt. Schon vor der Treibjagd durch die Provinz Québec haben wir beschlossen die kleinste Provinz Kanadas zu besuchen, unsere geplante Route erfährt damit eine kleine Änderung. Ich nehme es vorweg: Der Spruch "... Pläne sind dazu da, um geändert zu werden", soll zwar im Alltag nicht allzu oft angewendet werden - doch bei einer Reise sind solche Abweichungen das berühmte Salz in der Suppe. Und diesmal war es fein dosiert, es hat ausgezeichnet geschmeckt!

Confederation Bridge verbindet seit 1997 Prince Edward Island (kurz P.E.I. genannt) mit dem Festland. Viele Insulaner waren damals Gegner dieser Brücke:"... eine Insel hört auf Insel zu sein, Kanada ergreift endgültig Besitz, viel Negatives kommt damit auf das Eiland". Nun gut: 13 Kilometer lang ist diese Nabelschnur zum Festland und der Autofahrer erreicht in weniger als einer Viertelstunde den Ort Borden-Carleton, wo ein Besucherzentrum den Touristen mit ausgezeichneten Unterlagen ausstattet. Dabei ist auch die Broschüre vom Blue Heron Coastal Drive und der verspricht allerhand Sehenswertes. So fahren wir kurz entschlossen auf Route 10 gemütlich nach Osten und genießen am Laufmeter die ländliche Idylle, die schmucken Häuser, die bunten Gärten und vor allem: wenig bis gar kein Verkehr! Weit kommen wir nicht an diesem Tag, denn bereits der erste Ort direkt am Meer lädt zu einem längeren Stopp ein. Victoria by the Sea - ein kleiner Hafen wo lokale Fischer ihre Boote ankern, zwei oder drei Straßen mit Hotel, Kaffeehaus und Postbüro, einige Souvenirgeschäftchen und nicht zu vergessen die Schokoladefabrik! Die einzige auf der Insel übrigens und heute wird das 25jährige Bestehen gefeiert. Neben dem Hafen noch ein postkartenreifer Leuchtturm und am Pier ein Lokal, das frischen Fisch anbietet. Ein nettes Willkommen auf der sanften Insel.

Mit nur 5.600 qkm Größe ist sie die kleinste Provinz Kanadas, aber eine der am meisten begehrten. Zuerst von den Franzosen in Besitz genommen, dann von den Engländern erobert, von Îsle Saint-Jean auf Prince Edward umbenannt und schließlich um 1800 von schottischen Highlanders kontrolliert. Heute leben 135.000 Menschen hier, Landwirtschaft und Fischfang - vor allem Hummer - sorgen für ein gutes Einkommen. Die Insel ist auch heimliche Hochburg der Golfer: Nicht weniger als 31 Plätze sind übers Land verteilt, darunter ein Championship Kurs bei Brudenell River mit einer Golf-Akademie angeschlossen.

Wir verlassen Victoria by the Sea und folgen dem Blue Heron entlang der Küste, die immer wieder zu kleinen Aufenthalten einlädt. Leuchttürme, rote Sandstein-Kliffs, weitläufige Felder die sanft zum Meer abfallen, Farmhäuser mit viel Charme und gepflegten Gärten - und Blumen, Blumen und immer wieder Blumen. Fort Amherst gegenüber der Hauptstadt Charlottetown ist eine National Historic Site mit riesigem Freigelände. Hier wurde die erste französische Siedlung auf der Insel errichtet, bevor sie von den Engländern (schon wieder!) zerstört und zu einem Fort ausgebaut wurde. Die Hafeneinfahrt in den Hillsborough River nach Charlottetown kann man von hier bestens überblicken, gegenüber sind die Vororte mit stattlichen Häusern bereits zu erkennen. Die Hauptstadt bietet viel Britisches: Die roten Ziegelhäuser an der Waterfront erinnern an die koloniale Bedeutung als Seehafen, heute reihen sich hier Restaurants und Souvenirläden Tür an Tür. Ein markantes Gebäude ist das Province House, wo die kanadische Confederation im Jahr 1867 beschlossen wurde. Soviel zu Historischem.


Auch auf der Insel gibt es einen Transcanada Highway sogar mit der No. 1! Ein kurzes Stück folgen wir ihm, dann übernimmt Point East Coastal Drive seine Funktion. In Orwell stoppen wir beim Historic Village, das im frühen 19. Jahrhundert von Schotten und Iren gebaut wurde und auf diese Weise viel Europäisches hier etablierten. Besonders interessant ist, dass die gälische Sprache Gaelic noch teilweise existiert und Musik aus den Highlands von Schottland hier ganz traditionell gespielt wird. Leider haben wir das große Ceilidh um zwei Tage verpasst, wo Musiker aus der Umgebung diese Art von Musik vor Publikum zum Besten geben.

In Wood Islands verlässt der TC-Highway 1 die Insel - und zwar per Fähre! Klingt seltsam, ist aber so. Wir bleiben weiter an der Küste, von der wir nicht genug bekommen können. Ach ja - das Wetter: Sonne, blauer Himmel, weiße Wolken, milde Temperaturen - besser geht's eigentlich gar nicht mehr. Und so gondeln wir gemächlich durch die kleinen Ortschaften, umrunden Cape Bear und die Bay des Murray Rivers, schauen den Fischern im Hafen zu und genießen es richtig, ohne Hektik und Eile unterwegs zu sein. Oberhalb von Montague queren wir die Insel nach Norden, wir wollen in den P.E.I.-National Park. Hier gibt es zahlreiche Wanderungen durch die Dünen und den angrenzenden Marschen - unsere Beine brauchen wieder mal Bewegung der längeren Art. Es werden insgesamt drei Ausflüge mit neuen, tollen Eindrücken von der Nordküste, die viel wilder und manches Mal sogar etwas schroffer als der Süden ist. Im Hafen von North Rustico bleiben wir wieder mal hängen. Zuviel Interessantes gibt es zu erkunden, die Fischer und Seeleute sind freundliche Gesellen die neugierigen Österreichern gerne was erklären. So erfahren wir, dass Hummerfang mit den Körben auf die Monate Juni und Juli beschränkt ist. Der traditionelle Korb besteht gänzlich aus Holz, ist handgefertigt, besteht aus zwei Abteilen und hat am Boden eine Steinplatte befestigt, damit der Korb am Meeresgrund bleibt. In der Kitchen wird der Köder befestigt, meist ein Fisch. Der Hummer krabbelt bei einer Öffnung hinein, frisst den Fisch und sucht dann den Ausgang. Dabei gelangt er über ein kleines Netz ins zweite Abteil - Wohnzimmer genannt. Und da bleibt er, hier gibt es keinen Ausgang mehr. Nur eine kleine Öffnung, die es kleineren Exemplaren gestattet den Korb zu verlassen. Hummerfang wird nur von privaten Konzessionären ausgeübt, industrieller Fang ist streng untersagt. So ein Einzelunternehmer besitzt 60 Körbe und verdient in den beiden Monaten zwischen 15.000 und 20.000 CAD, Hauptabnehmer sind die USA und auch Asien. Im August und September werden Touristen zum Fischen ausgefahren - vor allem Heilbutt steht da auf der Fangliste. Ab Oktober rüsten alle Fischer der Insel ihre Boote für die große Thunfischjagd, die etwa drei bis vier Wochen dauert. Thunfisch wird fast ausschließlich nach Japan exportiert, bei riesigen Auktionen ersteigern die Händler aus Asien den begehrten Fang. Hier kann nun eine tüchtige Bootsbesatzung, die aus sechs Personen besteht, kräftig verdienen. 50.000 oder gar 60.000 CAD sind da in einem Monat schon drinnen, Thunfisch wird in Japan zu Traumpreisen verkauft!


Cavendish und Green Gables - zwei Namen die untrennbar mit Prince Edward Island verbunden sind. Lucy M. Montgomery hat hier ihre berühmte Novelle Anne of Green Gables geschrieben, wo die rothaarige Anne als Waisenkind hier aufgenommen wurde - heuer sind es genau 100 Jahre, dass dieser Roman in Boston erstmals veröffentlicht wurde. Kitsch hin oder her - Tatsache ist, dass damit die Insel einen ihrer besten Magnete hat, um Touristen aus aller Welt an die Original-Schauplätze zu führen. Und das eigentlich recht stilvoll, wenngleich auch mit einem Hauch von künstlicher Romantik. Die wird einem vor Augen geführt, wenn Green Gable Wedding angesagt ist. Hauptsächlich Paare aus Asien reisen hier an, um mit dem kompletten Hochzeitspaket ausgestattet den Bund des Lebens zu schließen. Wir beobachten genüsslich so eine Traumhochzeit mit einem ganz reizenden (und wohlhabenden) Pärchen aus China. Dermaßen gerührt erstehen wir anschließend eine Taschenbuch-Ausgabe des Romans...

Der Westteil von P.E.I. wird als der französische Abschnitt beschrieben. Und es ist echt merkwürdig: der Unterschied zum britischen Teil ist spür- und sichtbar. Leider nicht ganz auf der netten Seite, Erinnerungen an Québec machen sich breit. Denn es sind wieder die Menschen, die keinerlei Kontakt zulassen und wir mit den Acadians nicht klar kommen. Aber Schwamm drüber, es ist nicht überall acadisch und so landen wir in O'Leary im dortigen Kartoffel-Museum! Spannend, lehrreich, zum Teil recht amüsant ist es, die Geschichte des Erdäpfels auf der Insel zu erfahren. So ist Bramburi nicht gleich Bramburi, denn es gibt 9 verschiedene Sorten im Anbau - wir lernen wieder was dazu!

Die letzten beiden Tage auf P.E.I. verbringen wir im Linkletter Provincial Park. Zwar schon offiziell geschlossen, doch die Leute sind noch mit Aufräumen beschäftigt und da stört ein Camper auf der Wiese ganz und gar nicht - Freundlichkeit pur!
Wir lassen nochmals so richtig "die Seele baumeln", strollen kilometerweit am Strand entlang und auch die trüben Wolken am Himmel können unseren so positiven Eindruck nicht verdunkeln. Am Samstag, 27. September, verlassen wir die Insel wieder über die Confederation-Bridge - 13 Kilometer lang oder 15 Minuten Zeit für den Abschied von einem der schönsten Abschnitte unserer Reise!

Der Atlantik ist erreicht

Der Kontinent ist damit durchquert - vom Pazifik zum Atlantik

 

Confederation Bridge

Prince Edward Island ist mit dieser 13 Kilometer langen Brücke näher an Kanada gerückt

Victoria by the Sea

Ein Bilderbuch-Dorf am ersten Abend unseres Inseldaseins - das verspricht schon Einiges

 

Hummerkörbe

Der Hummerfang gehört zu den Haupteinnahmequellen der Inselleute

Rote Erde überall

Farbige Kontraste liefert der rote Boden: vorne das Meer, hinten Farmland

 

Charlottetown

Die Hauptstadt der kleinsten Provinz bietet viel Britisches an der Waterfront

Charlottetown

Kaffeehäuser und Restaurant in den Nebenstraßen servieren noch im Schanigarten
 

 

Orwell Historic Village

Die Einrichtung dieses Ladens ist 130 Jahre alt und hier wurde alles gehandelt, was die Menschen brauchten

Orwell Historic Village

Wohlstand ist in den Häusern noch heute sichtbar - das Esszimmer im Haus des Kaufmanns
 

 

Briefkasten

An Originalität kaum zu überbieten sind diese Kunstwerke, die schlicht und einfach die Post aufnehmen

Wurzelbriefkasten

Ländlich angepasst diese Letter Box vor einem Bauernhaus

 

Wood Island

Leuchttürme finden wir rund um die Insel - hier ein besonders schmucker auf dem roten Kliff

Argyle Provincial Park

Weite Küstenteile sind als Provincial-Parks für die Öffentlichkeit zugänglich

 

Farmer Leben

Landwirtschaft kann auch bunt sein - ein Gehöft mit Nebengebäuden in Rot

Erdäpfel Insel

Bevor die Kartoffeln geerntet werden, muss an der Oberfläche alles dürr sein - ein schönes Motiv direkt am Meer

 

North Rustico Harbour

Im Norden der Insel reiht sich Fischerdorf an Fischerdorf
 

North Rustico

An der Hafeneinfahrt der obligate Leuchtturm - dieses Gebäude ist noch vollständig aus Holz gebaut

 

North Rustico

Fischersleute sind gesellig und erklären neugierigen Österreichern den Hummerfang

Green Gables Haus

Anne Of Green Gables - eine in Nordamerika überaus populäre Novelle - sehr romantisch/
kitschig

 

St. Thomas Church

Kirchen strahlen einen strengen Charme aus und liegen meist sehr pittoresk auf Hügeln
 

Farmers Market

Fast jedes Dorf hat einen Bauernladen wo bestes und vor allem frisches Gemüse angeboten wird

 

Mont Carmel

Letzte Blicke über die roten Sandstein Klippen an der südlichen Küste von P.E.I.

Von früheren Besuchen in New Brunswick ist uns Fundy-Bay in sehr guter Erinnerung. Hier sind die größten Gezeiten-Unterschiede der gesamten Welt zu beobachten (steht im Guiness Buch!), die wir aber aus diversen Gründen nie so richtig gesehen haben. Denn man muss exakt zwischen High und Low Tide hier sein, damit dieses Naturschauspiel in seiner ganzen Auswirkung zu beobachten ist. In Moncton besorgen wir uns die Zeittabelle und es passt diesmal ganz genau: 14 Meter und ein paar Zentimeter ist heute Nachmittag der Unterschied zwischen Ebbe und Flut und bei den Hopewell-Rocks in der Baie Chigneto ist es am Besten zu beobachten. Hier wandert man am oberen Kliff an der Küste lang, wo es immer wieder tolle Ausblicke auf die Felsen und Höhlen unterhalb gibt. Die Felsen werden auch Flower Pots oder Flower Rocks genannt, denn am oberen Spitzel wachsen und gedeihen Büsche, kleine Bäume und auch Blumen. Bei Flut schaut dann nur ein "Topf" aus dem Wasser - bei Ebbe steht der gesamte Fels alleine da! Das Besondere: Jetzt darf der Besucher auch nach unten an den Strand um dann staunend den Flower Rock in ganzer Größe zu bewundern. So ist es natürlich recht spannend, gewisse Abschnitte bei hohem Wasserstand zu fotografieren, um dann bei Ebbe den gewaltigen Unterschied zu erleben. So verbringen wir den halben Tag am Strand, wo aufmerksame Park-Ranger darauf achten, dass ja alle Besucher wieder vor Eintreffen der Flut nach oben klettern. Schmunzelnd lesen wir den Hinweis, dass - sollte doch jemand vom Wasser überrascht werden, man eine Stelle über dem Seegrasbewuchs suchen, nicht in Panik verfallen und einfach drei bis vier Stunden warten soll...

Nun gut - wir sind wieder rechtzeitig auf trockenem Grund, wenngleich das nicht ganz stimmt: Es hat zu regnen begonnen. Dichte, graue Wolken treibt der Wind mit hoher Geschwindigkeit die Küste entlang. Im Besucherzentrum erfahren wir, dass für kommende Nacht Ausläufer des Hurricaines Kyle die Küsten von Nova Scotia und New Brunswick erreichen. Wie das? Ein tropischer Sturm (er hatte seinen Anfang im Golf von Mexiko) hier oben? Uns wird erklärt, dass diese heftigen Winde durch die Mitte der USA nach Norden gelangen und über den Großen Seen Superior etc. sich wieder auftanken um anschließend in einer Kurve nach Osten die Atlantikküste zu erreichen. Irgendwie unheimlich.
Wir suchen jedenfalls einen sicheren Platz für die kommende Nacht. In Alma, einem kleinen Fischerdorf an der Grenze zum Fundy National Park, parken wir neben einem Sportfeld. Da gibt es keine Bäume und Häuser, das Meer ist in sicherer Entfernung. Dann ein kurzer Rundgang durch das Dorf und zum Hafen, wo die Männer ihre Boote bereits sturmfest vertäut haben und beim Fish and Chips Laden ein schnelles Abendessen. Noch bevor wir fertig sind, beginnt es heftig zu regnen. Es nützt nichts - wir müssen ja zur Rosinante, die wir pitschnass im Laufschritt erreichen. Mittlerweile beutelt der Wind schon heftig unser Gespann, es pfeift und heult an den Ecken. Dass wir in der kommenden Nacht kaum schlafen, ist verständlich...

Bereits in der Morgendämmerung hat der Spuk ein Ende, der Regen lässt ebenfalls nach, der Sturm hat keinen Schaden angerichtet. Auch die Boote im kleinen Hafenbecken hängen fest an den Seilen, der Rumpf liegt am Boden auf - es ist wieder Ebbe! Die Weiterfahrt durch den Fundy-National-Park wird wieder ein Schaufest. Die Wälder an der der Küste zugewandten, kalten Seite bekommen Farbe. Erste orange und rote Blätter an Ahornbäumen blitzen aus dem Grün hervor, Pappeln folgen mit goldgelb nach. Wanderungen durch den Wald sind allerdings auf Grund des vergangenen Regens eher ein "Gatschhupfen", so beschränken wir uns auf Ein- und Ausblicke entlang der Straße. Eher gemütlich gelangen wir auf den Highway No.1 in Richtung Saint John und weiter zur Grenze zu den Vereinigten Staaten. Jetzt sind tatsächlich die letzten Kilometer in New Brunswick noch zu fahren, die letzten Stunden im kanadischen Kontinent liegen vor uns. Es wird aber jetzt keine Rückschau, kein Aufzählen, kein Vergleichen oder sonst was - wir nehmen einfach Abschied von diesem Land und sagen dabei nicht unbedingt "Auf Wiedersehen" - wir wissen es zu diesem Zeitpunkt nicht. Jedoch bleibt ja die Vorfreude auf die Neu-England Staaten jenseits der Grenze und mit diesen Gedanken rollen wir in die Grenzstation in der Stadt St. Stephen ein.

Hopewell Rocks

Noch stehen die Blumentöpfe im Wasser, die Flut geht zurück

 

Hopewell Rocks

Der Abgang zum Strand steht unter Wasser - etwa zwei Stunden sind zu warten

Hopewell Rocks

Jetzt sind schon Teile des Strandes frei - die Flower-Pot Wanderung kann beginnen

 

Hopewell Rocks

Imposante Steinbögen werden sichtbar, die Wassergrenze bei Flut ist gut sichtbar

Hopewell Rocks

Wie lange brauchen die Wellen um diesen Flower-Rock zu kippen?

 

Hopewell Rocks

Versteckspiel hinter dem dichten Seegras, das eigentlich drei Meter unter Wasser ist

Hopewell Rocks

Eine schöne Kombination sind die Geschwister

 

Hopewell Rocks

Die Schulklasse wird diese Kombination genannt

Tidal Man

Auch wir haben eine Kombination errichtet, allerdings am sicheren Strand

 

Alma Village

Hummer wird hier in bester Qualität gefangen - allerdings nur Juli und August

Alma Village

Bei Low-Tide sitzen die Fischerboote am Boden auf, gut abgestützt gegen Umkippen

 

Fundy National Park

Mit den ersten kalten Tagen kommt Farbe in den Wald


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