Moshi
Arusha
Tarangire
Lake Eyasi
Ngorongoro
Weg nach Wasso
In Wasso
 

Zweiter Tag in Wasso
Dritter Tag in Wasso
Fahrt zum Lake Natron
Fahrt nach Engaruka
Zurück nach Arusha
Arusha Stadt
Arusha National Park
Momella Wildlife Lodge

 

 

Ein kleiner Kreis in einem großen Land - dort im Nordosten von Tansania betreten wir Afrika und die Magie dieses Kontinents umfängt uns vom ersten Augenblick an.

Eine detaillierte Karte mit den Reisestationen findet ihr weiter unten.


Wie beginnt man die Schilderung über eine Reise in ein Land, das ich bisher nur aus Kinofilmen und Fernseh-Doku’s kenne? Wie beschreibt man die Begegnung mit einem Land, welches von vielen Europäern geliebt wird, aber ich noch nie Interesse dafür gezeigt habe? Und überhaupt: wer will schon wissen, dass ich erst aus dem Reiseführer erfahren habe warum der so genannte ewige Schnee am Kilimanjaro doch nicht ewig ist. Und trotzdem weiß ich bereits einiges über dieses Land: ich weiß, dass Bernhard und Michael Grzimek mit ihrem Film über die Serengeti berühmt wurden. Nicht nur mit dem Film, nein – auch mit ihrer Arbeit und dem unermüdlichen Bemühen Menschen, Land und die darin lebenden Tiere schützend zu vereinen. Mir fallen Hardy Krüger und John Wayne ein, die als wilde Raubeine mit Jeeps durch die Serengeti rasten, um Wildtiere für europäische Zoos zu fangen. Nicht unbedingt im Sinne von Vater und Sohn Grzimek, doch der Film Hatari zeigte (und zeigt noch immer!) auch traumhaft schöne Bilder des Landes. Und dies bereits in Cinemascope und Technicolor! Unvergesslich die Szene mit einem zahmen Geparden auf einem Polstersessel neben Elsa Martinelli – sie mit Zigarette in der Hand, vor ihr John Wayne mit einem Whiskyglas in der Rechten.

Und dann noch die Geschichte von HardyMister Hardy – der während der Dreharbeiten zu Hatari sich unsterblich in das Land verliebte, ein großes Stück Land mit dazugehöriger Ranch kaufte und diese später zu einer Safari- und Wildlife-Lodge ausbaute. Das war 1961. Diese Lodge existiert heute noch, sie heißt Momella und liegt am Rand des heutigen Arusha-National-Parks am Fuß des Mount Meru, dessen beide Gipfel sich gerade aus den Wolken schälen. Ich sitze vor einem kleinen, mit Stroh gedeckten Gästehaus (übrigens das gleiche, in dem vor 50 Jahren Elsa Martinelli logiert hat – sagt der Manager, aber darüber später) und beginne die Geschichte unserer unvergesslichen Reise in diesem Land aufzuschreiben:

Tansania – unbekanntes Afrika

16. Juli bis 7. August 2009

Eingangs zuerst eine Anmerkung:
Die eigentliche GEA-Reise beginnt erst am 21. Juli mit Ankunft in Arusha und endet am 31. Juli mit der letzten Übernachtung wiederum in Arusha. Für uns war aber wichtig, dieses faszinierende Land auch außerhalb einer Gruppe zu erleben, sozusagen tiefer hinein zu schnuppern. Liegt in der Natur der Füchse...

 


Donnerstag, 16. Juli

Ankunft Kilimanjaro-International-Airport um etwa 20:00 Uhr. Afrika! Wir sind in Afrika! Noch ist es nicht wirklich fassbar, aber morgen beginnt ja das große Entdecken. Ein Taxi bringt uns nach Moshi, gelegen am Fuß des höchsten Berges von Afrika. Erste Eindrücke bleiben aus – es ist stockdunkel draußen. Dafür sind die Gerüche umso intensiver, wenn auch manchmal mit einer Wolke Diesel-Abgas vermischt. Das Taxi hält vor dem Buffalo-Inn, todmüde fallen wir wenig später ins Bett im Executive-Room.

Ich weiß nicht, welcher Kategorie Executive-Room angehört. Sicherlich ist aber Lärm nicht ein Ausstattungsmerkmal. Wir genießen ihn mehrfach, das einzige Fenster grenzt ans Nebengebäude und hier direkt zu einer Bar…

Freitag, 17. Juli, Moshi

Nach dem Frühstück übersiedeln wir in den zweiten Stock: Double Room, self contained. Ein Eckzimmer mit zwei Fenstern, jenes nach Süden mit Panoramablick auf den Kilimanjaro, den höchsten Gipfel Afrikas. Allerdings erst am Nachmittag, wenn sich die ihn umgebenden Wolken aufgelöst haben.

Jetzt, am Vormittag, erster Gang in die Stadt. Geldwechseln, Telefonkarte kaufen, Hineinschnuppern in das emsige Treiben und – fast pausenlosem Beantworten von vielerlei Fragen! Dazu gehört auch das Ablehnen der unzähligen Kaufangebote und Vermittlungsversuche. Die Erwähnung, dass wir gerade angekommen sind, löst eine wahre Euphorie aus – ich denke, wir müssen unsere Taktik ändern.

Um die Mittagszeit sind wir Richtung Markt unterwegs. Märkte sind unwiderstehlich und faszinierend, der Kontakt mit Einheimischen aufregend. Dabei ist es ein nicht unerheblicher Vorteil, wenn man zumindest einige Worte in der Landessprache spricht – in diesem Fall Kisuaheli (Swahili). Nun ist Sam an der Reihe. Sam ist ein etwa 16jähriger Bursch, der neben Englisch auch einige Worte in Deutsch spricht. Er ist plötzlich an unserer Seite, bietet nichts zum Verkauf an, will keine Safari vermitteln und auch der Kili (wir dürfen ihn jetzt so nennen) ist nicht in seinem Repertoire. Er will uns nur begleiten, will neue deutsche Worte lernen. Seine Begleitung erweist sich als überaus wertvoll. Besonders in den tiefen Winkeln des Marktes, wohin wir uns allein niemals verirrt hätten. Kurz und gut – nach dem ausgiebigen Rundgang kann Sam etwa 8 deutsche Worte mehr und wir grüßen und danken fließend in Kisuaheli. Na ja, vielleicht nicht ganz so fließend, aber immerhin! Sam begleitet uns noch zum Hotel zurück und bedankt sich mit deutschen Worten für das erhaltene Trinkgeld. Natürlich bietet er uns für morgen wieder seine Dienste an, doch da haben wir bereits eine andere Verabredung.

Blick aus dem Hotelfenster zum Kilimanjaro am späten Nachmittag

 

Bunte Marktszenen auf dem Markt in Moshi
 

Transportiert wird vieles - ein Fahrrad ist eine große Erleichterung

 

Die Auswahl an Gemüse ist groß und wird schön geschlichtet  präsentiert


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Am frühen Abend suchen wir das Salzburger Cafe and Steak House auf. Der Besitzer, Terevaeli Urio, hat die Tourismusschule in Kleßheim/Salzburg besucht. Er lebte damals bei der Familie Kaufmann, die ihn sehr unterstützte und förderte. (Wilhelm Kaufmann ist der Vater von Eva Schröcksnadel und Begründer der Städtepartnerschaft Salzburg - Singida, womit sich der Kreis zum Tansania-Zentrum in Salzburg schließt). Seit dieser Zeit ist er Österreich und besonders natürlich Salzburg sehr zu Dank verbunden und freut sich über jeden Besuch aus seiner, wie er sagt, zweiten Heimat. Selbst Heinz Schaden, Bürgermeister von Salzburg, hat ihn bereits besucht. Stolz zeigt Terevaeli ein Buch über die Stadt Salzburg mit persönlicher Widmung von Heinz Schaden. Es wird ein langer Abend in seinem sehenswerten und kuriosen Restaurant, der Stoff fürs Geschichten erzählen geht nicht aus. Zu später (!) Stunde verfrachtet er uns kurzerhand in sein Auto und bringt uns damit zum Hotel – das Bestellen eines Taxis lehnt er entrüstet ab.

Samstag, 18. Juli, Moshi

Der zweite Tag beginnt nicht gut. In einer Stimmungsskala befänden wir uns im absoluten Minus. Zuerst stellen wir fest, dass aus unseren im Hotel-Safe gelagerten Wertsachen Bargeld fehlt. Dazu muss gesagt werden, dass wir äußerst blauäugig gehandelt haben, denn der so genannte Hotel-Safe entpuppt sich als Kasten in einem Gästezimmer. Zwar neben der Rezeption gelegen, aber somit auch mit Zugang von –zig Hausmitarbeitern. Ok, wieder dazu gelernt.

Dann taucht Richard auf und will Geld von uns. Richard ist ein Guide, den wir über Vermittlung von Hertha kontaktiert haben und der heute für uns einen Ganztages-Ausflug organisieren sollte. Er braucht Geld vorab, damit er Auto plus Treibstoff und Lunch-Box besorgen kann. Ich erkläre ihm, dass wir zuerst das Auto sehen wollen und am Weg dann tanken und einkaufen können. Missmutig willigt er ein, kommt dann mit ziemlicher Verspätung in einem ramshakle Taxi (in Österreich kriegt er dafür locker die vieldiskutierte Schrottprämie…) samt Fahrer und los geht’s. Das heißt, zuerst USD wechseln, dann Lunch-Box und Wasser besorgen und mit dem letzten Tropfen Treibstoff in eine Tankstelle zum Auftanken. Die Tankanzeige leuchtet dunkelgelb seit unserer Abfahrt beim Hotel!

Unser Ausflugsziel ist die Gegend um Marangu an den Ausläufern des Kilimanjaros. Der Fahrer erweist sich als Möchtegern-Rennfahrer, was zur Folge hat, dass nach kurzer Zeit das Vehikel steht und Wasserdampf aus der Motorgegend aufsteigt. Kurz darauf ein dumpfer Knall – bereits bei geöffneter Motorhaube – und eine Wasserfontäne gleich einem Geysir erfreut die bereits zahlreich herbeigeeilten Helfer. Dieses Schauspiel wiederholt sich noch zweimal, dann setzen wir den Weg zu Fuß fort. Das ist weit schöner und angenehmer wie sich sofort herausstellt, zumal die wildwüchsige Vegetation rundum nun viel besser zu genießen ist. Wir landen bei einem Dorf der Chagga, wo sich der Besuch einer Schmiede als tourist-trap herausstellt. Wir nehmen es mit Humor, lächeln zu allen Darbietungen höflich und verneinen freundlich aber bestimmt den Kauf von Speeren und sonstigen gefährlichen Werkzeugen mit dem Hinweis, dass dies im Flugzeug nicht zum erlaubten Handgepäck zählt!

Die Wanderung zu einem Wasserfall ist dann so ganz nach unserem Geschmack, der Wald rundum einfach atemberaubend. Auf dem Rückweg queren wir Bananen- und Kaffeeplantagen und entdecken farbenprächtige Blumen im Unterholz. Das Auto hat sich mittlerweile auch erholt und ein letzter Abstecher bringt uns zum Marangu-Gate wo jährlich Tausende von Touristen die Besteigung des Kilimanjaros beginnen. Interessante Details wie Höhenangaben, Wegzeiten etc. sind hier zu lesen, sowie Statistiken über Bergsteiger, die den Gipfel erreicht haben und/oder auch nicht. Beim Studium der Auflistungen über die Rettungseinsätze, welche höhenkranke (weil sich selbst überschätzende) Touristen wieder ins Tal brachten, gelangen wir beide zur Ansicht, dass der Untersberg im Salzburger Land eigentlich ganz wunderbar für uns ist…

Ein leicht brodelndes Taxi bringt uns zurück nach Moshi, morgen werden wir mit dem Shuttle-Bus nach Arusha fahren.

Salzburg als Partnerstadt von Singida und als Cafe-Haus in Moshi

 

Unser Ausflug mit dem Wasserfontänen-Taxi nach Marangu

Markt im Dorf Marangu - die Ware wird weither angeliefert

 

Bananen- und Kaffeeplantagen in einer urwüchsigen Landschaft

Der zauberhafte Ndoro-Wasserfall an den Ausläufern des Kilimanjaros

 

Ein Wildtier der kleineren Art: ein Chamäleon
 


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Sonntag, 19. Juli, Arusha

Arusha am Sonntag ist eine Wohltat. Sagt Hertha, die uns am Busstopp beim Impala-Hotel abholt und zum Meru-House-Inn bringt. Wir beziehen ein ruhiges, luftiges Zimmer im zweiten Stock. Ursula macht Kleinwäsche und ich bastle die dazugehörige Wäscheleine, da unsere Reiseleine den Weg nach Afrika nicht angetreten hat. Absolut OSKARL-reif! Siehe extra Beschreibung weiter unten.

(Wer jetzt mit dem Begriff OSKARL nichts anzufangen weiß – hier die Erklärung: im Brennstoff [schon wieder] wird diese Auszeichnung an Improvisierer und Innen verliehen. Geglückte Beispiele aus dem Alltag sind dort bestens aufgehoben und werden der werten Leserschaft zugänglich gemacht).

Aber zurück nach Arusha, wo nach dem Wäscheversorgen ein erster Ausgang lockt. Die, laut Reiseführer angekündigten, in Massen auftretenden Fly-Catcher (Touristenfänger) haben ihren freien Tag, unbehelligt streifen wir in Richtung Stadtzentrum. Aus einer Gasse ertönt laute Musik, das macht neugierig. Vor allem, wenn es sich um eine Brass-Band handelt, die mit vielerlei Getöse eine scheinbar sehr fröhliche Gesellschaft unterhält. Wir betreten einen Innenhof mit vielen geparkten Autos, im Hintergrund eine breite Eingangstüre zu einem Saal. Kaum haben wir das herausgefunden, kommen zwei freundlich lächelnde Männer auf uns zu. Einige Worte gewechselt und flugs sind wir eingeladen! Einfach so! Ich fasse nun zusammen: Erstkommunion eines zehnjährigen Mädchens, die kirchlichen Zeremonien waren mittags, jetzt folgen die weltlichen. Etwa 120 Personen sind anwesend, ein Zeremonienmeister leitet die Veranstaltung, es wird getanzt, viele Geschenke übergeben, es herrscht ungemein fröhliche Stimmung. Und mittendrin sitzen zwei Salzburger als Ehrengäste, die nicht wissen wie ihnen geschieht! Und am Ende des Festes – es ist bereits 21:00 Uhr und dunkel – werden wir mit einem mit bunten Luftballons geschmückten Auto direkt zu unserem Hotel gebracht.

Also ehrlich – meine Erstkommunion war dagegen stinklangweilig…

Für eine Wäscheleine braucht man einen Plastiksack plus Nagelschere...

 

...schneidet aus dem Plastik neun schmale Streifen...

...flicht jeweils drei zu einer Schnur...

 

...schön schmal und fest...

...verknüpft die so entstandenen drei Schnüre zu einer einzigen...

 

...und die Wäsche kann ohne Kluppen aufgehängt werden!

Eine Erstkommunion-Feier mit viel Drumherum

 

Es wird eifrig getanzt...

...und man ist rundum fröhlich!
 

 

Zum Abschluss werden viele Familien-Fotos gemacht


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Montag, 20. Juli, Arusha

Was ich noch nicht erwähnt habe: es ist kühl in Arusha. Mount Meru sorgt für Abkühlung und bedeckten Himmel am Morgen, die Wolken lösen sich erst so ab Mittag auf. Ursulas Tanzeinlage von gestern Abend beschert ihr ein schmerzendes Knie, so bin ich am Vormittag alleine unterwegs ins Zentrum. Ein Internet-Cafe liegt am Weg, ein kurzes Mail nach Salzburg tritt wenig später seine Reise an. Überraschung dann um die Ecke: John Mataro, den ich aus Salzburg kenne, ist mit einer Gruppe aus Niederösterreich unterwegs. John hat vor einigen Jahren bereits mit World-Wide-Active, einem Reiseveranstalter in Salzburg, einige Touren in Tansania organisiert und ich habe damals die Präsentationen dazu produziert. Und jetzt treffen wir uns inmitten der Stadt Arusha – Afrika ist doch klein, oder?

Der Rückweg führt mich über den Central-Market, gestärkt durch unsere Einschulung in Moshi, wage ich mich hier alleine durch. Mittendrin ein Lokal im ersten Stock, von dort oben gibt es einen herrlichen Überblick (und natürlich Fotografierstandplatz). Schier unerschöpflich scheint die Auswahl an Gemüse: Tomaten, Karotten, Gurken, Melanzane, Avocado, Kraut, Bohnen, Fisolen usw. Alles säuberlich geschlichtet und gestapelt. Derselbe Anblick und die unermessliche Auswahl beim Obst, weiter dann bei Reis und Hülsenfrüchten, Mais und Getreideprodukten, Gewürzen und Fisch, der meist getrocknet oder eingesalzen verkauft wird. Im rückwärtigen Teil des Marktes finde ich mich in der Fleischabteilung wieder, daneben die Lebendtierabteilung, wo ich aber nur Hühner im Vorbeieilen lokalisieren kann. An den vier Seitenkomplexen wird Hardware angeboten. Eine unüberschaubare Mischkulanz von Werkzeug bis Computer, vom Handy bis zum Haartrockner, von der Wasserarmatur bis zum Korbsessel und nicht zu vergessen Textilien aller Art, die gleich Vorort zu Vorhängen und Tischdecken umgenäht werden. Besonders angetan bin ich von Schuhen der besonderen Art – Waldviertler möge mir verzeihen: Umgearbeitete Reste von Autoreifen, wo das noch vorhandene Profil als Laufsohle dient. Festgehalten wird diese am Fuß mittels Gummilaschen, die ebenfalls aus alten Reifen geschnitten werden – einfach genial! Der Lauf-/Gehkomfort ist durch die Rundung an der Sohle gewöhnungsbedürftig, aber sehr gut! Hab es ausprobiert!

Anmerkung: In Europa werden so genannte MBT Schuhe (Maasai Barefoot Technology…) um annähernd 150.00 Euro im Schuhhandel (!) verkauft, hier kosten die Maasai-Sandalen  Tsh 10.000 (Touristen-Preis), das sind etwas mehr als fünf Euro…

Nachmittags fühlt sich Ursula besser und wir erkunden die Sokoine Road, wo das Meru-House-Inn liegt, stadtauswärts. Reger LKW-Verkehr und große Hallen machen uns neugierig (muss in der Natur der Füchse liegen…) und zwischen reversierenden Trucks zwängen wir uns bei einem Tor hinein: wir sind am Kidoro-Großmarkt gelandet! Ein Hintch (so bezeichnen wir schöne Zufälle) beschert uns nach wenigen Minuten einen ausgezeichnet Englisch sprechenden Mann, ein Maasai gesellt sich dazu – die Führung kann beginnen. Vielleicht soll hier mal festgehalten werden, dass die Schreibweise Maasai richtig ist, man spricht es allerdings Massai aus (hab ich aus unserem gescheiten Reiseführer).

An diesem Umschlagplatz wird Gemüse, Obst, Reis, Mais und auch Fisch aus dem Victoria-See für den Weitertransport verpackt. Ziel der Waren sind Nairobi in Kenia und die Küste von Tansania am Indischen Ozean mit der Großstadt Dar es Salam. Die Menge der hier umgeschlagenen Ware ist nicht zu beschreiben. Es ist derartig überraschend und wir beide kommen aus dem Staunen nicht heraus. Immer wieder ermuntert mich Okonwo, der Maasai, und auch Rick zum Fotografieren – eine einmalige Gelegenheit wirklich authentische Bilder zu machen. Es herrscht eine überschwängliche Freude bei den Marktleuten, wenn zwei Mgeni (Ausländer) mit vielen Fragen auftauchen und sich für ihren Alltag interessieren. Ein Gefühl, welches in uns eine große Vorfreude auf zukünftige Begegnungen mit den Menschen in diesem Land erweckt. Eine Einladung zu einem Getränk lehnen die Beiden höflich ab – sie möchten nur, dass wir Bilder schicken. Das nehmen wir sehr ernst und sogleich werden Adressen notiert. Rick begleitet uns noch zurück zum Hotel, es folgt eine herzliche Verabschiedung so wie zwischen langjährigen Freunden. Wir sind fassungslos.

Die Gruppe wird heute vollzählig sein, ein erstes Treffen ist für den Abend im Meru-House-Inn geplant. Gestern sind bereits Doris und Karl eingetroffen, nun lernen wir Ulrike, sowie Johanna und Bernadette kennen. Ein bunter Mix und wie sich schnell herausstellt auch lustig – das ist gut so, denn fröhliche Menschen passen am besten zu den fröhlichen Afrikanern! Der Leser wird jetzt bemerkt haben, dass in der Gruppe die Frauen in der Überzahl sind – und da kommt noch Hertha dazu! Aber wir Männer bekommen ja morgen jedenfalls Verstärkung in Form des Fahrers. Somit erreichen wir wenigstens die 50%-Quote.

Maasai barefoot technology - einfach genial, wie aus Reifen diese Sandalen entstehen

 

Ein Sondermodell für den schlanken Fuß und zu jeder Garderobe passend

Am Zentral-Markt von Arusha herrscht reges Treiben - das Angebot ist riesig

 

Vollbeschäftigung bei den Schneiderinnen am Marktrand

Okonwo - ein Maasai - führt uns durch den Handelsmarkt an der Sokoine Road

 

Natürlich müssen wir auch die herrlichen Wassermelonen kosten


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Dienstag, 21. Juli, Beginn der GEA-Reise, Tarangire National-Park

Der Dienstag beginnt nicht so hektisch wie im Allgemeinen erste Reisetage beginnen. Aber diese Allgemeinfloskel hat in Tansania keine Gültigkeit – eh' schon wissen. Nun gut. Ein wunderbares Fahrzeug der Marke Toyota Land Cruiser in grüner Farbe mit edlen gelben Streifen an der Seite wird von Roger vor dem Hotel geparkt. Roger ist sehr sympathisch, spricht ausgezeichnet Englisch, ist äußerst gelassen und vor allem: Er verstaut unser Gepäck zentimetergenau hinten rein. Nichts muss aufs Dach, wie angenehm. Die Sitzplatzaufteilung ist recht großzügig, die Beine kann man gut ausstrecken und die Sicht nach außen ist tadellos. Na ja, das sind halt so Sachen, die man als Fotograf gleich überprüft! Und das Beste folgt jetzt: Das Dach des Fahrzeuges kann komplett hochgehoben werden! Damit ist ausgezeichnete Rundumsicht gewährleistet, purer Luxus allemal – die Safari kann beginnen, wo bitte sind die ersten Viecherl?

Das erste Vieh bekommen wir in großer Zahl bald zu Gesicht. Es sind riesige Rinderherden, welche von den Maasai’s zu künstlich angelegten Tränken oder kleinen Seen getrieben werden. Ein archaisches Bild mit den rotgewandeten Menschen inmitten ihrer Herden und dem aufgewirbelten Staub. Jetzt fällt mir ein, dass ich etwas Wichtiges vergessen habe – eben dieses rote Gewand oder Kleidungsstück. Man nennt es  Shuka und ist eine Decke, welche um den Oberkörper gewickelt wird. Seit gestern haben alle Reiseteilnehmer ebenfalls eine Shuka im Gepäck – Hertha hat uns alle damit überrascht. Oder soll das ein versteckter Hinweis sein, dass es im hiesigen Winter nächtens recht kühl wird? Nun, jetzt hat es angenehme Temperatur draußen, der Himmel ist leicht bewölkt, die Straße Richtung Dodoma unter den Rädern des Safariautos befindet sich in gutem Zustand. (Übrigens - Safari ist aus der Swahili-Sprache und bedeutet "Reise ganz allgemein").

Abzweigung zum Tarangire National Park, deklariert im Jahr 1970, der fünfte geschaffene Park seit der Unabhängigkeit Tansanias von den Briten im Jahr 1961. War es vor dieser Zeit ein so genannter hunting-ground und später dann eine game-reserve, so starten wir heute zu einem game-drive. Geschossen wird nur mit der Kamera, mitgenommen werden nur Bilder! Nach dem obligaten Stopp beim Parkeingang und der anschließenden Entdeckung, dass überall frischer Elefantendung herum liegt (und welche Mengen!), sind wir alle schon recht aufgeregt. Roger hat bereits das Hubdach geöffnet und vorbei an mächtigen Baobab (Affenbrotbäumen) beginnt die Fahrt in den Park. Faszinierende Vegetation links und rechts, braunrote Erde mit grünen Grasflecken, Savannengras, blühende, ginsterähnliche Büsche, dazwischen immer wieder Aloe Vera mit orangen Blütenständen und alles überragende Kandelaber-Kakteen. Erste Tiersichtungen beschränken sich auf vielerlei bunte Vögel: Bee Eater (Bienenfresser), Rola und Superb Starling. Aber dann plötzlich vor uns am Weg ein Waran und ein gar nicht so kleiner. Begeistert wird das nächste größere Tier angekündigt: ein Warzenschwein! Und dann – endlich – eine Herde Zebras, dazwischen Streifen-Gnus und weiter vorne Antilopen. Ein dunkler Punkt über dem Erdboden entpuppt sich beim näher kommen als Vogel Strauss, seine Beine sind unverhältnismäßig dünn unter dem gefiederten Körper, genau so wie sein Hals. Ein witziger Anblick. Dann ein Kopf mit zwei Hörnchen obenauf, ein gefleckter langer Hals wird sichtbar und da steht sie (eigentlich Er – bei näherem Hinsehen): eine Giraffe. Majestätisch und langsam, ein wiegender, eleganter Schritt – so bewegt sie/er sich an uns vorbei. Ja genau: an uns vorbei, so als ob es das kleine grüne Auto gar nicht gäbe! Drei Minuten später wieder Giraffensichtung, diesmal zu zweit unterwegs und langsam an den Akazien äsend. Thomson Gazellen und ein Impala-Bock betreten die Szene, dann saust wieder ein Warzenschwein in den Busch. Immer wieder begeistern uns Herden von Zebras, die sich mit Gnus ganz gut vertragen und friedlich vor sich hingrasen. Roger erklärt sehr viel und interessant über das Fluchtverhalten der Tiere, über ihre Aufmerksamkeit etwaigen Feinden gegenüber und wie sich untereinander ihre Wachtposten verständigen.

Der Höhepunkt schlichtweg dann zur Mittagszeit. Auf einer Anhöhe befindet sich ein Platz, wo man an Tischen und Bänken sein Picknick, sprich Lunchbox auspacken kann. Aber Vorsicht: Freche Affen aus der Pavian-Familie stibitzen blitzschnell alles was nach Fressbarem ausschaut – wenn es sein muss auch vom Tisch! Kaum hat Roger diese Warnung ausgesprochen, gibt es lautes Geschrei an einem Nebentisch: Ein Pavian hat sich einen Sack geschnappt und rennt im „Affentempo“ davon. Das Essen fällt bei den Nachbarn nun etwas mager aus.

Aber zurück zum eigentlichen Höhepunkt. Direkt unter uns schlängelt sich ein Fluss durch die Landschaft, bildet an den breiten Ufern seichte Buchten und Sandbänke wo sich nun Hunderte Zebras, Antilopen und Gnus zur Tränke einfinden. Immer wieder stürmen Herden von Gnus die grüne Böschung hinunter, die zierlichen Antilopen im Schlepptau hinter sich. Zebragruppen von zehn bis fünfzehn Tieren teilen sich das weite Areal und auch das eine oder andere Warzenschwein ist zu sehen. Dem noch nicht genug, denn im Vordergrund der malerischen Szenerie taucht eine Elefantenherde auf und schreitet gemächlich zum Wasser, Rüssel neben Rüssel wird eingetaucht, dann getrunken oder übermütig herum gespritzt. Ein noch recht junger Elefant tollt zwischen den Beinen der Großen herum, ein zweiter wälzt sich im feuchten Sand. Es ist ein Bild wie es nicht schöner sein könnte, einfach ein Traum. Ursula und ich bestärken uns in dem Vorsatz (der eigentlich schon lange in uns weilt) nie, nie mehr wieder eingesperrte Tiere in einem Zoo sehen zu wollen – es ist einfach überwältigend sie in ihrem Lebensraum beobachten zu dürfen.

Überwältigt sind wir dann von unserer Spezial-Lunchbox à la Hertha mit persönlicher, schriftlicher Widmung am Deckel! Das hat sich auch bei den Affen herumgesprochen, denn unbehelligt lassen sie uns die Speisen verzehren. Vielleicht war der vorhin gestohlene Sack auch recht ausgiebig bestückt?

Die weitere Fahrt führt nun hinunter ins Tal und zu einer Art Palmenhain. Schon aus einiger Entfernung hat Roger die Elefantenherde entdeckt, welche sich unter den Bäumen im Schatten aufhält. Vorsichtig und langsam nähern wir uns der Gruppe, erst in etwa zehn Meter Entfernung stellt Roger den Motor ab. Einer Elefantenkuh ist das dann doch zu nahe. Zornig stellt sie sich breitbeinig neben uns auf, schwenkt den mächtigen Kopf mit dem Rüssel energisch hin und her und brüllt markerschütternd auf uns ein. Das bedeutet Rückzug und zwar flott, bevor die Dame es sich überlegt und gegen das Auto donnert. Auch das gehört zum Wissen unseres Fahrers: Wann ist es soweit? Wir wollen das aber nicht herausfinden, Roger bringt uns weg von der rasanten Kuh.

Vor der Durchquerung des Flusses sehen wir im dichten, sattgrünen Gras noch eine Herde Elefanten. Diesmal sind es acht Tiere und drei weitere Jungbullen am anderen Ufer. Diese Youngsters scheint irgendwas zu stören, laut und energisch trompeten sie ihren Unmut hinaus. Und nach wenigen Momenten, als wir das Wasser hinter uns haben, sehen wir die Ursache: Unter einem großen Busch döst ein Löwen-Rudel! Vier erwachsene Löwinnen und dazwischen zwei kleinere Fellbündel zählen wir. Scheinbar unbeeindruckt von den inzwischen schon zahlreichen Betrachtern in ihren Blechbüchsen räkeln sie sich in der Nachmittagssonne, putzen sich genüsslich die Pfoten oder schlecken sich gegenseitig sauber. Ein unvergesslicher Anblick.

Schweren Herzens trennen wir uns von dieser Szenerie, wobei man an dieser Stelle auch mal sagen/schreiben muss, dass Roger immer am längsten vor Ort bleibt. Die anderen Safari-Autos haben halt allesamt eine Uhr eingebaut!? Doch liegen noch etliche Kilometer Fahrt vor uns, welche uns zum Abendziel nach Karatu bringen wird. Außerhalb des National-Parks wenden wir uns westwärts in Richtung Ngorongoro-Highlands, überqueren diese in etwa 1700m Höhe und erleben hier punktgenau einen Bilderbuch-Sonnenuntergang. Unser erster in Afrika und den ohne Uhr, einfach so!

Unüberschaubare Rinderherden werden von den Maasai's zu den Tränken getrieben

 

Am Eingang zum Tarangire-National-Park wird das Safari Auto umgebaut

Elegant und majestätisch schreitet der/die Giraffe unbeeindruckt von den Fotografen dahin

 

Zebras und Gnus vertragen sich gut in Herden - sie wachen gegenseitig auf etwaige Feinde

Ein schneller, wenn auch optisch nicht schöner, Läufer ist der Strauss

 

Eine Bilderbuchlandschaft breitet sich vor uns aus - mit einer Elefanten Familie im Vordergrund

Ein Gemälde der besonderen Art in den zarten Farben Afrikas

Ein speziell gestaltetes Jausenpackerl von Hertha mit Widmung

 

Ein eindrückliches Erlebnis ist ein Elefantenbulle in dieser Nahdistanz

Diese rasante Elefantenkuh bedeutet uns, dass wir schnell abhauen sollen...

 

Löwen-Idylle pur - ein Rudel döst in der Nachmittagssonne greifbar nahe

Impalas gelten als sehr scheue Tiere - diese Böcke sind aber in ihren "Raufhandel" vertieft

 

Ein Sonnenuntergang wie im Bilderbuch - nicht bestellt, aber doch pünktlich


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Mittwoch, 22. Juli, Lake Eyasi

Die Übernachtung in der Kudu-Lodge ist eine Extrabeschreibung wert. Irgendwie ist der Manager den GEA-Reisen und da besonders Hertha recht gewogen, denn man quartiert uns in den Luxus-Suiten ein. Das ist erst mal zu verdauen, wenn man von der Kargheit eines schlichten Stadt-Hotels in eine Unterkunft dieser Art kommt. Quadratmetermäßig übersteigt so eine Suite locker unsere Wohnung in Anthering. Dementsprechend verloren irren wir in den Räumlichkeiten umher. Bei großen Hotelzimmern habe ich schon immer Bedenken, dass ich am nächsten Morgen alle Utensilien wieder finde – hier summiert sich das alles um ein Vielfaches. Schlussendlich einigen wir uns auf eine zentrale Lagerstätte unserer Taschen und Rucksäcke, wo dann im engeren Umkreis alles aufgehängt und ausgebreitet wird. Was die Betten betrifft – es gibt zwei davon - ist ein Entschluss schnell gefasst: Eine Super-Über-Drüber-Kingsize-Matratze bietet bei einem Ausmaß von 250x250cm locker Platz für uns Beide. Beim Entfernen aller Zierpolster erhöht sich die Fläche nochmals um einen Quadratmeter, unser Gute-Nacht-Gruß verhallt in der Finsternis, das dazugehörende Busserl landet glaube ich auf der Schulter…

Nach so viel Nachtluxus erwartet uns heute wieder die Normalität und ein Teil dieser Normalität befindet sich sehr bald unter den Rädern unseres Gefährtes. Es sind abenteuerliche Wege und Pisten zu bewältigen, Roger ist in Hochform! Oft haben wir das Gefühl einem ausgetrockneten Bachbett zu folgen, dann wieder zentimetertiefer Staub – roter Staub – der von den Reifen aufgewirbelt wird und bei jeder Ritze ins Wageninnere dringt. Na ja, unser Tagesziel liegt in der Senke des Lake Eyasi und dieser See ist eigentlich gar keiner mehr. Der größte Teil ist heiße, trockene Salzwüste, die Luft flirrt förmlich über dem Boden. Trotzdem leben hier Menschen, wir durchfahren Ansiedlungen und kleine Dörfer und halten schließlich im Tatoga-Village, wo ein ortskundiger Guide zusteigt. Weiter geht’s über die Steinpiste, erst bei einer tiefen, felsigen Furt ist Endstation. Unsere spannende Wanderung beginnt, wir befinden uns auf den Spuren der Hadzabe-Buschmenschen, ein kleiner Teil dieses Sammler- und Jägervolkes lebt hier in den Felshügeln und erwartet unseren Besuch. Unser Guide beteuert, dass dies nun keine touristische Besichtigung wird, dennoch beschleicht mich ein klein wenig Unbehagen. Jetzt kommt da eine Gruppe weißhäutiger Menschen aus einem fernen Land, wohlgekleidet und ausgerüstet mit modernen Kameras und will sehen wie die Urbewohner im schönen Tansania gelebt haben und es augenscheinlich noch immer tun? Wir kommen uns wie Eindringlinge vor.

Fast unsichtbar zwischen Bäumen und Felsen liegen ihre Behausungen, unter einem Felsüberhang kauern etwa 10 Männer, die bei unserem Eintreffen aufstehen und uns begrüßen. Der Guide hat uns vorher das Ritual erklärt, beim Schütteln der Hände spricht man zwei Worte (wie lauten die noch?), freundlich wird dieser Gruß erwidert. Das gegenseitige Beschnuppern geht recht zaghaft vor sich, es verschafft jedem in der Gruppe die Zeit, sich ein eigenes Bild zu machen. Die Hadzabe Menschen sind ausgezeichnete Jäger – und zwar mit Pfeil und Bogen. Dieses Jagdgerät wird uns nun gezeigt, die Fertigung des Bogens aus einem ganz bestimmten Stück Holz erklärt. Die Bogensehne aus Viehdarm ist in einem bestimmten Muster gedreht und geflochten (nein – nicht wie unsere Wäscheleine), die Pfeile allesamt aus Holz geschnitzt. Für die Jagd auf kleine Tiere werden reine Holzpfeile verwendet, bei größeren Tieren kommt ein Pfeil mit Eisenspitze zur Verwendung, die zusätzlich mit einem Pflanzengift verschmiert wird. Die Jagd und das Sammeln ist reine Männersache, die Frauen bleiben bei den Hütten, kochen und sorgen für die Kinder. Das alles erfahren wir in entsprechender Übersetzung, währenddessen mittels schnell gedrehten Holzstabs eine Glut entsteht und ein Pfeifchen entzündet wird. Die Bestandteile des Tabaks bleiben ein Geheimnis…

Der Umgang mit Pfeil und Bogen liegt weit in meiner Jugend zurück, jetzt ist Gelegenheit die Erinnerung wieder zu wecken. Die sehnigen Hadzabe-Männer zeigen es vor und die schmächtigen Weißen machen es nach. Das Ergebnis ist als erbärmlich zu bezeichnen. Gut so, denn mit diesen nadelspitzen Dingern kann man ganz schön was anrichten. Ein Baum in der Nähe wird dann von zwei Burschen erklettert, mit einer Axt hacken sie den morschen Teil eines Astes ab. Darin haben Wildbienen Honig eingelagert – eine besondere Süßigkeit für die wackeren Kletterer. Gemeinsam wandern wir anschließend wieder zurück zum Auto, wo Roger die mitgebrachten Lunch-Boxes auf der Kühlerhaube angerichtet hat. Etwas befremdlich dann die Verteilung von Essen an die etwas abseits wartenden Männer, aber der Guide scheint das öfter so zu machen. Die Vermutung, dass doch so was wie organisiertes Beschauen hier stattfindet, bestärkt sich. Und wie auf ein Zauberwort hin, fischen die Hadzabe-Jäger aus allen möglichen Falten und Taschen ihrer Kleidung plötzlich Armbänder und Halsketten hervor. Mit beharrlicher Zurückhaltung (das meine ich so wie ich es schreibe) werden die Schmuckstücke angepriesen, wer soll da schon widerstehen?

Beim Dorf der Tatoga schwenken wir ostwärts auf eine große, künstlich bewässerte Fläche ab. Hier wird roter Zwiebel angebaut, derzeit geerntet und in Säcken zu riesigen Türmen geschlichtet – bereit für den Transport in die Stadt. Eine kleine Siedlung ist unser nächstes Ziel. Hier wohnt und arbeitet ein Schmied, seine Söhne helfen fest mit. Eine Besonderheit ist das Einschmelzen von Altmetall. Bei unserem Eintreffen sind es gerade Reste von einem Vorhangschloss aus Messing. In eine längliche, schmale Form gegossen bildet das erkaltete Metall die Grundlage für einen hübschen Armreif, der vom Meister gebogen und verziert wird. Ja natürlich, auch verkauft und den passenden Ring gibt es auch dazu. Und wieder gibt es kaum Widerstand von Seiten der Besucher!

Sehr aufschlussreich der Besuch der Wohnhütten neben der Werkstatt, wo uns die Frauen anschließend willkommen heißen. Ja, die Mehrzahl Frauen ist richtig, denn uns wird erklärt, dass der Mann, wie fast alle Männer des Stammes, in Polygamie lebt. Unser Mann hier, der Schmied, hat drei Frauen, jede hat ihr eigenes Haus, wo sie mit ihren Kindern wohnt. Jetzt kommen gerade zwei zusammen, zeigen uns die bunte Kinderschar und das Innere der Hütte. Ich bleibe am Eingang hocken – zwei große, wunderschöne Augen in einem Mädchengesicht betrachten mich und die Kamera…

Die Rückfahrt nach Karatu im wundervollen Abendlicht, welches durch rote Staubfahnen verstärkt wird, lässt uns Zeit über das heute Erlebte nachzudenken. Haben wir nun wirklich einen winzigen Rest des letzten Stammes von Urbewohnern Tansanias besucht? Werden diese Menschen tatsächlich sich weiter weigern in großen Dörfern sich anzusiedeln? Dann noch die Zeilen eines Völkerkundeexperten: „…nur eine Art Reservat könnte dem Volk der Hadzabe eine dauerhafte Existenz sichern.“

Wir erreichen unser Reservat, die Kudu-Lodge, noch im letzten Abendlicht. So richtig gelingt es nicht in diesen Luxus einzutauchen, der Kopf ist nicht bereit dafür. Das hervorragende Buffet im Speisesaal lenkt zwar ein wenig ab, doch habe ich immer noch den jungen Hadzabe-Burschen vor Augen, der mit großen Bissen den geschenkten Apfel verschlungen hat. Daran ändert auch die Aussage von Wilson nichts, einem Mitarbeiter in der Anlage, der uns später erklärt, dass durch Einrichtungen wie die Kudu-Lodge viele Menschen hier Arbeit bekommen. Das kennen wir auch aus anderen Kontinenten – an der sozialen Veränderung eines Landes hat der Tourismus sicher seinen Anteil. Doch der Anteil derer, die diese positiven Veränderungen – wenn sie überhaupt generell als positiv zu bezeichnen sind – die eben diese Veränderungen auch zu spüren bekommen, ist erschreckend klein. Womit wir für diese Nacht in unser gar kleines Apartment eintauchen in der Hoffnung, den Gute-Nacht-Kuss an der richtigen Stelle zu platzieren.

Die Begegnung mit den Menschen des Hadzabe-Stammes ist etwas Besonderes

 

Frauen und Kinder bleiben bei den Hütten, wenn die Männer auf Jagd gehen

Der richtige Umgang mit Pfeil und Bogen ist überlebenswichtig für die Männer des Stammes

 

Ein junger Hadzabe Mann stöbert mit seiner Axt ein Honignest auf

Mit seinen Zehen hält der Schmied den Messing-Armreif fest um ihn zu verzieren

 

Große braune Augen faszinieren und lassen das Rundherum vergessen

Kinder drücken das aus, wovon wir Europäer träumen: Gelassenheit

 

Ein stolzer junger Tatoga - selbstbewusst und wählerisch in seiner Pose


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Donnerstag, 23. Juli, Ngorongoro-Crater

Der dritte Tag unserer Erkundungsreise erwartet uns mit einem Höhepunkt: Ngorongoro-Crater inmitten der gleichnamigen Conservation Area und seit dem Jahr 1978 Teil des UNESCO-Weltnaturerbes. Mit einem Ausmaß von 16x20 km (etwa die Hälfte des Bodensees) inmitten des Hochlandes gelegen, ist der Krater die größte, nicht mit Wasser gefüllte Caldera auf unserer Erde und mit einer großartigen Tierwelt ausgestattet. Soviel zur Ankündigung im Reiseführer, der noch mit weiteren Superlativen aufwartet. Bei der Abfahrt in Karatu, das auf 1400 Metern Höhe liegt, ist es nebelig und kühl. Die Straße windet sich abenteuerlich hoch zum Kraterrand, der durchwegs bereits über 2000 Meter hoch liegt. Mystische Nebelschwaden, feuchte Luft und eine überraschende Vegetation gleich einer Art tropischen Waldes begleiten unsere Fahrt zum Lodoare Park Gate - dem Eingangstor zu diesem Naturjuwel, welches Bernhard Grzimek als achtes Weltwunder bezeichnet hat.

Entlang des Kraterrandes umhüllt uns noch immer der feuchte Nebel, doch kurz vor der steilen Abfahrt zum Kraterboden hat sich bereits die Sonne durchgesetzt. Hochgewachsene Maasai-Männer treiben große Viehherden über schmale Steige nach unten, Roger ist mit dem Safaricruiser nicht viel schneller auf dem holprigen Pfad unterwegs. Es sind hier etwa 400 Höhenmeter zu überwinden, bevor wir den Boden des Kraters erreichen - den Boden eines gigantischen Tierparks, welcher sich nun vor unseren Augen öffnet. Was nun folgt ist eine stetige Steigerung von…, ja von was eigentlich? Schwierig zu beschreiben, denn die Erwartungshaltung jedes Einzelnen ist ja unterschiedlich. Doch in einem Punkt sind wir uns alle einig: es übertrifft einfach ALLES! Und damit dieses ALLES auch ein Gesicht bekommt, höre ich hier zu schreiben auf und lass einfach die Bilder sprechen. Die erzählen nämlich einfach ALLES.

Erste Ausblicke in den Krater - der Nebel hat sich gelichtet

 

Stolze, hochgewachsene Maasai treiben ihre Viehherden zum Grund des Kraters

Bei den Seneto Springs gibt es Wasser für die Rinder während des ganzen Jahres

 

Erste Sichtung von Gnu- und Zebraherden im Krater

Die meistverbreitete Kuhantilope in der Savanne ist das Streifengnu

 

Ein Warthog - Warzenschwein - hat kaum ernstzunehmende Feinde

Im Ngorongoro sieht man den Zwerg- und den Rosaflamingo am Lake Magadi

 

Ein turtelndes Kronenkranich-Pärchen lässt sich vom Fotografen nicht stören

Im eleganten Flug schweben diese Kraniche an uns vorbei

 

Eine Thomson-Gazelle betrachtet uns neugierig und gar nicht scheu

Riesentrappen sind schwere, auf dem Boden lebende Vögel, die lieber laufen als fliegen

 

Die Sichtung eines Black Rhino aus der Familie der Spitzmaul- Nashörner ist ein Höhepunkt

Um die Mittagszeit rollen noch immer dichte Nebelwolken über den Kraterrand

 

Steppenzebras sind sehr gesellige und überaus aufmerksame Tiere

Eine Löwengruppe mit drei Löwinnen und drei Jungtieren döst in der fahlen Wintersonne

 

Allerdings sind die Jungen gar nicht müde, dafür aber hungrig

Mama Simba blickt gelangweilt an uns vorbei - sie ist Autotrubel gewohnt

 

Schließlich wird es ihr doch zu viel und wechselt zielstrebig die Straßenseite

Diese Porträtaufnahme eines jungen Löwen gelingt aus unglaublich naher Distanz - Teleeinstellung 155mm. Dazu gibt es auch eine Geschichte weiter unten...


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Wenngleich Bilder eigentlich sehr viel erzählen, oder wie oben erwähnt ALLES - bei dem Bild des jungen Löwen gehört eine Geschichte dazu.

Seit zwei Tagen lässt sich das Schiebefenster an meiner Seite nur mehr mit großer Kraftanstrengung öffnen. Staub und Sand kleben in den Gummiführungen, der Hebel zum Öffnen hat bereits eine Schraube der Befestigung verloren. Nun steht unser Gefährt am Pistenrand, an der rechten Seite liegen im kniehohen Savannengras vier Löwen. Einer davon knapp zwei Meter von mir entfernt. Vorsichtig will ich das Fenster aufschieben. Es macht einen lauten Knack - der Hebel innen ist abgebrochen, das äußere Stück fällt zu Boden, etwa 70 cm von der Pfote des Löwen entfernt...

Na ja, da liegt es nun das kostbare Stück. Eigentlich kann das überall passieren, wirklich überall! Man steigt aus, klaubt das Stück auf und irgendwie wird's wieder repariert. Aber hier? Gut, ich bleib natürlich sitzen, ziehe mit den Fingerspitzen die Scheibe noch ein wenig zurück, schiebe behutsam das Objektiv der Kamera hinaus - der Entfernungsmesser zeigt 180 cm! Gerade noch zum Scharfstellen! Die Nasenlöcher und die Wimpern sehen dann bei 400mm Brennweite riesig aus...

Doch der Löwe an der Autotür war noch nicht alles:

Ein Urviech ist dieser Büffelbulle - gelangweilt ist nur sein Blick

 

Eine Herde von annähernd 80 Tieren vor einem Bilderbuch-Hintergrund

Die Hyäne - ob gestreift oder getüpfelt - schaut einfach nicht vertrauenerweckend drein

 

Der Sekretär - er heißt tatsächlich so - ist eine witzige Erscheinung mit schwarzen Shorts

Die Sichtung eines Gepards aus dieser Nähe ist für den Fotografen ein absoluter Höhepunkt

 

Cheetah - ein fantastisch schneller Sprinter, hier noch beim Ausspähen seiner Beute

3000 Kg Flusspferd wutzeln sich durch das satte Grün in dieser Teichoase

 

Begegnungen mit Elefanten sind eindrucksvolle Erlebnisse im Ngorongoro Crater

Der afrikanische Elefant hat großen Raumbedarf wegen seines Appetits auf Grünzeug

 

Ein Gedenkstein erinnert an Michael Grzimek, der viel für Afrikas Tierwelt erreicht hat


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Auch wenn es eine Wiederholung ist: Wir alle schätzen es sehr, dass wir Zeit haben. Keine Minutenvorgabe, kein „wie lange“, keine Drängelei – es ist einfach gut, wenn wir diese Landschaft so richtig aufsaugen dürfen. Der Blick ans Handgelenk beweist es – da ist seit zwei Tagen keine Armbanduhr mehr! Ein Blick zum Himmel verrät allerdings, dass es Zeit wird den Krater zu verlassen. Die Sonne nähert sich langsam dem oberen Rand, ein prächtiges Streiflicht überflutet den Boden und den kleinen Wald auf den wir zusteuern. Und da werden die so genannten Big Five Afrikas komplett. Nach Löwen, Nashorn, Gepard und Büffel wandern nun mächtige Elefanten in kleinen Gruppen durchs Unterholz, ab und zu wird ein tief hängender Ast gebrochen und verschwindet genüsslich im Maul. Eine Bilderbuch-Szene wie sie schöner nicht sein könnte! Wer jetzt eventuell bemängelt, dass eigentlich ein Leopard anstatt eines Geparden zum Kreis der erlauchten Fünf zählt – im Tierlexikon wird der Gepard als Jagdleopard angeführt, basta!

Eine letzte Rast mit Luxus-Wasser-WC, wo die frechen Vervet Monkeys – grüne Meerkatzen – beim Fenster herumturnen und dann verlassen wir diesen Garten Eden (ja, so wird er auch vielerorts genannt) über eine steile Piste wieder nach oben. Wir sagen: Gott sei Dank im Einbahnsystem, weil es ist verdammt schmal an vielen Stellen. Oben angekommen noch ein allerletzter Stopp beim Gedenkstein für Michael Grzimek, der unweit dieser Stelle im Jänner 1959 mit dem Flugzeug abgestürzt ist. „He gave all he possessed, including his life for the wild animals of Africa“ steht hier eingraviert. Ob er nun, 50 Jahre später, nochmals sein Leben riskieren würde?

Die Kudu Lodge in Karatu wird heute ein drittes Mal unser Nachtquartier sein. Wiederum gibt es ein überaus ansprechendes Buffet mit wohlschmeckenden Köstlichkeiten und dann ein abschließender Besuch in der Bar, wo uns bei der Sitzgruppe am offenen Kamin wohlige Wärme empfängt. Aus der Gruppe sitzen hier nun Ulrike, Doris und Karl, wir Beide und natürlich Hertha, wenig später gesellt sich auch Wilson, der Lodge-Mitarbeiter, dazu. Ulrike hat uns bereits vor zwei Tagen mit einem köstlichen Ausspruch zum Lachen gebracht, nämlich: „…dass die Maasai-Männer eigentlich den ganzen Tag spazieren gehen und das erhobenen Hauptes, die Frauen daheim aber alle Drecksarbeit machen müssen."

Und jetzt wird Wilson, ein großgewachsener Afrikaner, mit diesem Ausspruch konfrontiert, der dann in Ulrikes Frage gipfelt: „…and, by the way, what is your job?“

And, by the way – es war ein wunderbarer Tag!

 

Freitag, 24. Juli, Weg nach Wasso

Eine Distanzschätzung für die heutige Fahretappe nach Wasso ergibt ungefähr 200 Kilometer und das ausschließlich auf Pisten. Wir verlassen die Kudu-Lodge mit all ihrem Komfort und stellen uns mental auf eine abenteuerliche Reise ein. Erneut erklimmt unser Safari-Auto mit Roger am Steuer den Kraterrand des Ngorongoro, folgt diesem etwa eine Stunde in westlicher Richtung, bevor es zu der imaginären Grenze zur Western Serengeti hinuntergeht. Diese Grenze zwischen der Conservation Area und eben der westlichen Serengeti war jahrzehntelang ein Zankapfel in Tansania, denn das Volk der Maasai musste viele negative Einschränkungen hinnehmen, viele versprochene Gegenleistungen seitens der Regierung blieben nur von kurzer Dauer. Die stolzen Nomaden wurden vertrieben, mussten ihre Bomas aufgeben und immer wieder neue Weidegründe für das Vieh suchen. Erst im Laufe der 1980er-Jahre verbesserte sich die Situation, aber nur sehr kurzfristig. Denn wie wir erfahren, werden derzeit wieder ganze Dörfer abgesiedelt. Regierungstruppen werden ausgesandt und brennen die Bomas nieder, vertreiben das Vieh und wenden auch Gewalt an. Der Hintergrund dafür ist empörend und die so genannte Wut im Bauch krabbelt ganz ordentlich: Reiche Araber kaufen das Land um hier ihrer Jagdlust nachzugehen! Wobei gehen total daneben liegt, denn die Jagd wird unter anderem auch per Helikopter betrieben.

Zurück zu besinnlicheren Themen, denen wir bei der Oldupai-Gorge begegnen. Von Historikern als Grand Canyon der Evolution bezeichnet, wird sie in Reiseführern als die Wiege der Menschheit angeführt. Auch wenn ich mit prähistorischen Funden nicht viel anfangen kann, so ist die Ausdauer Jener zu bewundern die unter diesen unwirtlichen Bedingungen in dieser Gegend jahrzehntelang nach Knochen, Werkzeugen und Fußabdrücken gesucht haben. Ein Museum am Rand der Schlucht beherbergt einen Teil dieser Funde, ein Ranger erklärt ausführlich die Arbeit der Archäologen, welche noch immer an einigen Stellen die Gesteinsschichten mit klitzekleinem Besteck abkratzen, um anschließend einen eventuellen Fund aufs Jahrtausend genau zu datieren! Dazu fällt mir die Geschichte vom Petrified Forest in Arizona/USA ein, wo ein Ranger auf die Frage, wann denn diese Urwaldbäume vom Schlamm verschüttet und auf diese Weise konserviert wurden, antwortet: „..vor sieben Millionen und acht Jahren“. Kopfschütteln – warum denn diese acht Jahre? „Ja, als ich hier zu arbeiten begann, sagte mir mein Vorgesetzter sieben Millionen Jahre – und das war vor acht Jahren.“

Weit gegenwartsnäher sind die Wanderdünen Shifting Sands die wir wenig später erreichen. Vulkanischer Aschestaub, der nach einem Ausbruch des 60 km entfernten Ol Doinyo Lengai hierher geweht wurde, wandert mit dem Wind langsam gegen Westen. Markierungssteine zeigen uns, dass es etwa 15 bis 20 Meter sind, welche dieser fünf Meter hohe schwarzgraue Hügel pro Jahr hinter sich bringt. Eine Besteigung ist ungefährlich, unsere Spuren sind nach wenigen Stunden verschwunden. Nicht so schnell verschwinden wird ein kleines Kreuz aus Tierknochen, mit dem die GEA-Truppe Austria den Gipfel markiert. Was dazu wohl Archäologen berichten werden, wenn dieses nach etlichen Jahren wieder an die Oberfläche kommt?

Die Weiterfahrt ist nun jenes oben erwähnte Abenteuer. Eine meist nur zu erahnende Piste führt durch die eindrucksvolle Landschaft. Sanfte Bergketten rahmen ein Bild auf der rechten Seite, während sich auf der Linken die unendliche Weite der Serengeti öffnet. Der Himmel ist fahl, die Sonne verschwindet hinter einem Schleier, das Licht am Boden lässt trotzdem eine nicht erwartete Farbenmischung leuchten. Und immer wieder verblüffen uns die Maasai: Aus dem Nichts tauchen sie in dieser unermesslichen Weite auf, wandern scheinbar unbeirrt auf ein Ziel zu und sind genauso schnell wieder unsichtbar. Erst einige Viehherden lassen wenig später darauf schließen, dass Ansiedlungen hier sein müssen oder zumindest Wasserstellen in der weiteren Umgebung zu finden sind. Viel eher und deutlicher zu sehen sind da allerdings Giraffen. Sobald einige Akazienbäume in der sonst kargen Landschaft stehen, sind die graziösen Tiere nicht weit. Zuerst kleinere Gruppen oder Familien, zählen wir dann sogar 12 Tiere die sich langsam fast parallel zur Piste neben uns bewegen. Einfach fantastisch!

Mit dem Erreichen der Hauptstraße in Richtung Wasso erhöht sich auch das Reisetempo, aber das ist nicht immer zum Vorteil. Im weichen, sandigen Boden der Piste schwebt der Land-Cruiser förmlich über die Oberfläche, jetzt knallt er beinhart in jedes Schlagloch - trotz Roger’s Meisterleistung am Lenkrad. Amüsant wird es, als in einem Dorf dann zwei Autostopper zusteigen, die kurzerhand im Mittelgang am Boden Platz nehmen. Beim erstbesten Schlagloch schleudern die Beiden dann auf Armlehnenhöhe hoch – autsch! Mein Auflagepolster für die Kamera und mein kleines Rückenpolsterl wandern daraufhin unter die Hinterteile der Männer, ein dankbares Lächeln kommt zurück. Doch unsere Aufmerksamkeit wird unvermittelt nach vorne gelenkt. In der einsetzenden Dämmerung queren drei Silhouetten die Straße. Ohne Zweifel – es sind Giraffen. Dann links im niederen Gebüsch noch mehr lange Hälse, auf der Anhöhe schräg vor uns ebenfalls. Roger stoppt das Auto und plötzlich bewegt sich der der halbe Busch links und rechts der Straße! Grob geschätzt von uns allen sind es etwa 30 bis 40 Tiere, zwischen denen wir uns befinden, eine solch zahlreiche Ansammlung von Giraffen hat selbst Roger noch nicht gesehen.

Der Ort Wasso liegt auf 2000 Meter Höhe, es ist nicht nur dunkel als wir ankommen, sondern auch empfindlich kühl. Umso wärmer und herzlicher der Empfang beim Guest-House des Spitals, wo wir nun die nächsten drei Tage als Gäste einquartiert werden. Nach einer äußerst erfrischenden, weil äußerst kühlen Dusche finden wir uns dann alle wieder im großen Essraum zusammen, wo noch etliche andere Gäste wie eine große Familie um einen Riesentisch herum sitzen und die herrlichen Curry-Gerichte aus den dampfenden Töpfen genießen. Und als Überdrüber organisieren Hertha und Roger noch einige Flaschen Bier...

An der Oldupai-Gorge treffen wir diesen alten Maasai

 

Mama Giraffe hat ihre beiden Youngsters hinter die Bäume geschickt

Eine wandernde Sanddüne bietet Gelegenheit, die steifen Beine zu strecken

 

Von einem Gipfelsturm kann man zwar nicht gerade sprechen...

...doch die Glückwünsche beim Gipfelkreuz werden freudig ausgetauscht

 

Ein Gipfelkreuz der besonderen Art - aus Knochen von einem verendeten Gnu

Anscheinend sind Giraffen gesellige Tiere und wandern gerne

 

Eine gewisse Marschordnung muss aber dennoch sein- also rein in die Reihe

Warum sind Frauen die besseren Fotostative? Weil sie länger den Atem anhalten - danke Hertha für das Foto!

 

Abseits aller Strassen in der sandigen Landschaft unterwegs - ein Segen für die lädierten Bandscheiben

Zauberhafte Farben am Rand der Serengeti begeistern uns

 

Eine Begegnung mit außerirdischem Charakter auf dem Weg nach Wasso


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Samstag, 25. Juli, in Wasso

Am Gelände des Spitals herrscht reger Betrieb, wir können das emsige Treiben vom Garten des Guest-House aus beobachten. Zum Genießen der warmen Morgensonne reicht es nicht, denn Hertha stellt uns Claude Rieser vor. Er ist gebürtig aus St. Gallen in der Schweiz und zusammen mit seiner Frau Désirée und den Kindern Joël und Soraya für die Dauer von zwei Jahren nach Wasso gekommen. Das war im Jahr 2008. Als studierter Betriebswissenschafter soll er den Spitalsbetrieb durchleuchten und, na ja – so genannte Schwachstellen finden, wo man halt besser wirtschaften sollte. Nun gut, jetzt holt uns Claude zu einem Rundgang durchs Spitalgelände ab. Sehr sinnvoll ist dabei, wenn man sämtliche Vorurteile gleich am Eingang zur Ambulanz abgibt. Das ansonsten kritische europäische Auge hat hier nichts verloren, vergleichende Maßstäbe sind fehl am Platz. Dann nämlich stellt man fest, dass hier sämtliche Grundbedürfnisse, die eine Behandlung im Spital erforderlich machen, erfüllt werden können. Wie gesagt – es stehen nur einfache Mittel und Gerätschaften zur Verfügung und wir sprechen auch nur von Grundbedürfnissen. Doch wo ist der Punkt ab dem ein Arzt sagen muss, dass hier eine Behandlung nicht mehr möglich ist, dass er nicht mehr weiter arbeiten kann?

Während wir noch über eine mögliche Antwort nachdenken, erreichen wir einen Raum, in dem Dutzende Ordner in Metallgestellen lagern. Auf einem Tisch steht eine Schachtel, zwei oder drei Mappen liegen daneben. Von einem Stapel überreicht mir Claude zwei Blatt Papier, eng mit Schreibmaschine beschrieben. Es ist ein Rundbrief, datiert mit November 1977, Unterschrift Dr. Watschinger. Und die Antwort auf obige Frage fällt eventuell etwas leichter, wird sie doch mit wunderbaren Worten gewählt:

 …warum ich diesmal diese Wildgans-Verse über meinen Rundbrief gesetzt habe? (Das Lächeln – eine Frühlingsballade, Anm.). Ich glaube, weil wir wohl alle ein wenig zu diesen Menschen gehören, die sich „sorgen, was morgen werden wird und übermorgen – und ihre Seelen bleiben blind und arm“. Auch wir hier haben gegenwärtig mancherlei Probleme und Schwierigkeiten und man meint manchmal fast, sie könnten einen erdrücken. Da tut es gut, wenn man so ein Dichterwort findet – von jenem Kranken, dessen Seele noch „dem Wunder heil“ war, von jenem Lächeln, „so reich an jenem Wunderbaren, des alle darben, die so dumpf gesund...“

Da bin ich draufgekommen, dass auch ich solche Probleme manchmal zu wichtig nehme, dass man sich zu viel in den Ärger hineinbeißt, wenn’s irgendwo nicht ganz so geht, wie man gerne möchte…

Und weiter auf dem zweiten Blatt: …steckt da nicht eine andere Lebensauffassung dahinter? Wir Europäer sind versucht, alles nach unserem Maß zu messen. Das sind nur einige der Probleme, kurz angeschnitten. Wir mit unserem Perfektionismus möchten halt immer alle Probleme sofort überwinden. „Drum fass’ ich diese Menschen nicht, die sorgen, was morgen wird und übermorgen…“

Nun, seither sind 32 Jahre vergangen, das Spital wurde erweitert, modernisiert, vergrößert. Die Technik verbessert, Wasserversorgung gesichert, Stromgeneratoren angeschafft, ein Photovoltaik-Anlage errichtet, Fachärzte eingestellt, medizinisches Personal ausgebildet und vieles mehr. Die Sorgen von damals sind aber sicher noch die gleichen wie heute und Claude fügt während des weiteren Rundganges noch einige hinzu. Und diese jetzt schön zu reden – das käme nun wohl niemandem in den Sinn. Unsere Hochachtung Allen die hier arbeiten!

Am Nachmittag unternehmen wir eine Wanderung zu Lemayans Boma. Lemayan ist ein junger Maasai, der bedingt durch seine Begabung die Aufnahme in die Secondary-School erreicht hat. Diese ist im Gegensatz zur Public Primary School nicht kostenlos, wird aber vom Staat gefördert. Bemerkenswert, dass eine staatliche Förderung nur Buben bekommen! Lemayan möchte Medical Officer werden und arbeitet zurzeit ebenfalls im Spital mit. Gleich hinter dem Gelände des Krankenhauses führt der Weg hinauf auf eine lichte Anhöhe und nach etwa einer halben Stunde erreichen wir die kleine Siedlung, wo Lemayans Familie wohnt. Die erwartet uns schon und binnen kurzer Zeit finden sich an die 15 Personen ein. Großteils sind es Kinder, die uns mit großen, dunklen Augen neugierig mustern, während Lemayan einem Teil der Gruppe das Innere seiner Hütte zeigt und einen Maasai Haushalt erklärt. So bleibe ich einstweilen mit der Kinderschar alleine und wir haben großen Spaß miteinander. Natürlich ist die Kamera im Mittelpunkt des Interesses, denn da kann man ja gleich ein kleines Bildchen hinten sehen! Der Auslöser ist im Dauereinsatz. Erst als Karl mit seinem Apparat zu Hilfe eilt, teilen wir uns die vielen neugierigen Hände und großen Augen, die begierig ihr Antlitz auf dem Display suchen. So viel Fröhlichkeit habe ich schon lange mit Kindern nicht erleben können!

Die untergehende Sonne zaubert ein herrliches Licht in die Landschaft, während wir uns wieder Wasso nähern. Candelaber Kakteen, Aloe-Vera Büsche und kleine Akazien säumen den Weg, ab und zu liegt ein Maisfeld dazwischen. Schöne Ausblicke über das Dorf beenden den Ausflug, im Speiseraum des Guest-Houses herrscht bereits Gedränge. So stellen wir kurzerhand die Tische und Stühle aus unseren Zimmern auf die Terrasse – wir speisen heute im Garten! Anschließend besuchen wir noch Désirée und Claude, wo beim rauchigen Feuer noch viele Fragen gestellt werden. Die Maasai-Decken sind nun sehr wichtig, denn die Winterabende bringen sehr schnell kühle Luft von den umliegenden Bergen. Claude beantwortet noch Vieles aus seinem Bereich, Désirée schildert ihre Erlebnisse aus Sicht der Familie. Es wird spät, gut geräuchert und gekühlt verabschieden wir uns gegen Mitternacht von den Beiden. Sali und guet Nacht!

 

Die Laborräume sind nicht am neuesten Stand, aber zweckmäßig eingerichtet

 

Dieser moderne OP-Tisch wartet auf seinen Einsatz
 

Die tägliche Medikamenten-Ration wird in die Krankensäle gebracht

 

Geburten gehören zur täglichen Routine im Wasso-Hospital

Eine Photovoltaik-Anlage bringt zusätzlichen Strom ins System

 

In der Boma von Lemayan haben die Kinder Spaß mit uns - und wir mit ihnen

In kurzer Zeit hat sich unser Besuch auch bei den Nachbarn herumgesprochen

 

Ein Spielzeug ist so eine Digital-Kamera gerade nicht - aber die Bilder sind so schööön

Besonders herzlich werden wir wieder nach unserem Besuch verabschiedet

 

Entlang des Weges zurück nach Wasso entdecken uns auch andere Kinder

Eine wunderbare Abendstimmung zwischen Kakteen und Aloe-Vera

 

Am rauchigen Feuer wird noch lange geschwätzt und diskutiert


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Sonntag, 26. Juli, in Wasso

Wasso liegt am Fuß einer Hügelkette, die sich im Osten des Ortes bis auf 2500 Meter erhebt. Wasso-Hill wird der Hausberg genannt, er ist heute das Ziel unserer geplanten Wanderung. Lemayan ist unser Führer, mit von der Partie sind noch Désirée und Claude mit ihren Kindern. Zahlreiche Wege führen nach oben, die Grasflächen werden als Weideland für das Vieh genutzt und am Gipfel ist ein alter Radiosender zu erkennen. Bis vor wenigen Jahren waren Funkgeräte die einzige Verbindungsmöglichkeit, heute hat das Zeitalter der Handys bereits im kleinsten Dorf Einzug gehalten. Gut verteilt auf allen möglichen Erhebungen sind Sendemasten errichtet, wir staunen immer wieder über die Erreichbarkeit der mobilen Telefone. Auch Lemayan telefoniert eifrig – irgendetwas erwartet uns oben am Berg!

Nach etwa 90 Minuten haben wir den Gipfel erreicht, ein eisiger Wind lässt uns schnell in den Schutz einer Baumgruppe flüchten – immerhin sind wir ja auf 2500 Metern Höhe. Und dort unter den Bäumen und Büschen herrscht bereits emsiges Treiben. Da erinnern wir uns, dass Hertha schon vor Tagen von einer besonderen Überraschung gesprochen hat und jetzt ist es soweit: Eine Ziege wurde geschlachtet und wird gerade zum Braten am offenen Feuer hergerichtet. Lemayan erklärt uns das besondere Ritual beim Töten des Tieres, doch wir sind heilfroh, dass alles schon vorüber ist. Fünf oder sechs Maasai-Männer aus dem Dorf, darunter auch der Bruder von Lemayan sind mit der Zubereitung und gleichzeitigem Feuermachen beschäftigt. Während die Fleischstücke fein säuberlich auf Holzspieße gesteckt und rund ums Feuer angeordnet werden, genießen wir weiter oben die sagenhafte Aussicht in die schier unendliche Ebene in Richtung Westen. Mittlerweile sind auch Hertha und Roger mit dem Geländewagen von der anderen Seite des Berges heraufgekommen, im Gepäck ein leckeres Essen für Nichtfleischesser: Chipsi Mai (oder Yai – wie schreibt man das?), das sind Erdäpfelstücke mit Ei gebraten und dazu Salat. Aber ums Kosten des gebratenen Ziegenfleisches sind wir nicht herumgekommen, immer wieder bringen die Männer knusprig Gebratenes und schneiden mit ihren scharfen Messern kleine Stücke ab. Danach beobachten sie recht genau, ob es uns auch schmeckt und freuen sich über zufriedene Gesichter – ich geb’s zu: Ein wenig geschauspielert hab ich schon…

Als so genannter Nachtisch wird dann ein Topf gebracht, worin sämtliche Innereien, Talg und Fett gekocht wurden. Schlichtweg genial und OSKARL-reif dann das Abseihen der Suppe durch Büschel von Moos, welches zwischen zwei Hölzern eingeklemmt wird. Der Blechnapf mit dem gefilterten Inhalt wird dann reihum gereicht, Ursula und ich schaffen es irgendwie, dass der Kelch an uns vorübergeht. Der Geruch bleibt dennoch unvergesslich. Genauso unvergesslich, aber in anderem Sinne, dann der folgende Tanz der Maasai-Männer. Alle haben sie jetzt ihre Decken um die Schultern gewickelt und gehen zuerst in einem auffallend wiegenden Schritt um uns herum. Monotoner Gesang, eigentlich nur Laute, die aus dem Kehlkopf in unterschiedlichsten Tonhöhen kommen, gibt den Takt an. Dann wird ein Kreis gebildet und ein Maasai springt inmitten der anderen in die Höhe. Ein fantastisches Bild ergibt sich von meinem Standpunkt aus, denn hinter den Männern erstreckt sich bis zum Horizont die schon oben erwähnte schier unendliche Ebene, sie schweben förmlich in der Luft. Ein flaches Sonnenlicht gibt dem Ganzen einen wunderbaren Anstrich, die Gesichter der Tänzer erhellen sich in diesem warmen Licht. Ist das jetzt eine Touristenattraktion? Wird das ganze Schauspiel nur für uns veranstaltet? Fragen über Fragen, die wir später Roger und dann auch Claude stellen. Beide bestätigen uns aber, dass dies etwas ganz Normales im Leben der Maasai darstellt. Es muss nicht immer ein spezieller (hier würde touristischer besser passen, denn speziell ist es für die Maasai in jedem Fall), also ein Anlass sein, um eine Ziege zu schlachten oder zu tanzen. Und heute hat es halt zufällig gepasst, dass Besuch aus Europa da ist und daran teilhaben kann. Es gibt wirklich schöne Zufälle, gell Hertha?

Das Angebot mit dem Auto zurückzufahren, nehmen einige der Gruppe wahr. So auch Ursula und ich, wo wir nach der Rückkunft im Dorf noch den sonnigen Spätnachmittag für einen Rundgang nützen können. Jetzt merkt man richtig, dass die Dorfbewohner an die Anwesenheit von weißhäutigen Besuchern gewöhnt sind. Freundlich werden wir gegrüßt, ein Hello oder Jambo ertönt uns überall entgegen – wie angenehm. Bei der Dorfkneipe an der Hauptstraße schauen wir natürlich rein, denn bei solchen Lokalitäten gibt es immer was zu sehen und vor allem zu trinken. Hier steht ein Billardtisch auf der Terrasse, wo das einstmals grüne Tuch gar arg strapaziert wird. Aber es haben alle ihr Vergnügen dabei, auch wenn die Spielregeln halt nur irgendwie eingehalten werden. Ein fröhlicher Abschluss eines ereignisreichen Tages.

 

Am Gipfel des Wasso-Hill mit fantastischer Sicht in die weite Ebene

 

Picknick am Sonntag mit Désirée, Joël und Soraya

Fleischstücke einer Ziege werden rund um das Feuer auf Holzspießen angeordnet

 

Alles wird verwertet - Talg und Fett wird von der Haut entfernt und dann gekocht

Es macht den Maasai sichtlich Freude, dass wir ihre Gäste sein dürfen

 

Variantenreicher Schmuck verleitet immer wieder zum Hinschauen

Unter ihrer Shuka tragen die Männer eigentlich recht dünnen Stoff

 

Und irgendwo zwischen den vielen Halsketten findet sich auch ein Handy...

Die Suppe aus Innereien, Fett und Talg ist fertig und wird kräftig durchgemischt

 

Fertig zum Abseihen - ein geniales Stück Natur aus Moos und Holz dient als Sieb

Den Maasai schmeckt es sichtlich, wir beschränken uns auf den Duft

 

Aufstellung für den Tanz, welcher von einem speziellen Gesang begleitet wird

Lemayans Bruder ist eine stolze Erscheinung und führt die Gruppe an

 

Vor dem Hintergrund einer schier unendlichen Weite erleben wir Eindrucksvolles


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Montag, 27. Juli, in Wasso

Pre Primary & Primary English Medium School steht auf einem Schild an der Dorfstraße. Als Zusatz darunter: Sensitizing Top Quality Education (sensibilisieren im Sinne von vorbereiten). Ein kalter Wind bläst uns entgegen, als wir den staubigen Weg in Richtung Schule einschlagen. Immer wieder wirbelt eine Sandwolke durch die Luft, umhüllt uns sekundenlang und zieht Richtung Dorf weiter. Unser Besuch ist natürlich angekündigt, schon von Weitem rufen uns die Kinder viele Hellos aus den Fenstern des Gebäudes entgegen – der Unterricht fällt für die nächste Stunde sicher aus. So stürmisch wie der Wind fällt die Begrüßung am Schulhof aus, allerdings keineswegs kalt wie er, sondern herzlich warm und vor allem neugierig. Dutzende Arme strecken sich uns entgegen, das Repertoire an englischen Vokabeln ist unerschöpflich, große Kinderaugen und kleine Hände wohin man schaut. Wir werden dem Direktor und einigen Lehrern vorgestellt, die Kinder sind plötzlich wie von Zauberhand geführt vor uns in einer fast militärisch anmutenden Formation angetreten und beginnen nun lauthals zu singen – Betonung richtig auf lauthals! Danach beginnt die Führung. Natürlich unter großer Anteilnahme der Kinder, welche darin besteht immer und überall vor der Kamera aufzutauchen, um anschließend das Ergebnis am Display zu kommentieren. Trotzdem gelingt es uns einen guten Überblick über die Einrichtung der Schule zu erhalten. Klassenzimmer mit Tischen, Stühlen und Bänken, an den Wänden Landkarten, Bildgeschichten auf Lehrtafeln und Aufklärung über die Ansteckung mit dem HIV-Virus. Gleich daneben Ruhe- und Schlafräume und die Küche mitsamt dem Lagerraum für Lebensmittel. Zurzeit werden 90 Kinder unterrichtet, etwa 35 von ihnen bleiben auch über Nacht hier, deshalb die Schlafräume und die Küche. Hier scheint das Schulegehen richtig Spaß zu machen, doch ganz offensichtlich ist unser Besuch ein Anlass, diesen Spaß noch zu vergrößern. Das bemerken wir auch bei den Lehrern und beim Direktor, die nicht müde werden unsere zahlreichen Fragen zu beantworten.

Der Rückweg führt dann durchs Zentrum des Dorfes, vorbei an zahlreichen kleinen Geschäften, Werkstätten, Friseur und Kleiderladen. Schreiner, Schlosser, Schneider und Schuhmacher (Maasai-Sandalen!) entdecken wir ebenfalls hier und unweit des Krankenhauses dann eine Mühle. Hier bringen die Menschen ihr Getreide, Mais oder Hirse her, es wird zu Mehl vermahlen und der Müller kassiert dafür ein kleines Entgelt. Manchmal auch in Form von Naturalien, wie wir erklärt bekommen. Gar nicht viel anders, als es noch vor sechs Jahrzehnten in unserem Dorf Anthering bei Salzburg gehandhabt wurde. Bei uns wurde die Mühle zum Teil noch mit Wasserkraft betrieben, hier in Wasso sorgt ein Diesel-Generator für den Antrieb des Werkels.

Mittlerweile hat sich auch das Aussehen von Hertha entscheidend geändert, wie wir uns bei der Rückkehr zum Guest-House überzeugen können. Ach – das habe ich ja vergessen: Hertha hat Besuch der Hausfriseurin, die in mühseliger Fingerarbeit präzise Rastazöpfe auf ihrem Kopf produziert. Das Ergebnis schaut euch auf den Bildern an. In jedem Fall sehenswert!

Eine einstündige Fahrt am Nachmittag hat eine bizarre Fels-Mugel-Landschaft im Randgebiet der Serengeti (nicht beim gleichnamigen National-Park) zum Ziel. Roger und Lemayan beweisen im Team ihre tolle Fähigkeit als Fährtenleser, denn manches Mal ist nicht viel mehr als eine Reifenspur im Gelände zu sehen. Zwischen einigen Felsen machen wir Halt, ein kurzer Fußmarsch führt uns zu einer Wasserstelle hinunter. Schon aus einiger Entfernung ist Schnauben und Grunzen zu hören, der Geruch bestätigt es: Flusspferde! Etwa zwei Dutzend dieser Kolosse suhlen sich im Hippo-Pool, die wir nun, unter Schatten spendenden Bäumen sitzend, beobachten können. Kleine Affen toben immer wieder laut kreischend durch die Äste, auf der angrenzenden Grünfläche ist ein Warzenschwein beschäftigt den Boden zu durchwühlen. Von einem Felsmugel, den wir dann noch erklimmen, gibt es fantastische Ausblicke in diese endlose Weite der Savanne. Die Sonne zaubert wunderbare Licht- und Schattenspiele auf die Landschaft, welche durch vorbeiziehende Wolken zu einem besonderen Schauspiel gestaltet werden. Auch ein kleines Felltier, ähnlich unserem Murmeltier, genießt unweit von uns den Ausblick. Roger erkennt es als Hyrax – ein Klipp- oder Buschschliefer – der uns Eindringlinge in seinem Hausgarten kurz mustert und mit einem „Knarzpfeifer“ (das Wort hab ich erfunden) verschwindet.

Nach der Rückkehr plagen mich arge Gliederschmerzen, mein Kopf summt wie ein Bienenhaus, hohes Fieber und dann noch Schüttelfrost kommen dazu. Ursula bittet eines der holländischen Mädchen, die ihr Medizinpraktikum hier am Krankenhaus absolvieren, mich genauer anzuschauen. Nach dem Essen bringt Ilse, so der Name der jungen Studentin, mich rüber ins Spital, ein Bluttest ergibt Gott sei Dank keinen Hinweis auf Malaria. Mit einer Doppeldosis Aspirin, heißem Tee und in einige Decken gewickelt verkrieche ich mich ins Bett, mit wirren Träumen bin ich irgendwann dann eingeschlafen. Ursula berichtet später, dass ich recht gegrunzt habe – wahrscheinlich sind mir die Flusspferde vom Nachmittag begegnet!

 

Am Weg zur Schule, wo die jungen Mädels und Buben die englische Sprache erlernen

 

Lauthals werden wir Besucher mit einem Lied begrüßt

Was ist größer: die Freude oder die Neugierde, wenn Europäer in der Klasse sind?

 

Aufklärung auch bei den Kleinen über die Gefahr der Ansteckung mit dem HIV-Virus

Ursula hat diese beiden Mädchen ins Herz geschlossen - und umgekehrt

 

Nur selten ist ein Junge allein im Bild - Sekunden später sind die Reifen unsichtbar

Zurück im Dorf wird gerade der Bus für die Tagesreise nach Arusha beladen

 

Ein weiser Spruch mit einer gewissen Doppelsinnigkeit für die Menschen hier

Ein Anblick zum Schmunzeln - im Kiosk werden Telefon-Wertkarten verkauft

 

Eine Mühle ist ganz wichtig für die Bewohner um den Mais zu mahlen

Der Friseur im Aufbruch zur "Neuen Generation" - hier nur für Männer

 

Hier die "Neue Generation" für Frauen - Hertha am Vormittag um 9:00 Uhr

Geduldig und mit viel Humor erträgt sie die Verschönerung, es ist 11:00 Uhr

 

Nach 4½ Stunden und sichtlich erschöpft präsentiert Hertha das Kopfkunstwerk

Während der Fahrt durch das Randgebiet der Serengeti sichten wir Buschböcke

 

Ein eleganter Springer der mit allen Vieren gleichzeitig abhebt

Der Klipp-Schliefer schaut dem europäischen Murmeltier ähnlich - nur pfeifen kann er nicht...

 

Flusspferde tummeln sich untertags am liebsten im Wasser

Argwöhnisch werden wir alle ständig beobachtet und mit lautem Grunzen bedacht

 

Serengeti Einsamkeit - an solche Stellen gelangen wir nur dank Roger und Lemayan


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Dienstag, 28. Juli, Fahrt zum Lake Natron

Im Hof vor dem Guest-House herrscht emsiges Treiben. Roger schlichtet unsere Taschen rückwärts in den Land-Cruiser, Lemayan hilft mit. Triphonia – die Perle des kleinen Hotels, welche kocht, wäscht und putzt – verabschiedet sich von jedem Einzelnen, Désirée kommt mit den Kindern auch noch vorbei. Von den holländischen Mädchen verabschieden wir uns ebenfalls mit den besten Wünschen für ihre weitere Tätigkeit als Ärztinnen. Es ist nicht zu ändern, unsere Gruppe reist weiter, die Rundfahrt wird fortgesetzt. Die Erlebnisse hier in Wasso werden in guter, in tiefer Erinnerung bei uns bleiben.

Mein Körper hat die Aspirin-Kur verdaut, gibt mir aber gleichzeitig zu verstehen, dass noch nicht alles überstanden ist. Also pole, pole. Dies gilt auch für Roger, denn die Piste ist manches Mal eine Art Geröllhalde, auf der wir uns schlingernd fortbewegen. Wir befinden uns auf einem Plateau, der so genannten Rift-Valley-Ridge, unser Ziel liegt tief unten in diesem großen Graben, wo der abflusslose Lake Natron den Glutkessel von Osttansania an der Grenze zu Kenia bildet. Wie schon erwähnt liegt Wasso auf 2000 Metern Höhe, nun geht es hinunter auf etwa 600 Meter durch eine vollkommen von vulkanischen Bewegungen geformte Landschaft. Bei Regen wird sodahaltiges Material (Natriumcarbonat oder Sodaasche) von den Flanken der Vulkankegel herausgespült und zum See transportiert. Doch bei der fast unerträglichen Hitze verdunstet das Wasser relativ schnell und zurück bleibt eine grell-weiße salzige Schicht. Bei einer Rast unter schattigen Akazien blicken wir weit ins Rift-Valley hinunter, die helle Oberfläche des flachen Salzsees flimmert in der Ferne.

Doch große Überraschung dann unten am See, welchem wir zuerst nordwärts entlangfahren. Immer wieder sprudeln kleine Wasserläufe aus den Felswänden heraus und bewässern somit die flachen Ufer des Sees. Die Viehherden leben hier anscheinend in paradiesischen Verhältnissen. Doch der Schein trügt, denn wie man an den weißen Krusten erkennen kann, ist das Wasser ebenfalls stark mit Salz angereichert. Das Vieh weiß das und natürlich auch die Menschen. So sammeln sich diese nur an ganz bestimmten Stellen, wo das Wasser bereits eine längere Strecke über Geröll und Gras geflossen ist und somit der Salzgehalt auf ein erträgliches Maß minimiert wurde. Weiter nördlich führt die Piste direkt an den See heran und wir sichten nun die wahre Attraktion in dieser unwirtlichen Gegend: Flamingos! Tausende Zwergflamingos und die wesentlich größeren rosafarbigen Flamingos fühlen sich da im ätzenden, 40 Grad heißen Soda-Schlamm sichtlich wohl und durchwühlen mit ihren Schnäbeln unablässig den Boden an den seichteren Stellen. Dieses Algenmeer aus purpurfarbigen Bakterien ist eine wichtige Nahrungsgrundlage in diesem riesigen Fortpflanzungsgebiet der Flamingos. Doch nicht nur sie schätzen dieses Angebot an Fressbarem: Gelbschnabelstörche, Schwarzibisse, Löffler, Pelikane und der afrikanische Gänsereiher tummeln sich in großer Zahl am und im Wasser. Und wiederum taucht aus dem endlosen Nichts ein groß gewachsener Maasai auf, wenig später ein zweiter. Ulrikes Annahme, dass die Männer hier nur den ganzen Tag spazieren gehen – erhobenen Hauptes natürlich – scheint sich zu bewahrheiten…

Auch wir spazieren nun gemächlich auf eine schmale Halbinsel zu. Gemächlich deshalb, weil einerseits die Hitze lähmend wirkt und andererseits sich vor uns Tausende Vögel auf einem schmalen Felsband befinden. Es sind dies Gelbschnabelstörche und einige Kolonien weißer Pelikane. Vor ihnen im seichten Wasser durchpflügen Flamingos unbeirrt den Schlamm. Wie nahe schaffen wir es? Die Antwort folgt Sekunden später. Zuerst eine kleine Gruppe, dann zwanzig, dreißig Störche – die Kettenreaktion erfasst binnen Sekunden Hunderte von Vögeln, die nun mit knatternden Flügelschlägen und lautem Gekreische vom Felsen und aus dem seichten Wasser abheben. Auch in meiner Kamera löst dies eine Kettenreaktion aus, um dieses Schauspiel festzuhalten. Als letztes erheben sich nun auch die Flamingos in die Luft, das heißt sie nehmen zuerst Anlauf und schlagen mit den Flügeln fast aufs Wasser, bevor sie langsam an Höhe gewinnend sich von uns entfernen. Weiter draußen im tieferen Wasser stehen tausende rosa Flamingos wie viele Inseln am Horizont, hier errichten sie auch ihre Nisthügel um zu Brüten.

Einer der Maasai-Männer fährt dann mit uns ein Stück zurück, er hat seine Herde bei einer Wasserstelle gelassen. Also doch Arbeit, wie nun auch Ulrike bemerkt. Er erklärt Roger, dass derzeit unzählige Rinderherden aus Kenia hierher in den Süden wandern. Kenia wird von der schlimmsten Trockenheit seit 12 Jahren heimgesucht, die Menschen sind verzweifelt, weil mit dem fehlenden Wasser natürlich auch die Weideplätze vertrocknen. Massenhaftes Tiersterben ist die Folge, die geschwächten Tiere verenden zahlreich, wie wir immer wieder an den Kadavern entlang der Piste sehen können.

Im Dorf Engare Sero erklimmen wir eine schmale Schotterstraße hoch zu einer Art Terrasse, von wo wir in seiner ganzen Pracht den Heiligen Berg der Maasai, Ol Doinyo Lengai erblicken. Unter uns liegt das geschäftige Dorf mit vielen Dukas und kleinen Lokalen und hinter uns ein Restaurant, welches Hertha für unser Abendessen ausgesucht hat. Leider hat der Besitzer irgendwie auf uns vergessen und sieht sich nicht imstande etwas auf die Schnelle zu organisieren. So sind wir gleich wieder unterwegs zu einem Platz etwa zwei Kilometer weiter: Moivaro Lake Natron Tented Camp. Und das entpuppt sich als absoluter Glückstreffer, sowohl was den Campground und auch das angeschlossene Restaurant betrifft. Ja natürlich: Campground! Heute werden die Zelte ausgepackt und unter den ausladenden Akazien aufgestellt. Ursula und ich schwelgen in Erinnerungen an unsere Zelttouren – es ist schon einige Zeit aus, dass wir kniend in unsere Unterkunft geschlüpft sind. Doch die Routine beim Aufstellen des Zeltes ist noch vorhanden und schnell steht die Kuppel auf der weichen Wiese. Denn nun lockt das perfekte Abendlicht direkt vor dem Campgelände und der mächtige Ol Doinyo Lengai im orange-roten Schimmer der untergehenden Sonne. Einfach überwältigend!

Wie schon angedeutet, ist das Restaurant, besser gesagt die dazu gehörende Küche ganz ausgezeichnet und verwöhnt uns mit schmackhaften Gemüse-Curry-Gerichten. Besonders erwähnen muss man das Servierpersonal, welches mit fast unbeschreiblicher Freundlichkeit die Gäste hier betreut. Es wird ein lauschiger Abend unter einem millionenfach bestückten Sternenhimmel, welchen wir dann später aus den bequemen Gartensesseln heraus bestaunen. Schon lange keine Milchstraße mehr gesehen…

Dass wir aber hier keine Milch trinken ist irgendwie verständlich, es wird ein wenig spät (wie wenig ist eigentlich wenig spät?) und der hochgewachsene Kellner fragt zu fortgeschrittener Stunde höflich nach, ob wir seine Dienste noch beanspruchen. Da keine eindeutige Antwort unsererseits erfolgt, spricht er mit einem umwerfenden Lächeln im Gesicht:“… oh, it is no problem. I am still hanging around here!“ Das sorgt natürlich für große Heiterkeit und bringt ihm und seinem Team prompt die Bezeichnung The Hanging Around People ein, worüber wir alle zusammen herzlich lachen müssen.

Die abenteuerliche Fahrt durch die Grabenwand hinunter zum Lake Natron

 

Üppiges Grün entlang der schmalen Rinnsale, welche weiter draußen als Viehtränke dienen

Ein Gelbschnabelstorch und ein Kuhreiher betrachten uns neugierig

 

Hunderte Störche und Flamingos erheben sich bei unserer Annäherung in die Luft

Flamingos sind elegante Flieger, auch wenn sie beim Starten etwas schwerfällig wirken

 

Weiter draußen in der salzigen Brühe bauen die Rosa Flamingos ihre Nisthügel

In der einsamsten Gegend tauchen aus dem Nichts zwei Maasai-Männer auf

 

Zwergflamingo und der große Rosa Flamingo durchpflügen unbeirrt den Schlamm

Maasai-Frauen mit prächtigem Schmuck sind ein schöner Anblick

 

Hinter dem Dorf Engare Sero thront der Heilige Berg der Maasai Ol Doinyo Lengai, 2878 m hoch

Vom Regen zerfurchte Ascheflanken des noch tätigen Vulkans im zarten Abendlicht

 

Zu dieser Frau gesellen sich später noch fünf Frauen dazu und blicken zum Heiligen Berg


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Mittwoch, 29. Juli, Fahrt nach Engaruka

Dürres Savannengras bildet kleine Hügel in der weiten Ebene aus vulkanischer Asche, als dürftiger Sitzpolster reicht es aber. Es ist 6:30 Uhr in der Früh, der Himmel hinter und über dem gegenüber liegenden Mt. Gelai färbt sich zartrosa. Ich sitze mit der Kamera ganz allein hier draußen, das Geräusch welches durch einen leichten Wind verursacht wird ist das einzige, was momentan zu hören ist – einfach wunderbar. Ursula gesellt sich zu mir und wir genießen in vollen Zügen dieses Tagerwachen in der unendlichen Weite am Fuß des Ol Doinyo Lengai. Am Horizont, ja es ist wirklich ein Horizont, dort tauchen zwei, drei Menschen auf. Zwei Kinder, ein Mädchen und ein Bub, entdecken uns, Minuten später sitzen sie ebenfalls auf dem Grashügel. Große braune Augen und blitzend weiße Zähne strahlen uns entgegen, eine Kauderwelsch-Konversation bringt uns alle zum Lachen. Die Kamera erregt naturgemäß die Neugierde der beiden Kinder. Wie kann man einen Berg, den Himmel da hinein bringen? Und dann auch noch gleich anschauen? Im Handumdrehen ist der Sonnenaufgang vergessen, das Mädchen hat den Riemen um den Hals und fixiert alles in der Umgebung durch den Sucher der Kamera. Klick. Und gleich wieder klick, dann im Dauerklick – alles rundum wird fotografiert und sogleich kommentiert. Nun kommt Karl zu Hilfe – seine Olympus wird genauso beschlagnahmt. Es ist einfach so schön, diese lebhaften Kinder um sich zu haben. Zum Schulunterricht kommen die Beiden heute sicher zu spät!

Nach dem Frühstück steht eine Wanderung zum Wasserfall am Programm. Augustus, ein junger Maasai, begleitet unsere Gruppe und hilft bei den zahlreichen Querungen des gar nicht so seichten Baches. Nach etwa 40 Minuten sind wir beim ersten Fall angelangt, ab hier geht’s nur mehr in Badebekleidung weiter. Üppigste Vegetation wuchert von den steilen Wänden herunter, sogar Palmen haben sich auf schmalen Felsvorsprüngen festgekrallt. Doris und Karl, sowie Hertha und Roger kraxeln noch weiter zum zweiten Wasserfall, um dann über eine schmale Felsrutsche in den Pool vor uns zu platschen. Es ist fast unvorstellbar, diese Wasserpracht hier zu genießen und 10 Kilometer weiter draußen verdurstet das Vieh…

Zurück am Camp erwartet uns die Hanging Around Crew zum Mittagessen. Mit herzlicher Fröhlichkeit und vielen guten Wünschen werden wir anschließend in die sprichwörtliche Wüste entlassen – eine heiße, staubige Fahrt liegt vor uns. Die Piste führt durch das Natron Nature Reserve an der Ostseite entlang des Heiligen Berges. Einige Aussichtspunkte bringen immer neue Anblicke dieses Vulkans, der auf der anderen Seite eine flachere Flanke aufweist. Hier starten die Besteigungen rauf zum Kraterrand, die aus bergsteigerischer (was für ein Wort!) Überlegung bereits in der Nacht erfolgen müssen. Und es sind nicht wenige Kraxler die da pro Saison den Ol Doinyo Lengai besteigen! An dieser Stelle: Good Luck für Claude Rieser bei seinem zweiten Versuch.

Das Dorf Engaruka erreichen wir in der Dämmerung. Auffallend die üppige Vegetation, sprich Mais- und Gemüsefelder in der Umgebung. Das hat seine Ursache im dahinter liegenden Gebirge rund um den Loolmalasin Mountain, an dessen Abhängen der Niederschlag quasi festgehalten wird, bevor er in unzähligen Bächen in Richtung Rift Valley abfließt. Dementsprechend auch unser Campplatz unter dichtgrünem Baumbestand, wo wir heute in größerem Abstand als gestern unsere Zelte aufstellen. Hat irgendwie mit Schnarchgeräuschen zu tun…


Es ist unser letzter Abend, das Ende der Safari, hier draußen in freier Natur, bevor es morgen zurück nach Arusha geht. So ist es nicht außergewöhnlich, dass nach einem wieder hervorragenden Essen eine Plauderrunde sitzen bleibt. Diesmal ohne Hanging Around People – der Chef vom Campplatz namens Salomon ist weise und stellt einfach einige kühle Bierflaschen zur Verfügung, auf einem Zettel werden Stricherl gemacht! Und die Kühle der einbrechenden Nacht sorgt dafür, dass es nicht allzu spät wird. Müde und ein bisschen wehmütig verkriechen wir uns im Zelt – die Shukas sind in dieser letzten Zeltnacht sehr willkommen.

Im Osten liegt das Gebirge rund um Mt. Gelai, wo sich der neue Tag ankündigt

 

Kurz vor sieben Uhr taucht die Sonne die Landschaft in ein zauberhaftes Licht

Zwei Kinder am Weg zur Schule haben uns entdeckt

 

Fotografieren ist doch etwas sehr Spannendes und zudem aufregend...

... wenn das Ergebnis gleich betrachtet UND kommentiert werden kann!

 

Karl als bereitwilliger Lehrer gibt wertvolle
Tipps (?) zum gegenseitigen Fotografieren

Mein Lieblingsfoto - ohne weitere Erklärung

Dieses Bild von unserem Zeltcamp wurde von dem kleinen Mädchen gemacht

 

Erst ein größerer Junge beendet die Fotosession - zum Unterricht kommen sie heute zu spät

In der Zwischenzeit ist auch der Heilige Berg im Sonnenlicht - das Leben beginnt in der Ebene

 

Fast unglaublich dieser Bach mitten im kargen Felsland als willkommene Tränke

Gut behütet von Augustus beginnt die Wanderung zu den Wasserfällen

 

Etliche Male müssen wir den Bach queren und ein Stück im Wasser aufwärts waten

Hertha schaut ein wenig besorgt drein, denn manche Querungen sind recht abenteuerlich

 

Der Lohn am "Fastende" des Tales sind diese Fälle heraus aus üppigster Vegetation

Mit Badebekleidung ist auch der hintere Wasserfall zu erkunden, retour geht's über die Rutsche

 

Adenium obesum - Elephantfoot oder auch Wüstenblume heißt diese skurrile Pflanze

In jedem Fall ein schöner Anblick in der menschenfeindlichen Lavawüste

 

Ol Doinyo Lengai ganz nahe: die weiße Asche und der zerfurchte Kegel sind gut zu sehen

Der Heilige Berg von der Ostseite - rechts das so genannte Gods Bed

 

Dort wo Wasser, da auch Akazien und die Giraffen sind auch nicht weit


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Donnerstag, 30. Juli, zurück nach Arusha

Der Gockel hat kein Erbarmen. Immer und immer wieder kräht der Bursche sein lautes Kikeriki in die Morgendämmerung. Es ist knapp vor sieben Uhr. Beim Waschhaus herrscht daher noch kein Andrang, kaltes Wasser sorgt für beschleunigte Blutzirkulation, warmes Wasser gibt es erst in einer halben Stunde, wenn der Boiler mit dem Aufheizen fertig ist. So bleibt genügend Zeit, den Campplatz genauer zu erkunden und ich stelle fest, dass wir in einem regelrechten Blumengarten übernachtet haben. In der Küche wird schon fleißig gearbeitet und mit einem Topf heißem Wasser kann ich den ersten Kaffee aufgießen – der hilft den Frühweckergockel zu vergessen!

Das kleine Dorf Engaruka Juu liegt an der Rift Valley Ridge und etwa zwei Kilometer in Richtung der Berge gibt es Ruinen zu besichtigen. Ein örtlicher Guide hat uns zu einer Tour dorthin überredet. Zu sehen gibt es allerdings wenig, denn die Mauerreste sind nicht nur sehr spärlich, sondern auch großteils zugewachsen und stammen angeblich aus dem 15. bis 17. Jahrhundert. Alles in allem nicht viel zu sehen, so widme ich mich mehr der Umgebung und den vielen Pflanzen, die es zu entdecken gibt. Dazwischen immer wieder mächtige Termitenhügel und da und dort einen Elephantfoot, diesmal mit dunkelrosa Blüten.

Heftiger Wind begleitet die Weiterfahrt, es wird eine staubige Angelegenheit rundum. Im Hauptdorf Engaruka Jini dann eine Schranke über die Straße, das bedeutet Stopp für uns. Ein ziemlich unfreundlicher Typ will Geld, Roger diskutiert äußerst aufgebracht mit ihm. Währenddessen nähert sich von der anderen Seite ein Jeep, auf der Ladefläche stehen – na ja, Leute denen ich nicht allein in der Einsamkeit begegnen möchte. So grimmig schauen die da runter! Und schwups, die Absperrung geht auf und der Jeep ist durch. Wenn man bei Roger Zornesröte sehen könnte, dann jetzt. Wütend bezahlt er, der Schlagbaum geht langsam hoch und wir können den ungastlichen Ort verlassen, der in einer beachtlichen Staubfahne hinter uns verschwindet.

Asphalt, was ist das? Ein lautes Aaaah geht durch den Land-Cruiser, als wir auf das schwarze Band rollen. Wir nähern uns Mto Wa Mbu und der Kreis der Reise schließt sich hier, denn in westlicher Richtung liegt Karatu, wo wir vor sieben Tagen im Luxus gewohnt haben. Der Mto Wa Mbu River – der Fluss der Mücken – verwandelt diese Gegend in eine grüne Oase am Fuß des Ngorongoro-Hochlandes. Hertha hat ein kleines, nettes Restaurant ausgewählt, wo wir wiederum zweigeteilt unseren Lunch einnehmen: Vegetarier und Fleischesser. Anschließend bleibt noch Zeit für einen Bummel durch den Ort, der sich hervorragend auf die zahlreich durchkommenden Safari-Touristen eingestellt hat. Und es wechseln die letzten Souvenirs die Besitzer…

Laiboni ist der Name eines angesehenen Medizin-Mannes der Maasai, der sich in der Heilkunst mit Kräutern, Pflanzen und Baumrinden bestens auskennt. Nun - bei den weißen Menschen, die nacheinander vor ihm Platz nehmen, lautet die Diagnose, welche mittels Steinen etc. erstellt wird einhellig: Gesund! Zuerst Hertha und dann Ulrike sind rundum pumperlgsund und es gibt keine heilenden Essenzen mit auf den Weg. Nachdem dieser Laiboni mit 10 Frauen zusammenlebt und angeblich über 80 Kinder hat, ist sein Heim schon ein kleines Dorf, welches wir im Anschluss an die Sitzung besichtigen dürfen. Der kurze Rundgang ist schockierend und passt so überhaupt nicht zum Nimbus des Wunderheilers. Abfälle und Unrat wohin man schaut und über all dem eine entsetzliche Fliegenplage. Myriaden dieser Quälgeister schwirren und sitzen auf Mensch und Tier, wir bleiben da keine Ausnahme. Absolut unverständlich, wenn wir an die vergangenen Begegnungen mit Maasais in ihren wesentlich gepflegteren Bomas zurück denken. Hier scheint das alles nun nicht mehr zu stimmen.

Somit gestalten sich die letzten Fahrkilometer Richtung Arusha etwas nachdenklich, das Eintauchen ins laute Stadtleben braucht seine Zeit. Im Meru-House-Inn beziehen wir unsere Zimmer. Wir sind im gleichen Raum wie vor neun Tagen, die Wäscheleine wird sogleich aktiviert!. Am Abend dann ein letztes gemeinsames Essen, das aber sehr fröhlich abläuft. Ohne Sentimentalitäten, die aber durchaus erlaubt wären. Hertha und Roger werden mit Lobesworten überhäuft, Hertha bekommt ein Reisetagebuch, wo sich alle eintragen und auch für künftige Safari-Teilnehmer Platz zum Niederschreiben ihrer Eindrücke ist. Für Roger hat Ulrike ein Gedicht verfasst, welches ihm unter Beifall aller vorgelesen und zusammen mit einem dicken Kuvert übergeben wird. Damit endet die offizielle „GEA-Safari“ – nach neun wunderbaren Tagen in einem faszinierenden Land, mit tiefen Eindrücken von den Menschen die hier leben, mit fantastischen Erinnerungen an die grandiose Tierwelt die wir erleben durften und mit vielen Gedanken und Überlegungen für die Zukunft, derartige Projekte in jeder Hinsicht zu unterstützen. Das soll aber nicht so aussehen, dass ab jetzt Massen von Menschen diese behutsame Reise antreten, sondern dass die wenigen Auserwählten eine Botschaft nach Europa bringen, die ziemlich deutlich ausfällt. Wie dies ein jeder Einzelne von uns macht und in Zukunft umsetzen wird, ist zweitrangig – wichtig ist, DASS etwas gemacht wird!

Mit diesen Gedanken beenden wir die Schilderung dieser GEA-Reise, Ursula und ich haben ja noch fünf Tage Zeit, um uns einen weiteren Traum zu erfüllen. Als eingeschworene Fans von Hardy Krüger möchten wir unbedingt zur Momella-Lodge, die ja einen großen Teil seines Lebens geprägt hat. Aber darüber mehr im nächsten Abschnitt – also dranbleiben, es gibt sensationelle Tieraufnahmen zu bestaunen!!!

 

Ein tolles Kleidungsstück ist dieses Wickeltuch - besonders beliebt mit Obama-Konterfei

 

Der Campplatz in Engaruka liegt in einem Garten voll mit herrlichen Blumen

Diese Blüten - eigentlich Samenkapseln - gehören zu einer Bananenstaude (lt. Salomon)

 

Ein Elephant-Foot mit dunklen Blüten ist ein leuchtender Punkt in der Wildnis

Grimmig dreinblickende Gestalten - wird hier vielleicht ein Film gedreht?

 

Alles ist möglich mit Muskelkraft auf dem Weg zum Markt in Mto Wa Mbu

Ehrlich gesagt, gefallen mir die Maasai-Sandalen besser

 

Ulrike spuckt auf die Steine - Laiboni sieht darin keine Krankheit...

Angeblich über 100 Jahre alt hat er 10 Frauen und 80 Kinder

 

Dementsprechend groß das Dorf und auch die einzelnen Häuser für je eine Familie

Essenzubereitung im Freien - die ältere Frau in der Mitte lädt uns ein zum Mitessen

 

Zwar sind wir nicht hundertprozentige Vegetarier, aber hier in jedem Fall

Ein letzter Eindruck von diesen faszinierenden Menschen...

 

...bevor uns der Trubel in der Stadt Arusha wieder umfängt

Vielen Dank für Alles an Hertha

 

And many thanks to Roger


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Freitag, 31. Juli bis Samstag, 1. August, in Arusha

In Arusha wird uns nicht langweilig, obwohl wir am liebsten gleich zur Momella-Wildlife-Lodge aufbrechen möchten. Mit Roger haben wir vereinbart, dass er uns am Sonntag sehr zeitig abholt und dann zuerst in den Arusha National Park fährt. So haben wir noch zwei Tage Zeit für die Stadt mit ihren vielen Gesichtern, die sie uns in jeder Straße zeigt. Auch sehr Touristisches wird präsentiert, als wir durch den Maasai-Market schlendern. Schlendern ist nicht ganz richtig, denn bei den annähernd 100 kleinen Geschäften versucht natürlich jede Verkäuferin oder jeder Verkäufer uns zur Besichtigung in den Laden zu bekommen. Da ist es manchmal schwierig in Ruhe die schönen, meist handwerklichen Dinge zu betrachten. Aber mit viel Lächeln schaffen wir den Rundgang. Erholung finden wir etwas später im legendären Arusha-Hotel, das während der Drehtage zum Film Hatari den Großteil der Paramount-Filmcrew beherbergte. Auch fanden hier hektische Land- und Besitzverkäufe statt, als sich Ende 1961 Tansania von den Briten lossagte und eigenständig wurde. Erzählungen zufolge ist Hardy Krüger hier auch verkehrt und hat die Momella Farm von der Familie Trappe erworben – womit wir bei den Wurzeln angelangt sind und nun schon recht neugierig sind, was uns tatsächlich am Fuß des Mount Meru erwartet.

Verkauft wird alles unter freiem Himmel - mein Lieblingsstand mit plärrenden Radios

 

Ebenfalls im Freien wird Kleidung angepriesen - probiert wird hinter der Mauer

Farbenprächtige Handarbeiten werden im Maasai-Market von Frauen angeboten

 

Nostalgie pur im legendären Arusha Hotel, wo John Wayne am Filmplakat zu sehen ist


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Sonntag, 2. August, Arusha National Park

Leichter Regen am Sonntag in der Früh, Nebel über der Stadt. Ein völlig ungewöhnliches Bild, als wir im kleinen Range-Rover aus Arusha hinaus fahren. Die Prozedur mit der Eintrittsgebühr für den National-Park hat uns Roger abgenommen, denn für zwei Privatpersonen mit Einzel-Guide scheint es gewisse Auflagen zu geben. So muss man im Voraus die Gebühr in US-Dollar mittels Kreditkarte hinterlegen, was ja an und für sich kein Problem darstellt. Allerdings geht das nur mit einer VISA-Karte und nur mit einer solchen! Wir verwenden aber eine andere Plastikwährung. Nun gut, irgendwie hat es geklappt, die 100 US$ landen an der richtigen Stelle und Roger erhält am Ngongongare-Gate das Permit. Es ist mittlerweile acht Uhr und außer uns fährt noch ein zweiter Wagen in den Park.

Mystische Stimmung auf den ersten Kilometern, der Nebel lichtet sich nur langsam und klammert sich im dichten Grün der mächtigen Bäume fest. Erstes Ziel ist der Ngurdoto-Crater, auf dessen Rand in 1800 Metern Höhe bei einem Aussichtspunkt Endstation für das Auto ist. Der Blick hinunter in die Caldera ist atemberaubend, denn an dieser Stelle fällt die Wand etwa 400 Meter senkrecht ab. Am Boden ist ein riesiges Wasserloch zu erkennen, rundum dichte Vegetation und große Sumpfflächen. Hauptsächlich Büffel halten sich hier auf, ab und zu auch Elefanten und Giraffen. Heute allerdings sind im Nebel nur schemenhaft einige Gruppen von Büffel zu erkennen, was aber gerade deshalb unglaublich beeindruckend wirkt. Bei der Rückfahrt durch den dichten Urwald - eine Umrundung des Kraters ist nicht mehr möglich – toben plötzlich Dutzende Paviane durchs Unterholz. Eine große Gruppe macht es sich auf der Straße gemütlich und wir können sie in aller Ruhe beobachten. Roger hat vorhin bereits das Dach geöffnet, die Kamera hat somit freie Sicht rundherum! Minuten später dann hoch oben einige seltsame Gestalten: Es sind Colobus-Affen mit buschigen, weißen Schwänzen, die mit waghalsiger Akrobatik durch die Baumkronen turnen. Einem Einzelgänger ist anscheinend das Treiben zu viel, er zieht sich in tiefere Regionen zurück und ist damit genau in Teledistanz – wunderbar. Der Nebel hat sich inzwischen verflüchtigt und bei der Fahrt zu den Momella Lakes lässt sich schon die Sonne blicken. Wir aber erblicken rechts und links Giraffen, Wasserböcke, Warzenschweine und Büffel, die das taubenetzte Gras abweiden und das Auto nicht eines Blickes würdigen. Unvermittelt stößt Roger einen Schrei aus:  „…yes, they are here!!!“ Und das was er meint ist wirklich hier! Nämlich Tausende und Abertausende Flamingos gleich im ersten der sieben Seen, die sich wie ein riesiger rosaroter Teppich vor uns ausbreiten. Einfach unbeschreiblich was sich hier vor unseren Augen abspielt. Sind es hier die Zwergflamingos, so erblicken wir beim nächsten See die großen Artgenossen und so fort. Laut Parkinformation sind es derzeit etwa 40.000 Vögel, die das mineralhaltige und daher salzige Wasser nach Nahrung durchpflügen. Auch Pelikane und Reiher tummeln sich zwischen den rosa Gesellen, im Ufergehölz entdecken wir Nilgänse und einige Störche. Völlig unerwartet dann die Sichtung eines King-Fishers, eines Eisvogels, direkt im Gesträuch neben dem Weg. Der muss irgendwie eingedöst sein, denn sonst ist es nicht zu erklären, dass man den sehr scheuen Vogel aus dieser Nahdistanz beobachten und auch fotografieren kann – einfach unglaublich.

Nach einem schmackhaften Jauserl aus der Box am stimmungsvollen Aussichtspunkt Boma la megi, fährt Roger zum Momella Gate am Nordende des Parks. Eine hübsche Rangerin in schmucker grüner Uniform und ein fröhlicher Bursch erwarten uns. Sie ist hauptberuflich hier engagiert und begleitet – mit geladenem Gewehr – Besucher auf einer Wanderung zu den Tululusia Wasserfällen. Er ist Biologie Student und als Volunteer tätig, was uns wiederum viele tolle Erklärungen der Tier- und Pflanzenwelt in diesem Gebiet beschert. Nun ja, die erwähnte Wanderung steht auch für uns am Programm und entwickelt sich zum absolut atemberaubendsten Erlebnis, das sich ein naiver Europäer in punkto Tiererlebnis überhaupt nicht vorstellen kann. Denn unser Grüppchen wandert zwischen Giraffen, Büffeln und Warzenschweinen einfach mittendurch! Langsam, immer auf Abstand bedacht, aber doch so nahe, dass ich sehr rasch das Teleobjektiv an der Kamera mit dem Weitwinkel tauschen kann. Und es ist nichts zwischen Tier und Mensch, außer Buschwerk und hohes Gras. Einfach ein überwältigendes und unvergessliches Erlebnis.

Der Wasserfall stürzt über freigelegte Lavafelsen etwa 25 Meter in die Tiefe, eingerahmt von üppiger Vegetation. Imposant sind die riesigen Fig Trees – Würge-Feigenbäume – die hier zahlreich vorkommen und mit den wild wuchernden Luftwurzeln richtige Vorhänge bilden. Daneben wachsen auch noch Olivenbäume und wilde Mangobäume. Dessen Früchte sind eine beliebte Delikatesse bei den Affen, während die reifen Oliven für die Ölpresse nichts taugen. Am Rückweg zum Momella-Gate beobachten wir noch einen heftigen Revierkampf zwischen zwei Warzenschweinen, die mit wehendem Nackenhaar aufeinander losstürmen und mit den furchterregenden Eckzähnen zusammenprallen. Eine Gruppe Büffel schaut dem Treiben gelassen zu, während wir gemächlich den Schauplatz verlassen.

Momella Gate ist auch der Ausgangspunkt für die Besteigung des 4566 Meter hohen Mount Meru. Im unteren Teil führt ein Schotterpfad entlang der Southern Route zur Miriakamba Hut, die auch mit dem Geländewagen befahren werden kann. Ein Stück dieses Weges fährt nun Roger mit uns hinauf, bis vor uns ein bizarrer Fig-Tree auftaucht, der anscheinend die Straße versperrt. Zwei Urwaldriesen sind von den Luftwurzeln einer Würgfeige umschlungen worden, die im unteren Teil immer wieder von Elefanten abgefressen werden. So ist mit der Zeit ein riesiges Loch entstanden, wo man nun mit dem Auto durchfahren kann – eine imposante Laune der Natur.

Es geht retour zum Momella Gate und wir verlassen dort den Park. Die Momella-Lodge ist in Sichtweite, doch muss man etwa drei Kilometer rundum fahren, weil der direkte Zugang durch die Erweiterung des Parks verlegt wurde. Mit Roger vereinbaren wir, dass er uns am Mittwoch hier abholt und zum Flughafen bringt. Bis dahin werden wir auf den Spuren von Hatari (was übrigens Gefahr bedeutet) unterwegs sein – drei Tage in einer traumhaften Umgebung am Fuße des Mount Meru und Aussicht auf den Kilimanjaro. Ja, genau jetzt schält sich der weiße Gipfel aus den Wolken und erhält von der untergehenden Sonne einen zarten rosa Schimmer. Und als ob das nicht schon kitschig genug wäre, spazieren noch vier Giraffen an der Lodge vorbei…

 

Akrobatische Turner sind Colobos-Affen hoch oben in den Baumwipfeln

 

Ein Rudel Paviane zeigt keine Scheu vor Mensch und Auto

Doch auf dem Rücken der Mama ist es doch wesentlich sicherer - und bequemer

 

Wilde Mango-Früchte schmecken diesem Blue Monkey - eine Diademmeerkatze

Zwergflamingos und große Rosa Flamingos soweit das Auge reicht

 

Die Momella Seen sind stark alkalisch und ein idealer Futterplatz

Ein prächtiger Anblick und unvergessliches Erlebnis

Laut Parkinformation sind bis zu 40.000 Tiere an den sieben Seen zu finden

 

Der Zwergflamingo wird bis zu 100 cm hoch und hat einen karminroten Schnabel

Ein verträumter King-Fisher (Eisvogel) posiert für diese Nahaufnahme

 

Schier unglaublich sind diese Begegnungen mit Giraffen in "Greifdistanz"

Diese junge Giraffe ist sich nicht sicher, wer da so neugierig näher kommt

 

Wohl behütet durch diese Rangerin wandern wir gemächlich zwischen den majestätischen Tieren

Roger schaut immer wieder nach, ob ich nicht zu weit weg bleibe

 

Denn bei diesen Urviechern weiß man nie was sie vorhaben

Spektakulär dann der Kampf zwischen diesen beiden Ebern mit den furchterregenden Hauern

 

Fig Tree Arch auf dem Weg zum Mount Meru - ein bizarres Baum-Monument


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Momella Wildlife Lodge

Ngongongare heißt übersetzt aus der Merusprache Auge des Wassers. Es war der Name der ersten Farm von Margarete und Ulrich Trappe im Gebiet des heutigen National-Parks. Momella nannten sie das Gebiet, auf dem jetzt die Lodge steht und das sich bis an die Abhänge des Mount Meru erstreckt. Im Herbst 1960 wird von der Paramount Filmgesellschaft auf diesem Gelände ein großes, weißes Farmhaus errichtet, welches für den Film Hatari gebraucht wird. Elsa Martinelli, John Wayne und Hardy Krüger verbringen hier viele Drehtage bis zum Frühjahr 1961. Im März dieses Jahres kommt es zur Vereinbarung zwischen Rolf Trappe, Jim Mallory und Hardy Krüger, welche nun zu je einem Drittel die Besitzer des Gebietes sind. Im Juni 1961 wird mit dem Bau der Lodge begonnen, rund um das bestehende Haupthaus werden acht Rondavels – mit Stroh gedeckte Rundhütten – errichtet. Im November wird die Momella-Game-Lodge feierlich eröffnet. Hardy Krügers Familie wohnt in den Häusern der heutigen Hatari-Lodge. Mitte der sechziger Jahre wird erweitert, im nahe gelegenen Dorf eine Fabrik zur Fleischverarbeitung errichtet. Der Traum von Mister Hardy endet 1970/71, als er schweren Herzens seinen Lebenstraum aus teils politischen Gründen aufgibt – in Momella bleibt die Zeit stehen.

Es hat den Anschein, dass wir uns auch heute noch in den späten siebziger Jahren befinden. Die Ausstattung der Hütten hat sich nicht verändert, wie auf Fotos gut vergleichbar ist. Warmes Wasser wird mittels eines riesigen Kessels erzeugt, der von einem Ungetüm eines Ofens mit Holz erhitzt wird, die Leitungen führen mehr oder wenig freiliegend zu den einzelnen Rondavels. So dauert es etwa zehn Minuten (leider pure Verschwendung), bis halbwegs laues Wasser aus der Dusche oder dem Hahn tropft. Vorausgesetzt, dass der Haupthahn geöffnet ist – in unserem Fall hat man am zweiten Tag darauf vergessen. Strom gibt es morgens für zwei Stunden und abends von sechs bis zehn Uhr, mittels eines monströsen und schwarz qualmenden Generators. Die abendliche Küche der Lodge beschränkt sich auf zwei Hauptspeisen, welche im Voraus zu bestellen sind, Vorspeise und Früchte hinterher bleiben alle drei Tage gleich. Frühstück gibt es vom Buffet, bestehend aus etwas Weißbrot, Marmelade und Margarine, aus zwei Schüsselchen wird eine Art Müsli angeboten. Kaffee macht man selbst mittels Pulver und heißem Wasser, die Milch kommt ebenfalls aus der Dose. Vorher gibt es Omelette je nach Geschmack: scharf mit Gemüse oder süß mit Honig. Bitte – damit jetzt kein Missverständnis aufkommt - wir sind keine verwöhnten Europäer, die nach Afrika reisen und sich hier über die kargen Verhältnisse mokieren. Aber der Tagespreis in der Momella-Lodge ist alles andere als karg (ich nenne keine Zahlen) und steht absolut in keinem Verhältnis zum Angebotenen. Aber wenn sich zwei Spinner wie wir etwas in den Kopf setzen, dann müssen wir halt so was akzeptieren.

Übrigens – wir waren drei Tage lang die einzigen „à la carte“ Gäste. Schon zum Nachdenken, wenn man abends im Speisesaal mit Platz für 120 Personen alleine sitzt…

Nun, vergessen wir Dollars und Preise und tauchen dafür ein in pure Nostalgie rund um die ehemalige Farm von Hardy Krüger, wo wir tatsächlich etliche Überbleibsel aus den Drehtagen zum Film entdecken. Ausgiebige Wanderungen entlang der National-Park Grenze bringen uns zum derzeit ausgetrockneten Hippo Pond, auf einen Hügel mit Aussicht zu den Momella Seen und ins Dorf mit der verfallenen Anlage der Fleischfabrik samt deren Kühlhäuser. Eine Wanderung zur nachbarlichen Hatari-Lodge endet bei einem bewaffneten Wachtposten am Zugang. „Wir wollen gerne die ehemaligen Wohnhäuser der Familie Krüger sehen und eventuell einen Drink an der Bar zu uns nehmen“ so lautet unser bescheidener Begehr. „Das ist nicht möglich, sie brauchen dafür eine Reservierung und überhaupt ist es die Politik des Hauses, das kein Fremder aufs Gelände darf“ meint der resolute Mann. Dazu ist zu erwähnen, dass der Pächter der Lodge Deutscher ist, mit einer Frau aus Namibia verheiratet und Herausgeber eines Reiseführers ist, welcher natürlich seine/ihre Lodge in den höchsten Tönen lobt. Zu diesen Höhen zählt naturgemäß auch der Preis. Und da passt es ganz und gar nicht zum Ambiente, wenn zwei staubige Österreicher mit Rucksack(!) hier auftauchen. Mal ganz ehrlich: In der dörflichen Nuru Grocery mit angeschlossener Freiluftbar samt Billardtisch schmeckt ein kühles Bier ja weit besser. Dort betrachtet uns niemand als Fremde, dort sind wir Gäste.

So sitzen wir an unserem letzten Abend in Afrika vor der strohgedeckten Hütte, wissen nun ganz genau, dass Elsa Martinelli nicht in ihr logiert hat, blicken hinauf in Richtung Mount Meru, der sich gerade wieder hinter Wolken verbirgt und vermuten in der Ferne den Kilimanjaro, von dem wir uns jetzt auch verabschieden. Das Tagebuch wird zugemacht und erst zum Beginn dieser Geschichte, wenn wir zuhause wieder unsere Erinnerungen hervorkramen, um alle oder zumindest die meisten Gedanken daraus hier niederzuschreiben, ja dann wird es geöffnet und uns stets daran erinnern, welch wunderbare Zeit wir in einem ebenso wunderbaren Land mit seinen wunderbaren Menschen verbringen durften. Und auf dem zerknuddelten Reiseprogramm lesen wir noch ein Sprichwort der Maasai, welches Hertha auserwählt hat um ihre Reise zu begleiten:

„Enkong’u naipang’a eng’en“

„It is the eye which has travelled that is clever“

Wandern rund um Momella mit den verhüllten Gipfel des Mt. Meru im Hintergrund

 

Die mit Stroh gedeckten Rundhütten sind schon recht in die Jahre gekommen

Nicht gerade umweltfreundlich und energiesparend der Heißwasser-Boiler

 

Der Swimmingpool wurde 1968 für verwöhnte Gäste aus Europa und den USA errichtet

Ein Speisesaal mit 120 Sitzplätzen - ganz allein sitzen zwei Österreicher da drin

 

Das Gebäude, wo Fleisch verarbeitet und gekühlt wurde, zerfällt langsam

Hinter dem Haupthaus von Momella steht noch ein Land-Rover aus den 1960er Jahren

 

Teile eines Willi-Jeep, der im Film Hatari zum Einsatz kam

An den Wänden in der Halle und in der Bar finden wir tolle Bilder der Darsteller

 

Elsa Martinelli, die in der Badewanne sitzend Besuch von einem Elefanten bekam

Hardy Krüger bewies viel Humor beim Umgang mit exotischen Tieren

 

Eine berühmte Szene: Elsa Martinelli und der zahme Gepard, vor ihr das Raubein John Wayne

Neben der Bar steht noch der Original-Kamin, der auch im Film oft zu sehen ist

 

Das ist zwar nicht John Wayne, aber der Whiskey im Glas ist echt

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