SINGAPORE – MALAYSIA - im Süden THAILANDS

Eine dichte Wolkendecke am 16. Januar über Sydney erleichtert unseren wehmütigen Abschied, letzte Blicke aus dem Flugzeug beschränken sich auf graue Bilder hinter milchigen Schleiern - ein passender Hintergrund, um sich zurückzulehnen und fünf Monate Australien an sich vorbeiziehen zu lassen.

Erneut ist Singapore Ausgangspunkt für die Weiterreise: Diesmal an die Ostküste Malaysias, der wir bis zur thailändischen Grenze folgen wollen. Um diese Jahreszeit ziehen mächtige Regenfronten über das Land und diese vereiteln auch unsere Inselpläne. Regen, Wind und stürmische See machen einen Bootsverkehr zu den zahlreich vorgelagerten Inseln unmöglich und so beschränken wir uns auf das Festland, wo wir bei Cherating herrliche Sandstrände und Bambushüttenunterkünfte entdecken.

Kota Bahru ist die letzte Stadt vor der Grenze zu Thailand. Dort endet auch jeglicher Busverkehr und wir passieren zu Fuß die Grenzbalken nach Sungei Golok. Von dort fährt täglich ein Zug nach Hat Yai und dementsprechend beladen ist dieses Volkstransportmittel: Säcke, Körbe, Dosen und obenauf die Menschen - der Marktplatz wird im Zug transportiert!

Vor der Westküste Thailands liegt Phe Phe Island, laut Ankündigung die schönste Insel der Welt! Dass sich so etwas natürlich herumspricht, war zu erwarten - der tatsächliche Rummel übertrifft aber leider noch unsere Befürchtungen. Aber wie so oft bei derartigen Touristenhochburgen, gibt es etwas abseits auch noch Ruhigeres und nach zwei Erkundungstagen genießen wir dieses Inselparadies auf unsere Weise. Eine kleine, mit Palmblättern gedeckte Hütte direkt am weißen Strand einer weiten Bucht, in Sichtweite etliche Felsinseln mit Korallenriffen im türkisfarbenen Wasser - das ist für eine Woche unsere Bleibe.

Zurück am Festland bringt uns ein Nachtbus direkt nach Bangkok, wo es etliches an Sightseeing nachzuholen gibt. Einen Besuch statten wir dem Floating Market im 100 Kilometer entfernten Damnoen Saduak ab, wo, speziell in den frühen Morgenstunden, die  Einheimischen noch unter sich sind. Der Marktplatz ist ein weitläufiges Wasserstraßennetz, wo Hunderte Boote als schwimmende Verkaufsstände unterwegs sind.

Es wird verkauft, getauscht, gehandelt und gefeilscht, das Angebot reicht von Obst über Gemüse, Fleisch, Käse und Eiern bis zu Gebrauchsartikeln eines Haushaltes. Sogar Schuhe und Kleidung sichten wir auf einem Boot - jedoch keine Probierkabine!

HONGKONG

In Bangkok kaufen wir unsere Flugkarten nach den USA mit erstem Zwischenstopp in Hongkong. Der dortige Landeanflug verursacht Magenkribbeln, wie unser Jumbo der China Airline zwischen Fernsehantennen und Wäscheleinen die Landebahn anvisiert. Das gleiche Gefühl kommt auf, als wir im Zentrum des Stadtteiles Kowloon, im Chungking Mansion, unsere Unterkunft beziehen: Im 15. Stock eines verwinkelten Hochhauses, in der Größe eines Zugabteils, beherbergt sie Bett, WC, Dusche, Aircondition, Farb-TV und Fenster zum Lichtschacht - wir verpassen dem Ganzen die Bezeichnung Shoebox.

Hongkong hat viele Gesichter, wir hören die verschiedensten Sprachen und treffen auf zahlreiche Menschenrassen, die alle hier leben. Der Tag hat 24 Stunden, der Puls der Riesenstadt ist allerorts zu spüren und es ist nicht leicht, sich dieser Hektik zu entziehen. Ein erster Ausgang führt uns zum Pier der Star Ferry - Fährschiffe, die hier ununterbrochen an- und ablegen. Der Blick hinüber nach Hongkong Island ist gewaltig! Wie eine Riesenwand reiht sich Wolkenkratzer an Wolkenkratzer am Fuß des Victoria Peak, obenauf noch überdimensionale Leuchtreklamen, die jetzt, mit einsetzender Dämmerung ihre Botschaften über das Wasser schicken. Einen Tag verbringen wir auf Hongkong Island, fahren mit dem Peak-Tram auf den Hausberg und genießen den Rundblick über diese Inselstadt.

An der Westküste liegt Aberdeen Shelter, wo noch tausende Menschen auf ihren Hausbooten leben. Ringsum von 30-stöckigen Wohntürmen eingegrenzt, ist dieser gewaltige Hafen eine wohl organisierte kleine Welt für sich. Ein Netz von Wasserwegen wird von Sampangs befahren. Diese nussschalenähnlichen Wassertaxis sind das Transportmittel zwischen dem Festland und den fest verankerten Hausbooten, von denen einige richtige Gewerbebetriebe sind. Wir entdecken bei einer kleinen Rundfahrt Schlosser und Schreiner, sowie Korbflechter und Webereien. Am Kai verankert liegen die Seafood-Boote, die eine unermessliche Auswahl an Meeresdelikatessen anbieten.

Da fehlt natürlich auch das schwimmende Restaurant nicht - laut Reklame das luxuriöseste der Welt. Zumindest die Größe lässt erkennen, dass sich da einiges abspielt. Von der Grundfläche eines Fußballstadions erhebt es sich vier Stockwerke aus dem Wasser, der Zubringerdienst umfasst sechs Wassertaxis mit je 50 Sitzen!

So könnten wir noch Tage mit Entdeckungsreisen in Hongkong verbringen, doch unser Flugplan sieht Taiwan als nächste Station vor. Es sind noch drei Tage bis zum Chinese New Year und wir wollen dieses Ereignis zusammen mit chinesischen Freunden verbringen, die uns für diese Zeit nach Taipei eingeladen haben.

TAIWAN

Leider kommt alles anders als erwartet und wir erleben die enttäuschendsten zwei Wochen unserer Reise bisher. Das Chinese New Year besteht zur Hauptsache darin, dass sich sämtliche Verwandte gegenseitig besuchen und jede Gastgeberfamilie versucht, noch mehr und üppigeres auf den Tisch zu stellen, als beim vorigen Besuch. Auch darf der Alkohol dabei nicht fehlen, es artet zum ähnlichen Wettbewerb wie beim Essen aus. Geschäftsfreunde laden sich gegenseitig in die besten Restaurants der Stadt ein. Bei einem dieser Gelage sind wir mit dabei. Vorsichtige Erkundigungen nach den Kosten solcher Verpflichtungen erbringen astronomische Summen und die Erkenntnis, im teuersten Restaurant unseres Lebens zu sitzen!

Diese Festivitäten dauern vier bis fünf Tage, in dieser Zeit bleiben die meisten Geschäfte, Büros und Ämter geschlossen. Der eigentliche New Year's Evening geht vorbei wie alle vorangegangenen. Unsere verwunderten Fragen werden ebenso erstaunt kommentiert - es gibt keinen Hintergrund, weder religiös noch kulturell, einzig der Kalender an der Wand wird gewechselt...

Doch einen Brauch haben wir entdeckt: Man schenkt sich Geld. Vor allem die Kinder erhalten von allen möglichen Verwandten und Freunden einen roten Umschlag, dessen Inhalt meist postwendend geprüft und, je nach Höhe, dementsprechend kommentiert wird - dies aber meist von den Eltern!

Einen Abend sitzen wir mit unserer Gastgeberin zusammen und haben viele Fragen zum Thema China. Die Antworten sind wenig aufschlussreich, das Denken der meisten Taiwanesen schon viel zu sehr westlich orientiert und die Identifikation mit China nur mehr rein geschäftlich.

Zu unserer Enttäuschung des bislang farblosen Besuches kommt noch die Erkenntnis, dass das soziale Leben und Engagement hier noch viel geschädigter sind als in Europa. Wertgefühl und Lebenslust werden vom Geld bestimmt, Mensch sein als solcher ist zweitrangig oder unbekannt. Auf unsere Fragen nach Erstrebenswertem erhalten wir nichts Aufschlussreiches. Die Hauptsache liegt, scheint es, beim leiblichen Wohlbefinden und vielen Äußerlichkeiten, sowie beim enormen Prestigedenken bei Kleidung und Auto. Soweit unsere persönlichen Gedanken und Eindrücke, die den Menschen hier betreffen.

Von der Insel Taiwan sehen wir aus zweierlei Gründen nicht sehr viel. Einmal toben seit Tagen heftige Stürme übers Meer und schieben eine Regenfront nach der anderen heran. Die Temperaturen sind tagsüber um die 15° und die feuchte Kälte lässt uns nächtens in der unbeheizbaren Wohnung frieren. Zum zweiten sind die Preise für Leihautos, Hotel und Restaurant jenseits unserer Vorstellungen und die Kombination eines sündteuren Ausfluges bei kaltem Regenwetter lässt uns auf dieses Abenteuer verzichten. So bleibt nur die leise Hoffnung auf unseren Gastgeber, der sich einen Nachmittag dann Zeit nimmt und mit uns an die Nordspitze der Insel fährt.

Bei allem positiven Bemühen uns schöne Seiten dieses Landes zu zeigen, gelingt es jedoch nicht unsere Augen zu täuschen. Denn was sich hier darbietet ist schlichtweg grässlich. Bauruinen, verfallene Häuser, Autowracks und Riesenmüllhalden, dazwischen eine zerstörte oder verwilderte Vegetation, ehemalige Reisfelder sind jetzt ölige Drecksümpfe. Die bewohnten Häuser sind aus Beton und Eisen und schauen sehr desolat und dreckig aus. Lieblose Zementbunker in einer Horrorumgebung. Wir betrachten die Vorgärten der Häuser - außer Unkraut wächst da nichts mehr, Blumen existieren gar nicht, dafür liegen ausgediente Waschmaschinen und Kühlschränke herum.

Sind es die Auswüchse einer übersättigten Menschheit, die in ihrem Konsumrausch völlig auf die gewohnte (oder bisherige) Lebensweise verzichtet, sich in diesen Güterdschungel hineinwühlt und sich dabei auch noch wohl fühlt? Wir verdrücken uns am Abend in ein Pub, wo wir bei einem australischen Bier mit einem Amerikaner ins Gespräch kommen. Ihn hat sein Job hierher verschlagen. Und als er von unseren Misseindrücken hört, tröstet er uns - mit Amerika!

VEREINIGTE STAATEN VON AMERIKA

Am 24. Februar bringt uns China Airlines nach Los Angeles und das Überfliegen der Datumsgrenze streicht zumindest den letzten Tag unseres Aufenthaltes in Taiwan.

Die Zeit bis zur Ankunft des Schiffes mit unserem Hieronymus nützen wir zum Aufwärmen und für erste Schnuppertouren in diesem neuen Kontinent. Erster Eindruck von Größe sind die enormen Entfernungen, selbst im Stadtgebiet von Los Angeles. Wir benötigen einen Leihwagen um alle Formalitäten zu erledigen, die für die Weiterreise mit unserem Bus notwendig sind.

Am 1. März ist es soweit - wir wohnen wieder in unserem Haus auf Rädern! Als eine Art Begrüßung kurven wir gleich auf dem Sunset Boulevard durch Beverly Hills und Hollywood, wo wir uns in den Universal Studios in die fantastische Welt des Filmes entführen lassen. Es ist enorm beeindruckend einmal hinter die Kulissen zu schauen und dabei zu sein, wie mit vielen Tricks und Effekten Szenen für bekannte Fernseh-Shows gedreht werden. So sind wir live bei Miami Vice und King Kong, erleben das Schicksal eines armen Fischermannes, der vom weißen Hai verschluckt wird und sind mit dabei bei einer perfekten Schieß-, Prügel- und Explosions-Show in einer Stadt des Wilden Westens.

Unsere Reiseroute ist vorerst einmal nach Osten gerichtet und auf dem Interstate Highway 10 verlassen wir am 6. März Los Angeles. In Palm Springs verweilen wir kurz zwischen den Prachtvillen der betuchten Amerikaner und kurven hoch in die Bernadino Mountains, zum Joshua Tree National Monument. Dieser erste Besuch eines Nationalparks lässt uns erahnen und darauf freuen, worauf die Amerikaner so stolz sind und es mit Recht auch sein können! Denn diese streng behüteten Oasen der Natur beherbergen einzigartige Schönheiten, die in anderen Teilen der Welt von ihrem größten Feind - dem Menschen - bereits zerstört wurden. Der Joshua Tree ist eine witzige Mischung zwischen "Kiefer, Kaktus und Palme" (eigene Interpretation) und hat um diese Jahreszeit herrliche wachsweiße Blütenstände. In dieser Hochwüste in1500 Meter Höhe fühlt er sich zwischen heißen Felsen sichtlich wohl und liebt die Sonne. Auch wir genießen diese Wärme und die prächtige Fernsicht durch glasklare Luft. So ist von einem Viewpoint ein Berg in 153 Kilometer Entfernung, bereits in Mexiko, noch gut zu sehen.

Wir fahren weiter in den Bundesstaat Arizona und in die Hauptstadt Phoenix. Hier leben Verwandte, die ich nun erstmals im Leben sehe und wir verbringen herrliche Wochen in familiärer Atmosphäre. Auch meine Mutter erfüllt sich einen Traum und wir feiern ein Wiedersehen nach 1½ Jahren fernab von zu Hause. Zusammen starten wir ausgedehnte Besichtigungstouren: Mutter, Joan und Gene im 1973'er Chevrolet und wir im 1976'er Mercedes Benz.

Die erste Tour führt südwärts bis Tucson und an die mexikanische Grenze, zum Organ Pipe Nationalpark. So heißen die riesigen Kakteen, die wie Orgelpfeifen in den Himmel ragen und die zusammen mit dem Saguaro Kaktus zu den größten stacheligen Pflanzen der Erde gehören. Eine zweite Rundreise hat zu Beginn Las Vegas zum Ziel. Dort wohnen die "Drei" im Excalibur - dem mit 4032 Zimmern zur Zeit größten Hotel der Welt, mit einem gigantischen Spielcasino und Vergnügungsapparat, der rund um die Uhr das Geld der spielwütigen Besucher schluckt. Auch uns gefällt es zwischen den glitzernden, klingelnden, blinkenden und manchmal Geld spuckenden Automaten, wenngleich unser Spieleinsatz eher bescheiden ist.

Sightseeing durch die Stadt bei Nacht ist ein zweites Erlebnis! The Strip: Überdimensionale Neonreklamen werben um die Gunst und das Geld der Besucher, Hotelfassaden erstrahlen im Lichtermeer, die Casinos preisen ihre Jackpots an, Restaurants locken mit Superangeboten, zum Beispiel ein 30dag Steak plus Beilagen um USD 4.95! Und vor einer Luxusherberge ist gar ein Wasserpark mit einem künstlichen Vulkan, der alle 15 Minuten in Feuer und Rauch ausbricht!

Die nächsten Ziele der Reise sind wieder natürlichen Ursprungs und hier stehen wir den grandiosen Schönheiten noch staunender gegenüber. Zion National Park und Bryce Canyon National Park beherbergen wuchtige Felsformationen die sich vor 200-300 Millionen Jahren aus der Erdkruste emporgehoben und seither durch Erosion geformt werden. Besonders spektakulär ist Bryce Canyon, wo hunderte, oftmals zerbrechlich wirkende, ziegelrote Felstürme in einem riesigen Amphitheater stehen und um diese Jahreszeit mit Schneehäubchen bedeckt sind - wir befinden uns immerhin auf 2600 Meter Höhe!

Nächste Station ist Lake Powell und dann die Hauptattraktion von Arizona: der Grand Canyon. Auch hier sind noch Spuren des Winters zu sehen, der Besucherstrom hält sich noch in Grenzen. So genießen wir in Ruhe die atemberaubenden Ausblicke in dieses grandiose steinerne Märchenland mit seinen Felstürmen, Thronen, Tempeln, Schluchten und Plateaus und erspähen 1500 Meter tiefer den Colorado River, der sich unaufhaltsam seinen Weg durch den Grand Canyon bahnt. In der Abendsonne gleicht er von hier oben einer Silberschlange zwischen dunklen Felsen.

Zurück in Phoenix widmen wir viel Zeit unserem Hieronymus, viele Kleinigkeiten gibt's zu reparieren und zu erneuern, und ich bin sehr froh über die gut ausgestattete Werkstatt von Gene und seine wertvolle Hilfe. Am 7. April heißt es Abschied nehmen von Mutter, sie fliegt nach Kansas City, wo weitere Verwandtschaft lebt. Von Joan und Gene werden wir am kommenden Morgen nur ungern fortgelassen - auch wir haben in den vergangenen Wochen so etwas wie ein Daheim gespürt. Doch in uns meldet sich der Reisedrang und die Lust nach neuen Erlebnissen und Begegnungen. So wählen wir unsere Reiserichtung nach Süden, mit Ziel Mexiko.

MEXIKO

Am 10. April erreichen wir bei Nogales die mexikanische Grenze. Die Formalitäten nehmen kaum 15 Minuten in Anspruch und ab nun heißt es nach dem gemäßigten Verkehr in den USA wieder höllisch aufpassen - die Stadt quillt über von Menschen und Autos. Doch schon wenige Kilometer außerhalb umfängt uns die Einsamkeit der Sonora Wüste mit ihren bizarren Kakteen. Die Organ Pipe und Candelaber werden nun für rund 1200 Kilometer unsere Begleiter sein. Kurz vor Erreichen der Pazifikküste wird es dann bunter, die baumhohen Kakteen stehen voll in Blüte und ragen zunehmend zwischen zartgrünen Laubbäumen auf.

Die Touristenhochburg Mazatlán ist nicht so ganz nach unserem Geschmack und nach nur einem Rasttag rollen wir weiter südwärts. Bei La Penita, einem idyllischen kleinen Fischerdorf, finden wir endlich ein Plätzchen zum Verweilen vor dem Anstieg in die Berge. Die Saison geht hier mit der Semana Santa (Karwoche und Ostern) zu Ende und der Campingplatz liegt in einem Dornröschchenschlaf. So gehören die ganze Pracht der blühenden und duftenden Büsche, weite weiße Sandstrände und ein herrlich warmer Pazifik uns allein.

Nach zwei Ruhetagen nehmen wir Abschied von der Küste und erklimmen die Hochebenen Mexikos. Vorbei an ausgedehnten Agavefeldern, dem Spender des Tequila, erreichen wir mit Guadalajara eine erste Großstadt: modern, effizient, dem Tourismus verschrieben. Die berühmten Mariachis – die Straßenmusikanten - allerdings scheinen nur mehr gegen gutes Entgelt zu spielen und so lehnen ihre Instrumente großteils unbenutzt in der Plaza de los Mariachis. Wie zum Hohn erklingen für uns Budgettouristen die typischen Jaliscoklänge aus vielen Musikkassettengeschäften, welche die Plaza säumen.

Ab Guadalajara wird die Fahrt äußerst ansprechend. Fruchtbare Täler, aus allen Poren qualmende Vulkane prägen das Bild und so schrauben wir uns allmählich auf 2200 Meter hoch. Hier schmiegt sich der Patzcuaro See reizvoll verzweigt und mit vielen Inseln zwischen zwei mächtige Vulkankegel. Das gleichnamige Indio-Städtchen begeistert uns mit seinen Bauten aus der Kolonialzeit, den Arkadenhäusern und schattigen Zocalo – den Parks. Der bunte quirlige Markt ist eine Augenweide und nach den vielen Supermärkten genießen wir das Einkaufen hier besonders. Immer wieder von neuem beeindrucken uns die Kirchen. Mächtige, oft burgähnliche Bauten, bewahren sie im Innern eine Schlichtheit, die tiefe Ruhe bringt. Nicht Gold und Silber sind hier dominant, sondern liebevoll gestaltete Wandmalereien, feine Steinrosetten, geschnitzte Holzaltäre und Gemälde.

Über Morelia, einer weiteren besuchenswerten Stadt aus der Kolonialzeit, erreichen wir die westlichen Gebirgszüge, die das Hochplateau von Mexiko umschließen. Hier, auf 2700 Meter Höhe, liegen zahlreiche Seen und heiße Quellen, eingebettet zwischen hochstämmigen Kiefern und auf sattgrünen Almen weidet Fleckvieh - kleine Paradiese, noch unbelästigt durch die starke Luftverschmutzung über dem Moloch Mexico D.F. besser bekannt als Mexico-City.

Wir gönnen uns einen letzten Tag frischer Luft bevor wir in den Smog eintauchen. Tatsächlich ist die Belastung derart stark, dass wir uns auf eine kurze Besichtigungsfahrt durch die Hauptstadt und den Besuch der Sonnen- und Mondpyramide in Teotihuacan beschränken.

Der nächste Reiseabschnitt führt entlang der Gebirgszüge der Continental Divide und wir lassen uns verzaubern vom ständig wechselnden Licht- und Farbenspiel in dieser steinigen Einsamkeit. Oaxaca ist Ausgangspunkt zu den Ausgrabungsstätten der Zapoteken, die sich am Hochplateau des Monte Alban eine strategisch einmalige Lage ausgesucht hatten, um die weiten Täler zu überwachen. Auf der Weiterfahrt stoppen wir in Tule, wo wir uns lange im Schatten des über 2500 Jahre alten Ahuehuete, einer mexikanischen Zypresse, ausruhen - dem mit 49 Metern Stammumfang und 50 Meter Höhe wohl mächtigsten Baum der Welt!

Erst beim Isthmus, der schmalsten Stelle Mexikos, tauchen wir wieder in tropische Vegetation und feuchtheiße Schwüle auf Meereshöhe ein. Aber nur für kurze Zeit - vor uns ragen die dicht bewaldeten Berge von Chiapas auf. Ein Pass löst den anderen ab bis wir auf 2300 Meter Seehöhe das Städtchen San Cristóbal de las Casas erreichen. Es bildet das Handels- und Tauschzentrum für die zahlreichen Indiostämme die ringsum in den Bergen und Wäldern leben. Diese Indios, vom Massentourismus derzeit noch eher unbehelligt, legen sehr viel Wert auf die Pflege und Bewahrung ihrer Traditionen, Sprachen und Bräuche. Am Tagesmarkt von San Cristóbal können wir ihre bunten Trachten bewundern und etwas teilnehmen an der Natürlichkeit mit der diese Menschen leben.

Zehn Tage verbringen wir in dieser Stadt - allerdings nicht ganz freiwillig: unser Hieronymus streikt! Eine Woche lang basteln und improvisieren wir an Motoraufhängung, einem Loch in der Einspritzpumpe und verdreckter Treibstoffsaugleitung - unser Wortschatz in spanisch punkto Autozubehörteile wächst beachtlich.

Einen lohnenden Abstecher unternehmen wir anschließend in den südlichsten Teil des Landes. Im Regenwald entlang der guatemaltekischen Grenze liegt der Nationalpark Lago Montebello - mit seinen über 40 Seen ein wahres Paradies für Camper.

Mit Chiapas verlassen wir endgültig die Bergwelt und das angenehm kühle Klima. In den auslaufenden Hügeln, auf der Fahrt zur Halbinsel Yucatan, entdecken wir eine fantastische Welt von cascadas mitten im Dschungel. Die tiefblauen Wasser eines Gebirgsflusses hüpfen und springen über weitverzweigte Sinterterrassen und ergießen sich in kristallklare Pools. Natürlich lassen wir es uns nicht nehmen uns in diesen herrlichen natürlichen Teichen zu erfrischen.

Ab jetzt bewegen wir uns auf den Touristenpfaden durch die Mayakultur. Wir besichtigen Palenque, Tulum, Chichen Itza, Uxmal. Neben diesen bekannten Stätten gibt es aber noch zahlreiche weitere Spuren der Mayas und diese Tempelanlagen, die erst in mühseliger Kleinarbeit dem Dschungel abgerungen werden, gefallen uns ganz besonders. Sie lassen der Fantasie noch viel Spielraum. Jeder verwachsene Hügel könnte ja ein Tempel sein - und welche Schätze mögen da noch verborgen liegen?

Es ist bereits Ende Mai und die Regenzeit dehnt sich allmählich über Yucatan aus - kein Tag ohne heftige Gewitter und der Urwald dampft. Die Nächte bringen kaum noch Abkühlung und so beginnen wir nach einigen Badetagen an der Karibik die Rückfahrt in die USA. Entlang des Golfes von Mexiko liegen die größten Ölvorkommen des Landes und angesichts der zahlreichen Bohrtürme lockt uns hier kein Badeurlaub mehr. Mit kurzem Besichtungsstopp in Veracruz legen wir die 2000 Kilometer bis Reynosa zügig zurück und erreichen am 3. Juni den Grenzfluss zu Texas: den Rio Grande.

Zwei Monate waren wir in Mexiko unterwegs und eigentlich ständig auf der Suche nach etwas, womit wir dieses Land identifizieren können. Landschaftlich sind wir sicherlich auf unsere Rechnung gekommen. Was fehlte war der Kontakt zum Menschen, seiner Kultur und Traditionen. Was auch fehlte war die Neugier der Leute auf uns: Fragen, Antworten - eben die Basis, um mit einem Land warm zu werden. Worauf ist der Mexikaner stolz? Was möchte er dem Besucher zeigen? Müssen wir unter mexikanisch einfach die dunklere Hautfarbe verstehen? Oder die Welt des Tequila, der Taco und Enchilada?

Durch die Wahrung ihrer Bräuche und dem zumindest äußerlich nicht so stark erkennbaren Zug zum Westlichen sind es fast eher die Indio-Stämme die wir nun mit Mexiko identifizieren. In Reynosa haben wir uns in den irren Grenzverkehr eingereiht. Fast samt und sonders sahen wir amerikanische Kennzeichen, fast samt und sonders aber war es jener Typ Mensch, den wir in den vergangenen zwei Monaten kennengelernt haben, der in den Autos saß und es offensichtlich kaum erwarten konnte, über den Grenzfluss in die USA zu kommen...

 


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