Vereinigte Staaten von Amerika - Fortsetzung

Unsere Gedanken werden rasch zerstreut, als wir einige Tage auf der Ranch eines Texaners in Bandera verbringen. Ihn haben wir ironischerweise in Mexiko kennengelernt, seine menschlichen Erfahrungen sind den unseren sehr ähnlich.

Dafür zeigen er und seine Familie uns jetzt ein Leben in Texas, das die europäischen Vorstellungen von Wild West und Cowboy Ranch als reine Klischeebilder erscheinen lässt. Der Stolz auf Haus und Besitz kommt so richtig zum Vorschein, wenn er erklärt, dass die Größe des eigenen Grundstückes dann richtig ist, wenn das Haus der Nachbarn nicht sichtbar ist! Diese trifft man dann Samstag abends in der Silver Dollar Bar, wo bei Honky Tonk Music auf dem Sägespänboden das Tanzbein geschwungen wird. Der Besitzer dieser Bar ist der lokale Country Star Arkey Blue, und der überrascht seine Gäste wöchentlich mit einem neuen Lied, dessen Text aus den Stadt-Ereignissen der vergangenen Woche abgeleitet wird - natürlich zum Gaudium des Publikums! Wir unterhalten uns köstlich und werden unseren neuen Freund Joe Barnett, seine Familie und Bandera in bester Erinnerung behalten - zwei Musikkassetten von Arkey Blue sind dazu eine schöne Untermalung.

Nun aber heißt es wieder ernsthaft Reiseplanung machen, denn wir haben Großes vor. Die Bundesstaaten Colorado, Arizona und Utah beherbergen eine Reihe hochinteressanter Nationalparks mit den ältesten geologischen Erdformationen der Geschichte. Diese sind unter dem Namen Grand Circle zusammengefasst und dieser Kreis ist das Ziel der kommenden zwei Monate. Höhepunkt wird der Abstieg in den Grand Canyon von der Nordseite her sein - dort wo sich der Colorado River 1800 Meter tiefer seinen Weg bahnt.

Der große Kreis rund um den Colorado River

Vor Millionen Jahren war ein Großteil der Colorado Plateaus von Wasser bedeckt: den Ur-Ozeanen. Gewaltige Erdbewegungen hoben das Land empor, manche Teile bis 1500 Meter über den Meeresspiegel und das Wasser suchte neue, tiefere Becken und Seen. Das hochgehobene Gestein bildet die Grundlage der heutigen Grand Staircase, die im wesentlichen aus sechs Stufen - Cliffs - besteht.

Im südlichen Teil des Bundesstaates Utah finden wir die Pink Cliffs, 50-60 Mio. Jahre alt und bis zu einer Höhe von 2800 Metern aufragend. Sie bilden die oberste Stufe. Darunter sind die Grey Cliffs, 120-130 Mio. Jahre alt. Eine breite, flache Stufe bilden die White Cliffs, welche ca. 165 Mio. Jahre zählen.

Die tiefroten, wunderschönen Vermilion Cliffs sind bereits 200 Mio. alt und ihre senkrechte Formierung bildet heute die spektakulärsten Felsen (z.B. Monument Valley). Chocolate oder Belted Cliffs sind ein dunkelbrauner Gürtel, der vor 225 Mio. Jahren angelegt wurde. Die unterste Stufe bildet das Kaibab Plateau und dieses ist zugleich die Nordkante des Grand Canyon in Arizona. Der Kaibab Limestone am oberen Rand ist mehr als 225 Mio. Jahre alt, während 1800 Meter tiefer der Colorado River bereits durch Vishnu Shist fließt - unglaubliche 1500 Mio. Jahre alt!

Über diese Colorado Plateaus verteilt liegen Amerikas spektakulärste und faszinierendste Nationalparks und Monumente, zerklüftete Berge, tiefe Schluchten und himmelhohe Felswände. Aber nicht nur Erdbewegendes hat hier stattgefunden, auch der Mensch hat Geschichte geschrieben. Hier lebten die Ureinwohner Westamerikas, vom weißen Mann, in Unkenntnis der vielen Indianerstämme Anasazi genannt. Heute befinden sich die größten Reservate der Navajo und der Hopi Indianer in dieser Region. Von ihren Urahnen sind viele Überlieferungen erhalten und diese werden von den Amerikanern gern als Teil "ihrer" Geschichte gehandelt und präsentiert.

Am 10. Juni verlassen wir Texas, fahren zügig durch New Mexico nach Arizona und beginnen unseren Grand Circle im Petrified Forest National Park. Vor Jahrmillionen stand hier urwüchsiger Wald, der bei den Emporhebungen des Colorado Plateaus unter Schlamm und Wasser begraben wurde - die Wandlung von Holz zu Stein nahm ihren Anfang. Und nach und nach gibt nun die Erde Geheimnisse preis, die erst jetzt mit prächtigen Farben und Maserungen zum zweiten Leben erwachen. In diesem "versteinerten Wald " bewundern wir riesige, kreuz und quer herumliegende Baumstämme, die sich erst bei näherer Betrachtung als kristalliner Stein herausstellen.

Am Weg weiter nordwärts stoppen wir an der Hubbel Trading Post, wo um die Jahrhundertwende John Lorenzo Hubbel als einer der ersten Weißen mit den Navajo Handel betrieb, diese über erweiterte Möglichkeiten des Warentausches aufklärte und sie auch den Umgang mit Geld lehrte. Unweit von diesem Ort liegt Canyon de Chelly National Monument, wo am Fuß der steilen, von Wasser und Wind geschliffenen Felswände zahlreiche Ruinen von über 1000 Jahre alten Indianerhäusern zu finden sind. Nicht nur die Natur hat hier fantastische Arbeit geleistet, die Navajo Indianer leben noch heute entlang des Flusses und gestalten den Talboden zu einer immergrünen Oase. Dieses National Monument ist eines der besten Beispiele für die Indianerkultur des Südwestens. Unser nächstes Ziel Monument Valley, liegt ebenfalls im Indianerreservat und dient zeitweise als Kulisse für moderne "Wild-West-Kultur": die riesigen, orange-roten Steinformationen sind der klassische Hintergrund für einen Cinemascope Western.

Wir lassen uns einen Nachmittag lang von den stetig wechselnden Lichtspielen der Sonne fesseln  und unsere Begeisterung ist grenzenlos, als mit Sonnenuntergang die bizarren Felsen zu glühen beginnen und ihre langen Schatten in die rote Wüste werfen.

Wir wählen nun eine entlegene Route, die uns zu zwei der außergewöhnlichsten Kreationen der Natur führt: The Goosenecks of the San Juan River zeigen beeindruckend die jahrtausende lange Arbeit des Flusses, der sich in riesigen Mäandern in das terrassenförmige Gestein gegraben hat. Von einem Aussichtspunkt sehen wir 300 Meter tiefer das Wasser so eine riesige Schleife -  gooseneck -  ziehen. Auf diese Weise benötigt der Fluss an die 10 Kilometer Wegstrecke, um zwei Kilometer in der direkten Linie zu überwinden. Valley of the Gods beherbergt mächtige, dunkelrote Sandsteinformationen, die von den Indianern auch heute noch als Götterfiguren angesehen werden. Tatsächlich haben die Felsen viele Gesichter und Figuren. Wir haben entlang der 25 Kilometer langen Piste viel Zeit, unsere Fantasie zu beschäftigen. Etwas weiter nördlich befindet sich Natural Bridges Monument - im Jahr 1908 vom Präsidenten der USA als solches proklamiert und somit war es das erste dieser Art im Bundesstaat Utah.

Dazu eine Erläuterung: National Parks werden vom Kongress beschlossen und ernannt, National Monuments nur vom jeweiligen Präsidenten der Vereinigten Staaten. Somit hat jedes Staatsoberhaupt die Möglichkeit, sich auch in der Natur zu verewigen!?

Zurück zu den Natural Bridges, die eigentlich riesige Löcher in Felswänden sind, entstanden durch andauernde Erosion des Wassers. Flüsse, die in weiten Mäandern durch den Fels fließen, suchen sich eine Abkürzung und brechen durch, schleifen und formen weiterhin den Stein, bis hoch oben nur mehr ein Felsband übrigbleibt - die natürliche Steinbrücke.

Unsere Route wendet sich ostwärts dem Bundesstaat Colorado zu. Hier, entlang der Blue Mountains, haben sich um das Jahr 1000 viele Indianer angesiedelt. Reste dieser Kultur werden im Übermaß gefunden, die Ruinen der Behausungen sind zahlreich. Einen Überblick verschaffen wir uns im State Park Edge of the Cedars wo im Freigelände und einem Museum das Leben dieser Urbewohner gut veranschaulicht wird. Hovenweep National Monument umfasst einige Siedlungen des "Pre-Columbianischen-Pueblo-Stils", das sind freistehende Gebäude am oberen Rand von kleinen Flusstälern. Das genaue Gegenteil finden wir im Mesa Verde National Park, bereits im Bundesstaat Colorado. Die Landschaft ist eine riesige, dicht bewaldete Tafelebene, durchzogen von steil abfallenden Schluchten. Hier haben die Indianer in den Felswänden, zum Teil enorm große Behausungen errichtet. Grundlage war immer eine Höhle oder Felsüberhang, in die sie wie ein Schwalbennest ihre Häuser hineinbauten. Der Zugang war nur über Leitern und waghalsige Abstiege möglich - auch heute kann man etliche der über 600 Ruinen nur nach längerer Kletterei besichtigen. Uns gefällt der Cliff-Palace am besten, der mit über 90 Räumen das größte Cliff Dwelling in Nordamerika darstellt.

Unsere Reiseroute führt nun nordwärts, wo wir auf dem Million Dollar Highway in die "Schweiz der USA" - nach Ouray gelangen. Tatsächlich sind es mächtige Gebirge und idyllische Seen, die diesen Vergleich zulassen. Die historische Vergangenheit ist allerdings anders. Hier wurden um das Jahr 1920 Unmengen von Edelmetall gefunden, in der Hauptsache Silber. Der Ort Silverton ist damals seinem Namen voll gerecht geworden, denn das Erz wurde hier wahrlich tonnenweise abgebaut. An den nördlichen Ausläufern dieses über 4000 Meter hohen Gebirgsstockes hat sich der Gunnison River tief in den Fels gegraben. Black Canyon National Monument ist eine fast senkrecht abfallende Schlucht, sie ist an vielen Stellen tiefer (500 m) als oben breit (400 m) und der Gunnison rauscht mit 18 kmh an den dunklen Felswänden entlang ins Uncompaghre Valley, wo er bei Grand Junction in den Colorado River fließt. Dort ist auch das Ende des Uncompaghre Plateaus – ein Teil des Colorado Plateaus - und die vielen Wasser, die ab nun dem Colorado River zuströmen, haben das weiche Gestein zu monströsen Gebilden geformt. Colorado National Monument zeigt eindrucksvoll diese Meisterstücke der Erosion, die bis zu einer Höhe von 150 Meter frei vor unseren Augen stehen. Herrliches Wetter mit tiefgoldenem Sonnenschein verleiht diesen Formationen eine zusätzliche Ausstrahlung, die uns zwei Tage hier hält und etliche Wanderungen durch diesen Riesengarten machen lässt.

Wir folgen ab nun dem Colorado River in den Bundesstaat Utah, wo er vor dem Städtchen Moab die oberste Stufe der Staircase - die Pink Cliffs - erreicht. Lautlos und gemächlich sucht er seinen Weg durch breite Täler, die tiefroten Felswände rücken nur langsam näher, bis sie sich plötzlich, wie riesige Falten, nach oben aufwerfen. Arches National Park gibt Zeugnis von diesen ungeheuerlichen Erderhebungen und Erosionen, die heute mehr denn je die Besucher begeistern. Eine erste Wanderung führt uns durch den Devil's Garden, hier sind die meisten Felsbögen zu finden, die manchmal wie zerbrechliche Holzschnitzereien nach oben ragen. Eine Besonderheit für sich ist Delicate Arch. Dieser steht völlig frei am Abgrund eines lachsroten Felsplateaus und das wahre Ausmaß wird erst bewusst, wenn man darunter steht. An die 30 Meter hoch ist dieses steinerne Hufeisen und an der schwächsten Stelle nicht mehr als zwei Meter dick. So trotzt dieser Bogen hoffentlich noch lange Wind und Wetter! Einsame Weite, unwegsame Natur, wüstenhafte Ebenen, farbenprächtige Canyons und über all dem die Atmosphäre einer gänzlich unbewohnten Landschaft mit wildromantischer Schönheit - das ist Canyonlands National Park. Unterteilt in zwei sehr unterschiedliche Regionen, beginnen wir unsere Entdeckungen im Needles District, benannt nach den ungezählten Felsnadeln, die sich wie ein Gigantenwald gegen den Horizont erstrecken. Die Farben dieser Felstürme ändern sich stetig je nach Tageszeit und sind natürlich vor Sonnenuntergang mit einem satten orange bis zu dunklem braun am schönsten. Wir erleben diese Faszination später nochmals, denn ein ungetrübter Vollmond wirft sein milchiges Licht wie einen Riesenschleier über die Needles und verstärkt damit das Gefühl der Einsamkeit und Unberührtheit zwischen diesen Skulpturen.

Ein besonderes Erlebnis ist eine 20 Kilometer lange Wanderung zum Zusammenfluss zweier großer Flüsse: Green River und Colorado River. Ihre tiefen Canyons ziehen in weiten Schleifen durch das Plateau, ihre Wasser formen stetig die Ufer und vom einzigen höheren Punkt der ganzen Umgebung sehen wir 300 Meter tiefer das grüne Wasser des Green und das braune Wasser des Colorado sich vereinen, um kurz danach im Cataract Canyon tosende Stromschnellen zu bilden.

Um in den zweiten Abschnitt von Canyonlands zu gelangen, ist eine 170 Kilometer lange Fahrt notwendig. Dabei kommen wir am Newspaper Rock vorbei, dessen Funktion einst sehr wichtig war. Hier haben die Indianer Informationen in Form von Petroglyphen in den Fels geritzt und gemeißelt - eine Jahrhunderte alte Zeitung!

Island in the Sky nennt sich das Gebiet zwischen Colorado und Green River und wir fühlen uns tatsächlich auf einer Insel im Himmel. Knapp 2000 Meter hoch ist das schmale Plateau, Dutzende Canyons führen links und rechts zu den Hauptflüssen hinunter und der wolkenlose, klare Himmel ermöglicht fantastische Fernsichten. Dieser riesige Distrikt in Canyonlands gleicht einem massigen Labyrinth, das zu erforschen schon seit Urzeiten Ziel zahlreicher Abenteurer und Entdecker ist. Und so gibt es wahrhaftig hier noch Stellen, die noch nie ein Mensch betreten hat.

Capitol Reef National Park im südlichen Central Utah weist eine besondere und äußerst eindrucksvolle Arbeit der Natur auf. Waterpocket Fold heißt eine 160 Kilometer lange Falte in der Erdkruste, die am deutlichsten die Emporhebung des Colorado Plateaus zeigt. Nur hier sind drei verschiedene Cliffs mit ihren unterschiedlichen Farben und Gesteinsarten zu sehen - und das über die gesamte Länge der Falte. Aus der Luft gesehen gleicht sie einem gigantischen Axthieb in der Erdoberfläche, die nur im nördlichen Teil von wuchtigen Reefs begrenzt ist. Zwischen diesen Felsmugeln sind viele ausgetrocknete Bachbette, die jetzt als weitläufige Wanderwege dienen - für uns natürlich Herausforderung genug, auch die hintersten Winkel zu erkunden.

Es geht weiter südwärts durch den Dixie National Forest, wo wir dem herrlichen Aspen Tree Wald bis auf 2800 Meter Höhe folgen. Diese kerzengeraden, silbrig glänzenden Bäume mit intensiv hellgrünen Blättern würden jeden Landschaftsmaler als Motiv begeistern, ebenso Calf Creek - ein zweigeteilter Wasserfall am Ende eines Red Rock Canyons, umgeben von dichtgrünem Buschwerk, das sich an den ziegelroten Felsen als Moos fortsetzt. Ziegelrot und lachsrosa, das sind die Hauptfarben des nächsten Wunders in Stein. Bryce Canyon National Park, für uns der am meisten faszinierendste und am schwierigsten zu beschreibende Felsengarten. Vielleicht sagt eine Beschreibung der Pajute Indianer etwas aus: "Rote Felsen, die wie Männer in einer schüsselförmigen Schlucht stehen". Oder der Ausspruch eines frühen Siedlers: "Der höllischste Platz, um eine Kuh zu verlieren". Wie auch immer - wir steigen hinab in dieses Amphitheater, schauen hinein in tiefste Geologie und bewegen uns mit ein wenig Ehrfurcht zwischen diesen Säulen und Minaretten, bewundern die kräftigen Farben und entdecken hinter jeder Biegung neue Formen und Gebilde, die aus dem Fels herausgearbeitet sind: Zeit und Regen, Zeit und Schnee, Zeit und Eis...

Wir nähern uns jetzt dem Höhepunkt unseres Grand Circle's. Der Highway 89 durchquert die Vermilion Cliffs und folgt dabei den natürlichen Wasserdurchlässen. So ist die betörende Farbenpracht dieses Gebirges am schönsten zu sehen und der Übergang auf das Kaibab Plateau am beeindruckendsten. Waren die Cliffs aufgrund ihrer Steilheit nur oben bewachsen, die Täler nur entlang der Flüsse grün, so umfängt uns auf dem Kaibab Plateau dichter, gesunder Nadelwald.

Fast 100 Kilometer erstreckt sich dieser Wald bis an die Nordkante des Grand Canyon, die Fahrt hier durch ist Balsam für unsere steingewöhnten Augen und ein großartiger Kontrast im Wüstenstaat Arizona. Sind unsere Eindrücke von der Südseite des Canyons schon mehr als überwältigend, so gibt es hier an der Nordkante nochmals eine Steigerung. Bright Angel Viewpoint, knapp unterhalb der legendären Canyon Lodge, gibt einen direkten Blick hinunter zum Colorado River frei: 10 Kilometer Luftlinie!

Vom Point Imperial sehen wir den östlichen, noch nicht so tiefen Teil des Canyons und weit hinaus bis zum Lake Powell und den zinnoberroten Echo Cliffs. Die Anfahrt zum Cape Royal geht 30 Kilometer weit an den absolut nahesten und spektakulärsten Viewpoint über dem Grand Canyon: 1700 Meter über dem Fluss und eine 40 Kilometer Fernsicht gegen Westen, wo nun alle Tempel, Throne, Türme, Zinnen, Plateaus und Dome in ein märchenhaftes Sonnenlicht getaucht sind. Wir sitzen lange da und begleiten die Sonne auf ihrem Weg zum Horizont. Langsam steigen vom Fluss die geheimnisvollen Blau- und Grautöne herauf, vermischen sich in der Mitte mit Orange und Braun und wechseln nach oben in metallenes Gold. Über uns ist der Himmel tiefblau und die Wolken schneeweiß, am Horizont wird das Blau zu Violett und Pink, während die Wolken ein gleißendes Gelb abgeben. Nun ziehen bereits milchige Dunstschleier herauf und hüllen die schwarzen Felsen ein - der Grand Canyon deckt sich für die Nacht zu.

Den nächsten Tag beginnen wir zeitig. Bepackt mit Rucksäcken und Zelt machen wir uns an den Abstieg in den Grand Canyon über den North Kaibab Trail. Anfangs in weiten Serpentinen, führt der Weg bald zwischen himmelhohen Felsen durch und vorbei an schwindelerregenden Abgründen erreichen wir Bright Angel Creek. An diesem kristallklaren Bach liegt Cottonwood Camp, unser Zeltplatz für die nächsten zwei Nächte. Ab hier folgt der Trail nun dem Wasser auf seinem Weg zum Colorado River, die Felswände rücken näher zusammen und wir fühlen uns jetzt mittendrin. So von unten besehen wirken die steinernen Tempel noch gewaltiger und massiver, die Farben noch intensiver und schöner. Als wir dann den Grund des Grand Canyon erreichen und am Ufer des Colorado River stehen, packt uns erneut die Faszination und Ausstrahlung dieses Flusses: Eisiges smaragdgrün, durchsichtig bis zum Boden und blütenweiße Gischt in den Stromschnellen!

Die Tradition eines Canyon Abstieges verlangt auch ein Bad, das jedoch bei einer Wassertemperatur von nur 15° sehr kurz ausfällt. Die Abkühlung ist trotzdem willkommen, mittlerweile erreicht das Thermometer 41° und wir müssen noch bis zum Cottonwood Camp zurück. Nach unserer zweiten Zeltnacht geht's wieder an den Aufstieg, diesmal bei wolkenlosem Himmel und sengender Sonne, der wir nur an wenigen Stellen ausweichen können. Das Gefühl "es geschafft zu haben" lässt uns später die Strapazen vergessen und alle Erlebnisse zu bleibender Erinnerung werden. Der Grand Canyon ist die letzte Station in unserem Grand Circle und wir haben ihn bewusst an den Schluss der Runde gesetzt. Denn damit hat das Natur erleben eine ständige emotionelle Steigerung erfahren, die nicht eine Sekunde Langeweile aufkommen ließ. Dies war sozusagen die Triebfeder, eine derart geballte Ladung an Schönheiten, Wundern und Auswüchsen einer scheint's noch heilen Welt zu besuchen und richtig zu erleben.

Noch einige Zahlen zum Grand Canyon:

Höhe am Trailbeginn 2550 m, Lufttemperatur 26°

Cottonwood Camp 1350 m, Temperatur 33°

Colorado River 730 m, Temperatur 41°

Länge des gesamten Weges (retour) 48,5 km in 19,5 Stunden

Und was uns soviel Schweiß und Zeit gekostet hat, gilt für Spitzenläufer als Herausforderung Nr. 1:
Start Nordkante - Ziel Südkante, 33 km Wegstrecke, 3200 Höhenmeter in der unglaublichen Zeit von 3 Stunden und 7 Minuten!

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