USA - Fortsetzung

Mit dem Verlassen des Grand Canyons und des Grand Circle als solchen sind wir aber noch lange nicht am Ende mit unserem Bedürfnis, weitere Begegnungen mit herrlicher Natur zu suchen.

Vorbei an Las Vegas durchqueren wir die unterste Ecke des Bundesstaates Nevada und erreichen den geographischen Tiefpunkt der Vereinigten Staaten: Death Valley - bis 80 Meter unter Meereshöhe. Wir schreiben den 21. Juli und um diese Jahreszeit ist das Tal auch einer der heißesten Flecken im Land. Bei 45° hat unser Hieronymus schon einige Mühe aus dieser Sand- und Salzwüste wieder herauszukommen. Nur wenig später befinden wir uns am Fuß der mächtigen Sierra Nevada - eine Gebirgskette, aus der Mount Whitney mit 4400 Metern und schneebedeckten Spitzen heruntergrüßt.

Über den Tioga Pass mit 3000 Meter Höhe gelangen wir in den Yosemite National Park, der von den Kaliforniern zur Zeit wahrhaft gestürmt wird. Wir beschränken uns auf ein Durchfahren dieser grandiosen Bergwelt, vorbei an tiefblauen Seen, rauschenden Flüssen und durch wunderbaren, unverdorbenen Wald, wo wir bis 100 Meter hohe Giant Sequoias (eine Nadelbaumart)  bestaunen, die hier durchwegs das salomonische Alter von 1500 Jahren erreicht haben.

Wir nähern uns bereits der Pazifikküste und bald umfängt uns das dichte Netz der Highways, die alle dasselbe Ziel haben: San Francisco. Diese bunt gemischte, sehr quirlige Stadt zeigt ihren Besuchern ein vielfältiges Gesicht, wo jedermann etwas für seinen Geschmack finden kann. Viele alte Holzgebäude in der Hafengegend, steile Straßen rauf in die unzähligen Hügel, die berühmten Cable Cars, die diese Berg- und Talfahrten bewältigen und natürlich Golden Gate, die sich hoch über die Bay spannt. Einem Wetterphänomen begegnen wir ebenfalls in dieser Stadt, nämlich Nebel im Hochsommer, hervorgerufen durch den eiskalten Pazifik und die heißen Wüstenwinde aus dem Hinterland, die an der Küste eine dicke und hartnäckige Nebelwand entstehen lassen.

Wir folgen der Küste nach Norden und gelangen in die Mammutwälder der Redwoods - ebenfalls ein Nadelbaum, der über 100 Meter hoch wird. Bei einigen Wanderungen zwischen diesen Giganten befällt uns so etwas wie Ehrfurcht vor dieser Art Natur und wir denken mit Sorge an die vielen Schwierigkeiten, mit denen der europäische Wald zu kämpfen hat. Weiter Inland, bereits im Bundesstaat Oregon, steuern wir zum Crater Lake National Park - einem erloschenen Vulkan, dessen innerer Krater mit sagenhaft blauem Wasser gefüllt ist und der auf einer Straße knapp am Rand umrundet werden kann. Erstarrtes Lavagestein, zu bizarren Felsen geformt, bildet schwarzbraune Inseln in diesem Kratersee, der in seiner Tiefe viel wärmer ist als an der Oberfläche: Der Vulkan kocht leise vor sich hin!

Ein Blick auf die Landkarte zeigt, dass sich vor uns eine Landschaft ganz nach unserem Geschmack befindet: die Cascade Range!  Fast 300 Kilometer lang zieht sie sich von Süd nach Nord durch Oregon, gespickt mit vielen Berggipfeln vulkanischen Ursprungs über 3000 Meter Höhe, Quellgebiet unzähliger Bäche und Flüsse, die in den Ebenen romantische Seen bilden. Und über die gesamte Länge reiht sich Baum an Baum und bildet Wälder von unvorstellbarer Schönheit und Mächtigkeit. Vielerorts als Wilderness Area deklariert, bleibt der Wald vom Zugriff des Menschen verschont und präsentiert sich in einem gesunden und urwüchsigem Zustand - Lebensraum für viele Tiere. Wir fühlen uns in der Zeit zurückversetzt und unsere Gedanken verweilen bei Trappern und Jägern, die um die Jahrhundertwende hier unterwegs waren und diese Wildnis als ihre Heimat entdeckten. Einige Male folgen wir ihren Spuren und campieren an verschwiegenen Lichtungen, fischen in kristallklaren Bächen und sitzen am Lagerfeuer, um den Stimmen des Waldes zu lauschen. Romantik pur und das Gefühl einer tiefen Zufriedenheit in uns!

Ein Berg erregt immer wieder unsere Aufmerksamkeit, seine schnee- und eisbedeckten Flanken bilden einen markanten Gipfel vor einem tiefblauen Himmel: Mount Hood - mit 3400 Meter höchster Berg im Bundesstaat Oregon und Ziel vieler Bergwanderer. So besorgen wir uns kurzerhand die notwendigen Informationen und rücken Mount Hood bis auf 2600 Meter Höhe zu Leibe, wo Eis- und Schneefelder für uns Amateure eine natürliche Schranke bilden. Die Fernsicht geht weit in den Bundesstaat Washington hinein und wenige Tage später, nach einem erneuten Abstecher an die Nebelküste des Pazifiks, setzen wir unseren Weg durch die Cascade Range nach Norden fort.

Mount St. Helens National Monument heißt das Gebiet um jenen Vulkan, der im Mai des Jahres 1980 ausgebrochen ist und weite Teile seiner Umgebung verwüstet und unter Schlamm begraben hat. Das Bild, welches sich uns bietet, ist erschütternd und erstaunlich zugleich. Ein Drittel des Berges wurde durch die Explosion des Vulkans regelrecht in den Himmel geschleudert, die Druckwelle fegte über die Wälder hinweg und knickte Millionen von Bäumen wie Streichhölzer, Hitze und ausströmende Gase erstickten alles Leben. Heute erleben wir, wie die Natur sich selbst helfen kann und ohne Eingriffe des Menschen fähig ist, auch solche Katastrophen zu überleben. Die mineralhaltige Vulkanasche bildet den Nährboden für farbenprächtige Blumen auf frischgrünen Wiesen, kräftiges Buschwerk und stämmige Nadelbäume wurzeln wie Oasen in der verwüsteten Landschaft und bedecken mehr und mehr die geknickten und umgestürzten Baumriesen. Die Wasser einstiger Gebirgsbäche sprudeln zaghaft in geklärte Teiche und Seen, das Wild kehrt langsam ins Unterholz zurück und viele Vögel kreisen wieder über den Hügeln und Tälern. Zerstörte Wanderwege werden nach und nach neu hergestellt und ermöglichen den Zutritt in dieses Wiedererwachen der Natur. Doch im Hintergrund gähnt der gigantische Krater von St. Helens und aufsteigende Rauchsäulen zeugen noch immer von der verborgenen Gewalt tief drinnen im Berg.

Ebenfalls ein (derzeit ruhender) Vulkan ist Mount Rainier, sein schneebedeckter Gipfel ist mächtige 4400 Meter hoch. Der ihn umgebende Nationalpark ist unser nächstes Ziel und erstmals seit vielen Wochen geraten wir in eine hartnäckige Schlechtwetterfront. Nebel, Regen und kühle Temperaturen schrecken uns dennoch nicht ab, zwei Tage hier zu verbringen und auf Wetterbesserung zu warten. Leider umsonst.

Unaufhaltsam nähern wir uns der Grenze zu Kanada, wir weichen aber dem dichtbesiedelten Gebiet um Seattle aus und fahren auf die westlich gelegene Halbinsel mit Mount Olympus und dem gleichnamigen Nationalpark. Hier befindet sich an der Küste des Pazifischen Ozeans ein fantastischer Regenwald, wie er in dieser Art nur noch in Chile und Neuseeland zu finden ist. Wieder führt uns der Zufall (oder Spürsinn) zu völlig abgeschiedenen Tälern an den Abhängen des Mount Olympus und wir wandern stundenlang durch den urwüchsigen Märchenwald. Meterhoher Farn, der über unseren Köpfen zusammenschlägt, Moosteppiche, die sich wie Daunendecken am Boden ausbreiten und die Baumstämme hochklettern, knorrige Laubbäume, deren Äste mit Luftwurzeln am Boden verankert sind, gluckernde Bäche, die unter den Bäumen durchfließen und überall sattes Grün in den vielfältigsten Schattierungen. Diese Eindrücke werden durch Begegnungen mit Tieren verstärkt. Unbekümmert zeigt ein Rudel Hirsche, dass sie hier keine Gefahr durch den Menschen fürchten müssen, als sie ganz nahe an uns vorbeiziehen und auf einer Lichtung zu äsen beginnen.

Wir nützen einen sonnigen Nachmittag am 3. September und fahren eine Straße hoch, die zu einem herrlichen Plateau in Reichweite von Mount Olympus führt. Seine Gletscher gleißen im Sonnenlicht, tief unter uns liegt die Meeresstraße Juan de Fuca, die uns von Vancouver Island/Kanada trennt. Hinter uns, im Osten, ist noch schemenhaft Mount Rainier zu erkennen - Anlass für einen Rückblick im wahrsten Sinne des Wortes.

 

Wiederum waren es vier Monate in diesem Land (seit Mexiko), das uns in erster Linie mit einzigartigen Naturschönheiten verwöhnt hat. Unsere Gedanken wandern zurück zu den vielen National Parks, es ziehen nochmals tiefe Canyons, glasklare Seen, wuchtige Gletscherberge, dunkelgrüne Täler, roter Sandstein, gelbe Wüste und rauschende Flüsse vorbei. Wir erinnern uns der vielen Tiere und Pflanzen, Städte und kleinen Dörfer und gelangen damit zum Menschen - dem Amerikaner.

Lächelnd denken wir an Joan und Gene, die uns so herzlich "bemuttert" und mit denen wir eine wunderschöne Zeit verbracht haben. Uns fällt Joe Barnett samt Familie in Texas ein, der uns waschechtes Farmleben gezeigt hat. Wir verweilen in Colorado bei Bob und Jonie, die so viel Anteil an unserer Reise genommen haben. Und wir sehen nochmals die Dotys vor uns: Penny, Dan, Liz und Sam - eine glückliche Familie in Utah, die uns ebenfalls viel Hintergrund gezeigt hat. Es gäbe noch mehrere aufzuzählen, doch wird das Gefühl dabei schon kritischer - und letztlich auch Kritik. Und zwar an denjenigen, die im Blindvertrauen und Selbstergebenheit diesem Land huldigen, es verherrlichen und hochjubeln, ihre vermeintliche Freiheit preisen und damit den persönlichen Horizont schon sehr eng abgesteckt haben. Wie oft waren wir in sogenannten Small Talk verwickelt, wo unglaublich oberflächlich gequatscht wird - nutzlose Zeitverschwendung und klassische Zeichen gedankenloser Persönlichkeit. Dazu kurz das Beispiel des Krieges im arabischen Golf. Wir erlebten am TV live die Rückkehr der Boys und Heroes, die Lobhudeleien nahmen kein Ende, die süßen starken Worte flossen nur so von den Lippen und jedermann fühlte sich plötzlich auch dabei! Da wurde uns klar, was die US-Bürger als "ihre" Freiheit verstehen: Überall und jederzeit Stärke herzeigen - das ist in so einem Riesenland die beste Möglichkeit es anderen zu beweisen, wie einfach doch "Freiheit" ist!

Doch zurück auf den Mount Olympus. Hier ist dies alles wieder weit weg gerückt und mit naturverbundener Nachsicht das meiste vergessen. Ist es doch unser hauptsächliches Ziel, auf der langen Reise Länder und Menschen kennenzulernen. Wir sehen, dass Natur viele Gesichter haben kann, warum sollte der Mensch da eine Ausnahme sein?

Mit diesen Gedanken verlassen wir diesen wunderschönen Aussichtspunkt, die Abfahrt zur Küste lässt uns wieder eintauchen in Pläne für die nächsten Tage.

KANADA

Am 4. September bringt uns eine Fähre über die Juan de Fuca Strait von den Vereinigten Staaten nach Kanada und gleich auf eine Insel: Vancouver Island. Ein touristisches Juwel im Fremdenverkehr vor der Westküste von British Columbia, hat sie dennoch zwei Gesichter. Zum Einen weist sie in weiten Teilen noch unberührtes Hinterland auf. Erste Eindrücke zeigen uns verträumte Siedlungen mit wenig Menschen und viel, viel Wasser. An der zerklüfteten Westseite reiht sich Bucht an Bucht, manche reicht weit ins Landesinnere - sogenannte Inlets. Entlang dieser wieder ungezählte Seen und Bäche, sodass es teilweise sehr schwierig ist, Meerwasser und Süßwasser zu unterscheiden. Und alles eingerahmt von Bergen, die so dicht bewaldet sind, dass nicht der Schimmer eines Felsens durchschaut.

Wir fahren nordwärts bis Campbell River und besuchen Ursulas Cousin Jürg, der seit 18 Jahren mit seiner Familie hier lebt. Die Stadt ist wohlhabend und ebenso die Bewohner, welche diesen Umstand zwei Dingen zu verdanken haben. Zum Einen ist hier das Zentrum der gesamten Holzindustrie der Insel und eine riesige Papier- und Holzverarbeitungsfabrik sorgt für ständiges Einkommen. Zum anderen ist Campbell River laut Werbeprospekt World Capital of Salmon und das bringt jährlich tausende Fischer aus aller Welt hierher, die schier unglaubliche Summen bezahlen, um nach dem begehrten Lachs zu fischen!

Wir aber erleben ein Naturschauspiel, das sich hier jedes Jahr mit Ende des Sommers ereignet. Millionen dieser Lachse ziehen vom Ozean herein, suchen ihren Heimatfluss und schwimmen diesen flussaufwärts zu den Laichplätzen. Jürg ist ein fachkundiger Führer und wandert mit uns den Quinsam River entlang aufwärts. Bald verengt sich der Fluss und durch das Uferdickicht beobachten wir, wie Dutzende Lachse hintereinander über die Stromschnellen springen, sich bei tieferen Stellen wieder sammeln, um das nächste Hindernis zu bewältigen. Je weiter wir nach oben kommen, umso dunkler wird’s im Wasser. Rücken an Rücken, den Kopf stets flussaufwärts gerichtet, schwimmt eine unüberschaubare Menge Spring und Coho an uns vorbei, stets nur ein Ziel vor Augen: Die vielen, verzweigten Quellbäche zu erreichen, wo sie im seichten Ufersand ihren Laich vergraben können. Tragische Laune der Natur -  sowohl Weibchen als auch Männchen sterben nach dem Laichen und gerade ihre Fischkadaver sind für den Nachwuchs äußerst wichtig. Denn der Geschmack des Wassers prägt sich bei den jungen Lachsen unauslöschlich ein und lässt sie nach Jahren wieder an den Geburtsort zurückkehren. Sofern sie den vielen Gefahren des Ozeans entkommen und den unzähligen Angelhaken der Fischer, die an jeder Flussmündung auf sie lauern!

Nördlich von Campbell River ist Vancouver Island kaum touristisch erschlossen und lockt uns gerade deshalb um so mehr. Zumal es von der Holzindustrie ausgezeichnete Karten mit allen Forststraßen bis zu ganz entlegenen Flecken gibt. Dies geschieht im Rahmen eines "Wiedergutmachungs-Projektes", um den voreingenommenen Besuchern zu zeigen, dass nicht nur Wald abgeholzt wird, sondern auch eine emsige Wiederaufforstung stattfindet. Trotzdem lesen und hören wir mehrmals, dass mit diesen Aktionen nur einige wenige schlechte Gewissen beruhigt werden und der Profitgedanke sehr wohl ganz oben steht.

Wir jedenfalls begrüßen die Möglichkeit, an bestimmte Ausgangspunkte heranzukommen und von dort aus eine fantastische und ursprüngliche Welt zu erwandern. Cape Scott heißt das nördlichste Spitzel der Insel, Alaska ist von hier nur mehr 600 Kilometer entfernt. Eine Woche lang durchstreifen wir dieses Ur-Kanada, wie wir uns es kaum jemals vorgestellt haben. Enormes Wetterglück hält die Temperaturen und unsere Laune hoch und jeder Tag beschert uns neue landschaftliche Höhepunkte. Regenwald wechselt mit Sumpfland, saftige Wiesen mit Tundra, Heidekraut mit wildem Rhododendron und gewaltige Douglas-Fichten mit latschenähnlichem Krüppelholz. Dazu viele Seen mit unergründlicher tiefblauer Farbe, glasklare Bäche mit bernsteinfarbenem Kiesel und einem tosenden Ozean an der Küste, die fast abrupt am Waldrand beginnt. Etwas aufregend verläuft die Begegnung mit einem ausgewachsenen Schwarzbären, dem wir unvermittelt am Strand begegnen. Genüsslich dreht er Stein für Stein mit seiner Pranke um und findet darunter anscheinend genug Leckerbissen, während wir uns eher dürftig hinter Felsen ducken und ich mit zittriger Hand das Teleobjektiv in die Kamera einsetze! Von diesen Minuten an gehen wir nicht mehr so sorglos durch die Gegend und wenn der Wald ganz dicht wird, pfeifen wir laut vor uns hin.

Am 21. September überqueren wir mit einem Fährschiff die Strait of Georgia und betreten somit Festland. Wir wählen nicht den direkten Weg nach Vancouver, sondern verweilen noch einige Tage an der sogenannten Sunshine Coast, die sich bis Powell River erstreckt. Hier sind wir am Fuß der Coast Mountains, die mit einigen Dreitausendern eine unwegsame Barriere zum Hinterland bilden. Wieder sind es kilometerlange Inlets, die weit an die Berge heranreichen und ein Paradies für Boot- und Kanufahrer sind. Der Wald zeigt immer mehr herbstliche Farben und goldgelbe Birken bilden einen herrlichen Kontrast zum Immergrün der Nadelbäume. Es mehren sich nun schon die Tage, an denen dichte Morgennebel die Sonne verhüllen und die Temperaturen empfindlich absinken und ein besorgter Blick in unseren Reisekalender mahnt ein wenig zu Eile. Vor uns liegen 800 Kilometer zum nördlichsten Punkt unserer Reise - den kanadischen Rocky Mountains mit den Nationalparks Jasper und Banff.

Die Fahrt gestaltet sich sehr abwechslungsreich, sowohl landschaftlich als auch wettermäßig. Der Trans-Canada-Highway 1 ist um diese Zeit wenig befahren und so finden wir genügend Zeit, die Veränderung vom Regenwald an der Küste über die kahlen Hochebenen entlang des Thompson Rivers, bis hinein zu den Ausläufern der Rocky Mountains zu beobachten. Der erste Wetterumschwung mit Minusgraden während der Nacht beschert unserem Hieronymus eine neue Starterbatterie, die alte versagt endgültig den Dienst. Solchermaßen gerüstet nehmen wir die Auffahrt zum Jasper Nationalpark in Angriff und gleich die ersten Anblicke lassen unsere Herzen höher schlagen. Fast senkrecht ragt Gipfel neben Gipfel in einen strahlenden Himmel empor, die Höhenunterschiede sind so gering, dass es eine einzige Gebirgskette ist, die sich vor unseren Augen bis zum Horizont erstreckt. In der Nacht, bevor wir das grandiose Columbia Icefield erreichen, schneit es kräftig bis zu unserem Campplatz auf 1600 Meter herunter und verwandelt alles rundum in eine glitzernde Märchenlandschaft. Und bereits in der Morgendämmerung erkennen wir einen wolkenlosen Himmel und die umliegenden Bergspitzen sind in das zarte Rosa der aufgehenden Sonne getaucht. Gleich der erste Aussichtspunkt zum Studfield Gletscher verschlägt uns den Atem. Riesenhaft und zum Greifen nahe türmen sich haushohe Eisbrüche an den Abhängen, das Knacken und Brechen der eisigen Massen dringt bis zu uns herüber. Über
350 km2 sind die Ausmaße des
Columbia Icefield (dem größten außerhalb Alaskas), wo jetzt die Sonne unzählige Glitzerpunkte auf den feinen Schnee zaubert, als wären es Millionen Sternspritzer. Ein Weg führt bis ans untere Ende des Gletschers heran - von hier hat man unheimliche Einblicke in die zahlreichen Gletscherspalten.

Die Straße führt weiterhin entlang dieses gewaltigen Gebirges, wo sich im Tal die Schmelzwasser sammeln und farbenprächtige Seen bilden. Einer davon, Peyto Lake, erscheint fast unwirklich mit seiner Farbe und wir brauchen einige Zeit, um es als Wirklichkeit bestätigt zu finden. Im Kontrast zum dunkelgrünen Nadelwald ist es türkis, mehr im Sonnenlicht ein milchiges smaragdgrün und in größerer Entfernung gletschereisblau!

Wir befinden uns bereits im Banff Nationalpark und hier wird die Anzahl der Tour-Busse immer mehr und der dazugehörende Rummel ebenfalls. Trotzdem hat sich der Ort Banff noch ein klein wenig Wintersport-Flair erhalten können, nicht zuletzt wegen seiner idyllischen Lage inmitten der umliegenden Bergriesen.

Eine richtige "Watsch'n" dagegen ist Calgary, Austragungsort der olympischen Winterspiele von 1988. Eine Öl- und Industriestadt mitten in einer öden Steinwüste, weist sie als einzige Erhöhung einen künstlich aufgeschütteten Hügel auf. Dort thronen obenauf zwei Skisprungschanzen und führen eine Bob- und eine Rodelbahn in vielen Betonschleifen nach unten. Die nächsten Berge sind 60 Kilometer entfernt, dort fanden die Alpinbewerbe statt! Ich bin vielleicht kein aufmerksamer TV-Beobachter, doch bin ich sicher, dass die Übertragungen von 1988 dies sehr gut kaschiert haben. Und noch heute schimpfen die Einheimischen über dieses Prestige-Projekt, das außer Riesenschulden nichts gebracht hat. Da nützt auch nichts, dass der Hügel im Winter künstlich beschneit und als Ski-Arena vermarktet wird - so lesen wir’s zumindest auf den Werbetafeln.

Ein Studium der Straßenkarte für die Weiterquerung durch Kanada ergibt ein unbefriedigendes Ergebnis und Erkundigungen beim Automobil-Club bestätigen es: Die Rocky Mountains sind die letzten Berge - ab jetzt ist Flachland bis zur Ostküste!  Das würde bedeuten, mehr als 4.000 Kilometer durch ein und dieselbe Landschaft ohne Wald, ohne Berge und endlose, abgeerntete Felder. So beschließen wir nochmals südwärts zu fahren, zurück in die USA und uns damit einen insgeheimen Wunsch zu erfüllen: den Besuch des Yellowstone National Parks.

Doch vorerst nähern wir uns wieder den Rockies, überqueren die Grenze zu den USA, befinden uns im Bundesstaat Montana und sogleich im Glacier National Park. Die Straße hat den bezeichnenden Namen: Going to the Sun Road und gehört zu den spektakulärsten Bergstraßen in den Vereinigten Staaten. Darüber hinaus kreuzt sie die Continental Divide, jene Wasserscheide die entscheidet, ob die Wasser eines Bächleins 2000 Kilometer westwärts zum Pazifik oder 5000 Kilometer ostwärts zum Atlantik fließen! Wir erleben jedenfalls eine grandiose Szenerie von wildromantischer Schönheit, der herbstlich gefärbte Aspen Tree Wald tut sein übriges dazu.

Montana hat so ziemlich alle Epochen des in Europa bekannten "Wilden Westens" erlebt und eine Unzahl von Museen und historischen Plätzen erzählen die Geschichten, wie der weiße Mann mehr und mehr Land der Indianer in Besitz nahm und diese sich in erbitterten Kämpfen dagegen wehrten. Auch der Goldrausch hinterließ um die Jahrhundertwende seine Spuren und zahlreiche Ghost Towns sind nun stumme Zeugen dieser Zeit. Wir lassen uns selbst vom Mythos einer Geisterstadt umfangen und erkunden Saloon, Hotel, Friseur, Schuhmacher und Versammlungshaus, lesen auf dem Friedhof verschiedenste Schicksale auf den verwitterten Grabsteinen und verbringen eine Nacht zwischen den zerfallenen Häusern, die für so viele Menschen die letzte Hoffnung zum großen Reichtum bedeutet haben.

Die Grenze zum Bundesstaat Wyoming ist gleichzeitig auch diejenige zum Yellowstone Nationalpark, dem ältesten und wohl bekanntesten Park in den Staaten. Vor zwei Jahren von einem riesigen Waldbrand schwer in Mitleidenschaft gezogen, büßt er dennoch nichts von seiner Attraktivität ein. Sind es doch die geheimnisvollen Kräfte aus dem Inneren unserer Erde, die hier Wunder neben Wunder, Schönheit neben Unglaublichem und Fantastisches neben die Realität setzen. Wir begeistern uns an den dampfenden Geysiren, die 50 und 60 Meter hoch ihre Fontänen zum Himmel schicken, aber auch an den kleinen, die unentwegt fauchen und kochen und siedendes Wasser wie Feuerwerkskaskaden empor schleudern. Wir stehen staunend vor Sinterterrassen, die ganze Abhänge bedecken oder gar eigene Hügel bilden. Bei den Mammoth Hot Springs verweilen wir vor besonders farbenprächtigen, denen man den Namen der Göttin Minerva gegeben hat. Kalkweiße Pools mit milchigblauem Wasser, das dampfend über die Ränder fließt, beim Auskühlen bizarre Zapfen formt und weiter unten gänzlich die Farben wechselt. Hellbraun, gelb, ocker, orange und grün - das sind Algen und Mineralien, die sich bei verschiedenen Temperaturen absetzen. Geht man ein Stück zurück, sieht dieses wundervolle Bauwerk wie ein überirdischer Tempel aus, geschaffen einzig und allein vom Baumeister Natur!

Ein Werk von besonderer Ausstrahlung und erregender Schönheit schafft der Yellowstone River. In unermüdlicher Arbeit gräbt er sich durch gelbschwarzes Vulkangestein, bildet tosende Wasserfälle und formt ständig die steilen Abhänge seines Grand Canyons, wo noch an vielen Stellen schwefelgelber Rauch aus Spalten und Ritzen aufsteigt.

Wir lassen diesen Park als Teil einer mystischen Welt hinter uns und setzen unsere Reise fort. Die Richtung ist klar nach Osten, damit bleiben auch die Ereignisse aus den Pioniertagen des Goldenen Westens zurück. Namen wie Buffalo Bill, Medicine Wheel und Wagon Box erinnern an viele Begebenheiten auf diesem historischen Boden.

Ein grotesker Felsenturm erregt unsere Neugierde - er hat den unpassenden Namen Devils Tower. Vulkanischen Ursprungs, ragt er rund 300 Meter aus der Landschaft heraus und verleitet uns mit seinem kreisrunden Aussehen zur näheren Betrachtung, die beim goldenen Licht der Abendsonne besonders reizvoll ausfällt.

Der Bundesstaat South Dakota beherbergt in der Nähe von Rapid City ein Meisterwerk aus Fels und Stein, diesmal von genialer Menschenhand geschaffen: Mt. Rushmore, aus dessen senkrecht abfallenden Wänden die Köpfe von vier amerikanischen Präsidenten in überdimensionaler Größe gemeißelt wurden. Es sind dies George Washington, Abraham Lincoln, Thomas Jefferson und Theodore Roosevelt. Für uns stellt dies eine der besten Ideen dar, Natur und Mensch zu verbinden.

Weiter geht’s durch den Custer State Park, wo riesige Bison-Herden über das Land ziehen, die endlose Weite der Prärie uns umfängt und bis zum Badlands National Park begleitet. Badlands sind ausgetrocknete Ur-Ozeane, deren Sand- und Schlammgründe nun durch Wind, Regen, Eis und Temperaturunterschiede geformt werden. Resultat sind eine Vielzahl bizarrer Miniberge in den tollsten Farben. Denn Algen und Gräser haben ihre Spuren hinterlassen: Gelb, rosa, orange und grau, dazu ständig neue Schattierungen im wechselnden Sonnenlicht.

Bei Pierre, der Hauptstadt von South Dakota, überqueren wir den Missouri-River und bewegen uns durch unermessliches Farm- und Weideland, vorbei an alten, meist dunkelrot bemalten Getreidespeichern und im Kolonialstil erbauten Herrschaftshäusern.

Die dichtbesiedelten Bundesstaaten Minnesota und Wisconsin durchfahren wir zügig und erst in Michigan erwacht wieder etwas Tatendrang, als wir an der Ufern von Lake Superior einen völlig abgeschiedenen Nationalpark durchstreifen. Noch einmal wechseln wir über die Grenze nach Kanada, in die Provinz Ontario, fahren durch das "Land der 1000 Seen" auf dem Trans-Kanada-Highway nach Toronto und dann entlang des Lake Ontario zu den Niagarafällen. Glücklicherweise sind diese Wasserfälle ein derart beeindruckendes Schauspiel, dass die vielen Drumherums aus Stahlbeton von der Gischt der tosenden Wassermassen, zumindest zeitweise, verdeckt werden. Besser ist es auf amerikanischer Seite, wo ein wunderschöner Park mit großflächigen Grünanlagen einen natürlichen Hintergrund bildet.

Der Staat New York bezaubert mit idyllischen Dörfern und schmucken Städtchen, die sich im harmonischen Gleichklang mit der hügeligen Wald- und Wiesenlandschaft präsentieren. Viel zu schnell passieren wir Vermont und New Hampshire, erreichen den Bundesstaat Maine und stehen am 5. November an der Atlantikküste - die Querung des Kontinentes ist geschafft! Nun heißt es endgültig von den Vereinigten Staaten Abschied nehmen, diesmal ohne Rückschau, jedoch mit einem ernstgemeinten "Auf Wiedersehen!"

Die Herbststürme wüten bereits über dem Atlantik und bringen ausgiebigen Regen und Kälte nach Nova Scotia. Die Zeit bis zur Verschiffung unseres Busses nach Europa nützen wir dennoch mit ausgedehnten Fahrten entlang der zerklüfteten Küste bis hinauf zum Cape Breton, das von vielen Leuten mit dem schottischen Hochland verglichen wird. Fisch- und Hummerfang bestimmen den Alltag der Menschen die hier leben und jahraus, jahrein Wind und Wetter trotzen.

So auch das gewaltige Schiff, welches unseren Hieronymus in seinem Bauch verstaut und am 18. November in Halifax ablegt und Richtung Rotterdam unterwegs ist. Damit ist nun unwiderruflich auch unser Aufenthalt, vielmehr unsere Reise durch diesen Kontinent zu Ende und sind Erlebnisse zu Erinnerungen geworden. Es ist dies der letzte Abschied von einem anderen Land, es ist das letzte fremde Land unserer langen Reise und vielleicht eines der Gegensätzlichsten!

So hat Kanada mit dieser riesigen Flächenausdehnung, wo nur 32 Mio. Menschen wohnen, doch tatsächlich Flecken, wo es Umwelt- und Wohnungsprobleme gibt (Toronto) und wo nicht wenige Arbeitslose zu Hause sind. Doch was ist dies alles gegen ein Übermaß an Schönheit in der unendlichen Weite und Größe der intakten Natur? Da liegt ein kostbarer Schatz, der bei fürsorglicher Inanspruchnahme noch viele Generationen erfreuen wird und auch uns unvergessliche Bilder beschert hat.

Der Flug nach Amsterdam ist deshalb mehr als bedrückend und unser Schweigen zeugt davon, dass die Realität noch gar nicht von uns Besitz ergriffen hat. Auch als wir wieder in unserem Bus sitzen, können wir nicht glauben, dass alles zu Ende sein soll. Die Fahrt durch das dichtbesiedelte, mit Industrie vollgestopfte Holland ist der deprimierende Auftakt unseres Wiedersehens mit Europa, die deutschen Ballungszentren um Köln, Frankfurt und Stuttgart zeigen mit brutaler Wirklichkeit das engmaschige Lebensnetz, das die Menschen hier gefangen hält. Und wir müssen uns mehr und mehr damit abfinden, dass dies oder ähnliches, auch unsere Gegenwart sein wird. Vollends vor die Tatsache stellt uns ein ungeduldiger Autofahrer in München, der wegen uns ein paar Sekunden seiner kostbaren Zeit einbüßt und dies mit eindeutigen Worten belegt - wie wenig braucht es doch, um ganz genau zu wissen, dass Gleiches gleich geblieben ist ?

 

Und so stehen wir am Mittwoch, dem 5. Dezember um acht Uhr abends am Walserberg und schauen auf die Lichter von Salzburg hinüber. Natürlich bleibt die lakonische Feststellung nicht aus: "Jetzt sind wir einmal rundum gefahren" - und damit ist eigentlich ein exakter Schluss-Strich gezogen. Fast zu schnell ist jetzt alles vorbeigegangen und man ist wieder daheim, die große Reise beendet und ein langer Traum erfüllt. Stolz und Triumph, es geschafft zu haben, Traurigkeit und Nachdenklichkeit im gleichen Moment, begleitet von vielen Ideen und Vorsätzen für die Zukunft - so ungefähr pendelt das Stimmungsbarometer von Hoch auf Tief und umgekehrt. Vielleicht gelingt es mit einigem Abstand, den passenden Abschluss zu finden - der Anfang unserer Reise war jedenfalls leichter zu beschreiben!

Ursula meint dazu noch: "Irgendwo komme ich mir wie eine Fliege im Eck’ vor, die etwas beobachtet, was sie eigentlich gar nicht versteht..."

 


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