Die Einsamkeit in einem der größten Wildnisgebiete an der Grenze von Arizona und Utah ist der ständige Begleiter bei jeder Wanderung. Doch wie lange halten zwei Wanderer dieser Einsamkeit stand?

Paria Wilderness - zu trocken um zu weinen

Der 14. Juni ist ein Freitag und in einigen Bundesstaaten der USA ein Feiertag. Meist zum Gedenken an einen Schutzheiligen, der ihn - den Bundesstaat - in die Unabhängigkeit begleitet hat. Für uns ist es auch ein Feiertag, einer der in keinem Kalender steht. Und die Geschichte beginnt bereits am 13., der diesmal ein Donnerstag ist.

Houserock Valley Road führt von Nord nach Süd entlang des Paria Plateaus. Aus früheren Besuchen kennen wir bereits Buckskin Canyon und einen Teil des Paria Canyons. Ausgangspunkt für diese Wanderungen ist der Wirepass Trailhead, von wo auch eine besondere Schönheit, oder besser Kreation der Natur zu erreichen ist. Unter Fotografen ist sie als The Wave bekannt geworden. Mittlerweile pilgern bis zu 20 Personen mit einer Erlaubnis pro Tag dorthin – vor fünf Jahren waren nur vier Besucher pro Tag gestattet.

 

 

The Wave ist eine von Wasser und Wind geformte Sandsteinwelle, einzigartig in ihren Ausmaßen und fantastisch in Form und Farbe. Sie besteht aus einem vertikalen Teil, der sich mehr oder weniger sanft den Berg hinaufzieht und einem horizontalen Teil mit zwei Abschnitten. Von unten gesehen zieht sich der linke Abschnitt wie der Wellenkamm einer Wasserwelle zur Mitte. Im Wellental wandert man hinein, steigt vorsichtig über das fragile Gestein, stets darauf achtend die dünnen, zerbrechlichen Kanten der einzelnen Steinwellen nicht zu zerstören. Der rechte Abschnitt gleicht einem Slot Canyon mit überhängenden roten Wänden. Das ist der Wellentunnel oder Brake wie ihn richtige Wellensurfer bezeichnen würden.

Es gibt noch einen zweiten Weg zur Welle, der Ausgangspunkt dafür liegt etwa fünf Kilometer südlich von Wirepass. Wir parken Rosinante, unseren Truckcamper, neben einem Cottonwood Busch und studieren nochmals die Geländekarte. Denn es handelt sich bei diesem Gebiet um eine Wilderness Area, wo keine markierten Wanderwege zu finden sind und wo markante Geländepunkte die einzigen Anhaltspunkte sind. Ein Kompass ist hilfreich, doch im unwegsamen Gelände nur bedingt einsetzbar. Wir nehmen neben der Fotoausrüstung lediglich leichtes Gepäck mit, zwei Wasserflaschen und eine kleine Jause sollten für etwa sechs Stunden hin und retour reichen.

Erstes Ziel ist ein Canyon, der am Ende einer weiten, mit Sagebrush, eine Art wilder Salbei, bewachsenen Ebene zu sehen ist. Ein Anstieg über etwa 100 Höhenmeter quert etliche Seiten-Canyons und ab und zu gibt es kleine Steinmanderl, sogenannte Cairns, welche von hilfreichen Wanderern als Wegbeschreibung oder Orientierung errichtet wurden.

Diesen ersten Anstieg haben wir unterschätzt, denn er nimmt fast zwei Stunden in Anspruch – doppelt solange als anfangs erwartet. Die Hitze nimmt rapide zu und es gibt kaum schattige Stellen zum Verweilen. Am Sattel angekommen, breitet sich vor uns ein etwa zwei Kilometer breites Tal aus. Rechter Hand sind die Coyote Buttes, jene Erhebungen aus Sandstein, wo sich dazwischen einzigartige Formationen im weichen Gestein bilden. Unter dem Western Butte entdecken wir Bäume und Sträucher und wir beschließen hinzuwandern. Wir umgehen damit den Talkessel mit den tiefen, eingeschnittenen Schluchten und verlieren nicht an Höhe.

Nach einer kurzen Rast im Schatten, der mittlerweile aber schon von der Sonne aufgelöst wird, ziehen wir weiter. Das kleine Thermometer unten an unserem Höhenmesser zeigt 42 Grad, eine Wasserflasche ist bereits leer. Der felsige Boden strahlt die Hitze erbarmungslos ab, langsam steigen wir an einer schmalen Stelle ins Tal hinunter. Zu früh wie sich zeigt, denn der Canyon endet in einem fünf bis sechs Meter hohen Abbruch. Also zurück und erneuter Versuch weiter oben. Es ist mittlerweile zwölf Uhr mittags, mehr als vier Stunden sind wir bereits unterwegs. Immer wieder suchen unsere Augen die Südseite der Buttes ab, suchen den markanten Felsspalt der den Eingang in die Welle markiert. Doch nichts ist zu sehen, wir sind viel zu tief angelangt.

Ein einzelner Wacholderbaum spendet etwas Schatten. Gegenüber ist eine Felsnadel, die uns aus früheren Wanderungen bekannt ist - wir müssen in der Nähe sein! Und da entdecken wir endlich Fußspuren im Sand, die in einer Rinne nach oben führen. Nach 20 Minuten Anstieg erreichen wir The Wave aus westlicher Richtung, viereinhalb Stunden waren wir durch die Paria Wilderness unterwegs. Die zweite Wasserflasche ist noch zu zwei Drittel voll.

Die Sonneneinstrahlung ist im Juni sehr direkt, um die Mittagszeit steht die Sonne senkrecht über uns. Der Körperschatten ist wie ein Kreis um unsere Füße, die Rillen im Gestein erscheinen flach und farblos. Wir kauern unter einem Felsvorsprung oberhalb der senkrechten Welle und ein sanfter Wind erweckt den Eindruck von etwas Kühlung. Fotografieren ist bei diesen Lichtbedingungen sehr schwierig, wir warten deshalb noch zu und beobachten, wie unter uns langsam der dunkle Schatten größer wird. Die Wasserflasche ist noch halbvoll.

Um vier Uhr brechen wir auf. Mit dem Entschluss oben an der Talwand entlang zu gehen, durch die gelben Teepees hindurch und damit einen direkten Abstieg in den Canyon zu erreichen. Die Luft flimmert vor unseren Augen, leichte Kopfschmerzen beginnen und die Beine sind schwer geworden. Ungeschützt stolpern wir an der gewaltigen Talwand entlang, ringen nach Atem und müssen immer wieder rasten. Schmale Felsabbrüche bieten etwas Schatten, doch die Luft bleibt auch hier heiß und stickig. Die letzten 300 Meter bis zur Sattelhöhe liegen prall in der Sonne. Hier ist der Fels dunkel und heiß - heißer als auf dem hellen Sandstein. Auf halber Höhe schleppen wir uns mühsam weiter, die letzten Meter sind unsagbare Quälerei. Tiefer Sand, vom Wind in die Ecke dieses Übergangs geblasen, erschwert jeden Schritt. Unbarmherzig brennt die Sonne nun direkt von vorne ins Gesicht, macht das Atmen doppelt schwierig. Die Wasserflasche kommt öfters zum Einsatz, sie ist fast leer.

Einige Kiefern am Übergang spenden ersehnten Schatten, erschöpft rasten wir für kurze Zeit und orientieren uns für den Abstieg. Fußspuren und Cairns sind kleine Hilfen, die Sonne im Westen und der Kompass bestätigen die Richtung. Mittlerweile ist es sechs Uhr, in etwa einer Stunde sollten wir den Canyon durchquert haben. Etwas tiefer angelangt ist unter unseren Schuhen blanker Fels, keine Fußspuren anderer Wanderer mehr erkennbar. Zusätzlich verwirren viele Seitenschluchten, vor allem versperren die Felswände eine direkte Sicht in die Ebene. Immer wieder wechselt die Richtung und der Kompass ist nur noch Orientierungshilfe. Unser Wegziel liegt zwar im Westen, doch das Gelände ist von Nord-Süd Furchen durchzogen, die unsere Gehrichtung bestimmen.

Trockene Bachbette durchschneiden ab und zu diese Felsbarrieren. Wasser fließt ja bekanntlich immer abwärts und dorthin wollen wir auch. Längst schon gibt es keine Fußspuren und Steinmanderl mehr, wir folgen unserem Instinkt einfach talwärts. Das schmale Schotterband – unsere Hoffnung – endet an einem Abbruch. Wenn nach einem heftigen Regen Wasser bis hierher fließt, so stürzt es nun etwa zehn Meter in die Tiefe. Ein hübscher Wasserfall !

Die Wasserflasche ist leer.

Verzweifelt folgen wir einem anderen Bachbett, diesmal aufwärts. Linker Hand erhebt sich ein Hügel mit einem felsigen Vorsprung. Von dort kann ich bis in die Ebene mit dem Sagebrush blicken, irgendwo dahinter ist der Parkplatz, wo unsere Rosinante wartet.

Die Sonne fällt langsam zum Horizont, es ist bereits sieben Uhr und wir haben den Abstieg in den Canyon noch immer nicht gefunden. Wir mobilisieren nochmals alle Kräfte und ändern erneut die Richtung bis wir wieder auf ein ausgetrocknetes, sandiges Bachbett stoßen. Fußspuren darin geben Hoffnung, aber nur kurz. Es sind unsere eigenen, die wir vor einer halben Stunde hier hinterlassen haben - wir sind im Kreis gegangen!

Resignierend sitzen wir im Sand, die Dämmerung hat bereits eingesetzt. Wir beschließen einen letzten Versuch zu starten und hinter dem Hügel einen Abstieg zu suchen. Mit allerletzter Kraft überwinden wir auch diese Barriere und stoßen wiederum auf ein ausgetrocknetes Bachbett.

Die Aussicht auf einen raschen Abstieg weckt die letzten Kräfte, die Beine fühlen sich viel leichter an als vorhin, der trockene Mund ist vergessen. Kleine Hindernisse von ein bis zwei Meter Höhe springen wir hinunter, bei größeren klettern wir seitlich auf das Schotterband zurück. Es geht abwärts, ziemlich rasch sogar - fast so rasch wie nun die Dunkelheit einsetzt und damit unsere Schritte beschleunigt.

Das jähe Ende folgt wenige Minuten später. Wir stehen an einer Felskante, die etwa acht bis neun oder mehr Meter über dem Talboden liegt. In der Dunkelheit ist das nicht mehr genau erkennbar. In dieser Sekunde wird uns klar, dass wir den Abstieg nicht mehr schaffen, dass wir hier festsitzen. Für kurze Zeit ein wahnsinniger Gedanke, ein sich-nicht-abfinden mit der endgültigen Situation, ein Suchen nach einem letzten Ausweg, dem richtigen Weg! Doch in diesem unwegsamen Gelände ist das blanker Leichtsinn und die Erkenntnis, die Nacht hier im Freien zu verbringen, wird rasch zur Wirklichkeit.

Der Abendstern leuchtet bereits am Himmel und im letzten fahlen Licht stolpern wir zurück. Eine sandige Mulde unter dem noch warmen Fels gestattet Platz und gibt ein wenig Schutz, ja sie vermittelt sogar ein bisschen Geborgenheit. Unsere Rucksäcke werden als Kopfpolster geschlichtet, Hemd und Jacke zum Zudecken verwendet. Wir sprechen uns gegenseitig Mut zu, drücken uns fest aneinander. Der Himmel ist mit Tausenden Sternen bestückt, bald werden es Millionen sein die über uns leuchten. Der Gedanke an Wasser, an Trinkbares verschwindet langsam, die Erschöpfung des Körpers erfasst allmählich auch den Geist. Ein Zustand ohne Bewusstsein setzt ein, die vollständig geräuschlose Umgebung lässt keine Standortbestimmung mehr zu - man ist nirgends.

Irgendwann ist es kühl geworden und die Morgendämmerung hat eingesetzt. Es ist nun fünf Uhr in der Früh und mit zunehmender Helligkeit steigt unsere Hoffnung. Fast ungeduldig packen wir zusammen und gehen nochmals vor bis zum Abgrund. Schräg links unter uns ist in etwa ein Kilometer Entfernung die weite Ebene mit dem grünen Sagebrush. In gleicher Richtung geht der Fels in eine Schotterhalde über - das ist ein möglicher Abstieg! Stolpernd und taumelnd erreichen wir die Ebene, die letzten Meter werden zur Ewigkeit.

Um sieben Uhr morgens, am Freitag der in Arizona ein Feiertag ist, öffnen wir die Türe von unserem Camper. Schweigend umarmen wir uns, drücken uns fest aneinander. Doch es ist zu trocken um zu weinen.

Nachsatz:

Nach 19 Stunden ohne Essbares, nach 14 Stunden ohne Trinkbares, nach 10 Stunden Aufenthalt in sengender Sonne bei teilweise mehr als 40 Grad haben wir eine Grenze erreicht. Diese zu überschreiten wäre ein leichtes gewesen, doch hat uns ein tiefer Instinkt und Besonnenheit vor weiteren Fehlern bewahrt. Eine Lehre für zukünftige Unternehmungen dieser Art haben wir in jedem Fall erhalten.

Noch ein Nachsatz:

Bis zum Abend an jenem Freitag hat jeder von uns etwa fünf Liter Flüssigkeit zu sich genommen, ohne auch nur einen Tropfen davon wieder abzugeben. Zum Weinen war uns jedenfalls nicht mehr zumute !


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